Türchen 23: Gerd Müller

Bomber! Schaden anrichten ohne Ende, breitflächige Angriffe mit roher Gewalt statt Geschick oder Präzision. Ganz und gar nicht die feine Klinge, sondern die Hau-drauf-Methode. Das suggeriert der Spitzname von Gerd Müller, dem „Bomber der Nation“. Doch diese Charakterisierung wird dem vermeintlichen Mittelstürmer-Prototypen nur teilweise gerecht.

Das Genie des Strafraumstürmers

Erst einmal gilt es, Müllers berüchtigte, vielleicht einmalige Qualität im gegnerischen Strafraum näher zu beleuchten. Diese ging nämlich weit über den „Torriecher“ hinaus. Es war nicht so, dass er stets einfach richtig stand – scheinbar zufällig und unergründlich. Natürlich besaß er einen guten Instinkt bei der Positionierung auf Abpraller, versprungene oder abgefälschte Bälle, aber durch seine ständige Strafraumpräsenz und seine hohe Beweglichkeit ist es kein Wunder, dass er öfter einmal solche Bälle verwertete. Viel entscheidender als das richtig-Stehen war das richtige Laufen.

Ein gutes Beispiel dafür ist sogar das berühmteste aller Müller-Tore: der Siegtreffer im WM-Finale 1974. Was sich bei diesem Tor ins kollektive Gedächtnis Fußballdeutschlands eingebrannt hat, ist vor allem sein ungeschickt wirkender und doch so absurd eiskalter Abschluss. Der Ball liegt hinter ihm, er macht einen Schritt und schließt dann ganz plump im 180-Grad-Winkel ab, trifft den Ball nicht einmal richtig, doch er kullert ins Tor. Aber was auf den ersten Blick nach „gut gestanden und irgendwie versenkt“ aussieht, ist bei genauerem Hinsehen ein Meisterwerk der Torjäger-Kunst.

Müllers Pinselstrich beginnt schon etwa fünf Meter vor dem Strafraum. Als Bonhof – zuvor übrigens mit dem locker besten Lauf der Fußballgeschichte – ins Dribbling gegen den niederländischen Außenverteidiger geht, setzt sich Müller erst von der Situation ab und schafft damit Raum für das Eins-gegen-Eins. Als Bonhof abstoppt wechselt er blitzschnell seine Richtung und geht in eine perfekte Position: Er bietet sich etwa auf Höhe der ballnahen Fünf-Meter-Grenze für den Doppelpass an, bringt damit Dynamik in die Szene und zieht vor allem seinen Gegenspieler vor dem Tor zur Seite. Als sich Bonhof dann zur Grundlinie durchsetzt, startet Müller sofort diagonal zum Tor. Sein Gegenspieler ist abgeschüttelt und endet in einer Position, wo er den Pass nicht verhindern kann und von wo ein Abschluss überhaupt nicht möglich wäre. Müller hat sich durch spielerische Beteiligung Raum geschaffen und ihn dann selber genutzt.

Bei der Annahme verspringt Müller dann der Ball – scheinbar! Tatsächlich bleibt der Ball genau in diesem kleinen Loch liegen, was er sich vorher geschaffen hat. Er ist nun genau zwischen seinem neuen nachgerückten Gegenspieler und dem Ball, während sein zuvor abgehängter Gegenspieler gerade keinen Zugriff bekommt. So ist sichergestellt, dass Müller nach dem Richtungswechsel den Ball als erster erreicht und aus acht Metern einen klaren Schusswinkel in beide Torecken hat. Genau deswegen kommt Jongbloed im Tor nicht an den Kullerball: Er kann sich für keine Ecke entscheiden. Hätte Müller den Ball technisch kunstvoller und orthodox in seine Laufrichtung mitgenommen, hätte der Torwart den Winkel verkürzt und sich womöglich noch vor den Ball werfen können; eventuell hätte auch der nachrückende Abwehrspieler seinen Geschwindigkeitsvorteil ausgespielt und den Ball noch vor dem Abschluss geklärt. Durch die scheinbar misslungene Ballannahme macht Müller beide Gefahrenquellen kalt. Der geneigte Zyniker mag nun sagen, dass der Ball einfach nur glücklich versprungen ist. Kann sein – wäre aber ein verblüffend perfekter Zufall.

Dynamik erzeugen, Raum öffnen und Raum bespielen

Dass Müller gegen seine Laufrichtung arbeitet, ist ein erkennbares Muster bei vielen Aktionen. Auf diese Weise nutzte er seine körperlichen Gegebenheiten und machte seine physischen Nachteile zum Vorteil – die robusteren Verteidiger konnten im Richtungswechsel nicht mithalten. Daraus ergaben sich zwei Aspekte, wie Müller mit seiner Bewegung für Gefahr sorgte: Kleinräumige Bewegungen, um Raum zu öffnen, und das Bespielen von (gegebenenfalls eben diesen) Räumen durch seinen Antritt und seine Beweglichkeit. Ersteres tat er auch immer wieder für nachstoßende Spieler, die er dann auch selber mit Ablagen in Szene setzen konnte. Die Raumnutzung zeigte er auch mit Ball, indem er diesen in einer unkompakten Szene forderte und dann schnell an seinem Gegenspieler vorbeilegte, um abzuschließen oder eine Hereingabe zu spielen. Mit diesen Fähigkeiten war der „Bomber“ eine brutale, aber auch elegante Waffe gegen Manndeckungen.

Der dritte wichtige Aspekt von Müllers Bewegungsspiel war das Erzeugen gruppentaktischer Dynamik. An einem Großteil der Angriffe seiner Mannschaft war er indirekt beteiligt, indem er mit gutem Timing Läufe im Umkreis der Spielzüge unternahm. So kruzte er beispielsweise hinter Gegenspielern und ermöglichte so Dribblings in die Gegenrichtung oder unterstützte mit kurzen Ablagen. Auch zog er seinen Gegenspieler immer wieder in ungünstige Positionen, beispielsweise Räume, die ohnehin eng besetzt waren. So provozierte er Unordnung und Übergabemomente, die seine Mitspieler bespielen konnten. In seinen Läufen war Müller sehr kreativ, effektiv und aktiv. Gerade seine hohe Aktivität war ein vorbildliches Element seines Spiels. Er suchte unentwegt nach Vorteilen für sich und seine Mannschaft, unterstützte, wühlte, störte die Gegner. Wenn man ein wenig auf ihn achtete, war er weit mehr als nur ein Phantom, das aus dem nichts Tore erzielt.

Doch diese Qualitäten im und um den Strafraum sind nur eine Facette des Spielertyps Müller und sicher noch eine weniger überraschende. Seine Aktivität erstreckte sich nicht nur auf die tornahen Bereiche, sondern bis in tiefe Aufbauphasen hinein:

Gerd Müller war eine falsche Neun. Ring ding ding! Jetzt ist es raus.

Falsche Neun bei Bedarf

Zugegeben: Diese Behauptung gilt bei weitem nicht ohne Einschränkung, sondern taugt hauptsächlich als heftige Schlagzeile. Die typische Messi-Rolle war das aus diversen Gründen nicht: Müller dribbelte nicht, forderte die Bälle ganz anders und verteilte sie weit weniger kreativ und weiträumig. Er war kein spielmachender, sondern ein kombinierender Stürmer.

Die Bereiche, in denen er die Kombinationen mit den Mitspielern suchte, waren dabei ungewöhnlich variabel und – eine wertvolle Fähigkeit – sehr anpassungsfähig. Recht oft ging er kurze Wege in die hohen Halbräume um seine direkten Nebenleute zu unterstützen, in manchen Spielen ließ er sich sogar fast bis ins defensive Mittelfeld zurückfallen. Bis auf die Flügel ging er kaum, da die fehlende Dynamik entlang der Seitenlinie eine effektive Einbindung seiner Ablagen erschwerte. Seine Entscheidungen bezüglich des Zurückfallens war stets sehr funktional: Er suchte die Kombinationen nicht aus individueller Verspieltheit heraus, sondern orientierte sich sehr strategisch und rein unterstützend. Wenn er sich für Doppelpässe anbot, dann weil seine Mannschaft andernfalls in bestimmten Zonen keine Anspielstation hatte oder in Unterzahl kommen konnte.

Dadurch variierte sein Spielradius auch je nach taktischer Situation. Wenn er beispielsweise bei Bayern in einem Dreiersturm neben den torgefährlichen Rummenigge und Hoeneß agierte, fiel er recht häufig zurück, da es weniger Verbindungen im Mittelfeld und eine gute Strafraumbesetzung gab. In der Nationalmannschaft war seine Spielstärke bei der EM 72 als Nebenmann von Heynckes etwas vereinzelter zu sehen. Bei der WM 74 zeigte er kaum noch Rückstöße, da Hoeneß dort tiefer spielte und andere Nebenleute wie der ballverliebte Flohe wenig Zug in den Strafraum einbrachten. Insofern darf man Müller auch eine balancierende Wirkung zuschreiben, selbst wenn er bei weitem kein klassischer Balancespieler war. Sein Einfluss auf die Mannschaft fand auf subtiler mannschaftstaktischer Ebene statt und nicht im Gruppentaktischen, wo er einen klaren, flotten Angriffsrhythmus durchzog.

Dank Dribblingphobie unterschätzte Technik

Konkret bedeutet dieser Rhythmus: schnelles Auflösen der Situationen durch sauberes gruppentaktisches Durchspielen, kombinativer, gemeinschaftlicher Zug in den Strafraum, Suche nach zentralen Abschlusspositionen mit offener Schussbahn und dann möglichst plötzliche Abschlüsse. In dieser Klarheit zeigte sich seine grundsätzliche Natur, die klare Struktur und druckvolle Orientierung zum Tor auszeichneten. Daraus resultierte eine gewisse Schnörkellosigkeit und Simpelheit in seinen Aktionen, weswegen Müllers technische Fähigkeiten unterschätzt werden.

Es passte nicht in Müllers Spielweise, auffällige, längliche Dribblings zu zeigen, die die Direktheit und die Dynamik aus den Situationen nehmen. Da Technik gern mit Dribblingfähigkeiten gleichgesetzt – fürchterliches Missverständnis übrigens – wird, wird geschlussfolgert, der „Bomber“ sei am Ball eher schwach gewesen. Was allerdings seine Ballverarbeitung angeht, so war er ein sauberer Spieler. In den Kombinationen agierte er technisch souverän und in Strafraumnähe konnte er den ein oder anderen Glanzpunkt setzen.

Bezüglich der Verarbeitung halbhoher Bälle war er zwar ein wenig inkonstant, das lag aber auch daran, dass er durchaus komplizierte Annahmen versuchte, wenn sich das Risiko lohnte. Wenn eine schwierige Ballannahme eine gute Schussposition ermöglichte, so ging er die Gefahr eines versprungenen Balles ein. So gelangen ihm zuweilen durchaus spektakukär saubere Annahmen. Bei der Verarbeitung flacher Pässe war er weniger spektakulär, aber nutzte seine Beweglichkeit geschickt. So drehte er sich oft direkt mit dem Ball vom Gegenspieler weg oder ließ (wie im WM-Finale) geschickt abprallen. In der dynamischen Situation gegen einen Manndecker in Tornähe konnte er dann zuweilen auch mal seinen Antritt für kurze Dribblings nutzen, wie schon angedeutet.

Wenig überraschend ist die Schusstechnik ein Highlight von Müllers Repertoire, allerdings wird auch diese wegen seiner zahlreichen simplen Tore möglicherweise von vielen Leuten unterschätzt. Die spektakulären Monsterschüsse gehen ihm ab, was aber auch an seiner intuitiven Effektivität liegt: Müller unternahm keine irrsinnigen Schussversuche, sondern beschränkte sich auf die Abschlüsse, von denen er überzeugt war. Seine Möglichkeiten konnte er gut einschätzen und so schenkte er außergewöhnlich wenige Szenen durch überhastete Schüsse weg. Trotzdem konnte er überraschend feuern: Besonders in unübersichtlichen Szenen aus 12 bis 16 Metern brachte er öfter unorthodoxe und doch sehr platzierte Schüsse an. Im Zusammenhang mit seiner Beweglichkeit, Ballverarbeitung und Bewegung machte ihn das zu einem fast unverhinderbaren Strafraumspieler. Mit gutem Torriecher allein hätte wohl niemand eine so überragende Torquote erreichen können wie Deutschlands geschickter Bomber.

Immense Defensivstärke

Wie schon anhand seiner gruppen- und mannschaftstaktischen Qualitäten im Offensivspiel erkennbar, hatte Müller ein gutes Strukturgefühl. Er schätzte sehr gut ein, wie, wann und vor allem wo eine Defensive anfällig werden konnte. Gepaart mit seiner natürlichen Aufmerksamkeit machte ihn das zu einem sehr defensivstarken Spieler, so wie das viele strukturintelligente Akteure sind.

Bei Bedarf verteidigte er im Verbund bis ins Abwehrdrittel und stellte dort als Raumdecker quasi die erste Linie des Abwehrpressings. Der Dauer-Torjäger war sich dafür nicht zu schade. Auch im Umschaltmoment übernahm er defensive Verantwortung, besonders in Situationen, wo er in eine tiefere Position zurückgefallen war. Im Allgemeinen besaß er jedoch ein gutes Auge für gefährliche Räume und unbewacht durchbrechende Spieler. Vor allem auf der halbrechten Bahn beteiligte er sich situativ überraschend intensiv am Defensivspiel. Da kam es schon einmal vor, dass er einen gegnerischen Vorstoß über das halbe Feld verfolgte und sich plötzlich als tiefster Akteur seiner Elf wiederfand.

Aufgrund der fehlenden taktischen Grundstrukturen geschah diese defensive Beteiligung natürlich auf eher unkonstanter Basis. Im Kontext der Zeit war Müller Defensivstärke jedoch beeindruckend und vor allem in qualitativer Hinsicht richtig stark. Das zeigt auch noch eine sympathische Facette des Offensivstars: Trotz seiner hohen individuellen Klasse und Popularität agierte er ausgesprochen mannschaftsdienlich und fleißig – ungewöhnlich für Spieler, die sich im Öffentlichkeitsbild über ihre Tore definieren.

Kein klassischer Mittelstürmer

Das gilt überhaupt für so einiges, was Gerd Müller auszeichnete. Ähnlich wie Uwe Seeler ist der Bomber eines der Schlagwörter, wenn die „Stürmernation“ Deutschland oder die Wichtigkeit des Mittelstürmers diskutiert wird; dabei geht beiden Legenden doch so einiges ab von den Attributen, die man dem typischen Torjäger im Allgemeinen zuspricht.

Vor allem bezüglich körperlicher Attribute war „kleines, dickes Müller“ weit entfernt vom vielzitierten „klassischen Mittelstürmer“. Er war kein wuchtiger Spieler, keiner, der sich durchtankt und sich im Zweifel auch mal im Kopfballduell durchsetzt. Auch keiner, der „einfach mal draufhält“. Müller war ein absolut moderner Stürmer. Beweglich, kombinationsstark, effizient, taktisch brillant, defensivstark und mitarbeitend. Als Typus war er auf eine intelligente, mannschaftlich geschlossene Spielweise mit Fokus auf das Zentrum und flaches Kombinationsspiel ausgerichtet.

Wenn sich die diversen Widersacher des modernen Flachpassspiels also einen wie Gerd Müller zurückwünschen, dann könnten sie in Mario Götze eher fündig werden als in Stefan Kießling. Die historische Fußballidentität Deutschlands ist gar nicht so überpragmatisch unattraktiv, wie sie gemacht wird. In dem Sinne: Frohes Fest!

Strafraumgespenst 8. November 2014 um 13:17

Vielen Dank für den ausgezeichneten Artikel, der mit diversen Vorurteilen aufräumt.
Müller war ja Beckenbauers Lieblings-Doppelpasspartner. Niemals hätte Beckenbauer dabei einen technisch schwachen Spieler akzeptiert.
Noch ein Hinweis: ich glaube, ein Geheimnis von Müller waren auch die extrem starken Reflexe/Reaktionen. Wäre er nicht bei Bayern als Feldspieler ins Tor gegangen, wenn in einem Spiel die beiden Torhüter ausgefallen wären? Ich hatte davon gehört. An der Körperlänge lag es nicht. (-;

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Nuri Sah Hin 31. Dezember 2013 um 08:51

Zu Riedle: Finale 97 war Riedle Ersatz für den verletzten Stammstürmer, musste seine taktische Rolle übernehmen (ist ihm ja ganz gut gelungen), ich würde Riedle auch eher an seiner besten Zeit bei Werder und Lazio beurteilen, danach war er eigentlich immer Edelergänzungsspieler. Behaupte auch nicht, dass er ein verkanntes Genie war (Begriff wird sowieso inflationär gebraucht), und wie in MR auf den ersten Blick beschreibt passt schon sehr gut, hebt ihn aber auch schon von seinen Kollegen Bierhoff, Marschall und Co ab.

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Schorsch 28. Dezember 2013 um 02:16

Da ich die einzigartige Karriere des ‚Dann macht es bumm, dann kracht’s‘ – Sängers mitverfolgen durfte und die 60er-/70er – Jahre mich fußballerisch geprägt haben, freuen mich diese Artikel über Uwe Seeler und nun hier Gerd Müller ganz besonders. Weil sie nicht nur aufzeigen, wie eindimensional einzelne Spieler im nachhinein beurteilt werden (gerade in ihren taktischen Fähigkeiten), sondern indirekt den deutschen Fußball jener Jahre nicht als taktische Wüste erscheinen lassen.

Zwei Dinge sollte man bei Gerd Müller m.M.n. nicht außer acht lassen:

– Er war schon so etwas wie ein Naturtalent, als Fußballer generell und als Mittelstürmer insbesondere. Sonst hätte er wohl kaum in jeder Jugendmannschaft seines Nördlinger Stammvereins diese immense Anzahl an Toren geschossen.

– Er hat mit Tschick Cajkovski einen genialen Trainer bei Bayern vorgefunden, der ihn zwar erst gar nicht schätzte, dann aber auf ‚freundlichen Hinweis‘ Neudeckers einsetzte und dann auch aus dem Rohdiamanten ein Juwel machte. Cajkovski kam aus Jugoslawien und war als Spieler daher gerade in taktischer Hinsicht sehr gut geschult worden, was er als Trainer auch an seine Spieler weitergab. Die ‚frühen‘ Bayern mit Beckenbauer, Müller und Co. haben davon enorm profitiert. Und weil Cajkovski Offensivfußball hat spielen lassen, kam dies Müller besonders zugute.

– Mit Branko Zebec hatten die Bayern und somit auch Müller einen weiteren jugoslawischen Trainer (und ebenso wie Cajkovski ein früherer Weltklassespieler), der ihnen den letzten taktischen Schliff gab.

Dettmar Cramer hat einmal eine etwas ironische Bemerkung zur schon damals geführten Diskussion gesagt, Müller sei doch ein technisch eher limitierter Standfußballer mit unglaublichem Torinstinkt, der sein ‚Hinterteil‘ so unnachahmlich gegen seinen Gegenspieler einsetzen kann. Er meinte, Müller laufe schon falsch zum Doppelpass hin. Zu seinem (Cramers) erstaunen kämen diese Doppelpässe aber immer an.

Was die im Artikel geschilderte Entstehung des 2:1 – Siegtreffers im WM-Finale 74 anbelangt, sollte nicht vergessen werden, dass die Bewegung Müllers vor und bei der Ballannahme vor allem daraus resultierte, weil er in der Vorwärtsbewegung war und sich ganz kurzfristig zurückorientierte, weil die Flanke Bonhofs in seinen Rücken kam.

Interessant fände ich auch eine Analyse, ob Dieter Müller vom 1.FC Köln auch als ‚verkannt‘ bezeichnet werden kann. Das eine oder andere Tor hat er ja auch gemacht und bei Weisweiler hatten hüftsteife Grobmotoriker eigentlich keine große Chance.

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Koom 25. Dezember 2013 um 10:49

Toller Artikel, vielen Dank dafür. Man konnte sich im Grunde schon denken, das Müller nicht nur ein Strafraumstürmer sein konnte. So eine Trefferquote erzielt man nur, wenn man wirklich aus allen Lagen Tore erzielen und vor allem auch selbst in der Offensive entscheidend mithelfen konnte.

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Zagłębie rules 25. Dezember 2013 um 00:18

Die Fussballübertragungen in den 70ern waren irgendwie weniger dynamisch als heute. Und das lag mit Sicherheit nicht am geringerem Spieltempo. Replays gab es maximal nach Toren und viele Spielszenen wurden so nah gezeigt, dass man nur einen sehr vagen Eindruck bekommen konnte, was eigentlich wirklich geschehen ist. Ich selbst habe in den 70ern die Bayern nur einmal live gesehen, das war gegen Dynamo Kiew. Ich habe dann am nächsten Tag das Spiel auf Video nochmal gesehen und war enttäuscht wie wenig davon wirklich rüberkam.

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Tank 24. Dezember 2013 um 14:45

Toller Artikel. Kann alles nur völlig so unterschreiben. Für mich ist der Artikel über Müller bisher das offensichtlichste Beispiel dafür, dass man Aussagen über historische Spieler immer mit ganz großer Vorsicht genießen sollte.

Anders als vielleicht beim ein oder anderen Spieler in diesem Adventskalender, ist es im Falle Gerd Müller ja – sobald man ihn mal hat spielen sehen – glasklar, dass er kein one-trick-Mittelstürmer ist. Da muss man ja von Taktik keine Ahnung haben, um zu sehen, dass der Gerd eben nicht nur vorne rumsteht und die Dinger reindrückt. Dass er trotzdem fast unwidersprochen als Paradebeispiel eines solchen Stürmers gilt, lässt einen echt am Fachwissen vieler sogenannter Experten zweifeln.

Dass quasi jeder den völlig offensichtlichen Fehler macht, aus der Tatsache, dass Gerd Müller ein super Strafraumstürmer war, abzuleiten, dass er NUR ein super Strafraumstürmer war, ist echt hart.

Wobei ich eigentlich nicht glaube, dass Leute immer und immer wieder falsch über ihn urteilen, wenn sie ihn sehen. Das wahre Problem liegt darin, dass viele Leute, die eine Meinung zu Müller haben, sich gar nicht die Mühe machen, ihn sich selber anzugucken, sondern stattdessen einfach die Meinung anderer ohne Prüfung übernehmen.

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Joseph Brant 24. Dezember 2013 um 10:52

Mitspielende Stürmer gab es schon immer meines Erachtens. Franz Binder und Pepi Bican in den 30ern. Pele oder Kevin Keegan oder Manne Burgsmüller um nur einige zu nennen. Und das war auch nicht auf die Top Spieler begrenzt sondern auch teilweise in unteren Klassen so. Für mich ist eher der klassische sich nur im Strafraum aufhaltende reine Torjäger die Ausnahme. Mir fällt auf Anhieb auch kein Spieler ein der Tore gemacht hat und nicht „mitgespielt“ hat. Ich denke dass ist eher das Klischee.

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RM 24. Dezember 2013 um 10:54

Denke ich auch. Wobei: War Binder wirklich mitspielend? Inzaghis gab es aber schon immer.

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Koom 24. Dezember 2013 um 11:02

Bierhoff, Polster wären spontan direkt 2 Namen, die in diese Kategorie fallen. Makaay vermutlich auch.

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Guergen 29. Dezember 2013 um 15:35

Makaay würde ich nicht unbedingt sehen. Ja, auch bei Bayern hatte er einige Assists aber hat wenig im Spiel teilgenommen, ich meine aber, dass er bei Deportivo sich mit Diego Tristan in der Aufgabenteilung Spielen/Abschließen teilw. abgewechselt hat und in der Nationalelf kam er einige Male als rechter Außenstürmer (wg. Kluivert/Nistelrooij in der Zentrale) zum Einsatz und hat da vielleicht nicht so was abgelifert wie Robben/Overmars/Zenden/de Boer, sondern hat da eher das Äquivaent zur deutschen Podolski-Rolle gegeben. Es war sucherlich nicht Makaays stärkste Position, aber er konnte das besser als man vielleicht denkt

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Strafraumautist 29. Dezember 2013 um 16:48

Wie würdet Ihr Jürgen Klinsmann in diesen Kontext einschätzen? Wie stand’s um seine spielerischen bzw. taktischen Fähigkeiten. In der allgemeinen Wahrnehmung gilt er je als ein Spieler der nicht spielen, sondern nur rennen und schießen konnte. Aber das kann bei seinen Quoten doch nicht alles gewesen sein?

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Sub 24. Dezember 2013 um 08:47

Ich habe eine Frage an euch, Spielverlagerer:
Ihr habt jetzt mit Seeler und Müller zwei Weltklasse-Stürmer aus den 1970er-Jahen analysiert. die eurer Aussage nach zumindest annähernd so kombinativ waren wie man es von einem „modernen“ Stürmer erwartet.
Heißt das, dass der mitspielende Stürmer gar nicht so ein Alleinstellungsmerkmal der Gegenwart ist, wie es das Klischee sagt? Oder täuscht der Eindruck, und in Wirklichkeit haben damals nur die allerbesten Stürmer so aktiv am spiel teilgenommen?

Auf alle Fälle schon einmal: Frohe Weihnachten!

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MR 24. Dezember 2013 um 13:41

Ich würd sagen, das ist ein Klischee aus zwei Gründen.

1.) Gab es in den letzten 10-20 Jahren weniger dieser spielenden Stürmer wegen dieses unsäglichen Trends zum flügellastigen 4-4-2 und der neu aufkommenden Kompaktheit und des höheren Tempo, wodurch die spielenden Stürmer oftmals schlecht eingebunden waren, es schwerer hatten und erst mal ihr Niveau erhöhen mussten (in dem Sinne ist Messis falsche Neun weniger stilistische Neuerfindung als vielmehr qualitative Weiterentwicklung). In der Zeit waren die großen Vorbilder halt Flügelspieler oder Poacher wie van Nistelrooy, Inzhagi, Crespo. Gab auch in Deutschland um die Zeit dann so eine Welle an eher limitierten Stürmern – Klinsmann, Völler gingen schon mehr in die Richtung, dann Bierhof, Kirsten. Sonst gab’s ja da auch nicht viele, wahrscheinlich weil die mitspielenden nicht so gut reingekommen sind. Benny Lauth wär ja zB einer gewesen, aber ist aus irgendeinem Grund gescheitert, und war jetzt auch nicht Weltklasse talentiert.
2.) Werden extrem gute Strafraumstürmer auf diesen Aspekt reduziert, bzw werden Spieler halt generell reduziert. Die bekannten Laufmaschinen der Geschichte sind sicher auch zu einem großen Teil taktisch geil und technisch teilweise stark. Siehe bspw Hacki Wimmer, irre guter Dribbler. Dadurch geraten solche taktisch-technischen Stärken auch in Vergessenheit. In den 80ern hatten die Leute vlt intuitiv noch stärker in Erinnerung, wie Müller gespielt hat, aber das verliert sich ja, wenn man immer nur über seine reingestolperten Bälle redet. Und so ändert sich nach und nach das Idealbild des Stürmers.

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Nuri Sah Hin 27. Dezember 2013 um 19:30

Kirsten bitte nicht in einen Topf mit Bierhoff!

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MR 27. Dezember 2013 um 20:36

Kenn ihn kaum, wird er auch falsch gesehen? Wär dann aber auch eher ein Einzelfall, auch bei anderen Spieler, die da zu nennen wären, denkt man jetzt nicht erst mal an ihre immense Spielstärke.

Riedle gäb’s da noch, Jancker, Herrlich. Kopfballviecher all over the place. Preetz, Marschall, Kuranyi. Wie waren Kuntz, Bobic und Max?

Die Gegenbeispiele sind alle nicht vom ganz großen Kaliber. Zickler, Bode vielleicht, naja. Geh grad die Torjägerlisten um die Jahrtausendwende durch, da gibts echt kaum mal einen Namen, der da Assoziation zu Eleganz und Spielstärke weckt.

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Zagłębie rules 27. Dezember 2013 um 22:23

Burgsmüller fällt mir da auf Anhieb ein oder Frank Mill und zu Beginn seiner Karriere hat auch Pierre Littbarski diesen Stürmer Typ verkörpert. Weniger elegant aber vom Typ her einer der sehr viel fürs Team arbeitete war der Gladbacher Hansjörg Criens. Und auch Hrubesch würde ich da unbedingt mit reinnehmen. Sehr spielstark und ab und zu auch elegant. Seine technischen Fähigkeiten waren wesentlich besser als viele vermuten. Bevor jetzt der große Aufschrei kommt: 😉
http://www.youtube.com/watch?v=OHUtoSPNO9Q
Man beachte seinen Außenristpaß von der LA Position zum 5:1. (7:31)

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Schorsch 28. Dezember 2013 um 02:40

Allan Simonsen war auch so ein ’spielender‘ Stürmer, wie man diesen Stürmertyp früher nannte. Ein Klassemann.

Auch Bernd Rupp war ‚mehr’als ein Strafraumstürmer.

Aus den 60ern fällt mir da auch noch Franz Brungs ein, der gerne auf seine Kopfballstärke reduziert wurde (‚Goldköpfchen‘)

Zagłębie rules 28. Dezember 2013 um 10:33

Auch Jan Koller in seiner Glanzzeit würde ich da dazu zählen. Er wurde meist nur über seine Schuhgröße definiert, hatte aber eine feine Technik. Der andere Müller, Dieter ebenfalls elegant und spielstark.
Es gab sicher noch den einen oder anderen mehr nur in der Erinnerung ist das halt schwer. Es gab noch kein youtube und meist wurden in der Zusammenfassung nur die Torraumszenen gezeigt. Müller habe ich in seinem letzten BL-Jahr zweimal live gesehen, da hatte er aber schon viel von seiner Dynamik eingebüßt.

Zagłębie rules 28. Dezember 2013 um 21:13

@ Schorsch
Wenn du zurückgehst bis in die Zeiten Sindelars darf einer natürlich nicht vergessen werden.
Wer ist gemeint?
Bis heute die beste Quote im DFB Team. 13 Tore in 8 Spielen. Spielte für Chemnitz und 1860 und hatte seine große Zeit in den 30 ern bei Ruch Wielkie Hajduki. Der einzige Spieler der je 4 Tore in einem WM Spiel gegen Brasilien ezielte.

Mal sehen ob die Experten drauf kommen? 😛

Zagłębie rules 29. Dezember 2013 um 09:30

@ Schorsch:

Ist jetzt zwar off topic aber 😉 :
Ruch Chorzow hatte in den dreißigern in Polen eine Ausnahmestellung wie heute Bayern. Gespielt wurde vermutlich im WM System. Ergebnisse aus Freundschaftsspielen zeigen dass das Team durchaus mit den Donaumetropolen oder Teams aus Süddeutschland mithalten konnte. Willimowski ist leider ein Opfer der Geschichte geworden.
Er war trotz seiner eher schmächtigen Figur sehr athletisch und durchsetzungsfähig. Ihn zeichnete ein sehr laufstarkes, dynamisches Spiel aus wobei er meist mit Anlauf über rechts oder die Mitte kam.
Er wird als schlitzohrig beschrieben, später in seinen 30 ern sogar als schlampiges Genie. Er spielte neben dem Fußball auch Handball und im Winter Eishockey erstklassig und wurde auch in die schlesische Eishockeyauswahl berufen. Wie stark er war zeigt die Tatsache dass er noch 1953 als 37 jähriger in der Oberliga Südwest für den VfR Kaiserslautern der im unteren Tabellendrittel angesiedelt war 31 Tore erzielte. Bei Ruch spielte er allerdings nicht auf der Mittelstürmer Position da dort Teodor Peterek gesetzt war.

blub 29. Dezember 2013 um 10:56

[Klugscheißmodus]
Hatte Gottfried Fuchs nicht in 6 Spiele in der dfb-elf auch 13 Tore? Die quote ist nochmal besser als die von Willimowski, und es gibt noch ein paar ähnliche quoten bei kurzzeitnationalspielern. [/Klugscheißmodus]

Schorsch 30. Dezember 2013 um 17:20

@MR

Dresdner Kreisel – so heißt im übrigen auch die Stadionzeitung Dynamos. Walter Fritzsch war der geniale Trainer, der diesen Spielstil kreiert hat. Mit Kreische hat er wohl des öfteren auf Kriegsfuß gestanden.

Ich selbst bin durch die legendären Europacup-Spiele der Bayern in der ersten Hälfte der 70er gegen Dynamo auf diese ‚Spielart‘ des Kreisels aufmerksam geworden. So viel hat man im Westen ja nicht vom DDR-Fußball mitbekommen. Mir war in diesen Spielen die hohe Ballsicherheit bei gleichzeitig hohem Tempo aufgefallen. Und Tore haben sie ja auch gemacht… 😉

Mein Interesse galt allerdings in erster Linie (weil wir dort Verwandte wohnen hatten) dem 1. FC Magdeburg. Dort spielte dann auch irgendwann Joachim Streich. Mittelstürmer! Einer der besten, soweit ich das beurteilen kann. Ein feiner Fußballer und sehr erfolgreicher Torschütze. Passt eigentlich super in die hier aktuell diskutierte Kategorie. Auch der würde mit Sicherheit eine sv-Analyse lohnen!

Was fehlendes Bildmaterial anbelangt, könnte man vielleicht einmal beim MDR anfragen. Die haben eine ganze Menge in ihrem Archiv.

MR 30. Dezember 2013 um 17:31

Magdeburg spielte damals übrigens Pressing. Vor allem Sparwasser war sehr defensivstark, von dem her was ich gesehen hab.

Schorsch 30. Dezember 2013 um 23:44

@MR

Pressing, hm, ja, kann man wohl so sehen. Ich bin wahrscheinlich einer der ganz, ganz seltenen Vögel, die das 74er Europacupfinale als Zuschauer in Rotterdam erlebt haben. Das war schon irre. Meine Verwandten hatten keine Ausreisegenehmigung bekommen; keiner der FCM-Anhänger. Wir hatten einen Tag vorher noch telefoniert (wer da wohl so alles mitgehört hat…), was damals auch keine Selbstverständlichkeit war. Sie meinten, ich solle doch an ihrer statt da hinfahren und ihnen dann danach berichten. Ihnen blieb nur das Fernsehen. Gesagt getan, mit noch 2 Studienkollegen. Absolut irre. Die Karten kurz vor dem Spiel am Kassenhäuschen gekauft, kaum mehr als 4000 Zuschauer in der riesigen Schüssel…
Stichwort Rotterdam. In der Tat erinnerte das Spiel der Magdeburger ein wenig an Feyenoord. OK, die Milan-Mannschaft war wohl schon ein wenig sehr überaltert. Aber es war schon deutlich, wie sehr die FCM-Spieler mehr gelaufen sind als die Italiener. Früh den ballführenden Spieler Milans attackiert, sie nicht ihr Spiel aufziehen lassen. Im heutigen wording hieße es wohl, die Arbeit gegen den Ball war der entscheidende Vorteil der Börder. Sparwasser ist mir dabei gar nicht so sehr aufgefallen, aber Seguin.
Ich habe jetzt nicht die dicke Ahnung vom DDR-Fußball, aber nach meiner Einschätzung war dieser Mitte der 70er auf seinem Höhepunkt. War wohl vor allem den Trainern Fritzsch (Dresden) und Krügel (Magdeburg) zu verdanken. Unterschiedliche Spielauffassungen, ein wenig so wie im Westen Bayern und Gladbach zu jener Zeit. Habe beide Teams nie gegeneinander spielen sehen und auf die Dresdner bin ich so richtig erst durch die Spiele gegen Bayern gekommen. Auswahltrainer Buschner war auch kein Schlechter. Die Erfolge bei der WM 74 und beim olympischen Fußballturnier 76 kamen mit Sicherheit nicht von ungefähr.

Nuri Sah Hin 28. Dezember 2013 um 13:02

Kirsten wird auf jeden Fall falsch gesehen, auch Riedle. Riedle hat ja eine recht niedriege Torquote, und schon in den paar best ofs auf youtube sieht man, wie er ins Mittelfeldspiel eingebunden war, bei den meisten Toren aus einer tiefen Mittelfeldposition startet (bei Lazio öfters Kombinationen mit Riedle –> Doll –> Riedle). Die Kopfbälle dann auch meist Flugkopfbälle aus schnellen Umschaltmomenten enstanden. Kirsten halt auf engem Raum stark in Ballbehauptung und Kominationen.

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Schorsch 28. Dezember 2013 um 19:33

Dieter Müller auf jeden Fall. Hatte hier schon einmal angeregt, für ihn eine ähnliche Analyse durchzuführen. Immerhin hält er nach wie vor den BL-Rekord der meisten in einem Spiel erzielten Tore (6 Stück gegen Werder) u.nd Köln spielte in der zweiten Hälfte der 70er einen technisch anspruchsvollen Fußball.

Koller? Möglich, müsste man sich noch einmal genauer anschauen.

Herbert Laumen gehört ebenfalls dazu. Zumal er bei Weisweiler in verschiedenen Offensivpositionen gespielt hat, ob als offensiver Midfielder oder ‚hängende Spitze‘. Konnte seinen Trainer überzeugen, dass er aufgrund seiner Qualitäten als Mittelstürmer am besten geeignet sei. Exzellente Ballannahme und -weiterleitung, kombinationsstark, Übersicht, schnell und dynamisch, abschlussstark. Einer der entscheidenden Spieler bei den Fohlen.

Lothar Emmerich ist ebenfalls ein (Mittel)stürmer gewesen, der gerade im nachhinein eher eindimensional wahrgenommen wird. Wer ihn allerdings Mitte der 60er mit Siggi Held zusammen spielen gesehen hat, wird diese Ansicht nicht teilen.

Vor allem sollte man Sindelar nicht vergessen. Vielleicht der Kreateur und der Prototyp der fluiden 9. So alt, ihn spielen gesehen zu haben, bin selbst ich nicht 😉 Leider gibt es nicht so viel Filmmaterial aus den 20er/30er Jahren. Aber es gibt einiges an Literatur zum Mittelstürmer des österreichischen ‚Wunderteams‘ und der Wiener Austria. Wenn man das so studiert und dazu die Taktik des ‚Scheiberl‘-Spiels, dann kann man nicht umhin, an heutige Begriffe zu denken (Ballbesitzspiel, Dominanzfußball, Tiki-Taka, fluide 9, Flachpassspiel, Kurzpasskombinationsspiel, etc.). Eine entsprechung gab es in Deutschland mit dem ‚Schalker Kreisel‘.

Schorsch 29. Dezember 2013 um 00:42

@Zag. rules (sorry, weiß nicht wo diese Buchstaben auf meiner Taststur sind)

Also, das kann eigentlich nur Ernst Willimowski sein. Oberschlesier; hat erst für Polen, dann für Deutschland gespielt. 38 bei der WM für Polen die Tore gegen Brasilien beim 4:5 n.V.. Hat später für Deutschland in einem Länderspiel auch noch einmal 4x getroffen (weiß aber nicht gegen wen).

Viel mehr weiß ich aber nicht über ihn; vor allem nicht, was für eine Art Stürmer er war. Aus dieser Zeit sind mir halt diejenigen Mannschaften / Spieler geläufig, die hinsichtlich System, Taktik und Spielweise prägend waren. Und das waren im mitteleuropäischen Raum eben Schalke (‚Kreisel‘) und die ‚Donau-Fußballer‘ aus Wien, Budapest und Prag.

MR 29. Dezember 2013 um 12:11

Also 97 im Finale fand ich Riedle doch sehr stark auf Strafraum fixiert. War phasenweise gut in der Defensivarbeit und beteiligte sich bei zweiten Bällen, aber schaltete sich sonst wenig ein. Kann gut mit Dortmunds Herangehensweise da zu tun gehabt haben. Aber ich würde vermuten, dass er doch recht simpel und pragmatisch war in seiner Beteiligung, hauptsächlich auch lange Bälle ablegte und dann halt wieder in den Strafraum ging. Hatte dabei halt immer ein gutes Gespür für Positionen, aber war in der grundlegenden Ausrichtung nicht weit vom reinen Strafraumstürmer entfernt.

Guergen 29. Dezember 2013 um 13:21

Ganz interessant bei Riedle ist ja, dass er bei Liverpool quasi sofort durch Michael Owen auf die Bank verbannt wurde. (Der übrigens wohl auch zu den falsch eingeschätzten Spielern gehört, aber durchaus anders als Riedle funktioniert)

Im Liverpool-System wäre Riedle wohl nach ursprünglichen Planungen neben Robbie Fowler aufgelaufen.

MR 29. Dezember 2013 um 14:03

Wie wird Owen denn gesehen und wie siehst du ihn?

Guergen 29. Dezember 2013 um 14:24

Ich würde behaupten, dass Owen als sehr guter Fußballer, auch in technischer Hinsicht und teilweise als spielender Stürmer gilt. Dies liegt an seinem Tor bei der WM 1998, seinem Hattrick gegen Deutschland und der Tatsache, dass er in der Nationalmannschaft häufig mit Shearer oder Heskey auflief. Auch seine Auszeichnung als Europas Fußballer des Jahres trägt einiges dazu bei. An englischen Stammtischen dagegen gilt Owen inzwischen als Paradebeispiel für einen Versager.

Ich würde sagen, dass Owen in erster Linie ein untypischer Strafraumstürmer war. Der eben nicht über die Kraft, sondern über die Geschwindigkeit kam, um sich Abpraller, zweite Bälle und tiefe Pässe zu holen und eikalt zu verwandeln. Am Spiel selbst hatte er zur Zeit seines Höhepunkts meist nicht sonderlich viel Anteil.

Dies hat sich bei Real Madrid teilweise geändert, aber danach war ja seine Karreire wegen der vielen verletzungen tatsächlich nicht mehr so wie danach. Dass er als ein solcher Spielertyp nach dem Niedergang des Zwei-Mann-Sturms nichts mehr auf die Reihe gekriegt hat lag aber nciht nur an den Verletzungen, sondern an einer gewissen Limitiertheit. Owen war auch im Zweiersturm kein Kombinationsspieler, sondern ein Zielspieler. Weil er aber so schnell, so filigran ist, wurde und wird er nach meiner Erfahrung höher bewertet, als er es eigentlich war.

MR 29. Dezember 2013 um 14:44

Ah, die umgekehrte Geschichte von unseren Beispielen hier also. Interessant. Ich werd mal Videos von ihm suchen bei Gelegenheit

Zagłębie rules 29. Dezember 2013 um 17:30

@ blub

Das ist richtig. Anber davon waren allein 10 Tore beim 17:0 gegen Russland. Denke dass da Willimowskis Treffer wohl stärker zu bewerten sind.

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Schorsch 29. Dezember 2013 um 23:54

@zag. rules

Danke für die Infos zu Willimowski. Wirklich interessant. Muss mich dieser Fußballhistorie einmal widmen. Bin halt ein wenig ‚Kreisel‘- und ‚Scheiberl‘ – fixiert… 😉

Wobei der ‚Schalker Kreisel‘ wirklich ein Artikel wert wäre. Fritz Szepan als ‚hängende Spitze‘ und Ernst Kuzorra als ’spielender Mittelstürmer‘ im Kurzpasskombinationsspiel. Ballbesitzspiel vom Feinsten. Wie die ‚Scheiberl‘ – Mannschaften von der Donau. Das Tiki-Taka der frühen Jahre… Müsste doch eigentlich ein ‚gefundenes Fressen‘ für die spielverlagerer sein…

Aber noch einmal zu den ‚verkannten Mittelstürmern‘. Gerd Müller, Uwe Seeler – da kann man eigentlich noch einen Schritt weiter in die Vergangenheit gehen, aber im Nachkriegsdeutschland bleiben: Ottmar Walter!

Der hatte eine unglaubliche Torquote in seinen Pflichtspielen für den FCK. Er galt als wuchtig und kopfballstark, so eine Art Mixtur aus Strafraum- und Stoßstürmer. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Ottmar war technisch sehr beschlagen, ein sehr guter und eleganter Kombinationsspieler. Wich oft im Wechsel mit den Flügelstürmern nach Außen aus, um dann selbst seinen Mitspielern aufzulegen. Taktisch versiert war er auch, denn eine seiner Spezialitäten war es, Gegenspieler zu falschen Laufwegen zu verleiten, womit er Räume für seine Mitspieler schaffte.

Nach seiner Kriegsgefangenschaft hatten ihm (ähnlich wie bei Bert Trautmann) trotz seiner schweren Verletzung, die ihm fast die Sportinvalidität eingebracht hatte, mehrere englische Proficlubs Vertragsangebote unterbreitet. Auch nachdem er seine ersten Länderspiele nach dem Krieg gemacht hatte, wollten Racing Paris und Madrid (Real oder Atletico, weiß ich jetzt nicht genau) ihn haben. Gut, dass er beim FCK geblieben ist. Bei Herberger hätte er als Auslandsprofi wohl keine Chance gehabt…

MR 30. Dezember 2013 um 01:46

Gab in den 70ern übrigens auch einen Dresdner Kreisel bei Dynamo.

Da war dann mit Kreische auch der regelmäßige Topscorer eher Zehner als Stürmer.

RM 30. Dezember 2013 um 11:27

Ich würde gerne Artikel über die schreiben, aber eben lieber als Analyse statt als Porträt. Und da fehlen die Videoaufnahmen. 🙁

Schorsch 3. Januar 2014 um 19:18

@RM

Vor der Entwicklung der MAZ gab es halt nur Filmaufnahmen. Das erschwert eine Analyse von vorneherein erheblich, da oft genug nicht ein gesamtes Spiel aufgenommen werden konnte. Nicht immer, aber des öfteren gibt es Aufnahmen von Toren inkl. ihrer Entstehung. Gerade wenn es sich um die Analyse von Mittelstürmern / hängenden Spitzen handelt, könnte dies eine wertvolle Grundlage sein. Viele Clubs haben inzwischen ein eigenes ‚Museum‘ zur Vereinsgeschichte und einen dafür verantwortlichen Mitarbeiterstab. Das gilt auch für die Fußballverbände in Deutschland und Österreich. Mag ja jetzt sehr naiv sein, aber möglicherweise kann dort jemand weiterhelfen, z.B. mit digitalisiertem alten Filmmaterial. Ist ja nicht zur kommerziellen Nutzung gedacht.

provinzler 2. August 2014 um 04:34

Max‘ Stärke waren immer die Bewegungsmuster mit denen er seine Verteidiger abgeschüttelt hat und das Gespür für freie Räume. Wie viele Tore der erzielt hat, bei denen er am Fünfer ganz allein stand und teilweise noch alle Zeit der Welt hatte den Ball anzunehmen

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ES 3. August 2014 um 11:29

Mich wundert gerade, dass bei der Besprechung spielstarker Mittelstürmer der 70er und 80er Jahr der Name Klaus Fischer nicht fällt. Zu seiner Zeit wurde er klar als mitspielender Stürmer gesehen (70er Jahre), heute wird er zu sehr auf seine unglaubliche Abschlussstärke per Kopf und im Volleyabschluss (Fallrückzieher) reduziert. Insofen nur heute und ein bisschen falsch eingeschätzt. Da seine Natinalmannschaftskarriere wegen der Konkurrenz aus München und dem Bundesligaskandal erst sehr spät begann, war er in der NM mehr reiner Strafraumspieler als in den beiden Schalker Vizemeistermannschaften der 70er Jahre.

Aus der Tiefe kam Fischer wegen seiner Schnelligkeit auf den mittleren Distanzen mehr über die Dynamik als über das direkte Kombinationsspiel wie Müller. Insofern gruppentaktisch wahrscheinlich etwas limitierter. Andererseits war auch ein Ausweichen auf die Flügel mit Dribblings möglich, um so Platz für das starke Mittekfeld (Scheer, Lütkebomert, Helmut Kremers) oder für Erwin Kremers zu schaffen.

Da würde mich Eure Sicht auch schon interessieren.

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Strafraumautist 24. Dezember 2013 um 07:01

Na, ich denke schon, dass man sich an das Tor, mit dem man ein WM Finale entschied, ein Leben lang erinnert. Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass die Bilder vom Tor, die eigenen Erinnerungen mittlerweile überdecken und kleines dickes Müller mittlerweile an seine irgend Legende glaubt, obwohl er dabei gewesen ist und es besser wissen könnte.

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RM 24. Dezember 2013 um 09:28

Ich persönlich hätte gesagt, dass er ihn sich in die Richtung stoppen wollte, worum es Martin geht, aber es eben unsauber tat, was Müller sagte. Kann mich auch irren.

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Die Grätsche 24. Dezember 2013 um 03:00

Sehr interessanter Artikel, das gilt übrigens für die gesamte Reihe!

Ich glaube, die Hauptgründe für die falsche Bewertung von Spielern (oder auch ganzen Mannschaften) liegen darin, dass man die Dinge gerne vereinfacht, sie in Schubladen steckt und die Extreme liebt.

Beispiel: Gerd Müller und Klaus Fischer.
Müller gilt als der klassische Mittelstürmer, der immer seine Tore macht, egal wie.
Fischer gilt, auch aufgrund seiner Fallrückzieher, als der spektakulärere Stürmer.
Jetzt ist es doch so, dass unter Müllers etlichen Toren, die er im Verlauf seiner Karriere schoss, auch der eine oder andere schöne Treffer war, und Fischer hat auch den einen oder anderen Ball ins Tor gestolpert.
Aber das geht irgendwie unter, da bleibt (etwas überspitzt gesagt) nur Müllers 2:1 im WM-Finale (wichtig, aber unspektakulär) und Fischers Jahrhunderttor per Fallrückzieher 1977 gegen die Schweiz.

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Bernhard 23. Dezember 2013 um 23:04

Also deine These zu Müllers wohl wichtigstem Tor seiner Karriere,kann ich nicht unterstützen. In irgendeiner Ausgabe des Magazins 11Freunde meine ich sogar gelesen zu haben,dass er als er dieses Tor beschreiben sollte,sagte:“ […] Ich nehme den Ball,stoppe ihn aber nicht gut. […]“

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MR 24. Dezember 2013 um 03:16

Vlt wollte er ihn ja auch nicht ganz so weit in die Richtung prallen lassen? Dass er den Ball grundlegend in diese Richtung stoppen will, erkennt man doch recht klar würd ich sagen. Das ist ja der wesentliche Punkt daran – Stoppen gegen die Laufrichtung. Er sagt ja auch stoppen und nicht etwa mitnehmen.

Könnte seine Erinnerung ihn da nicht gar ein bisschen trügen? Ich mein, das Ding ist 30, 40 Jahre her und er hats sicher x Mal auf Video gesehen, aber es nur ein Mal erlebt. Ich hab mal eine Aufnahme von einem Spiel von mir nach etwa 8 Jahren noch mal gesehen und ich konnte mich an exakt null Situationen noch erinnern, geschweigedenn dass ich meine Intention in den Szenen rekonstruieren könnte.

Oder es war halt wirklich nur ein perfekter Zufall, wär ja nicht der erste der Fußballgeschichte.

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boba 30. Dezember 2013 um 16:14

Ich habe mir die Szene gerade noch einmal angeschaut und stimme RM zu. Aus dem gesamten Bewegungsablauf wird deutlich, dass er den Ball genau in den freien Raum stoppen wollte. Allerdings springt der Ball ihm dabei ein bisschen zu weit vom Fuß weg, was zur Folge hat, dass er nicht sauber schießen kann (Kullerball) und sein Gegenspieler beinahe noch den Ball geblockt hätte. Es ist m.M. nach also kein Widerspruch zwischen der Erinnerung Müllers („Ball versprungen“) und der Analyse RMs, dass Müller den Ball genau in den freien Raum stoppen wollte.

P.S.: Mal wieder Chapeau! Spielverlagerung lesen = Spiele mit anderen Augen sehen!

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Zagłębie rules 23. Dezember 2013 um 20:37

Herrlich diese Bilder von den 76 er Bayern. In meiner verklärten Erinnerung waren sie das stärkste Bayern-Team aller Zeiten. Spektakel pur. Fußball in 3D quasi.
Und Gerd Müller eine falsche Neun :-9 das rückt ihn nicht nur optisch ein Stück näher an Messi.

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