Freitag, 31.10.2014

Hertha BSC – 1. FC Nürnberg 1:3

Der 1. FC Nürnberg konnte glücklich auch das zweite Spiel der Rückrunde bei Hertha BSC gewinnen. Das Duell der niederländischen Trainer Jos Luhukay und Gertjan Verbeek war geprägt von starken Mannorientierungen. Da die Zuordnungen jedoch etwas anders gebildet wurden, gab es durchaus unterschiedliche Muster je nach ballbesitzender Mannschaft.

Personal und Ausrichtung

Grundformationen zu Spielbeginn

Grundformationen zu Spielbeginn

Herthas Trainer Jos Luhukay setzte von Beginn auf Ronny und brachte Marcel Ndjeng für Peter Pekarik auf der rechten defensiven Außenbahn. Ramos Knieverletzung verheilte rechtzeitig, so dass der Kolumbianer auflaufen konnte. Auf der Gegenseite wurde Nürnbergs Coach Gertjan Verbeek gegenüber dem 4:0-Sieg gegen Hoffenheim zu einer Änderung gezwungen. Ondrej Petrak feierte als Ersatz des am Kreuzbrand verletzten Per Nilsson sein Startelfdebüt als Innenverteidiger.

Beide Teams setzen auf Systeme mit einer Sturmspitze, doppelt besetzten Außenbahnen und drei vertikal gestaffelten zentralen Mittelfeldspielern. Die Art der Staffelung im Zentrum war jedoch leicht verschieden. Während bei den Hausherren Ronny im Pressing und im Spielaufbau deutlich als höchster Spieler auftrat, war es bei den Nürnbergern eher Mike Frantz der tiefer als seine Kollegen Feulner und Kiyotake agierte. Auf diese Weise gab es klare Mannorientierungen über das gesamte Spielfeld, was von Jos Luhukay, der als Freund von Spiegelformationen gilt, durchaus als taktisches Mittel eingeplant worden sein kann.

Mannorientierungen und Pressing

Grundpositionen bei Ballbesitz Hertha BSC

Grundpositionen bei Ballbesitz Hertha BSC

Bei der Art, in der die Mannorientierungen im Pressing eingenommen und ausgespielt worden sind, gab es zwischen beiden Teams kleine aber feine Unterschiede. Nürnberg begann bereits sehr früh, gegen Berlins tiefes Aufbauspiel Druck auszuüben. Die beiden Flügelspieler Drmic und Hlousek gingen oft direkt auf die Außenverteidiger und auch Feulner und Kiyotake rückten schnell mannorientiert auf die leicht vorrückenden Innenverteidiger vor. Auf diese Weise konnten sie viele lange Bälle provozieren. Der Hertha schien dieses Mittel jedoch durchaus recht zu sein, da es keine ab- oder herauskippenden Bewegungen der defensiven Mittelfeldspieler gab. Sie setzte viel mehr auf schnelle Gegenstöße nach Ballgewinnen gegen Nürnbergs Aufbauspiel.

Dazu gewährten Ramos und Ronny den Nürnberger Innenverteidigern im frühen Spielaufbau durchaus etwas Raum und Zeit. Ramos orientierte sich lose an Nürnbergs rechtem Innenverteidiger Javier Pinola, um das Aufbauspiel auf den unerfahrenen Petrak zu lenken. Insgesamt liefen mit 44 % fast die Hälfte der Nürnberger Angriffe über die rechte Seite. Ronny wartete dahinter in zentraler Position ab. Nur bei schlechten Pässen auf die Außen, die mit einem zurückgewandten Sichtfeld des jeweiligen Verteidigers einhergingen, ging die Hertha situativ in ein intensiveres Pressing über. Trotz des geringen Drucks setze Nürnberg im Aufbau konsequent auf eine Dreierkette, die entweder durch ein ab- oder herauskippen von Mike Frantz oder ein asymmetrischen Aufrücken der Außenverteidiger realisiert wurde.  Dabei blieb meist Marvin Plattenhardt tiefer und Pinola und Petrak schoben nach rechts. So erreichten sie die sichere Ballzirkulation im ersten Drittel, die sie als Grundlage für die plötzlichen Schnellangriffe mit Vertikalpässen und Ablagen unter Verbeek brauchen.

Grundpositionen bei Ballbesitz Nürnberg

Grundpositionen bei Ballbesitz Nürnberg

Genau dort lag aber das Problem. Durch dieses Vorgehen konnten die Berliner aus zwei kompakten Viererketten heraus, aggressiv in die Mannorientierungen im Zentrum und auf den Außen gehen. Die Ablagen konnten nur unter hohem Gegnerdruck und in enge Räume gespielt werden. Aus diesen Gründen gab es auch zahlreiche Fehlpässe und Ballverluste nach dem ersten Steilpass. Im Gegenzug stand Ronny durch die zentrale etwas zurückgezogene Position direkt bereit, um die Konter zu initiieren. Störte ihn Frantz in diesem Raum, so wich er gern in den linken offensiven Halbraum aus, um dort Nürnbergs Rechtsverteidiger Timothy Chandler zu binden und so Räume für schnelle Vorstöße des schnellen Nico Schulz zu schaffen. In den Fällen, in denen Petrak versuchte, die Mannorientierungen in Herthas zweiter Pressinglinie durch Aufrücken zu stören, konnte Ronny zumeist aus der zurückgezogenen Positionen noch Druck aufbauen, und Petrak so zu schnellen Aktionen zwingen.

Gelang dies jedoch nicht, so konnte Nürnberg durch diese Vorstöße die gefährlichsten Aktionen des Spiels einleiten. Feulner und Drmic zogen mit ausweichenden Läufen die Räume für den aufrückenden Petrak auf und agierten situativ als Prellböcke, um Petrak zu erlauben, Tempo aufzunehmen oder Direktverlagerungen und Lochpässe zu spielen. Dieses Mittel konnte bei der Entstehung des 1:2 und des 1:3 erfolgreich angewendet werden.

Mechanismen und Folgen der Mannorientierungen

Durch die Mannorientierungen gab es ein sehr hektisches Spiel mit vielen Zweikämpfen und Fouls sowie Wechseln aus schnellen Ablagen von gedeckten und langen Läufen von situativ freien Spielern. Durch die Staffelung des Pressings waren die freien Spieler bei Nürnberg eher in der Abwehrkette positioniert, während Berlin diese im Umschaltmoment häufig auch im Mittelfeld vorfand. Nürnberg versuchte, diesem Umstand durch leidenschaftliche Laufarbeit und intensives Rückwärtspressing zu begegnen. Schaffte es einer der defensiven Spieler, den Spielzug kurz zu verzögern, so wurde direkt zum Doppeln von vorn nach hinten nachgerückt. Es gab somit häufig 4-3-2-1 artige Formationen mit aufgerückten Achtern und zurückfallenden Flügelspielern zu sehen. Das Aufrücken der defensiven Spieler nach vorne klappte jedoch weniger gut. Da Ronny weit vorne und meist leicht hinter oder neben Frantz positioniert war, trauten sich Nürnbergs Innenverteidiger nicht, auf die freien Mittelfeldspieler vorzurücken. Frantz wurde in diesen Situationen oft einfach überspielt, da genau in dem Moment, wo er sich in Richtung des freien Manns orientierte, der Pass auf den zurückgelassenen Spieler folgte. Ronny, Skjelbred und Hosogai verstanden es dabei sehr gut, sich sofort aus dem Deckungsschatten zu lösen.

Bei der Hertha hatte Ronny eine interessante Hybridrolle inne. Schaffte es Nürnberg den Ballbesitz in Berlins Hälfte zu sichern, so fiel er als halbrechter Achter in einer 4-1-4-1 Formation zurück ins Mittelfeld. Diese Formation war aufgrund der tiefen Stellung vertikal unglaublich kompakt. Vertikalpässe und Ablagen im Zwischenlinienraum waren kaum möglich. Diese tiefe und kompakte Formation war auch ein Mittel gegen ein weiteres Gift gegen die Mannorientierungen – Schnelligkeit. Beide Teams versuchten Ihre schnellen Spieler mit Anlauf in Räume stoßen zu lassen, so dass ihren Gegenspieler einfach davonlaufen können. Bei Hertha spielte Nico Schulz deswegen im Spielaufbau etwas zurückgezogener als Sami Allagui. Die Nürnberger versuchten analog, durch das Aufrücken Petraks sowie das Einrücken Drmics und das Herausrücken Feulners die rechte Seite im zweiten Drittel zu überladen, um vorne Räume für den ausweichenden Daniel Ginczek zu schaffen. Dieses Mittel konnte bei der Entstehung des 1:2 und des 1:3 erfolgreich angewendet werden.

Fazit

Das einzige Tor der Berliner fiel nicht nach einem Konter oder dem besagten Ausspielen der Mannorientierungen, sondern nach einer Ecke bei der sich Ramos Manndecker Petrak und Pinola, der den Raum am kurzen Pfosten abdeckte, wegen eines geschickten Laufwegs des kolumbianischen Stürmers über den Haufen liefen, so dass Ramos in Ruhe einnicken konnte. Die Tore allein erzählen nun einmal nicht die ganze Geschichte. Berlin hatte am Ende des Spiels 13 zu 11 Torschüsse, davon 5 im Strafraum. Demgegenüber standen 11 Schüsse von Nürnberg, von denen 4 im Strafraum abgegeben wurden. Dies deutet auf ein ausgeglichenes Spiel mit leichten Vorteilen für die Berliner hin – genau das war es auch. Nürnberg konnte die Kombinationen auf der rechten Seite teilweise technisch sehenswert ausspielen und Kiyotake zeigte seine Qualitäten als Nadelspieler. Ginczek und Drmic überzeugten mit ihrer Effizienz.

Vinnie 3. Februar 2014 um 09:48

Vielleicht sehe ich das zu sehr durch die Fanbrille, doch ich fand, LEICHTE Berliner Vorteile aufgrund der größeren Qualität von Herthas Chancen erkannt zu haben. Ansonsten eine schöne Analyse, die dankenswerterweise Ronnys Rolle viel Aufmerksamkeit schenkt. Ich sehe ihn eher kritisch, fand aber, dass er gestern nicht nur durch seine individuellen Fähigkeiten, sondern auch durch sein mannschaftstaktisches Verhalten zu glänzen wusste und fühle mich durch diese Analyse bestätigt.

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Zagłębie rules 3. Februar 2014 um 09:18

Ich fand nicht dass das Ergebnis glücklich war. Der Club hatte Vorteile beim Ballbesitz, im Passspiel, war in den Zweikämpfen stärker, im Gegenpressing deutlich im Vorteil und letztlich auch mit mehr Willen das Spiel zu gewinnen ausgestattet.

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LM 3. Februar 2014 um 06:51

Schön, dass es zu diesem Spiel hier noch eine Analyse gibt, hat mich sehr interessiert, ob meine Beobachtungen mit euren übereinstimmen! Und ich kann stolz behaupten, dass ich das meiste auch gesehen habe ;)
Allerdings fand ich über das gesamte Spiel Hertha nicht wirklich besser als Nürnberg. In der ersten Hälfte waren sie gefährlicher, vor allem aufgrund der von dir beschriebenen Umschaltmomente nach den Nürnberger Ballverlusten (die teilweise trotz der guten Berliner Defensivarbeit total unnötig waren), aber in der zweiten Halbzeit fand ich Herthas Offensivspiel völlig uninspiriert. Was ich noch auffällig fand, war, das Nürnberg in ihrer starken Phase um das Ausgleichstor einige Male sehr gut einen Innenverteidiger (meist rechts) mit Ball aufrücken ließ und dann so die Berliner Mannorientierungen bespielte. Obwohl das ganz gut klappte (außer wenn das über Pinola lief, jedenfalls ist mir da ein übler Ballverlust in Erinnerung), haben sie das zwischenzeitlich komplett eingestellt. Bezeichnenderweise fiel das 2:1 dann nach dem ersten Aufrücken eines Verteidigers auf rechts seit gefühlten Ewigkeiten. Dass der Angriff nach dem etwas ungenauen Zuspiel dann durch ging, war etwas glücklich, aber trotzdem auffällig! Btw, Plattenhardt fand ich stark. Nicht wahnsinnig auffällig eingebunden, aber immer da, wo er hingehörte. Wobei ich mir grad unsicher bin, ob er das nicht war, der kurz vor Schluss beim vermeintlichen Berliner Ausgleich im Laufduell mit Ramos war. Wer auch immer das war, hätte da definitiv das taktische Foul nehmen müssen, auch wenn‘s am Ende glatt ging.

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TW 3. Februar 2014 um 10:56

Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar. Das Aufrücken Petraks hatte ich nur mit einem Pfeil in der Grafik und einem kurzen Vermerk in der Analyse. Da es jedoch ein sehr wichtiges Mittel war, auch für das Ergebnis, habe ich ihm dann doch noch einen ganzen Absatz spendiert.

Plattenhardt war wirklich stark. Hat das Ganze ballfern sehr gut balanciert. Dass über die Seite nicht viel anbrannte, lag aber auch an Ronnys leichtem Linksfokus und der herausragenden Defensivarbeit von Hlousek.

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