Donnerstag, 08.12.2016

Lilles Defensivvarianten gegen PSG

Lilles 2:2-Remis beim Tabellenführer aus Paris war nicht nur beispielhaft für ihre weitgehend starke Defensive mit nur acht Gegentoren aus 19 Begegnungen, sondern bildete auch die kleineren Anfälligkeiten ab.

Trotz des Abgangs von Erfolgstrainer Rudi Garcia zur Roma hat Lille in der französischen Liga weiterhin eine beeindruckende Defensive vorzuweisen. Während Garcia in Italien nur sieben Gegentreffer in 17 Begegnungen hinnehmen musste, führt Nachfolger Rene Girard sein Erbe in der Ligue 1 mit einer ähnlich vortrefflichen Statistik fort – nur acht Mal musste der Meister von 2011 unter Montpelliers Meistertrainer von 2012 bisher in 19 Partien das Leder aus dem eigenen Netz holen.

lilles defensive vs psgMit Tabellenführer PSG und deren starker Offensive um Zlatan Ibrahimovic gastierte LOSC nun bei einem besonderen Prüfstein – und konnte dabei mit einigen intelligenten Werkzeugen gegen den Ball überzeugen. Aufgrund des starken Gegners, kleinen Formschwächen und einigen gelegentlichen Durchbrüchen, die dann besonders gefährlich wurden, mussten sie allerdings dennoch zwei Gegentore hinnehmen.

Lilles Grundmechanismen

Ein grundsätzlicher Vorteil der Mannschaft von Girard ist ihre Rautenformation, die bei intelligenter Ausführung bereits eine wichtige Absicherung für das Zentrum bietet. Hier kann sich der Gegner aufgrund der hohen eigenen Präsenz kaum entfalten, wird eher auf die Flügel abgedrängt und hat es oftmals zumindest schwer, die Partie wirklich zu kontrollieren und somit konstant ruhige, klare Strukturen zu kreieren. Durch die lange zusammenspielenden Mavuba, Balmont und mit Abstrichen auch Gueye sowie die vielseitigen Offensivakteure füllt Lille diese Anlagen auch mit guter Absicherung.

lilles defensive vs psg stellung1

Die Grundstellung mit den Mannorientierungen und den Positionierungen der Stürmer, die untereinander oft tauschten und auch auf den Seiten situativ unterschiedlich auftraten. Mavuba rückt häufig auf Motta heraus, Martin weicht gerne zur Seite, beide können sowohl den gegnerischen Sechser, das Absichern für Balmont oder andere unterstützende Aufgaben sich untereinander aufteilen.

Diese Flexiblität und Anpassungsfähigkeit der vorderen Akteure schlug sich in dieser Begegnung dann auch konkret in den Planungen gegen PSGs Offensive nieder. Den Hausherren wurde der Ballbesitz in einer passiven Ausrichtung überlassen – stattdessen wollte Lille in einem mannorientierten 4-3-3 mit diversen anderen Mitteln deren vordere Spieler neutralisieren. So zogen sie sich in der Grundstellung etwas zurück und ließen die Innenverteidiger fast immer frei.

Während Martin als hoher Zehner etwas zurückwich und im Dunstkreis von Motta kreiste, verschiedene Unterstützungsaufgaben verrichtete oder zur Seite rückte, positionierten sich Roux und Kalou meistens zwischen – aber auch leicht tiefer –den Innen- und Außenverteidigern, so dass sie sich situativ in beide Richtungen bewegen oder verschiedene Löcher stopfen konnten. Manchmal übernahm Martin die Aufgabe eines Angreifers, der dann zentral bleiben durfte, während der Zehner zur Seite herausrückte – es gab also mehrere Möglichkeiten, aus dem 4-3-1-2 ins 4-3-3 auszuformen, was die flexiblen Defensivvarianten Lilles anschaulich belegte.

Von Flügelräumen, Chancenqualität und Außenverteidigern

Wenn die Angreifer allerdings zu hoch standen und gleichzeitig sowohl die Mittelfeldakteure als auch der ballferne Außenverteidiger etwas zu weit nach innen gezogen wurden, hatte Lille gelegentlich mit recht simplen und schematischen Problemen zu kämpfen. Dann wurde der ballferne gegnerische Außenverteidiger nicht verfolgt und konnte aufgrund der recht passiven, eher umschwärmenden Defensivhaltung von PSGs zentralen Akteuren bedient werden. So geschah es Mitte der ersten Halbzeit bei einer Verlagerung Mottas aus dem rechten Halbraum auf Digne, der im Rücken von Roux davon zog und weder von Balmont noch von Beria aufgenommen werden konnte. Folglich ging der Linksverteidiger in typischer Manier linear bis auf Strafraumhöhe durch und brachte eine brandgefährliche Hereingabe, deren Abschluss von Enyeama nur mit einer starken Parade zu entschärfen war – typisch für Blanc, bei dem die Außenverteidiger schon in Bordeaux sowie als Trainer der Nationalmannschaft essentielle Bedeutung hatten.

An dieser Stelle erkannte man auch, dass Chancen gegen Lilles anpassungsfähiges und enorm wandelbare Konstrukt nur in seltener Zahl auftreten würden, wenn die verschiedenen Mechanismen, Optionen und sämtliche Absicherungsebenen einmal „versagten“ – doch dann wäre es direkt eine Gelegenheit von besonders hoher Güte. Kurz gesagt: PSG hatte nur wenige Chancen und Abschlüsse, aber die, die sie hatten, waren hochwertig, weil einzelne offene Gegner dann mal kurzzeitig durchkamen und sich von den Umschiebungen Lilles befreien konnten.

Dabei muss man natürlich anmerken, dass die kleineren Lücken auf dem Flügel auch zu Teilen von den Gästen bewusst in Kauf genommen bzw. geplant waren, da ihre Rautenformation, Zentrumskompaktheit und die Spielweise der meistens eher seitlich-abdeckenden Stürmer dies so anlegten. Die konstante Stabilität im Zentrum war den Gästen wichtiger, so dass sie einige Attacken und Flanken über die Außenbahnen zuließen. Im Idealfall konnten sie gar profitieren, indem sie längere Verlagerungen auf die freien Seiten passiv provozierten, dann spekulierten und das Zuspiel über einen gut antizipierenden eigenen Außenverteidiger abfingen – das eine oder andere Mal gelang Souaré dies gegen van der Wiel.

Verschiebungen gegen Ibrahimovic, Raumschaffen für Ibrahimovic

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Lille gegen Ibrahimovic´ Zurückfallen

Eine weitere Variante und Umschiebung bei den Gästen wurde beispielsweise vor allem dann gewählt, wenn der sehr dominante und freie Ibrahimovic sich in Richtung des tiefen linken Halbraums zurückfallen ließ, um mit aufzubauen und antreibend sowie strukturierend zu wirken. Gueye und Mavuba – dieser übernahm gelegentlich freie Akteure oder sicherte den Raum, rückte aber meistens dynamisch auf Motta heraus – agierten in ihren typischen Mannorientierungen, die auch Balmont in klarerer und breiterer Form gegen Matuidi praktizierte.

Während die beiden Stürmer etwas asymmetrisch standen, ging Martin leicht zur Seite heraus und verdichtete den Halbraum um Ibrahimovic, den er bei Bedarf recht schnell attackieren konnte. Da Lavezzi dann meistens etwas in die Sturmmitte hereinzog, nahm sich Beria die Freiheit, sehr weit auszurücken und auf den hochstehenden Digne zu achten – dieses Mittel vorschiebender Akteure wurde von Lille generell gerne situativ ein- und dabei oft riskant umgesetzt. Überhaupt war es bei all ihrer Defensivstärke und der recht tiefen Stellung nicht so, dass sie total kompakt agierten – teilweise wurde gar darauf verzichtet, um Nähe am Mann, gute Dynamiken und Optionen für das schnelle Zuschieben von Räumen zu haben.

Auch PSG trug mit ihrer bewegungsintensiven Spielweise und den vielen direkten Läufen ohne Ball, die die Mannorientierungen Lilles knacken sollten, genau zu diesem Zustand bei. Vor allem den zurückfallenden Ibrahimovic wollten dessen Kollegen dabei in verschiedenen Räumen mit verschiedenen Rochaden freispielen. Meistens wurde dabei versucht, ihm Bereiche in der Mitte oder den Halbräumen aufzuziehen, die Motta oder Thiago Silva dann mit direkten und druckvollen Pässen bedienten, ehe der Schwede die Szenen weiter nach vorne trug.

Diese Schnellangriffe hatten dabei meistens einen kleinen Rechtsfokus (nicht jedoch die generelle Spielanlage, wieso PSG sich auch etwas schwerer tat, Digne freizuspielen) – van der Wiel rückte gleichmäßiger auf als Digne, Lucas agierte breiter und klarer als der gerne einrückende Lavezzi und zwei der Mittelfeldakteure zogen tendenziell eher hierhin und unterstützen situativ. Ihr Kollege – dies war jedoch nie Motta – blieb dabei häufig etwas ballfern im anderen Halbraum, wodurch in diesen Situationen einige Male Balmont effektiv gebunden und die Anpassungsfähigkeit der Mannorientierungen ein wenig geschwächt wurde, so dass die eine oder andere Szene resultierte. Auch der Freistoßtreffer von Ibrahimovic zum zwischenzeitlichen 1:0 entsprang aus diesem Bereich.

Lilles Konter

Wegen der Kombination aus Lilles kleineren Lücken und den Schnellangriffen der Hausherren war es ein überraschend offenes Match und besaß – trotz der klaren Ballbesitzverteilungen und den überschaubaren Grundsituationen – immer wieder auch viele unkontrollierte, lückenhafte Räume. Nur selten gab es aufgrund ihrer zurückgewichenen Stellung und den vielen Mannorientierungen saubere Konter für Lille, doch wie auf der Gegenseite waren die wenigen Aktionen direkt sehr gefährlich. Die generellen Voraussetzungen dafür – bestehend aus der flexiblen Offensive mit dem oft auf die Seite weichenden Kalou und den wechselweise nachstoßenden Mittelfeldakteuren – wurden in der Praxis dann auch konsequent und geschickt umgesetzt.

Bei einer offenen Szene durch die Mitte ging das Zentrum gezielt mit, der nach rechts rochierende Kalou wurde vom seitlich nachschiebenden Balmont zur Überladung gegen Digne unterstützt und kam zum Querpass im Strafraum. Diesen erreichte der aufgerückte, von Gueye abgesicherte Mavuba im halblinken Rückraum und erzielte das 1:1 – in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit mit dem ersten Lille-Abschluss der Begegnung. Die doppelte Pärchenbildung erwies sich auch anschließend als sporadisch sehr effektiv.

Fazit

Zusammenfassend lassen sich einige wichtige Grundelemente für den Erfolg und die stabile Defensive von Lille konstatieren: Tiefe Positionierungen und eine gewisse Passivität, hybridartige Rollen in den vorderen Reihen, anpassungsfähige und wechselnde, aber dennoch konsequente Mannorientierungen, geschickte Bewegungen, das Spielen mit Räumen und die teilweise zugelassenen Lücken. Die typischen – und mit letzteren Aspekten zusammenhängenden – Elemente von provozierender Passivität und dem Entschärfen der Chancenqualität, die Rudi Garcia nun in besonderem Maße bei der Roma praktiziert, allerdings auch in Lille schon in Grundzügen installierte, ziehen sich teilweise weiterhin durch und tragen damit als situative Ergänzung ebenfalls etwas zur aktuellen Defensivstärke der Mannschaft bei.

Auch die Statistiken untermauern die Charakteristika des Tabellendritten sehr eindrucksvoll: So blieben sie einerseits – eine unglaubliche Zeitspanne – zwischen dem 15.09. und 08.12. diesen Jahres in der Ligue 1 immer ohne Gegentor, kassierten allerdings sechs ihrer insgesamt 8 Treffer in nur drei Begegnungen. Dass am Ende eines Matches nicht entweder null oder direkt zwei Gegentore zu Buche standen, passierte zum ersten Mal erst vor zwei Wochen.

Erkinho 24. Dezember 2013 um 01:30

„Endlich“ möchte ich fast sagen, aber mir war schon irgendwie klar, dass ihr wohl erst noch auf das PSG – Spiel warten würdet um eine umfassende Erläuterung der Lille’schen Defensivstärke zu posten. Vielen Dank, ein sehr interessanter Artikel.

Ich habe dieses Spiel leider leider verpasst, aber die Ausführungen kann ich im Hinblick auf die vergangenen (gegentorlosen) Wochen genau so unterschreiben, wobei v.a. diese „eigenartigen“ Mannorientierungen + das „Raumspiel“ der aufreizend inkompakten Doggen den meisten Mannschaften der Ligue Un teils nicht unerhebliche Probleme liefern. Einzig im Spiel gegen OM – vor ein paar Wochen – lief man zu oft hinterher (riesige Zwischenlinienräume, schlechte Absicherung) und konnte defensiv eher nicht überzeugen.
Einem grandios aufgelegten Enyeama sei Dank, gewann man sogar, zu null, selbstverständlich.
Später, gegen Bordeaux bekam man dann auch mal wieder ’n Gegentor und auch wenn es etwas glücklich gefallen ist, hatten die Nordfranzosen große Probleme gegen den Ball wenn die Flügel / Halbräume überladen wurden, oder Rochaden zwischen Flügel- und Zentrumsspieler eingeleitet wurden. 4-3-1-2 halt.

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