1. FC Nürnberg – FSV Mainz 05 1:1

In einer sehenswerten Partie trennten sich der 1. FC Nürnberg und der FSV Mainz 05 mit 1:1. Dabei wirkten die Nürnberger lange Zeit wie die klar stärkere Mannschaft, aber wurden nach Umstellungen Thomas Tuchels noch an den Rand einer Niederlage gebracht und verloren ihre Dominanz. Diese Dominanz war aber relativ unerwartet gekommen.

Nürnbergs Ballzirkulation sorgt für Probleme beim Mainzer Pressing

Grundformationen zu Beginn

Grundformationen zu Beginn

Auf dem Papier hätte man sich vorstellen können, dass die Nürnberger gegen Mainz ein kleines Bisschen auf die Schnauze fliegen. Eine Mannschaft ohne individuelle Überlegenheit mit einem Ballbesitztrainer, der sein Konzept noch nicht voll einbringen konnte, gegen Tuchels kleine Pressingmaschinen? Eigentlich eine klare Sache. Allerdings schien es, als ob Verbeek exakt diesen Umstand in seinen taktischen Anpassungen adressiert hat.

Die Gastgeber ließen den Ball trotz einzelner Mainzerpressingversuche lange durch die eigenen Reihen laufen. Die Nürnberger formierten sich tief und versuchten die gegnerische Formation auseinanderzuziehen. Immer wieder konnten sie, wenn es eng und knapp wurde, zurück auf die Innenverteidiger spielen, welche viel Abstand auf die gegnerischen Stürmer hielten und dadurch auf Kosten von Raumverlust anspielbar waren. Mainz tat sich darum schwer dem Spiel eine intensive Note zu geben, nach der sie laut Tuchels medialen Aussagen so dürsten.

Auch die Außenverteidiger der Nürnberger wichen immer wieder nach hinten, um ähnliche Effekte zu erzeugen und bei möglichen Ballverlusten schnell hinter dem Ball präsent zu sein. Einige Male wirkte Nürnberg sogar fast wie eine breite Dreierkette, weil der ballferne Außenverteidiger sich so schnell und antizipativ bei Rückpässen vom gegenüberliegenden Flügel zurückfallen ließ.

Zusätzlich schafften sie es Überzahlen auf den Seiten zu erzeugen. Mit ihrem 4-1-4-1 und der Doppelacht Kiyotake neben Hasebe überluden sie die Außenbahnen. Sie bildeten ein Dreieck und boten sich im jeweiligen Halbraum an, über welches sie dem Außenverteidiger eine Verbindung zum Flügelstürmer gaben. Standen die Mainzer im 4-4-2, dann hatten sie mit dem Sechser eine Überzahl, der sich vertikal anbot, und konnten über ihn, sein (sehr situatives und gut gewähltes) Abkippen sowie seine Ablagen auf die Achter die beiden Stürmer überwinden.

Wenn die Mainzer höher und / oder mit einem 4-2-3-1 und ohne nach vorne schiebenden Zimling  pressten, dann bewegten sich Frantz und Hasebe oftmals sehr weit nach hinten und standen fast in einer diagonalen Linie zwischen einem Innen- und dessen nächstem Außenverteidiger, während Kiyotake sich stärker in die Mitte orientierte. Nürnberg hatte dort den Vorteil, dass sie plötzlich kaum zu pressen waren und wenn die Mainzer herausrückten, was sie ein paar Mal ansatzweise mit Mannorientierungen taten, dann konnte die Mitte über scharfe lange Diagonalbälle bei guter Absicherung bespielt werden.

Nürnberg offensiv, Mainz defensiv

Nürnberg offensiv, Mainz defensiv

Mainz hatte auch wegen der Führung der Nürnberger, die dann diese sehr stabile Ballzirkulation wählen konnten, einige Probleme, die nicht nur defensiver Natur waren.

Mainz mit strukturellen Angriffsantagonien

Mindestens dreißig Minuten lang wirkten die Mainzer überaus schwach. Ihr Pressing war nicht in allen Phasen kompakt, sie ließen sich von Nürnberg zu leicht bewegen und hatten nur einige wenige gefährliche Balleroberungen. Wenn sie diese hatten oder selbst zum Aufbauspiel kamen, dann waren sie ebenfalls lange nicht wirklich überzeugend.

Im Aufbauspiel ließen sie sich zum Beispiel zu einigen langen Bällen verleiten, welche die Nürnberger erzwangen. Die Franken standen dabei im 4-1-4-1, welches allerdings variabel mit situativen Mannorientierungen war. Manchmal rückte beispielsweise Kiyotake etwas nach vorne auf, manchmal waren es die Außenstürmer, die etwas einrückten und situativ ein 4-1-3-2 oder 4-4-2 herstellten. Zwar konnte bei Mainz Park einige Male mit Dribblings in engen Räumen den Ball behaupten, wirkliche Kreativität konnten die Mainzer dennoch nicht erzeugen.

Noch problematischer waren die Wechselwirkungen im letzten Drittel. Polter auf rechts stand sehr breit und erhielt kaum die Chance um mit diagonalen Läufen in den Strafraum oder als Empfänger von Flanken auf dem zweiten Pfosten gefährlich zu werden. Desweiteren wurde er auch im Kombinationsspiel geflissentlich übergangen, da sich Zimling oft nach rechts bewegte und von dort aber sehr zentrumsorientiert agierte. Polter erhielt keine Pässe und konnte kaum Läufe in die Spitze anbringen. Flanken waren ebenfalls Fehlanzeige, da auf links oftmals kein Spieler im letzten Drittel präsent war.

Mainz offensiv, Nürnberg defensiv

Mainz offensiv, Nürnberg defensiv

Nicolai Müller rückte meistens von links in die Mitte ein und fungierte als verkappter Stürmer, wodurch er zwar das eine oder andere Mal die Chance zum Durchbruch erhielt, aber ebenfalls im Kombinationsspiel unauffällig war. Okazakis nach links gerichteten ausweichenden Läufe brachten weder für ihn noch für Polter oder Müller wirklichen Mehrwert. Eher brachte es Chandler etwas, der über rechts einige Male in Umschaltsituationen frei wurde und viel Raum erobern konnte.

Vermutlich reagierte Tuchel auch darum schon nach einer halben Stunde und wechselte den unpräsenten Polter aus. Für Polter kam Eric-Maxim Choupo-Moting. Dieser rückte aber nicht auf rechts, sondern auf links, was den Mainzern im Offensivspiel eine bessere Struktur gab. Zimlings leichte Bewegungen nach rechts öffneten Räume für Choup-Motings Dribbling, während Müllers Einrücken und Positionierung in der Spitze nicht von Zimling gestört wurde. Auch Okazakis ausweichende und kombinationssuchende Läufe wurden nun besser eingebunden, wodurch zumindest etwas Entlastung fand.

Nach der Halbzeit hatte Mainz dann etwas mehr vom Spiel, da sie es weniger auf den Umschaltmoment anlegten und ihr Pressing etwas kompakter organisierten. Nürnberg versuchte es stärker mit schnellen Angriffen, wobei es keinen großen Unterschied zur ersten Hälfte gab. Schon in der ersten Halbzeit ließen die Nürnberger den Ball hinten laufen, spielten dann über die Flügel schnell nach vorne und versuchten über die Flügel dann wieder in die Mitte zu kommen. Auf links überluden sie mit Kiyotake besonders stark, während auf rechts das Pärchen Chandler und Drmic als mit ihren individuellen Läufen als taktisches Mittel präsenter war.

Der Unterschied nach dem Seitenwechsel bestand eher aus dem konsequenteren Bespielen von engeren Räumen, was in der ersten Hälfte nicht so der Fall war. Dort ließen sie die Mainzer mit vielen Rückpässen und Seitenwechseln laufen, was später nicht mehr geschah.

Grundformationen nach einer Stunde, womit das Spiel kippte

Grundformationen nach einer Stunde, womit das Spiel kippte

Ansatzweise lag dies aber auch den Gästen, die nun eben kompakter waren und öfter verhindern konnten, dass diese Rückpässe gespielt wurden. Eine weitere Ursache für die geringeren Räume und das Abnehmen der Nürnberger Effektivität lag auch an den Umstellungen Tuchels.

Dieser wechselte zuerst Saller für Zimling ein und stellte dann auch formativ um. So schob er Choupo-Moting nach vorne und stellte ihn auf die Position des Mittelstürmers, es entstaand eine Rautenformatoin. Okazaki und Choupo-Moting spielten dabei ganz vorne, auf der linken und rechten Halbposition im Mittelfeld spielten Saller und Park, während Müller die nominelle Zehn gab, aber einige Male ebenfalls in die Spitze ging. Passend dazu kam ein weiterer Wechsel Tuchels: Für Okazaki wurde Sliskovic eingewechselt, der einen (in der Luft) präsenteren zweiten Stürmer geben sollte.

Die Spielerverteilung in der Raute hatte generell große Flexibilität, Choupo-Moting ging beispielsweise oft auf den linken Flügel für lange diagonale Seitenwechsel und Okazaki orientierte sich dann dynamisch in das entstehende Loch. Nach der Einwechslung Sliskovics gab dieser Tiefe und suchte den Durchbruch nach langen Bällen zum Torabschluss(, fand aber nur die rote Karte).

In der Schlussphase und nach dem 1:1 kamen die Nürnberger kaum noch nach vorne; Mainz‘ Spielwiese verriegelte die Räume, nahm Nürnberg die Kontrolle über die Halbräume und ermöglichte hohe Präsenz nach Balleroberungen.

Feulner auf rechts kam außerdem nicht so zur Geltung, wie es Chandler wohl getan hätte. Auch die Auswechslung Frantz‘ in der 69. Minute (verletzungsbedingt?) hatte eine klar negative Auswirkung, denn Mak sorgte für eine Veränderung der gesamten Mannschaftstaktik.

Fazit

Eine sehr starke Leistung der Gastgeber, welche sich allerdings trotzdem mit einer gefühlten Niederlage und einer Fortsetzung ihrer Sieglosserie abfinden müssen. Sie verfehlten es ihre Dominanz über lange Zeit in Tore umzumünzen. 16 Abschlüsse, 5 davon aufs Tor, 14 Ecken und über 60% Ballbesitz reichten bei Spielende zu nur einem Treffer.

Mainz hingegen konnte die mangelnde Präsenz im Umschaltspiel und die Anfälligkeit nach gut einer Stunde korrigieren und hatte in der Schlussphase ausreichend Chancen, um die Partie zu drehen. Von der 60. Minute an hatte Nürnberg keinen einzigen Torschuss mehr, allerdings sollte auch den Mainzern trotz ihrer vielen Chancen kein Tor mehr gelingen: Es blieb beim 1:1.

P.S.: Nach dieser Partie ist Lob an Choupo-Moting, Gertjan Verbeek, Thomas Tuchel und natürlich die Schieds- bzw. eher die Linienrichter ist angebracht. Oder? 

Koom 8. Dezember 2013 um 11:28

Verbeek scheint ein Trainer mit einem guten Plan zu sein. Ist das dann eher im (schlechten?) Kader begründet oder mit schlechten Anpassungen, weswegen nach fast immer gutem Beginn dann der Erfolg über die gesamte Spielzeit ausbleibt? Oder liegt das an der Natur der Spielweise mit starken Mannorientierungen, an die sich Gegner nach Anlaufzeit gewöhnen und dann für sich nutzen können?

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CF 9. Dezember 2013 um 22:53

Für mich liegt das Problem zu kleinen Teilen an dem Problem von meinem Kommentar 2

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nougat 7. Dezember 2013 um 12:24

die nürnberger hatten es in der hand in der 1. hz. teilweise fehlte denen aber auch einfach die ruhe, um mainz noch mehr unter druck zu setzen. wirkte alles teilweise etwas vogelwild, was aber wohl auch an der frühen umstellung von tuchel lag. tolles spiel ! leider wieder nix für die glubberer. die auswechslungen von chandler und franz konnte nürnberg nicht kompensieren. warum spielte esswein eigentlich nicht ? ich dachte, der sei wieder auf dem damm.

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lg 7. Dezember 2013 um 12:09

Nach seinen Aussagen nach dem Spiel zur roten Karte sollte man tuchel nicht loben sondern mmn auch sperren

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RM 7. Dezember 2013 um 14:19

Was sagte er denn? Ich habe nur das direkte Interview post Spiel kurz gehört, da meinte er:
„Sehr harte Entscheidung“, „Sliskovic zieht noch zurück, tut er das nicht, dann wäre es Rot“, „blöde Situation einfach“. Kam da noch irgendetwas Dummes dazu?

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der_wahre_hannes 8. Dezember 2013 um 18:51

Tuchel behauptet selbst nach Ansicht der Fernsehbilder, dass das niemals eine rote Karte gewesen wäre und das eher Schäfer für seine heftige Reaktion ne Karte hätte sehen müssen. Und das allein ist doch schon dumm genug. Wie man bei einem solchen Einstegen ernsthaft eine rote Karte als Fehlentscheidung bezeichnen kann erschließt sich mir nicht.

Es bleibt allerdings festzuhalten, dass Frantz für seine Grätsche gegen Park ebenfalls Rot hätte sehen müssen.

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Koom 8. Dezember 2013 um 19:22

Als Mainz-Fan: Rot für Sliskovic geht in Ordnung. Gelb wäre schon extrem kulant gewesen (aber auch nicht total unmöglich). Er geht da einfach übermotiviert hin.

Schäfer hat das ganze aber durchaus auch schön überdramatisiert, da hätte ich durchaus als Schiedsrichter schon über ne Gelbe Karte sehr intensiv nachgedacht.

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Markus 13. Dezember 2013 um 13:51

Ich stehe zu 100% hinter Tuchels Aussage.

Gefährliches Spiel hätte mit gelber Karte beurteilt werden müssen.

Das war nie und nimmer eine rote Karte, weil der Fuß im letzten Moment definitiv zurückgezogen wird !

Schäfer zeigt durch die Kritik an Mainzer Kommentaren im Interview nach Spielschluss, was für ein linker Hund er ist. Schäfer hätte mindestens gelb verdient für seine verbale Verfehlung auf dem Platz.

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vonD 13. Dezember 2013 um 14:17

Wenn er den Fuß nicht zurück zieht, endet das auch in schwerer Körperverletzung. Ich kann völlig nachvollziehen, dass Schäfer da so ausrastet, der stand im ersten Moment sicherlich unter Schock, wenn da einer im Karatestyl auf ihn zufliegt. Da hätte ja sonst was passieren können. Und wenn der Torwart rauskommt, darf man als Spieler generell auch mal eher zurückziehen, um schwere Verletzungen zu vermeiden.
Ich will Siliskovic da gar keine Absicht unterstellen, das war wohl einfach übermotiviert. Aber so darf man da einfach nicht hingehen.

Und zu Tuchel: Ich mag den Mann ja eigentlich. Vor allem nach dem Bericht in der 11Freunde über ihn. Aber ich hätte ihn gerne mal gesehen, wenn sich die gleiche Szene auf der anderen Seite abgespielt hätte…

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CF 6. Dezember 2013 um 23:42

Was mir öfters aufgefallen ist, dass die meisten Gegner am Anfang starke Probleme gegen Nürnberg haben, gegen Ende sich aber immer mehr aus den Mannorientierungen befreien. Die Gegner finden immer wieder bestimmte Strukturen mit denen sie die Mannorientierungen ausnutzen können und Raum schaffen können. Liegt daran das Problem der unterschiedlichen Modi der Mannorientierungen? Gladbach hat z.B sehr einfache und klare Strukturen im Angriff, die mit einer Mannorientierung einafch zu unterbinden sind, als das komplexere und in den Strukturen im Angriff vielseitige System der Leverkusenern.

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Egon 7. Dezember 2013 um 10:08

Mannorientierung!

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messanger 6. Dezember 2013 um 23:07

„ine sehr starke Leistung der Gastgeber, welche sich allerdings trotzdem mit einer Niederlage abfinden müssen.“

äh, nein.

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RM 6. Dezember 2013 um 23:23

gefühlten Niederlage, sh. Änderung.

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