Donnerstag, 08.12.2016

Manchester City – Tottenham Hotspur 6:0

Ein Kantersieg im Duell zweier kriselnder Top-Four-Anwärter. Wobei einer nun etwas weniger und der andere etwas mehr kriselt.

Das frühe Tor entscheidet über die Grunddynamik

Das Spiel war ungefähr eine Viertelminute alt als Jesus Navas zum Tor erzielte. Tottenham hatte Anstoß, Manchester City schob nach vorne und presste etwas, worauf Lloris falsch und unpräzise reagierte. City kam an den Ball, schloss ab und Navas konnte den Abpraller dann mit einem sehenswerten Schuss verwerten. Danach spielte City natürlich etwas tiefer im Defenisvspiel und kümmerte sich mehr um die Kompaktheit.

Grundformationen zu Beginn

Grundformationen zu Beginn

Allerdings ließen sie das Pressing nicht gänzlich schweifen. Immer wieder orientierten sich die beiden Stürmer an den gegnerischen Innenverteidiger, liefen diese an und wollten damit situativ Druck machen. Die Mittelfeldspieler und die Abwehrkette schoben aber nur selten mit nach vorne und nur, wenn die Situation sich vielversprechend veränderte. Das war beispielsweise beim zweiten Tor der Fall, wo City wieder mit relativ einfachem Aufrücken und nicht allzu aggressivem Pressing den Ball in einer günstigen Position erobern konnte.

Ansonsten konzentrierte sich City im offensiven Umschaltmoment auf schnelle Konter, wobei hier der Standardspielzug mit dem schnellen einrückenden Nasri und den auf links pendelnden Agüero vorkam. Hier besetzte Negredo die Mitte, Navas gab Breite und City konnte die Abwehrreihe Tottenhams in die Breite ziehen, außerdem standen bei Tottenham im Umschaltmoment die Außenverteidiger sehr hoch. City hingegen konnte – auch wieder dank der Führung – in eigenem Ballbesitz deutlich geduldiger agieren.

Beim dritten Tor konnte Manchester City den Ball lange zirkulieren lassen, öffnete den Flügel mit einer zuvor einrückenden Bewegung Navas, der dann das Laufduell in den freien Raum gewann. Es folgte die Flanke und das 3:0 vor der Halbzeitpause. Diese Führung war auch Resultat unpassender Staffelungen bei Spurs und überraschend inkonsequentem Pressing.

Spurs mit Defensiv- und Aufbauproblemen

Ob sie geschockt von der frühen Führung Citys waren? Die Gäste zeigten nämlich später nichts mehr von ihrem eigentlich sehenswerten Pressing. Seit André Villas-Boas als Trainer bei Tottenham agiert, haben diese ihre Arbeit gegen den Ball sukzessive verbessert und konnten mit einem kompakten, gruppentaktisch sauberen und intensiven Mittelfeldpressing aufwarten. In dieser Partie enttäuschten sie diesbezüglich allerdings auf ganzer Linie.

City konnte im ersten Band den Ball durchgehend sicher zirkulieren lassen. Das gab ihnen die Möglichkeit in engen Situationen im Mittelfeld den Ball problemlos zurückzuspielen und sie hatten bei Pressing von Tottenham immer Ausweichzonen nach hinten. Gleichzeitig agierten sie aber mit einer sehr hohen Abwehrlinie. Dies gab ihnen zwar Kompaktheit in der Mitte und wenige Aktionen Citys in diesem Raum, aber ermöglichte den Hausherren auch viele Schnittstellenpässe, einfache lange Bälle oder effektive Diagonalbälle von den Flügeln in die Mitte.

Tottenhams Außenverteidiger stehen zu hoch, sie isolieren sich selbst und sind nur schwer anspielbar.

Tottenhams Außenverteidiger stehen zu hoch, sie isolieren sich selbst und sind nur schwer anspielbar.

Wegen des schwachen Pressings waren die Flügel einfach bespielbar und nach dem Seitenwechsel wurde auch die Mitte zunehmend offener, was mit der Veränderung zu einem 4-4-2 mit zwei klaren Mittelstürmern zusammenhing. Das Zentrum hatten sie zuvor „nur“ im Umschaltspiel entblößt, was an der Offensivformation lag.

Im Aufbauspiel schoben die Außenverteidiger bei den Spurs enorm weit nach vorne und standen extrem weit in der gegnerischen Hälfte. Sie sollten damit die Flügelstürmer in die Halbräume schieben und City nach hinten drücken. Diese schöne Theorie funktionierte aber aus einem praktischen Grund nicht: Die Außenverteidiger verloren die Bindung zu den Innenverteidigern und City agierte relativ positionsorientiert, womit sie sich nicht in die Breite auseinanderschieben ließen.

Lennon im Halbraum oder auf dem Flügel erhielt keine Bälle, das Wechselspiel zwischen Lamela und Holtby versandete total. Lamela erhielt zwar ein paar Anspiele im zentralen Raum und konnte sogar einige Male ins Dribbling gehen, aber hatte kaum Anspielstationen und lief sich in Manchester Citys enger Mitte fest. Bei Tottenham fehlte es offensiv an jeglichen Synergien, an Struktur und einer passenden Rollenverteilung.

Soldado bewegte sich vorne kaum, Holtby dahinter agierte zu ausweichend und Lennon hatte abgesehen von einigen wenigen Diagonalläufen kaum auffällige Aktionen. Die Außenverteidiger isolierten sich mit ihrer Positionierung selbst und zentral hat Tottenham schlicht keine kreativen Akteure auf der Sechs oder bei den Innenverteidigern. Sandro ist zwar ein hervorragender Ballzirkulator, beschränkt sich allerdings auch auf diese Rolle. Dawson und Kaboul sind stabile Akteure, haben aber eine geringe Passreichweite oder können konstant riskante Pässe in die Mitte erfolgreich spielen.

Paulinho war aber der kontraproduktivste Akteur von allen. Im Aufbauspiel überzeugte er nicht, war selten anspielbar und brachte keine Kreativität. Weiter vorne lief er sich immer wieder vertikal frei, konzentrierte sich dabei aber immer auf die Mitte und war selten effektiv anspielbar, sondern befand sich großteils in engen Räumen. In diesen konnte er nicht wirklich angespielt werden und störte bspw. bei Lamelas Läufen mehr als er sie unterstützte. Außerdem ließ er im Verbund mit den extrem hohen Außenverteidigern das gesamte Mittelfeld unbesetzt, Sandro musste dies alleine vor den Innenverteidigern absichern, was extrem offen war und die Konter Citys so gefährlich machte.

Kleine Veränderungen in Halbzeit Zwei

Wie erwähnt wechselte Villas-Boas nach der Halbzeit auf ein 4-4-2 mit zwei Mittelstürmern, entblößte das Pressing aber im Mittelfeld und überließ City endgültig die Überhand. Wieso sollte man mit zwei Stürmern mehr Durchschlagskraft haben, wenn man ohnehin nicht zu ihnen kommt? Eine Stärkung des Mittelfelds mit einem 4-1-4-1 und breiteren Flügelstürmern, eine Veränderung der offensiven Rollenverteilung oder ein intensives Pressing im 4-2-4-0 wären wohl effektivere Anpassungen gewesen.

Manchester City hatte tiefere Außenverteidiger und ließ den Ball zirkulieren.

Manchester City hatte tiefere Außenverteidiger und ließ den Ball zirkulieren.

Kaum überraschend stellte Villas-Boas sein 4-4-2-Experiment nach totalem Scheitern und zwei weiteren Gegentoren um. Er reagierte bei dieser Umstellung auch auf die mangelnden strategischen Fähigkeiten Paulinhos, der ausgewechselt wurde. Es folgte eine Rückumstellung auf ein 4-2-3-1, nachdem das 4-4-2 nicht nur noch weniger Entlastung brachte, sondern auch die Mitte und somit die formative Höhe aufgab. Beim 4-2-3-1 kam Gylfi Sigurdsson für den enttäuschenden Roberto Soldado und Moussa Dembélé ersetzte den bereits erwähnten Paulinho.

Eine Veränderung brachte das aber auch nur, als City mit Touré auf der Zehn und den für Agüero eingewechselten Javi Garcia die eigene Offensivstruktur mit den enorm effektiven pendelnden Läufen Agüeros aus der Hand gab. Zuvor hatten sie das Spiel klar dominiert und waren sogar von ihrem Konterstil wieder zurück zu mehr Ballbesitz gewechselt, was Tottenham mit ihrer Passivität in gewisser Weise erzwang. In der Schlussphase und mit all diesen Veränderungen hatte Tottenham dann wieder mehr vom Spiel, Adebayor bewegte sich mehr als Soldado, Lamela wechselte die Seite und im Mittelfeld gab es eine passendere Rollenverteilung mit mehr Präsenz und Kreativität, aber City blieb souveräner Sieger und in einer weiteren Partie ohne Joe Hart spielten sie zu Null. Kurz vor Schlusspfiff fiel nach einem langen Diagonalball auf Navas, was City in der zweiten Halbzeit mehrmals gemacht hatte, dann sogar noch das sechste Tor.

Fazit

Schon oft in dieser Saison hatte Tottenham unter André Villas-Boas gewisse Probleme in der Offensive, insbesondere in der Rollenverteilung und bei der Offensivstaffelung. Bislang hatten sie aber unter dem portugiesischen Jungtrainer eine stabile Defensive mit gutem Pressing zeigen können, was in diesem Spiel – eventuell auch wegen des frühen Gegentors und Citys unangenehmer mannschaftstaktischer Wechselwirkungen – nie zu sehen war. Manuel Pellegrini und seine Mannen können sich mit diesen drei Punkten wieder nach oben orientieren.

blub 25. November 2013 um 00:24

Schöne Analyse zu einem sehr eindeutigen spiel. Es ist schon krass wie gut City performt wenn der Gegner es zulässt. Trotz der bekannten individuellen klasse überrascht es mich immer wieder.

P.S.Ich habe Mental im Absatz zu Paulinho seinen Namen durch Jones ersetzt. Passt immernoch.

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splattercheffe 25. November 2013 um 01:30

Wie gemein, blub… der arme Jones, aber ich verstehe, was Du meinst.
Aber bitte klärt mich auf, ich hab Tottenham diese Saison noch nicht gesehen: irgendwie hab ich Paulinho von der brasilianischen Nationalelf als (zwei-, dreimal gesehn) eigentlich potenten, für brasilianische Verhältnisse taktisch gut ausgebildeten Mittelfeldspieler in Erinnerung – hatte der nur ’nen schlechten Tag oder hab ich mich verschaut?
Und Frage zwei geht in Richtung Yaya Toure, bei dem ich in dem Spiel gegen Bayern quasi negativ überrascht war, wie wenig dominant er war, obwohl ich ihn für den entscheidenden Mann bei City hielt. Mir ist nach dieser Partie und einigen wenigen, die ich von der Premier League sehen konnte, immer noch nicht ganz klar, welche Rolle und Position er genau einnehmen soll, wenn’s nach Pellegrini geht; was meint RM?

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nifan 25. November 2013 um 02:54

Bzgl Paulinho. Waren das vielleicht die Spiele im Confed-Cup, die du gesehen hattest? Da hatte er zusammen mit Gustavo auf der 6 großen Anteil am Gewinnen des Cups und hatte sehr überzeugt. Habe mir deswegen die selbe Frage gestellt wie du. Möglicherweise hilft dir der folgende Artikel ja weiter; da wird ein bisschen auf seine Rolle eingegangen:
http://spielverlagerung.de/2013/06/27/confed-cup-brasilien-uruguay-21/

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splattercheffe 25. November 2013 um 12:43

Danke für den Link. TR’s Analyse bestätigt unsere Verwunderung ja auch, da wird Paulinho als“guter Akteur im Spiel ohne Ball“ bezeichnet. Ich denke wirklich, der hatte einfach ’nen schlechten Tag…

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CF 26. November 2013 um 20:43

Ich habe Paulinho auch ein paar Mal in der Liga gesehen aber auch beim Confed Cup. Ich glaube er ist einfach noch nciht so gut in das System von den Spurs eingebaut. In die Selecao passt er einfach Perfekt, da kommen seine Stärken noch mehr zum Vorschein. Schafft AVB auch noch. Bin mir sicher an dem werden die Spurs noch Freude haben.

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LK 24. November 2013 um 20:16

Vielen Dank für die Analyse, war heute echt mehr oder weniger geschockt während des Spiels. Kann mich nicht daran erinnern, schonmal eine derartig schlechte Vorstellung von Tottenham gesehen zu haben (ich verfolge so gut wie jedes Spiel).
Meine Beobachtungen sind im Grunde deckungsgleich mit den in der Analyse angesprochenen Punkten.

Vor dem Spiel habe ich eigentlich schon eine Niederlage erwartet, dass es so deutlich wird, aber dann auch nicht. Vor allem bin ich von der Defensivleistung, dem eigentlichen Prunkstück bis jetzt enttäuscht.
Ich hoffe einfach darauf, dass AVB zukünftig Dembele wieder mehr spielen lässt. Eine IV bestehend aus Chirches und Vertonghen würde dann auch die Kreativität im Aufbau noch einmal erhöhen.
Gegen die fehlenden Offensivmechanismen hilft meiner Meinung nach nur Training. Auch wenn man da nach 1/3 der Saison doch mehr erwarten könnte.
Wichtig werden die Rückkehr von Eriksen und Rose für das Spiel gegen ManU am kommenden Wochenende.
Bin auf die weitere Entwicklung der Mannschaft gespannt. Nach heute kann es eigentlich nur besser werden.

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IchBinNichtMatthiasSammer 24. November 2013 um 21:12

„Wichtig werden die Rückkehr von (…) Rose für das Spiel gegen ManU am kommenden Wochenende.“

Das wird besonders für ManUnited sehr wichtig werden.

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LK 24. November 2013 um 21:50

Du siehst in also als willkommenen Schwachpunkt, den die United-Offensive ausnutzen kann?
Ich persönlich fand seine Leistungen vor der Verletzung schon recht ansprechend. Größter Vorteil seiner Genesung dürfte aber wie bereits gesagt sein, dass man Vertonghen wieder in der Mitte aufbieten könnte.

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