Elfenbeinküste – Japan 2:1

Eines der stilistisch ungleichsten Duelle der Weltmeisterschaft wird durch den Rhythmus entschieden. Und Drogba.

Eigentlich war in diesem Spiel eine japanische Passmaschinerie gegen eine vertikale, athletische Kontermannschaft erwartet worden. Doch die Afrikaner um Yaya Touré zeigten sich überraschend dominant, hatten deutlich mehr vom Ball und sorgten auf diese Weise dafür, dass das japanische Spiel kein bisschen zur Entfaltung kam. Hondas Kunstschuss und eine gute Strafraumverteidigung waren lange Zeit Kosmetik für diesen Umstand, doch die offensivstarken Asiaten konnten insgesamt nur zwei Schüsse auf’s Tor platzierten und verloren verdient.

Japan isoliert eine tote Zone

Ein Hauptgrund für die ivorische Dominanz war die vorsichtige defensive Herangehensweise der blauen Samurai. Ihr übliches 4-4-1-1-Mittelfeldpressing legten sie tiefer als üblich an und verzichteten in einer 4-4-2-0-Ordnung auf die leitenden Elemente der vorderen Spieler. Damit formierten sie sich sehr kompakt über dem ivorischen Sechserraum. Meist konnten sie das Spiel aus dieser strategisch wichtigen Zone heraushalten, vereinzelt ließen sie auch mal etwas schlampig eine Lücke, doch das Problem war ein anderes.

Elfenbeinküste 2-1 JapanJapan zwang die Elfenbeinküste dazu, das defensive Mittelfeld zu überspielen – das machen die Ivorer aber sowieso meistens. Ihre Spielanlage passt auf eine derart passive 4-4-2-Interpretation wie maßgeschneidert: Die beiden Sechser verhalten sich sehr zurückhaltend und kippen immer wieder nach außen oder (in Person von Serey Die) zwischen die Innenverteidiger. Beide Außenverteidiger rücken weit auf und erlauben damit, Überzahl im Zentrum herzustellen. Die Kontrollräume im defensiven Mittelfeld werden meist mit Flügelangriffen oder aggressiven Vertikalpässen ins offensive Mittelfeld überbrückt; häufig ist die Spielrichtung dabei ein wenig diagonal angelegt, was dem 4-4-2 von Natur aus nicht schmeckt.

Daher hatte die japanische Kompaktheit in den ersten beiden Linien kaum eine Wirkung. Die Ivorer überspielten diese Zone und rückten dann mit vielen Spielern ins Angriffsdrittel nach. Dort bewegten sich die vier Offensivspieler intensiv durch den Zwischenlinienraum, banden damit die beiden Viererketten im Zentrum und öffneten Raum für Boka und vor allem Aurier.

Hektischer ivorischer Rhythmus führt zur niedriger Chancenqualität…

Die Angriffe wurden dann von den Ivorern sehr wuchtig, direkt und engagiert durchgespielt. Das sorgte zwar für eine große Unsauberkeit, aber diktierte auch einen Spielrhythmus, der den Japanern überhaupt nicht passte. Konkret sah das so aus, dass die Spieler recht ungestüm aufrückten und sehr früh den Durchbruch suchten, wenn sie einmal in die Nähe der japanischen Defensive kamen.

Dabei verfolgten sie in der Einleitung der Angriffsspielzüge scheinbar eine ruhigere Herangehensweise, indem sie immer wieder enge Zonen zwischen den Linien überluden und mit Kombinationsansätzen starteten. Dafür fokussierte sich Kalou sehr stark auf den Halbraum und Gervinho driftete sehr weit durch die Offensive; beide wechselten immer mal die Seiten. Touré forderte vereinzelt den Ball entlang der Mittelfeldlinie, pendelte aber häufiger entlang der gegnerischen Schnittstellen. Zudem fiel Bony vereinzelt eine Reihe nach hinten und spielte zuverlässige Ablagen – der Swansea-Stürmer kam (quasi klischeehaft) auf eine Passquote von 100%.

Wenn sie dann aber die japanische Defensive einmal unter Druck gesetzt hatten, spielten sie sehr direkt zur Grundlinie weiter. Entweder mit Dribblings gegen die Außenverteidiger oder mit eher simplen Schnittstellenpässen in tiefen Bereichen brachen sie durch und spielten dann flott die Hereingaben. Aufgrund ihrer Ungeduld bei diesen Spielzügen konnten sie meist nicht weit in den Strafraum eindringen, sondern spielten eher die Strafraumseiten entlang und brachten die Hereingaben dann auch recht vorhersehbar oder schlossen aus spitzen Winkeln ab. Japans sehr aufmerksame Abwehrreihe hatte das dann meist gut im Griff. Im ersten Durchgang kamen von zwölf ivorischen Abschlüssen nur zwei auf Kawashimas Kasten.

…und außerdem zur Dominanz

Auch wenn die Chancenqualität der Ivorer unter dieser Direktheit litt, sorgte sie doch dafür, dass Japan immer wieder weit nach hinten gedrückt und unter Druck gesetzt wurde. Viele Angriffe endeten mit ivorischen Standardsituationen, selten gewann Japan Bälle kontrolliert. Daher hatten sie nicht oft die Gelegenheit, das ungestüme Aufrücken der Elfenbeinküste mit Kontern zu bestrafen.

Die Unbalanciertheit und der Fokus dieser Aufrückbewegungen war aber auch ein Grund dafür, dass die gelegentlichen Kontermöglichkeiten nicht gut zu Ende gespielt wurden. Zum einen waren es vor allem die Außenverteidiger, die Konterräume öffneten. Japan hat aber keine Langstreckensprinter auf den Flügeln, die großräumige Situationen durchschlagskräftig anvisieren, sondern kleinräumige, wendige Kombinationsspieler. Daher passte es ihnen nicht, quasi auf die Flügel gezwungen zu werden.

Ihre bevorzugten Räume im Zentrum (und vor allem den Halbräumen) wurden indes sehr physisch verteidigt. Tiote und Serey Die wichen wie erwähnt schon im Aufbauspiel etwas nach außen und hatten somit schnellen Zugriff auf die Verbindungsräume. Durch das weite Aufrücken waren die Japaner außerdem immer wieder direkt unter Druck und mussten sehr schnell und direkt kontern. Die Ivorer brachten ihr physische Präsenz auch im Gegenpressing ein. So kamen die wendigen Kombinationsspieler Japans nicht dazu, Verbindungen aufzubauen, sondern gerieten meist in unangenehme, statische Eins-gegen-Eins-Situationen. Diese waren zwar auf afrikanischer Seite schlecht abgesichert, aber vor allem für Kagawa und Nagatomo nur schwer zu lösen.

Das Gümmel-Japan

So wurden die Japaner in direkte und individuelle Angriffe gedrängt, die nicht ihrer kollektiven, kombinativen Natur entsprachen. Ihnen wurde der direkte, hektische und physisch ausgerichtete Rhythmus der Elfenbeinküste aufgezwungen und sie fanden nicht in ihr Spiel. Das übertrug sich dann auch auf ihre Angriffe aus dem eigenen Ballbesitz, denen man das außergewöhnliche Kombinationspotential der Mannschaft nie wirklich ansah. An der Stelle zitiere ich einfach mal die ebenso treffende, wie undiplomatische Charakterisierung von Kollege TR aus dem berüchtigten SV-Autorenchat zur Halbzeitpause:

„lol, das ist das gümmel-japan, wenn sie komisch unverbunden sind, dummen rhythmus haben, yamaguchis probleme stärker durchwirken und sie generell nicht in die kombis reinkommen, sondern dauernd ballverluste in unsinniger direktheit haben“

Die zu große Direktheit im japanischen Spiel verursachte eine ganze Reihe taktischer Probleme, weil sie sich nicht die Zeit nahmen, jene Staffelungen herzustellen, in denen sie stark sind. Okazakis Läufe in die Spitze gab es zum Beispiel nie zu sehen, der quirlige Mainzer-Stürmer klebte am rechten Flügel und wartete vergeblich auf Kombinationen. Osako wurde viel zu früh bedient und hatte dann meist einen bis keinen Mitspieler für seine Ablagen.

Daher fanden Honda und Kagawa nur vereinzelt im linken Halbraum zusammen, was die wichtigste Synergie des japanischen Spiels arg beschränkte. Zumal sie sich dann meist in statischen Situationen, ohne die Unterstützung aufgerückter Mitspieler wiederfanden. Es war symptomatisch, dass das japanische Tor nicht direkt nach einer Ballbesitzstafette fiel, sondern als die Japaner dank eines Einwurfs mal weiter aufrücken konnten und dann mit einer simplen Aktion Honda freispielten.

Ein Teilgrund für die Hektik war auch die Besetzung der Doppelsechs. Hasebe agierte hier in einer schwierigen Rolle halblinks, in der er gleichzeitig das Spiel ankurbeln und Nagatomo absichern sollte. So zog es ihn häufig weit aus dem Zentrum. Dieses hätte dann Yamaguchi besetzen müssen, der aber eher ein dynamisch vorstoßender Lückenfüller ist und kein Mann für die Ballverteilung. Er zog sich eher aus dem Zentrum heraus, sodass Japans Verbindungen in die wichtigste Zone immer wieder abrissen.

Stattdessen zog es sie meistens frühzeitig zum linken Flügel, wo sie an die Seitenlinie gedrückt wurden und sich daher nicht entfalten konnten. Im frontalen Duell mit den athletischen Ivorern konnten sie ihre gruppentaktische Überlegenheit nicht einbringen und verloren Bälle teilweise früh. Nagatomo erreichte in der ersten Halbzeit gerade einmal eine Passquote von 50%. In der Anfangsphase führte das auch zu ein paar gefährlichen Kontern über Gervinho. Japans sehr geschlossenes Gegenpressing lief meist ins Leere, da die Bälle in zu offenen Situationen verloren gingen.

Drogba und direkteres Spiel im 4-2-4

Mit der Einwechslung von Didier Drogba kam dann ein noch direkterer Zug ins Spiel der Ivorer, welcher durch die größere Strafraumpräsenz nun auch etwas unberechenbarer war. Toure ging auf die Sechserposition zurück, vorne gab es mit Drogba und Bony nun zwei sehr kopfballstarke Flankenabnehmer direkt vor dem Tor. Die Außenstürmer nutzten die entstehende Unordnung und zogen ebenfalls verstärkt mit in den Strafraum, anstatt sich weiterhin zur Grundlinie zu orientieren.

Beide Tore fielen dann nach Verlagerungen auf Aurier, der ungestört in einen vollgepackten Strafraum flanken konnte. Der Ausgleichstreffer war dabei ein direktes Ergebnis des zu direkten Konterspiels der Japaner. Honda versuchte sich in einer statischen Unterzahlsituation im Dribbling zu behaupten, während Kagawa ins Zentrum nachrückte. Honda verlor den Ball gegen Tiote und Kagawas Gegenspieler Aurier hatte Raum.

Endo korrigiert im Rahmen seiner Möglichkeiten

Auch auf Seite der unterlegenen Mannschaft kam dann ein Routinier, der den Rückstand drehen sollte. Yasuhito Endo übernahm die Position des angeschlagenen Hasebe und brachte mehr Präsenz ins defensive Zentrum. Mit seiner dominanten Spielausrichtung konnte er in die ersten beiden Aufbaulinien deutlich mehr Struktur bringen. Besonders nachdem sich die Ivorer in der Endphase auch etwas weiter zurückzogen, war das japanische Ballbesitzspiel zumindest zu erahnen.

Es blieb jedoch dabei, dass die Japaner viel zu unentschlossen in der Umsetzung ihres Stils waren. Dass sie nun einem Rückstand hinterherlaufen mussten, sorgte für noch mehr hektische Entscheidungen am Ball und überhastete Aufrückbewegungen in die letzte Linie. Selbst bei passenden Staffelungen im Zentrum ließen sie sich immer wieder unnötig auf den Flügel ziehen oder verstrickten sich in direkte Duelle, anstatt zielgerichtet zu kombinieren.

In der passiveren Ausrichtung wurden die Ivorer nun auch sehr kompakt, wenn sich Japans Ballzirkulation doch mal länger im Zentrum festsetzte. Das erschwerte es in der Endphase noch, einen passenden Rhythmus zu erspielen. Die Einwechslung des unpräsent ausweichenden Okubo (fünf Ballkontakte in über 25 Minuten) half dabei auch nicht. Die Japaner platzierten im zweiten Durchgang keinen einzigen Schussversuch auf Barrys Kasten.

Fazit

Letztlich war es weniger die Außeinandersetzung zwischen Physis und Technik, die dieses Spiel prägte. Vor allem war es eine Mannschaft, die in ihrem Stil sehr entschlossen war, gegen eine Elf, die sich von dieser Entschlossenheit mitspülen ließ und es nie schaffte, dem Spiel wirklich den eigenen Stempel aufzudrücken. So ist dies vielleicht eine Partie, wo die alte Oli-Kahn-Formel mal gegriffen hätte. Sie wissen schon, die Sache mit dem Osterhasen. Möglicherweise ist in der japanischen Auswahl auch nicht die richtige Bewusstheit für die eigene Qualität vorhanden. Man hatte kaum mal den Eindruck, dass sie gezielt versuchten, ihre Kombinationsstärke abzurufen.

Aufgrund der größeren Ruhe und Abgeklärtheit hatten die blauen Samurai trotz aller Probleme lange Zeit die Nase vorn, was aus japanischer Sicht wohl der positive Aspekt des Spiels ist. Zudem treffen sie nun zunächst auf den schwächsten Gruppengegner und können gegen die defensiven Griechen vielleicht besser ihren Rhythmus finden, um dann in ein Gruppenfinale gegen Kolumbien zu gehen.

Die Elfenbeinküste zeigte sich als extrem unangenehmer Gegner. Das hohe Aufrücken der Außenverteidiger ist wegen der Athletik der absichernden Sechser schwer zu bespielen. Das Aufbauspiel ist wegen der Herauskippbewegungen nicht leicht zu pressen und in der Spitze ballen sich vier extrem durchschlagskräftige Athleten in einem fluiden, kombinativen und trotzdem enorm druckvollen Block. Ihre vielen taktischen Unsauberkeiten konnten sie dadurch in dieser Partie kaschieren. Wie sich das gegen andere Mannschaften entwickelt, wird hochinteressant zu beobachten sein. Mit Kolumbien kommt nun ein harter Gegner, der durchaus einen ähnlichen Rhythmus spielen kann.

LM 15. Juni 2014 um 15:30

Ein völlig verdienter Sieg, auch wenn der Kommentator in der ersten Halbzeit ja anscheinend ein ganz anderes Fußballspiel gesehen hat 😀 Von Japans Pressing war ich total enttäuscht, das war mir viel zu passiv. Die Ivorer haben das dann auch teilweise echt schön bespielt, so nach dem Muster: Schnittstellenpass -> Zurückklatschen -> diagonaler Schnittstellenpass -> Zurückklatschen -> Verlagerung, meist auf nen AV, vor allem Aurier. Das hätte das Zusammenziehen der Japaner manchmal echt brutal bestrafen können.
Die Passquote von Bony ist ja mal nett 😉 Ansonsten gefiel mir vor allem Aurier echt gut. Einige richtig große spielerische Befreiungsaktionen, pressingresistenter AV und so 😉 und Drogbas Zweikampfwerte sind ja auch nett, der Mann ist schon ein echtes Phänomen 🙂

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mh 15. Juni 2014 um 13:59

Danke für die Analyse! Ich konnte es leider nicht sehen. Klingt durchaus beeindruckend, wie die Elfenbeinküste ihren Stil aufgezwungen und somit dominiert hat. Sehr spannend wird nun sein, ob sie das gegen Kolumbien auch schaffen. Bzw überhaupt wollen: denn dann könnten sie auch mit ihren eigenen Waffen geschlagen werden. Aber ein „offener Kampf der Maschinen“ hätte was 🙂

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Izi 15. Juni 2014 um 13:38

Wahnsinn, das Spiel geschaut und dann auch noch so zügig analysiert! Ich ziehe meinen Hut! 🙂

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Benni 15. Juni 2014 um 11:30

Ich habe das Spiel auch gesehen und hatte die ganze Zeit den Eindruck, dass Japan viel besser spielen könnte, aber nicht dazu kommt. Die Ivorer haben mit den Japanern mit ihrem physischen Pressing glatt den Schneid abgekauft. Die Japaner hielten es aus irgendeinem Grund für eine gute Idee, deshalb das Mittelfeld mit schnell gespielten langen Bällen zu überbrücken. War meiner Meinung nach ein Fehler, hätten sie unbeeindruckt kombiniert, wäre es zu mehr Standards gekommen, wo sie von der schwachen Zuordnung der Ivorer hätten profitieren können – wie beim ersten Tor.

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maratonna 15. Juni 2014 um 10:51

Super Analyse, wie immer von dir. Mit klarer Sprache, prägnant auf den Punkt.

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PaoloPasano 15. Juni 2014 um 09:15

Wahnsinn, geschaut und analysiert.
Danke vielmals!

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