Chile – Australien 3:1

Der Topfavorit hat gewonnen: Chile bezwingt Australien mit 3:1. Dabei waren die Socceroos keineswegs so schwach, wie es insbesondere in der Anfangsphase den Anschein hatte. Sie konnten Chile nämlich einige Probleme bereiten.

Australien im 4-4-2

Nominell hatte die australische Formation natürlich nichts Innovatives beziehungsweise keine allzu kreative Anpassung an die vielen Eigenheiten der chilenischen Formation. Dennoch war sie nicht schwach; sie verteidigten in einem 4-4-1-1 mit einer 4-4-2-Rollenverteilung. Der hängende Stürmer orientierte sich meistens am Sechserraum Chiles, konnte sich aber immer wieder nach vorne bewegen und den Mittelstürmer vorne unterstützen. Allerdings spielten sie häufig auch in einem 4-2-3-1/4-5-1. Hier schoben die Flügelstürmer etwas nach vorne, während der hängende Stürmer sich tiefer orientierte und dadurch ein klares 4-2-3-1 herstellte. Der Mittelstürmer versuchte dann die Innenverteidiger voneinander zu isolieren, der ballnahe Flügelstürmer schob dann auf den Innenverteidiger vor. Situativ rückte einer der beiden Sechser nach vor und unterstützte den Zehner im Pressing des gegnerischen Sechserraums; dies kam aber überaus selten vor.

Grundformationen

Grundformationen

Wenn Chile das überwinden konnte – und das konnten sie fast immer, wenn es vorkam –, formierte sich Australien wieder tiefer in der eigenen Hälfte in einem kompakten 4-4-2/4-4-1-1. Das flügelleitende Element sollte Chile aus den strategisch wichtigen Zonen heraushalten und die zentralen Räume vor dem Strafraum dicht besetzen. Chile sollte dann auf dem Flügel isoliert werden und zum Rückzug oder Ballverlust gezwungen werden. Dennoch konnten sich die Südamerikaner auch daraus häufig sehr gut befreien.

Einzig mit dem Ball hatte Australien gewisse Probleme; sie kamen entweder im offensiven Umschaltspiel mit diagonalen Bällen von der Mitte auf die Flügel oder mit diagonalen Bällen von dem Flügel in die Mitte, doch bis auf einzelne Ausnahmen konnten ihre Umschaltangriffe kaum gefährlich werden. Ihre durchaus konstruktiven Ansätze im Spielaufbau konnten sie wegen des enormen Pressings Chiles sowie eigenen Problemen in puncto individueller Pressingresistenz sowie kollektiver Bewegung nicht ordentlich zu Ende spielen. Einzig Flanken auf Cahill gegen Chiles kleine Innenverteidigung und Balleroberung nach höherem Pressing sorgten für wirkliche Torchancen. Alles in allem war Chile aber klar überlegen.

Marcelo Diaz, Jorge Valdivia und die Zirkulationsdynamik

Entscheidend für die Dominanz Chiles war die Präsenz, Einbindung und Qualität ihrer beiden fokussierten zentralen Spieler. Valdivia ließ sich als nomineller Mittelstürmer immer zurückfallen und war eigentlich nie auf der Mittelstürmerposition zu finden, sondern bewegte sich im Zehnerraum, unterstützte die drei zentralen Mittelfeldspieler und pendelte auch öfters auf die Halbräume. Vielfach besetzt er aber einfach die zentrale Offensive und bot sich dort als pass- wie dribbelstarke Anspielstation an. Besonders, wenn er als Verbindungsspieler in engen Räumen eingebunden wurde und diese dann dynamisch überspielte oder gar auflöste, war er aus taktischer Sicht effektiv.

Diaz hingegen kurbelte nicht das Offensivspiel im zweiten und letzten Drittel an, sondern baute das Spiel aus der Tiefe ungemein erfolgsstabil, sorgsam und strategisch intelligent auf. Der Basler spielte kaum Fehlpässe, bewegte sich sehr gut und wechselte zwischen einem tiefen Abkippen hinter die Innenverteidiger, einer Positionierung auf ihrer Höhe, seiner nominellen Position im Sechserraum oder dem Besetzen der Halbräume neben den extrem aufgerückten Außenverteidigern. Der Spielrhythmus war trotz der natürlichen Lässigkeit und Ruhe Diaz‘ nämlich sehr offensiv und aggressiv.

Fast durchgehend versuchte Chile den Abwehrverbund Australiens zu durchstoßen. Viele Vertikal- und Diagonalpässen in die Spitze und ins letzte Drittel wurden probiert, dazu gesellten sich Schnellkombinationen auf engstem Raum und Dribblings nahe am gegnerischen Strafraum, wo sich neben Valdivia auch Sanchez aktiv zeigte. Der Star des FC Barcelona zeigte sich insgesamt aktiv, wich häufig auf den Flügel aus oder besetzte die Mitte und schob bisweilen auch auf den linken Flügel. Mit der enormen Bewegung von Valdivia und Sanchez sowie dem Aufrücken der Außenverteidiger sorgte Chile für gute Offensivsynergien.

Dadurch konnte Chile die Kompaktheit Australiens aushebeln, die teilweise innerhalb ihrer eigenen Formation wegen mangelndem Zugriff zur Passivität gezwungen waren und bei präzisen Kombinationen Chiles kaum eine Abwehrmöglichkeit dieser Spielzüge hatten. Allerdings hatte Chile bisweilen Probleme diese Dynamik bis zum Ende aufrechtzuerhalten beziehungsweise mit dieser Dynamik für saubere Abschlüsse zu sorgen. Dadurch konnte Chile einige Male sehr gefährliche Staffelungen und Stellungen erzeugen, aber schlichtweg nicht mehr ordentlich den Angriff beenden und wurde zur übertriebenen Verspieltheit gezwungen. Insbesondere die Bewegungen und Läufe der Halbspieler Aranguiz und Vidal konnten dann im letzten Spielfelddrittel kaum noch ordentlich eingebunden werden.

Womöglich brachte Sampaoli deshalb (und aus körperlichen sowie Stabilitätsgründen) Gutierrez für Vidal und Beausejour für Valdivia. Damit stellte Sampaoli ab Minute 70 auf ein klareres 4-3-3 anstatt eines 4-3-1-2 um, Sanchez spielte nun als einrückender Rechtsaußen und Vargas agierte als tiefegebender Mittelstürmer, wobei es hier auch positionelle Wechsel zwischen den beiden gab. Eventuell wollte man damit auch die Flügelverteidigung im defensiven Umschaltmoment stärken. Zuvor gab es nach Ballverlusten hier Probleme, wenn das Gegenpressing überwunden werden konnte; Ursache hierfür waren die extremen Bewegungen der Abwehrreihe, welche das taktisch Interessanteste in dieser Partie darstellten.

Zwei oder vier Verteidiger?

Häufig spielte Chile in den letzten Wochen, Monaten und Jahren, ob in Testspielen oder Qualifikationspartien, mit einer Dreierkette. Ihr 3-4-1-2 war hierbei eine enorm starke und harmonische Formation, welche viele auch im Eröffnungsspiel gegen Australien erwarteten. Chile agierte aber mit vier Verteidigern in der Arbeit gegen den Ball – dennoch wirkte es teilweise so, als ob Chile nicht einen Verteidiger mehr, sondern einen weniger auf dem Platz hatte. Sowohl Mena als auch Isla rückten extrem weit nach vorne auf und kappten alle Passverbindungen zu den Innenverteidigern, wodurch sie phasenweise wie Flügelstürmer in eigenem Ballbesitz agierten.

Die offenen Räume neben den Innenverteidigern wurden dann teilweise von Diaz oder auch einem der Halbspieler des Mittelfelds eingenommen, häufig gingen aber zwei andere Akteure selbst in diese offenen Räume – die Innenverteidiger selbst. Hier kippte dann der Torwart auf und bildete eine Torwartkette, wodurch Chile bisweilen in einem 1-2-5-1-2 zu spielen schien; Bravo agierte dann als Ballverteiler auch einige Meter vor seinem Strafraum. Die Innenverteidiger konnten dadurch sehr breit stehen und Diaz ließ sich situativ nach hinten oder auf die Seiten fallen, wenn Unterstützung benötigt wurde.

Häufig rückte auch der ballferne Innenverteidiger immer wieder ein und pendelte zwischen einer sehr breiten und einer zentraleren Position, wodurch Chile die Räume im ersten Drittel sehr flexibel besetzte. Im Verbund mit ihrer kollektiv guten Bewegung, ihrem Fokus auf ein konstruktives Kurzpassspiel mit viel (dynamischen) Ballbesitz und dem passenden Spielermaterial konnten sie sich einige Male sehenswert nach vorne kombinieren oder aus dem gegnerischen Pressing befreien.

Fazit

Wer hätte sich gedacht, dass Chiles Sieg so unverdient sein würde? In der Anfangsphase schien Chile zwei Klassen besser, ließ jedoch mit der Zeit nach und Australien fand besser in den Rhythmus, während Chile die Effizienz zu Beginn natürlich nicht aufrechterhalten konnte. Nach dem 2:0 war Chile klar schwächer und rief nicht mehr die übliche Leistung ab (das Löbliche in diesem Artikel bezieht sich rein auf die taktischen Ideen sowie die Umsetzung zu Beginn). Australien spielte simpel, aber mit guter Umsetzung, während Chile einige Probleme im letzten Drittel hatte. Alles in allem war es aber ein sehenswertes Spiel zweier guter Mannschaften, welche maximal mit einem knappen Sieg Chiles, eher aber sogar einem Unentschieden hätte enden können. Das taktische Highlight gehörte jedoch wie erwartet eindeutig den Südamerikanern, welche besonders in der Anfangsphase im Aufbauspiel überzeugen konnten.

In unserer WM-Vorschau sprach Chiles taktischer Analyst Matías Manna im exklusiven Interview über neue Aufbaumechanismen der Chilenen für die Weltmeisterschaft; ob diese „Zweierkette“ ein erster Vorgeschmack war? Die Szene, als Innenverteidiger Medel seinen „Vordermann“ hinterlief und eine Flanke schlug, steht symbolisch für Chiles Spielweise, welche heute nur phasenweise ihre Normalform abrufen konnten und insbesondere in der zweiten Hälfte teilweise völlig aus dem Rhythmus kamen.

LM 15. Juni 2014 um 14:37

Also für mich als Düsseldorfer war ja das wichtigste, dass mit Halloran ein Fortune zumindest ein bisschen mitmachen durfte 😉 Andererseits war das unglaublich frustrierend, wie wenig er dann eingebunden wurde…warum bringt man einen frischen Flügelstürmer auf links, tauscht ihn dann aber auf rechts und spielt hauptsächlich über einen offensichtlich etwas ausgepowerten Leckie auf links, vor allem ohne dann mal auf rechts zu verlagern? Zumal Halloran auf rechts einige richtig starke Laufwege hatte und zwei- dreimal mit ordentlich Platz auf‘s Tor hätte ziehen können, wenn er denn den Ball bekommen hätte. Naja, so viel zu meiner Vereinsbrille 😀 War halt auch nochmal ein klares Zeichen für die individuellen un strategischen Schwächen bei Australien, auch wenn sie sich gegen stark nachlassende Chilenen ja noch ganz ordentlich geschlagen haben…

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mh 14. Juni 2014 um 23:34

Zum Aufbauspiel von Chile wurde vieles treffend dargestellt. Mich hat aber eher das fehlende Defensivkonzept (bewusst so hart formuliert) geschockt. Bei simplen Diagonalbällen von Australien standen die Chilenen in der Abwehr oft schlecht gestaffelt, zum Teil in 1:1-Situationen trotz fehlender individueller Klasse der IV. Und auch Umschalten nach Ballverlust häufig eher langsam. Von der Balance her fand ich das enttäuschend, zumal Australien von allen WM-Teams so ziemlich am leichtesten zu verteidigen sein dürfte.,.

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Izi 14. Juni 2014 um 16:59

Mal wieder ein klasse Artikel! Ich weiß allerdings nicht, ob man sagen kann, das Australien gut gewesen sei… Sie schienen am Drücker, aber hatten nicht so wirklich eine Idee, was sie mit dem Ball anfangen könnten, außer Distanzschüsse von Bresciano und Kopfbälle von Cahill… Jedenfalls sagenhaft, dass Chile gerade in der ersten Halbzeit mit klarer Torwartkette gespielt hat – hoffentlich kriegen wir das noch öfter zu sehen!!! 😀

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Borges 14. Juni 2014 um 09:02

Diaz spielte viele Fehlpasse. Valdivia auch. Viele..

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RM 14. Juni 2014 um 09:09

Naja, Valdivia ist ein riskant spielender Zehner/F9, Diaz kam auf 93% Passgenauigkeit…

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Borges 14. Juni 2014 um 09:27

(Sorry für dir Sprache)

Mertesacker hat %100 Passgenauigkeit. Was bringt das? Lieber Hummels.. Mann kann sehen dass %7 der Fehlpasse von Diaz für seine Manschaft grosse probleme gebracht hat. Valdivia hatte einfacher Passfehler. (Konzentration?) Das ist das Wichstigste für mich. Diaz ist Schlüsselspieler und generell spielt er besser als gestern. İch denke nach 2-0 dass Chile Konzentration Probleme. Deswegen vielleicht.. Chile enttäuscht mich..

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RM 14. Juni 2014 um 10:04

Wann hat Mertesacker denn 100% Passgenauigkeit und was hat das mit Diaz bzw. einem Sechser zu tun? Jeder Fehlpass in diesen Räumen kann zu Problemen führen; trotzdem spielt kaum jemand weniger Fehlpässe auf der Position. Also ich fand ihn gut. Aber okay, vielleicht war ich nach dem 2:0 einfach nur müde 🙂 (und Ja, sie waren nach dem 2:0 klar schwächer. Das stimmt absolut)

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Borges 14. Juni 2014 um 14:58

Gegen Ermenian spielt Mertesacker %100. Weil er keine riskante passe gepsielt. Ohne Fehlpasse. Damit ich meine dass die Statistiken manchmal nicht genug ist. Vielleicht macht Diaz wie du gesagt hast ganz wenige fehlpasse aber.. Na ja verstehe ich dich auch weil das Spiel auch nicht so toll war. Eigentlich was ich meinte dass sie schon über Deutschland unter dem Hummels Problem erzaehlt haben. Danke für alle analysis.. Meistens sind sehr sehr schön.

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Ron 14. Juni 2014 um 08:30

Nachtschicht eingelegt? 😉

Guter Artikel, auch wenn vom Eindruck her das Fazit nicht so ganz zur Würdigung von Ciles Auftritt passen will, wobei ich das Fazit als solches unterschreiben kann.

2 Tore schlechter war Australien definitiv nicht. Sie hatten manches Mal die falsche Entscheidungsfindung vorm Tor, sodass eigentlich vielversprechende Angriffe versandeten.

Ich fand, dass das Spiel mal wieder ein Beispiel dafür war, dass es anscheinend gar nicht so einfach ist das Tempo und die Konzentration wieder hoch zu fahren, wenn man beides einmal etwas zurückgenommen hat, wie das Chile nach dem frühen 2:0 getan hat. Solche Wechsel im Rhythmus muss man wohl können.

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