Donnerstag, 08.12.2016

Türchen 21: Neymar

Bei diesem Adventskalendertürchen geht es weniger um die mediale Einschätzung als um die Einschätzung des Otto-Normal-Fußballverbrauchers. Denn obwohl Neymar von den Medien hochgejubelt wurde, so galt er für viele als maßlos überschätzt. Vor dem Confederations-Cup gab es noch einen breitflächigen Grundtenor in der Meinung über Neymar: Ein Schönspieler, der nur in Brasilien seine Leistung auf diesem vermeintlichen Niveau abrufen kann. Der kommende Robinho. Für den FC Barcelona ein fast sicherer Flop. Unabhängig davon, dass auch Robinho etwas falsch eingeschätzt wird, zeigte Neymar beim FC Barcelona bislang und zuvor beim Confederations-Cup tolle Leistungen.

Trotzdem wird er weiterhin falsch eingeschätzt. Wieso? Er gilt noch immer als Spieler, der sich vorrangig über sein Dribbling definiert. Seine taktische Vielfalt wird dabei oft übersehen.

Der Gruppentaktiker

Insbesondere in der Gruppentaktik ist Neymar herausragend. Er ist sehr gut in der Positionsfindung und kann sich auch in schnellen und komplexen Situationen freilaufen. Dabei profitiert er natürlich von seiner Dynamik. Da er einen extrem guten Antritt hat, kann er sich schneller in die offenen bzw. anspielbaren Räume bewegen als sein Gegenspieler. Allerdings bringt Freilaufen allein natürlich auch nichts. Wenn ich zur Trainerbank sprinte, werde ich auch nicht mehr von einem Gegenspieler verfolgt werden (dafür aber vielleicht vom Trainer).

Diese grundlegenden Voraussetzungen und vorhandenen Fähigkeiten werden von Neymar dann häufig abgerufen und sinnvoll umgesetzt . Er könnte sich aufgrund der erwähnten Dynamik nicht nur theoretisch sehr gut freilaufen, sondern tut es meist auch. Dabei hat er ein starkes Gespür dafür, wie weit er sich freilaufen muss, um anspielbar zu sein – selbst in engen Räumen. Zusätzlich verfügt er über das technische und athletische Rüstzeug um selbst in und aus diesen Engen heraus gefährlich zu sein. Schnelle Kombinationen in engen Räumen sind dadurch umsetzbar.

Hier reagiert Neymar schnell auf die Pressingeroberung, erkennt seine vorteilhafte Position und zieht nach vorne. Villareal weicht zurück, Neymar lässt auf links prallen, der Rechtsaußen rückt ein. Die Aktion wird aber ungenau beendet.

Hier reagiert Neymar schnell auf die Pressingeroberung, erkennt seine vorteilhafte Position und zieht nach vorne. Villareal weicht zurück, Neymar lässt auf links prallen, der Rechtsaußen rückt ein. Die Aktion wird aber ungenau beendet.

Diese spielerische Qualität und seine Dynamik nutzt er auch, wenn er selbst als der ballführende Akteur konkrete gruppentaktische Positionierungen in den Stellungen des Gegners bespielt. Neymar ist zum Beispiel einer der wenigen Spieler, die Deckungsschatten aufreißen können. Öfters hat er Pässe in seinem Spiel, wo der Passweg zu seinem Mitspieler versperrt ist. Neymar startet dann einen Lauf, umkurvt seinen Gegenspieler und spielt dann zum Mitspieler aus einem anderen Winkel oder er zieht den Ball schnell zur Seite und spielt mit minimalem Abstand einen diagonalen Pass am Gegner vorbei.

Eigentlich ein sehr einfacher Pass - und Neymar macht ihn sehr schwierig, lässt ihn aber einfach wirken und er wird sehr effektiv. Viele Spieler hätten hier einfach dem Rechtsaußen in den Fuß gespielt oder ihn sofort länger geschickt. Neymar erkennt aber nicht nur die Fehlstellung des halblinken Innenverteidigers, sondern auch dessen Rückwärtsbewegung. Er spielt den Ball entlang der eingezeichneten Linie sehr knapp vorbei und in eine tolle Position. Tor!

Eigentlich ein sehr einfacher Pass – und Neymar macht ihn sehr schwierig, lässt ihn aber einfach wirken und er wird sehr effektiv. Viele Spieler hätten hier einfach dem Rechtsaußen in den Fuß gespielt oder ihn sofort länger geschickt. Neymar erkennt aber nicht nur die Fehlstellung des halblinken Innenverteidigers, sondern auch dessen Rückwärtsbewegung. Er spielt den Ball entlang der eingezeichneten Linie sehr knapp vorbei und in eine tolle Position. Tor!

Generell sind solche Situationsveränderungen ein oft unterschätzter Bestandteil von Neymars Spielweise. Auch in seine Dribblings baut er immer wieder Richtungswechsel ein, um sein Sichtfeld zu drehen und Zugriff auf andere Zonen zu bekommen. Das mag vielleicht manchmal wie bei einem klassischen Flügeldribbler wirken, hat damit aber wenig zu tun. Neymar ist nicht nur spielerisch, sondern auch taktisch eine lebende Überraschung.

Der Pressingspieler

Eine Überraschung für manche Betrachter dürfte auch sein, dass Neymar sich defensiv hervorragend zeigt. Bislang überzeugt er beim FC Barcelona nämlich nicht nur mit dem Ball, sondern auch in der Arbeit dagegen. Und auch hier definiert er sich nicht über seine Athletik und seine Schnelligkeit, sondern setzt diese intelligent ein. Immer wieder kann er mit schnellen Anpassungen seines Laufwegs den Gegner vor Probleme stellen, Passwege zusperren und Bewegungen in seinem Rücken neutralisieren.

Hier ist Neymar etwas eingerückt im Pressing und steht zentral. Schon kurz darauf ...

Hier ist Neymar etwas eingerückt im Pressing und steht zentral. Schon kurz darauf …

... presst er auf dem Flügel, wird fast überspielt, doch reagiert sehr schnell, spitzelt den Ball weg und kann ins Laufduell gehen.

… presst er auf dem Flügel, wird fast überspielt, doch reagiert sehr schnell, spitzelt den Ball weg und kann ins Laufduell gehen.

Dank seiner Schnelligkeit lässt er dem Gegner natürlich auch sehr wenig Zeit. Wenn man wegen Neymars Läufen zögert und mit dem Abspiel wartet, dann ist Neymar plötzlich schon da und attackiert. Hier zeigt sich wieder die Symbiose zwischen Athletik und Spielintelligenz, die Neymar auch defensiv verkörpert.

Und nicht nur im Pressing sieht man das. Auch im Rückwärtspressing ist der Brasilianer sehr engagiert. Wenn Neymar überspielt wird, dann bleibt er nicht vorne stehen, sondern sprintet sofort nach hinten, geht auf seine Position und hilft hinten mit. Das Besondere dabei ist, dass er sich nicht nur am gegnerischen Außenverteidiger orientiert, sondern sich teilweise auch zum Doppeln nach hinten bewegt und zum eigenen Außenverteidiger gesellt. Dies ist allerdings kein normales Doppeln, wie man es gegen dribbelnde Flügel des Gegners kennt. Stattdessen macht Neymar dies sehr situativ und doppelt mit dynamischen Zurückfallbewegungen an gerade passenden Orten, weshalb er häufig viel weiter einrückt als beim bekannten, üblichen Doppeln. Durch seinen „Rückweg“ eilt der Brasilianer häufig von hinten heran und kann dementsprechend dabei den Deckungsschatten effektiv nutzen.

Hier unterstützt Neymar gegen Betis seinen Mitspieler, stellt den Gegner zu, rückt von seiner Position ein und verhindert ein Anspiel durch den Deckungsschatten.

Hier unterstützt Neymar gegen Betis seinen Mitspieler, stellt den Gegner zu, rückt von seiner Position ein und verhindert ein Anspiel durch den Deckungsschatten.

Zusätzlich ist das Rückwärtspressing in gewisser Weise auch mit einer anderen Art Mentalität als beim Pressing verbunden. Beim normalen Pressing steht die Jagd nach dem Ball in einer hohen Zone mit hoher Erfolgsaussicht auf einen Angriff im Falle einer Balleroberung im Vordergrund. Das Rückwärtspressing hingegen bedeutet Arbeit nach hinten im wahrsten Sinne des Wortes, ist auf kaum einer Position ein wirkliches Muss und benötigt großes Timing und viel Aufwand, damit es erfolgreich ist. Doch Neymar bringt selbst in dieser etwas „kämpferischen“ Pressingweise große Fähigkeiten mit.

Ähnliches ist beim Gegenpressing der Fall, wo er auch sehr gut ist. Beim Gegenpressing ist nicht nur eine gute Bewegung und Schnelligkeit gefragt, sondern auch das sofortige geistige Abschließen mit der vorher fehlgeschlagenen Szene, eine sofortige Reaktion auf die neue Situation und ein intensiver Sprint zum Ball. Frustrationslevel = Null. Eine echte Kämpfernatur, dieser dürre brasilianische Junge. Ersteres lässt sich übrigens bereits an den ganz neutralen Bewegungsabläufen ohne Situationsbezug und jener Dürrheit ablesen.

Neymar holt sich nach einem Ballverlust sofort den Ball wieder

Neymar holt sich nach einem Ballverlust sofort den Ball wieder

Damit haben wir mit allen Vorurteilen gegenüber Neymar aufgeräumt. Er ist kampfstark, laufstark, engagiert in der Defensive und taktisch nicht nachteilig, sondern kann seine Fähigkeiten in der Gruppentaktik perfekt einbringen, um die gegnerische Taktik zu zerstören, ohne der eigenen zu schaden. Somit kann man konstatieren, dass … oh, eine Sache bleibt ja noch.

Der Kombinationsfußballer

Zur Weihnachtszeit und dem bevorstehenden Heiligabend (schon alle Geschenke gekauft?) müssen wir uns natürlich mit dem Ego beschäftigen. Neymar gilt/galt ja als eigensinniger Fußballer, als selbstfokussierter Dribbler, dessen Stärken im Spiel mit dem Ball und nicht mit den Mitspielern liegen. Diese vermeintliche Egomanie wollen wir zur Weihnachtszeit ablegen. Neymar ist nämlich ein sehr selbstloser Fußballer, der zwar in seinen Dribblings oft mit vielen Showeffekten und Spektakel agiert, diese Dribblings aber nicht rein für diesen Zweck einsetzt.

Die ultimative Kombination von Spektakel und Effektivität: Neymar tunnelt in der unmöglichen Situation einfach beide Spieler und erkennt den freien Raum am zweiten Pfosten. Tor!

Die ultimative Kombination von Spektakel und Effektivität: Neymar tunnelt in der unmöglichen Situation einfach beide Spieler und erkennt den freien Raum am zweiten Pfosten. Tor!

Insbesondere in den letzten eineinhalb Jahren und seit seinem Wechsel zum FC Barcelona hat sich seine Entscheidungsfindung extrem verbessert. Auch die Statistik untermauert dies. In 8 von 10 Spielen von Beginn an legte er ein Tor auf. In 28 Pflichtspielen kommt er bislang auf 14 Tore und 16 Vorlagen; ebenfalls sehr mannschaftsdienlich und natürlich auch alles andere als ineffizient.

Selbst gegen tiefstehende Gegner kann sich Neymar durchkombinieren. Nur wenige Spieler können das, weswegen Neymar auch so gut ins Spiel der Katalanen passt. Wieder kehren wir zur vorherigen Mischung aus Athletik, Technik und Intelligenz zurück. Dieses Mal müssen wir aber keine Bilder und Worte für uns bzw. Neymar sprechen lassen. Ein Video macht das perfekt.

Neymar ermöglicht die Situation, bespielt die Enge hervorragend und präzise, wodurch er dann zum Abschluss kommt. Lässig.

Fazit

Wir haben Glück, dass Weihnachten im Dezember ist. Ansonsten wäre der Adventskalender wohl schon zu spät, denn Neymar straft nun schon seit ein paar Monaten seine Kritiker fast Woche für Woche Lügen. Immer wieder führt er sämtliche vorherigen Vorurteile an ihm ad absurdum und überzeugt mit tollem Passspiel, engagierter Defensivarbeit, Spielintelligenz und Effektivität.

CF 26. Dezember 2013 um 14:43

Du schreibst aber auch das Neymar einer der wenigen Spieler ist die Deckungschatten aufbrechen können. Da szimme ich dir nicht ganz zu. Viele Teams spielen ja heutzutage mit Deckungschatten und diese Deckungsschatten sind je nachdem wo und wie sie eingesetzt werden mit bestimmten Bewegungs und Verhaltensmustern zu bespielen. Deshalb gibt es aus meiner Sicht mehrere Spieler die durch kleine Bewgunegn den Deckungsschatten verrücken und dann durch die Lücke spielen. So aht gerade z.B Evans gegen Hull den Deckunsschatten von Livermoore bespielt in dem er durch ein bestimmtes Bewgungsmuster Livermoore zu einer Handlung und somit zur verschiebung des Deckungsschatten gezwungen.

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RM 26. Dezember 2013 um 15:00

Naja, er öffnet den Deckungsschatten und verändert ihn, spielt aber nicht direkt hinein, oder? Darum geht’s ja.

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CF 26. Dezember 2013 um 15:24

Evans verändert den Deckungsschatten durch seine Bewgung und spielt dann direkt hinein. Neymar agiert bei öffnen und bespielen natürlich anders aber es gibt aus meiner Sicht mehrere Spieler deíe Deckungsschatten bespielen.

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RM 26. Dezember 2013 um 15:49

Natürlich, aber er spielt ja dort nicht hinein. Durch seine Bewegung verändert sich der Deckungsschatten doch? Geht er Richtung links, dann dreht sich der Deckungsschatten auf rechts und macht den Passweg auf, wohin man hinein spielen kann. Neymar kann das ohne eine positionelle Änderung durch eine Finte machen, was ich schon sehr besonders finde.

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CF 26. Dezember 2013 um 19:48

Genau sie bespielen den Deckungsschatten anders, wobei Neymars Ausführung schwerer und dementsprechend seltener ist. Da gibt es nur sehr wenige Spieler.
Die Frage ist nur inwieweit Neymars Ausführung sich von dem Effekt vond er von Evans unterscheidet. Wahrscheinlich spart dei Variante von Neymar Zeit, welche die Anpassungen der Gegner an die neue Dynamik schwerer macht.

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CF 2. Januar 2014 um 18:37

Ein Spieler der Deckungsschatten so bespielt wie Neymar ist übrigens Pastore. Hatte gerade gegen Real eine überragende Szene wo er den Deckungsschatten von Isco bespielt hat.


CF 25. Dezember 2013 um 22:54

Ist echt ein geiler Spieler und stark eingeschätzt. Er ist auch sehr wertvoll für Teams die mit vielen Überladungen spielen. Er kann entweder mit überladen und dort seine Stärken zeigen. Ist aber auch ein guter durch Überladung entstandenen Raum nutzender Spieler. Macht deshalb nochmal extra Sinn bei Barca.

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georg 22. Dezember 2013 um 15:31

wenn man bedenkt dass bayern statt götze neymar hätten kaufen können!? Uihh… ich denke dass der neymar mit pep bei bayern echt super stark wäre! Götze ist natürlich noch nicht bei 100% aber ich glaub neymar ist vom spielertyp besser als götze. naja, barca wird ihn jetzt sicher nicht mehr hergeben…

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nifan 22. Dezember 2013 um 16:59

Ich denke nicht, dass Neymar zu Bayern gewollt hätte, außerdem wäre den Bayern der Deal zu riskant. Es hieß ja auch Real Madrid hätte mehr gezahlt, trotzdem ist er zu Barca. Wobei man natürlich nie weiß, was davon jetzt stimmt und was nur Propaganda oder Gerücht ist…

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Razor 22. Dezember 2013 um 17:27

Neymar ist sicherlich ne Bereicherung für jedes Team aber ob ein Vergleich mit Götze sinnvoll ist sei dahingestellt.
Beide besitzen natürlich Weltklassefähigkeiten; technisch extrem versiert, Nadelspielerfähigkeiten, sehr stark im Kominationsspiel und ein tolles Gefühl für Defensivmechanismen.
Was sie aus meiner subjektiven Meinung heraus unterscheidet: Götze´s strategische Fähigkeiten sind ausgereifter. Finde es unglaublich wie schnell er in unglaublich engen Räumen die richtige Entscheidung treffen kann und es so schafft das der Ball weiterzirkuliert. Auf diesem Niveau können das nur sehr wenige.
Neymar bewegt sich natürlich auch grandios in engen Räumen; er unterscheidet sich vielleicht etwas dadurch dass seine Aktionen im letzten Drittel vielleicht einen etwas finaleren Charakter (mehr Schnittstellen-Läufe/finale Pässe). Hängt allerdings natürlich auch mit den verschiedenen Rollen die beide in den jeweils unterschiedlichen Systemen ausfüllen.
Eine Sache noch: Götze bespielt gegnerische Strukturen eher und Neymar reißt diese mit seinen Aktionen eher auf 😀

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king_cesc 22. Dezember 2013 um 12:42

Ich wusste es 😀
Danke für das geniale Türchen.

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pfalzmeister 21. Dezember 2013 um 21:53

Ihr habt gestern und heute vergessen die neuen Türchen auf FB zu verlinken.

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