Türchen 17: Per Mertesacker

Nicht hinter allen Fehleinschätzungen, die Fußballspieler erdulden müssen, liegen tiefgehende Gründe. Manchmal hat die falsche Einschätzung wenig mit dem Verhalten auf und außerhalb des Platzes zu tun, sondern mit äußerst profanen Dingen. Dem Aussehen beispielsweise. Oder der Körpergröße. Letztere wird Per Mertesacker zum Verhängnis. Viele Fußballfans sehen in dem 1,98m großen Hünen vor allem einen großgewachsenen, etwas schlaksigen Verteidiger. Doch Mertesacker hat noch viel mehr zu bieten als nur seine Körpergröße.

Spielstärke vs. Aussehen

Wenn die Qualitäten eines Spielers eingeschätzt werden, spielen Vorurteile oftmals eine große Rolle. „Der ist klein, der muss doch ein guter Techniker sein“, „der ist groß, der ist sicher langsam und staksig“ sind zwei Urteile, die man häufig hört. Dass die Realität wenig mit diesen Vorurteilen gemein hat, wird immer wieder deutlich. Niemand würde schließlich behaupten, Zlatan Ibrahimovic sei nicht beweglich oder Philipp Lahm könne keine Zweikämpfe führen.

Bei Per Mertesacker trifft das klassische Vorurteil „groß gleich staksig“ zumindest teilweise zu. Er ist in der Tat nicht der beweglichste Fußballer der Welt. In manchen Situationen fehlt ihm die Koordination, bspw. wenn sein Gegenspieler während eines Dribblings schnell die Richtung wechselt. Schnelle Richtungswechsel sind nicht seins. So sehen gerade seine Fouls des Öfteren unglücklich ist. Allerdings macht Mertesacker dieses Defizit durch sein starkes Timing beim Tackling wett. Wir reden hier immerhin über einen Spieler, der in der vergangenen Saison in 34 Liga-Einsätzen gerade einmal 12 Fouls begangen hat.

Leider bleiben einzelne Fehler stärker hängen als der Gesamteindruck. Mertesacker gilt deshalb in manchen Kreisen als „grobmotorisch“, was aber nur bedingt zutrifft. Im Gegensatz zum Stereotyp eines großen Spielers verfügt Mertesacker über eine feine Technik, sowohl in der Ballannahme und -mitnahme als auch im Passspiel. Spielschwach und kopfballstark – lange Zeit war dies das Vorurteil gegen hochgewachsene Verteidiger.

Der Meister des simplen Passes

Mertesacker ist allerdings ein Meister des simplen Passes. Selten spielt er komplizierte Diagonalpässe oder schlägt den Ball hoch nach vorne, fast immer wählt er den einfachen, flachen Pass. Mertesacker beherrscht diesen aber wie kaum ein zweiter Verteidiger auf der Welt. Seine Anspiele kommen fast immer an, meistens erhalten seine Mitspieler das Zuspiel sogar in den passenden Fuß.

Dementsprechend hoch ist Mertesackers Passgenauigkeit (91,5%). In den Top-Fünf-Ligen Europas kommen nur vier Innenverteidiger auf höhere Werte: Die Barca-Spieler Pique (92,3%) und Marc Bartra (93%) sowie Alex (93,8%) und Thiago Silva (92,6%) von Paris St. Germain. Es ist demzufolge keine Überraschung, dass Mertesacker gerade bei Arsenal spielt – einem ballbesitzorientiertem Team, das fast ausschließlich auf die flache Spieleröffnung setzt.

Auch in der Nationalmannschaft wird Mertesackers Rolle manches Mal falsch eingeschätzt. Polemische Kommentatoren sehen in ihm den „altmodischen“ Gegenpol zum „modernen“ Spielgestalter Mats Hummels. Tatsächlich sind die beiden sich in ihren Bewegungsabläufen nicht unähnlich. Im Spielaufbau verfügt Hummels zwar über mehr Kreativität und die größere Reichweite, gerade in der Nationalelf ist dies aber nicht primär gefragt. Hier passt Mertesacker mit seinen simplen, aber effektivem Kurzpassspiel perfekt hinein.

Man muss diesen Artikel mit demselben Appell beschließen, den wir in jedem unserer Adventskalender-Beiträge bringen: Man sollte sich die Stärken und Schwächen von Fußballern differenziert betrachten. Nur weil Mertesacker manches Mal dem Stereotyp des großen, staksigen Verteidigers entspricht, bedeutet das nicht, dass er in anderen Aspekten kein spielstarker, moderner Innenverteidiger sein kann. Vielleicht sehen dies die Fans von Arsenal auch eines Tages so und singen „We have a big fucking German with good passing skills“.

HK 15. Dezember 2014 um 15:32

Da ist der Gute aber erstaunlich kurz abgehandelt worden.
Er ist einer dieser Spieler deren Qualitäten man dann erkennt, wenn sie nicht mehr da sind. Siehe Nationalmannschaft. Die zwei Jahre bis zur EM hätte er noch gut spielen können und vmtl. auch mehr Einsätze bekommen als man es sich so gemeinhin gedacht hätte.

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Ostkreuzkicker 20. Dezember 2013 um 13:59

Ach Leute ich weiß nicht… Mir ist das ein bisschen zu viel Honig um Mertes‘ Mäulchen!

Man mag ihm einige Qualitäten bescheinigen und ihn als ganz guten IV durchgehen lassen – er hat einfach einen großen, eckigen Körper, an dem sich Stürmer 90 min. wehtun. Aber in Sachen Spieleröffnung habe ich bei ihm immer ein ganz ungutes Gefühl.

Meiner Beobachtung nach lässt er sich beim Spielaufbau immer sehr weit – gern auch mal Richtung Eckfahne – fallen und für mich wirkt das so, als hätte er Angst, bei Druck durch einen nahen Gegenspieler den Ball nicht schnell genug verarbeitet zu kriegen. Damit steht er gern mal in Positionen, wo er Abseitsstellungen unmöglich macht.

Ich habe auch ein Turnier im Gedächtnis, weiß aber nicht mehr, welches es genau war (2010?), wo die Gegner recht wirkungsvoll – ich glaube – Arne Friedrich zugestellt haben und Per unbehelligt bis über die Mittellinie marschieren ließen, weil sie sicher sein konnten, dass er da keinen Schaden anrichtet.

Bei einem Hummels würde das nicht passieren. Zugegeben hatte der zuletzt nicht seine stärkste Phase, aber eine gewissen Verunsicherung würde ich auch auf Löws Antipathie (gegen ihn und den BVB insgesamt, wenn ich nur an die fragwürdigen Personalien vorm Spitzenspiel denke) und das öffentliche Bashing zurückführen. Ihm wurden bei einigen schlechteren Spielen Fehler angekreidet, die bei genauerer Betrachtung sogar von Merte provoziert worden waren.

Und bei aller Lobhudelei kann man im Artikel ruhig mal erwähnen, dass der Per einen Antritt wie ne Dampflok hat…

Wenn wir schon über öffentliche Fehleinschätzungen reden, wie wäre es denn mit folgender: „Mertesacker ist ein besonders intelligenter, reifer Spieler und ein Leader-Typ.“ Nix davon.

Soweit meine bescheidene, ganz subjektive Meinung – jetzt gebt mir saures! 😉

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Forentroll 18. Dezember 2013 um 10:50

Jungs, es fällt mir immer wieder auf: LEST EURE ARTIKEL KORREKTUR. In jeder Deutscharbeit würdet ihr durchfallen. Wirklich anstrengend. Das ist nicht pingeliges Gemeckere, sondern der Anspruch, dass ihr euch in euren Beiträgen an die Regeln der deutschen Sprache haltet, grammatikalisch sowie lexikalisch. Machbar, oder?

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TE 18. Dezember 2013 um 12:25

Mich würde wirklich interessieren, wo genau in diesem Beitrag die zahlreichen Fehler sein sollen.

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sharpe 18. Dezember 2013 um 10:16

Merte hat sich meiner Meinung in den letzten Jahren noch mal enorm gesteigert, gerade was das antizipieren betrifft. Dadurch hat er ein überragendes Stellungsspiel, lässt sich nur noch sehr selten ausspielen und strahlt unglaubliche Ruhe aus. Vor einem Jahr war für mich Hummels und Boateng die IV der N11. Aktuell hat Merte Hummels den Rang abgelaufen. Wenn Hummels wieder in Topform ist, kann Löw unter 3 absoluten Top-IV wählen.

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Kinglui 19. Dezember 2013 um 14:49

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich das mal sage, aber bin mittlerweile der gleichen Meinung. Ich war und bin ein großer Fan von Hummels Spielweise, aber für die Nationalelf sehe ich zur Zeit tatsächlich auch das Pärchen Mertesacker/Boateng ganz weit vorne.

Die beiden ergänzen sich meiner Meinung nach sowohl in der Defensive als auch in der Spieleröffnung nahezu optimal. Mertesacker glänzt defensiv durch sein überragendes Stellungsspiel, eine gute Organisation, geschicktes Zweikampfverhalten (kaum Fouls) und (mittlerweile auch) durch seine Kopfballstärke. Boateng bringt dagegen neben anderen Fähigkeiten vor allem auch eine hervorragende Zweikampfstärke/-härte sowie eine hohe Sprintgeschwindigkeit mit, so dass die leichten Schwächen Mertesackers in diesen Disziplinen sehr gut kompensiert werden. Im Spielaufbau zeichnet Mertesacker sich (wieder muss man sagen „mittlerweile“) durch eine enorme Ruhe am Ball und eine hohe Passsicherheit aus (vor allem durch die im Artikel angesprochenen flachen Kurzpässe). Boateng spielt ebenfalls sehr gute und präzise Flachpässe, die er aber im Gegensatz zu Mertesacker häufig auch über größere Distanzen und mit mehr Druck hinter dem Ball einsetzt. Dazu kann er aufgrund seiner hohen Grundschnelligkeit besser mit dem Ball am Fuß in tiefere Zonen eindringen. Gerade im Spielaufbau hat sich Boateng meiner Meinung nach in den letzten 1,5-2 Jahren extrem weiterentwickelt. Lange Bälle (i.d.R. im Sinne von Spielverlagerungen auf den gegenüberliegenden Flügel) beherrscht er, wenn auch nicht auf Hummels-Niveau, mittlerweile auch sehr passabel.

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Koom 19. Dezember 2013 um 16:16

Eine in anderer Form geführte Kießling-Diskussion, oder? Nur das Kießling den Nachteil hat, das er in taktischer Form ersetzbar ist und nicht nur positionsbezogen (man verzeichnet einfach auf den klassischen 9er).

Bei Hummels ist es so, das er qualitativ in der gleichen Güteklasse wie Boateng und Mertesacker ist, aber andere Stärken und Schwächen hat – die vielleicht nicht ganz mit dem zusammen passen, was der Bundestrainer für sein Team will. Trotzdem ist Hummels ein Fixpunkt im Kader, da es zum einen nicht so viele erstklassige IVs hat, zum anderen es auch keine anders gearteten taktischen Optionen gibt, um auf Hummels zu verzichten.

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C 18. Dezember 2013 um 01:15

Naja also Merte war ja schon immer dafür bekannt dass er a wenig Fouls begeht und b für seine Größe verhältnismäßig schlecht in Luftzweikämpfen ist, er hat sich hier zwar gesteigert aber das Niveau eines Van Buyten hat er lange nicht. Als Zweikampfmonster wie Hummels Van Buyten oder Martinez hätte ich ihn sowieso nie gesehen, dafür ist er in der Disziplin einfach zu schwach und genau deswegen gehört er imho nicht in die WM Stammelf

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C 18. Dezember 2013 um 01:17

Achja total vergessen: warum ich das geschrieben habe? Weil ihr im Artikel völlig verpasst habt die Schwächen zu beleuchten.

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Tom 15. Dezember 2014 um 13:45

Nein, jetzt ist er sogar Weltmeister… Klasse.

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DH 17. Dezember 2013 um 23:51

Schade – beim Arsenalwappen hatte ich auf Lukas Podolski gehofft. Aber auch der Artikel hier war sehr lesenswert, wenn auch etwas kurz.

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nifan 18. Dezember 2013 um 02:39

Es gab in einem der Adventskalender der Vorjahre einen Artikel über Lukas Podolski. Zwar nicht mehr ganz aktuell, aber vielleicht hilft’s dir ja 😉

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http://spielverlagerung.de/2012/12/24/adventskalender-turchen-24-lukas-podolski/ 19. Dezember 2013 um 21:58

Ahh, cool, danke für den Hinweis. Falls sich jemand das Suchen ersparen will: http://spielverlagerung.de/2012/12/24/adventskalender-turchen-24-lukas-podolski/

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mk 17. Dezember 2013 um 21:25

Vor allem finde ich bei Mertesacker seine Entwicklung beeindruckend. Natürlich auch persönlich, aber vor allem spielerisch.
Wenn man da an die ersten Gehversuche bei 96 zurückdenkt, bestand sein Spiel tatsächlich aus Ballgewinn (egal ob am Boden oder nach nem hohen Ball) und dann den Ball schön zum direkten Nebenmann oder nach hinten zum Torwart schieben. Rangnick hat glaube ich die Grundlage dafür gelegt, dass er jetzt so spielt, wie er spielt. Aber dass er es so weit bringt, hätte ich damals wirklich nicht gedacht.

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hotte 17. Dezember 2013 um 20:56

dieser artikel ist im vergleich zu den anderen sehr kurz. vieleicht auch eine (ungewollte) anspielung auf die eingeschränkten möglichkeiten von peer? ich persönlich kann mich nicht an einen einzigen spannstoß von ihm erinnern. aber den braucht man ja auch nicht für das kurzpassspiel…

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nifan 17. Dezember 2013 um 16:23

Mir fehlen einige Aspekte von Mertesackers Spiel. Ich meine mich zu erinnern, dass er insbesondere in seiner Anfangszeit bei Arsenal noch unter der ein oder anderen Flanke durchgesprungen ist. Inzwischen hat er sein Timing und Stellungsspiel aber verbessert. Man könnte auch genauer auf sein Verhalten beim Abseitsspiel eingehen.

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Demetrios 18. Dezember 2013 um 00:14

Also ich finde nicht, dass das fehlt. Schließlich ist das Stellungsspiel in der öffentlichen Wahrnehmung eine der herausragenden Stärken Mertesackers – und ich denke, an dieser Stelle stimmt das auch so.

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nifan 18. Dezember 2013 um 01:09

Die Tatsache, dass nur falsch eingeschätzte Spieler analysiert werden sollen, bedeutet ja nicht, dass auch nur falsch eingeschätzte Fähigkeiten beschrieben werden sollen…

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MR 18. Dezember 2013 um 11:40

Ist aber schon ganz klar der Fokus der Artikel.

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JS 17. Dezember 2013 um 14:16

Danke für den Artikel. Ein absoluter Lieblingspieler von mir.

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AvS 17. Dezember 2013 um 13:58

Mal wider ein Kompliment für euren Adventskalender. Wie immer schön und fundiert geschrieben!

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