Raja Casablanca – Atletico Mineiro 3:1

Das zweite Halbfinale der diesjährigen Klub-Weltmeisterschaft wurde zum Schlagabtausch zwischen zwei Spielideen. Der Außenseiter Raja Casablanca blieb geduldig, diszipliniert und gefährlich nach Balleroberungen. Damit kam der Copa-Libertadores-Sieger Atletico Mineiro nicht immer zurecht und verlor das Spiel im Stade de Marrakech.

Grundausrichtungen

Eigentlich sollte sich diese Analyse in erster Linie um den antizipierten Finalgegner des FC Bayern München drehen. Allerdings wurde Atletico Mineiro seiner Favoritenrolle nicht unbedingt gerecht und verlor am Ende umstritten, aber nicht ganz unverdient gegen die Umschaltwahnsinnigen aus Casablanca.

Die Dramaturgie der Partie ergab sich relativ schnell. Mineiro versuchte über viel Dominanz und kontrolliertem Spielaufbau die individuell starken Offensivkräfte in Stellung zu bekommen und den Gegner damit in die Knie zu zwingen. Die Mannschaft von Trainer Cuca trat in einer Mischung aus 4-2-3-1 und einem kompakteren 4-3-3 auf. Altmeister Ronaldinho ist die Schaltzentrale beim Team aus Belo Horizonte. Allerdings lebt der mittlerweile 33-Jährige nicht mehr von dieser Raumdynamik. Vielmehr versucht er sich bei Mineiro als strategischer Ballverteiler und konstante Anspieloption. Innerhalb der Formation agierte er bei tieferem Ballbesitz selten auf der Höhe der nominellen offensiven Außen. Er stand auch gegen Casablanca in vielen Fällen näher an der Doppelsechs. Insgesamt ergab sich bei der Verknüpfung Ronaldinhos mit dem restlichen Team ein gewisser Problemfaktor, der noch erläutert wird. Zentraler Stürmer war Jo. Über die Außen kamen die sehr offensiv eingestellten Fernandinho und Diego Tardelli. Gerade Letzterer zog immer wieder ins Zentrum und versuchte da entweder sich in Kombinationen mit Ronaldinho einzufügen oder als zweite Anspielstation im Strafraum zu fungieren.

Grundformation

Grundformation

Auffällig war bei Mineiro die besondere Rolle der Außenverteidiger, die hoch standen und frühe Attacken auf die gegnerischen Außen forcierten oder sich sehr mannorientiert zurückzogen. In der Anfangsphase ergab sich bei den Brasilianern häufiger eine situative Dreierkette, indem der ballferne Außenverteidiger weit einrückte, während sein Pendant auf der anderen Seite gegen den marokkanischen Ballführenden extrem herausrückte.
Der eigentliche Gastgeber aus Casablanca war in erster Linie auf Kompaktheit und gute Raumverdichtung bedacht. Die Marokkaner, die in einer Mischung aus 4-2-3-1 und 4-4-2 agierten, erschienen in ihrer Aufteilung zuerst sehr wild. Sie zogen sich gegen den Ball weit zurück, attackierten selbst Mineiros Sechser beim höheren Spielaufbau nicht und versuchten mit einem kompakten Block vor der eigenen letzten Reihe viele Passoptionen für Ronaldinho und Co. zu verbauen. Allerdings rissen sie durch einige herausrückende Bewegungen wiederum neue Lücken im eigenen Verbund und in der ersten halben Stunde konnte Atletico gut ins letzte Drittel gelangen und auch dort noch einige Kombinationen initiieren.

Casablancas Umschaltstrategie

Bereits in der ersten Halbzeit wurde mit zunehmender Dauer der Partie klar, dass Raja nicht ausschließlich das mehr oder weniger erfolgreiche Versperren des eigenen Strafraums im Repertoire hatte. Vielmehr begannen die Marokkaner nach einer gewissen Phase mit starken Umschaltaktionen nach Balleroberungen. Mineiro war längst nicht ballsicher genug, um nicht doch den einen oder anderen Turnover zulassen zu müssen. Daraufhin schaltete Casablanca mit höllischem Tempo um. Gerade Linksverteidiger Adil Karrouchy stach in diesem Zusammenhang hervor. Er zockte ein paar Mal und sprintete schnurgerade in die Vertikalen, um am Ende an der Abseitsgrenze auf Schnittstellenzuspiele zu hoffen, die auch hin und wieder kamen. Zudem konnte die Heimmannschaft über Stürmer Mouhssine Iajour einige Bälle weiter vorn fest machen und Zeit für Nachrückebewegungen gewinnen. Insgesamt fiel auf, dass sich Mineiro im Zentrum, speziell im eigenen Sechserraum, einige Male eher passiv verhielt und beispielsweise auch die Verteidiger auf eine konstante Kettenbildung fokussiert waren. Die Mannorientierung beziehungsweise Manndeckung löste sich schnell mit Ausweichbewegungen von Iajour und anderen auf. Zudem war die eigene rechte Seite nicht gut aufgeteilt, sodass sich Rocha mehrmals in Unterzahl gegen die anstürmenden Marokkaner erwehren musste.

Schlussendlich war die 1:0-Führung Casablancas in der 52. Minute auch eine schnelle Umschaltsituation, die Iajour vollenden konnte. Wenige Stationen genügten Raja, um bis zum brasilianischen Strafraum vorzudringen. Dieses Muster sollte sich in der zweiten Halbzeit noch wiederholen. Gerade Iajour konnte mit guten Raumbewegungen, zumeist noch links, entweder Räume öffnen oder sich von der Bewachung Silvas lösen. Der 28-Jährige machte einen sehr agilen Eindruck und passte perfekt als Speerspitze zu Casablancas zentraler Spielidee. Zudem bearbeitete Kapitän Mouhssine Moutouali die rechte Außenbahn intensiv. Gerade nach Balleroberungen überlief er aus einer tiefen Position heraus häufiger Lucas Candido, zog tendenziell etwas in die Mitte und hoffte auf Zuspiele für direkte Torabschlüsse. Casablancas Umschaltspiel war weniger von taktischer Finesse geprägt und vielmehr auf die hohe individuelle Geschwindigkeit der Offensivakteure ausgelegt. Zudem erkannte die Mannschaft von Trainer Faouzi Benzarti, dass Mineiro die Konsequenz in der zentralen Zone vor der Abwehr fehlte, wo sich Iajour hinein bewegte oder auch Moutouali diagonal einlief, um sich an die schnellen Ballweiterleitungen zu beteiligen.

Mineiros Abstimmungsprobleme

Nach dem 1:0 der Marokkaner brachte ein direkter Freistoßtreffer Ronaldinhos den Copa-Libertadores-Sieger wieder in die Spur. Allerdings blieb augenscheinlich, dass es Mineiro im Spielaufbau sowie in höheren Räumen an der Abstimmung mangelte. Den Spielaufbau übernahmen entweder die beiden Innenverteidiger, die aber in erster Linie lange Bälle und tiefe, flache Zuspiele zu den Außenverteidigern im Werkzeugkoffer hatten. Der Ex-Wolfsburger Josue lief häufiger näher zu Rever sowie Silva und wollte den ersten Ball übernehmen. Casablanca verzichtete, wie bereits erwähnt, auf intensives Pressing und formierte sich eher passiv-kompakt. Somit gingen Josue wie auch Pierre die Optionen für vertikale Zuspiele aus. Zudem war gerade der Ex-Wolfsburger wenig dynamisch und hatte selten Aktionen, wo er Situationen durch eigene Vorstöße auflösen konnte. Das wurde noch auffälliger, als er nach nicht einmal einer Stunde durch Leandro Donizete ersetzt wurde und dieser im Rücken Ronaldinhos mehr Agilität und Zug nach vorn einbrachte. Trotzdem blieb der Spielaufbau oftmals behäbig, ohne öffnende Pässe oder raumöffnende Läufe einzuflechten, die das enge Netz Casablancas allzu stark gefährden. Meist waren es individuelle Aktionen, die Gefahr brachten. Und eigentlich verfügt Mineiro genau über die richtigen Akteure in der Offensive. Allerdings ergaben sich zwischen Ronaldinho und seinen Kollegen sichtbare Rhythmusunterschiede. Der 33-Jährige nahm zahlreiche Mal den Ball irgendwo zentral in der gegnerischen Hälfte auf und war im Anschluss dazu gezwungen sofort einen längeren Vertikalball in Richtung Tor zu spielen. Seine Mitspieler wirkten in vielen Phasen sehr torfokussiert und boten sich selten für Kombinationsstafetten an. Ronaldinho blieb ohne großes eigenes Tempo rund fünfundzwanzig Meter vor dem Tor Casablancas, während sich seine Mitspieler tendenziell von ihm weg bewegten und anscheinend nur auf das eine geniale Zuspiel warteten. Auch der sehr engagierte Flügelspieler Fernandinho vermochte sich nicht so intensiv in Kombinationen einzuschalten und war auf Eins-gegen-Eins-Situationen auf dem Flügel in Richtung Tor konzentriert.

Das Ausscheiden der Brasilianer ist dann kurz erzählt. Rever foulte angeblich Iajour in der 83. Minute. Den umstrittenen Elfmeter verwandelte Moutouali. Vianney Mabide schloss in der Nachspielzeit einen schnellen Konter ab. Vorher waren sich Mabide und Moutouali nicht einig, wer den finalen Torschuss setzen sollte. Der Kapitän schnappte seinem Mitspieler den Ball vom Fuß und lupfte von der Strafraumkante über Victor nur an den Querbalken. Den Nachschuss verwandelte Mabide.

Fazit und Ausblick

Mineiro war in der Anfangsphase spielbestimmend und konnte auch mit hohem Pressing den Gegner teilweise sehr stark einkreisen und zu Schlägen im Spielaufbau zwingen. Allerdings blieben zählbare Treffer aus. Vielmehr konnte Raja nach rund einer halben Stunde die ersten vielversprechenden Umschaltsituationen initiieren, überzeugte aber auch partiell im dosierten offensiven Passspiel in der gegnerischen Hälfte. In der zweiten Halbzeit blieb diese relativ offene Konstellation bestehen. Mit dem besseren Ende für die Marokkaner.
Casablanca lebt einerseits von einer eher passiven Defensivformation, die es mit disziplinierter und läuferisch aufwendiger Raumverdichtung versucht. Allerdings rissen auch gegen Mineiro immer wieder Lücken im Konstrukt, sodass der Gegner auch zu Möglichkeiten kam. Mit einer viel stärkeren Passzirkulation, wie sie von Bayern München bekannt ist, sollte es Casablanca schwer haben, die Passwege konsequent zu attackieren und gleichzeitig innerhalb der Mannorientierung keinen Gegenspieler frei in gefährliche Zonen gelangen zu lassen.

Im Gegenzug legt Raja ein hohes Tempo im Umschaltspiel an den Tag. Allerdings sind die vertikalen Läufe häufiger gefährlich und nicht optimal abgesichert. Mineiro konnte aufgrund eines Mangels an Balleroberungen kein Kapital daraus schlagen. Es bleibt sogleich die Frage, inwieweit Casablanca im Finale gegen die Bayern dieses riskante Mittel wählen wird. Nach den Siegen gegen Auckland, Monterrey und Mineiro wartet jetzt ein anderer Brocken auf den amtierenden marokkanischen Meister und Pokalsieger.

Zagłębie rules 19. Dezember 2013 um 23:37

Raja ist die Überraschung dieses Turniers. In allen Spielen sehr geduldig und diszipliniert. Ein Team dass genau weiss was es kann und was nicht. Den souveränen CAF Sieger Al Ahly und Monterrey hatte ich wesentlich stärker eingeschätzt. Wobei Monterrey m.E fast eine Klasse stärker war als die Brasilianer. Wie Mineiro die Copa Libertadores gewinnen konnte ist mir absolut schleierhaft. Der Mannschaft fehlte es doch an Allem. Ich hatte trotz der hohen Ballbesitz Werte nie den Eindruck dass die das Spiel gewinnen könnten. Raja wird gegen Bayern vermutlich wieder genau mit der selben Taktik agieren. Mit diesem Verzicht auf Pressing hatten sie Erfolg. Warum sollten sie ihre Taktik ausgerechnet gegen das Stärkste Team im Turnier aufgeben? Und wenn Sie ihr Vertikal Spiel durchbringen könnten sie durchaus auch Bayern erschrecken.

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Burkina Faso Zwei 19. Dezember 2013 um 11:59

Danke für den interessanten Artikel, Tobias. Man wird wohl davon ausgehen dürfen, dass Guardiola seine Mannschaft (wie immer) seriös und kompetent auf den letzten Gegner dieses Jahres einstellen wird. Ich rechne mit einem klaren Sieg der Bayern mit mindestens drei Toren Differenz. In puncto Ballzirkulation und Gegenpressing sind sie einfach zu stark, um von den Marokkanern gefährdet zu werden. Gehe davon aus, dass sie mehrfach ins offene Gegenpressing-Messer laufen werden.

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CF 19. Dezember 2013 um 16:49

Guardiola hat sich meiner Meinung nach auch gegen das Team von Lippi gut vorbereitet. Denke schon das er sich auch diesmal gut vorbereiten wird.

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