Donnerstag, 08.12.2016

Schweden – Portugal 2:3

Das Playoff-Rückspiel in Solna sollte von zwei Mannschaften geprägt sein, die alles auf ihre zwei Kapitäne ausrichteten. Der Gastgeber blieb weitestgehend einfallslos und die Portugiesen fahren zu Recht nach Brasilien.

Grundformationen

Keiner der beiden Trainer überraschte mit signifikanten Veränderungen in der jeweiligen Grundformation. Erik Hamren schickte sein Team im gewohnten 4-4-2 beziehungsweise 4-4-1-1 auf das Feld. Zlatan Ibrahimovic übernahm wieder einmal eine Freirolle hinter Johan Elmander. Auffällig war zudem das unterschiedliche Verhalten der beiden Flügelspieler. Während Alexander Kacaniklic konstant seine linke Seite hielt, rückte Sebastian Larsson häufiger auf die Halbposition oder verstärkte das Zentrum.

Grundformation

Grundformation

Die Portugiesen traten im gewohnten 4-3-3 auf, was sich aber auch in ein 4-2-1-3 transformierte, sofern sich Raul Meireles neben Miguel Veloso fallen ließ. Cristiano Ronaldo genoss wieder viele Freiheiten und unternahm in mehreren Phasen der Partie einige Rollen. Entweder er besetzte eine der beiden Außenbahnen oder er schob neben Hugo Almeida und fungierte so als zweiter Neuner oder er ging weite Wege zurück und unterstützte dabei Joao Moutinho im Mittelfeldzentrum.

Ibra-Fokus

In der Anfangsphase der Partie sah es so aus, als wollte Portugal die 1:0-Führung aus dem Hinspiel nur verwalten. Die Iberer verlangsamten bewusst bei eigenem Ballbesitz das Spiel und waren nicht gewillt, riskant in die Vertikale zu spielen. Gegen den Ball agierte die Mannschaft kollektiv tief stehend und war auf die eigene Kompaktheit bedacht. Zur individuellen Bewachung Ibrahimovics wurde in der Regel Veloso abgestellt, der sich zentral sehr mannorientiert bewegte. Da der schwedische Kapitän selten die Zonen in der Mitte verließ, erfolgte die Beschattung anfangs noch relativ problemlos. Zudem ging Raul Meireles von seiner halblinken Achterposition vermehrt zurück und deckte so gleichzeitig Ibrahimovic ab.

In diesem Fall kam die fehlende Variabilität der Schweden zum Tragen. Die Mannschaft war in aller Regel darauf ausgerichtet Ibrahimovic anzuspielen. Es gab keine Wechselwirkungen mit Rasmus Elm oder Kim Källström. Ibrahimovic fehlte die Anbindung an beide. Zudem war Elmander weitestgehend isoliert. Sofern die Linien doch überspielt wurden – häufig bekam dabei Ibrahimovic den Ball, ließ sich überlaufen und leitete auf die Außenbahnen weiter – war Elmander der einzige Zielspieler im Zentrum und wurde oft mit wahllos geschlagenen Flanken gesucht.

Die portugiesische Mannschaft wurde mit zunehmender Spielzeit in der ersten Hälfte druckvoller. Schweden fehlte allerdings die Kompaktheit, um sich effektiv zu erwehren. Die Gastgeber wiesen gruppentaktisch einige Defizite auf. So hat Larsson auf seiner Seite keinen Zugriff auf die Gegenspieler. Die Zuordnung von Lustig und Larsson sowie die Unterstützungsarbeit aus der Mitte wirkte zum Teil äußerst wild und in einigen Szenen bekamen sie auf dem Flügel keinen Spieler in den Deckungsschatten. Dies hatte wiederum zur Folge, dass bei Verlagerungen ins Zentrum häufig Ronaldo auf der genannten Außenbahn gesucht wurde. Einige Diagonalbälle erreichten ihn auch und er versuchte direkt in die Mitte zu ziehen. Obwohl Lustig oder auch Olsson den Offensivmann von Real Madrid einige Male noch akzeptabel abschirmten, konnte er sich mit ballfernen Finten und kurzen Antritten den notwendigen Raum zur Ballannahme verschaffen. Ansonsten war die Druckphase der Portugiesen nicht von nennenswerter Kreativität geprägt. Einfache Kombinationen im Mittelfelddreieck, Zuspiele zu den überlaufenden Außenverteidigern und Flanken in die Mitte prägten das Bild.

Naive Schweden und umschaltende Portugiesen

Nach der Pause gingen die Schweden zielstrebiger vor. Ibrahimovic rückte höher auf und der eingewechselte Svensson tat es ihm gleich. Insgesamt zog sich Portugal zurück, ließ aber für einige Minuten Lücken in den Halbräumen offen. Allerdings genügte ein langer Befreiungsball, um die Führung einzuleiten. Die drei portugiesischen Angreifer hielten sich gestaffelt am Mittelkreis auf. Schwedischer Zugriff? Fehlanzeige. Nani konnte per Kopf auf Almeida zurücklegen und dieser schob durch die Mitte den Ball auf den diagonal laufenden Ronaldo, der sich von Olsson lösen konnte.

Damit waren die Anpassungen Hamrens, Ibrahimovic als Nebenmann von Elmander aufzubieten, Svensson über die Halbräume zu schicken und damit mehr Dominanz in den Achterräumen zu erreichen, vorerst hinfällig. Die Schweden schienen aufgegeben zu haben. Zwei Treffer Ibrahimovics infolge von Standardsituationen änderten kurzzeitig die Spieldramaturgie. Die gastgebende Mannschaft rückte aber zu ungestüm auf und die Viererkette gab viele Zonen frei. Das nutzten die Iberer in zwei Umschaltsituationen eiskalt.

Was fiel sonst noch auf? Per Nilsson wirkte als Unsicherheitsfaktor im Verteidigungszentrum und gewann weniger als die Hälfte seiner Zweikämpfe. Im Gegensatz zum letzten Auftritt in der Bundesliga bekam er seinen Gegenspieler Hugo Almeida, an dem er sich in der Regel orientierte, selten in den Griff. Almeida fungierte in einigen Situationen als zentraler hängender Zielspieler, sofern sich für das portugiesische Mittelfeld keine andere Option ergab. Außerdem zog Almeida einige Mal die Innenverteidiger auseinander, was vor allem in der wilden Phase der zweiten Halbzeit größere Räume für Ronaldos Diagonalvorstöße eröffnete.

Auffällig war auch das Verhalten Ibrahimovics in der ersten Hälfte. In seiner Freirolle versuchte er häufig als eine Art Zehner zu agieren. Er ließ Elmander allein und nahm Bälle tief auf. Allerdings fehlte in diesen Szenen die Dynamik. Aus dem Stand heraus wartete er auf überlaufende Mitspieler. Den Angriffswellen war jede Überraschungswirkung genommen. Viel mehr gab es einfallslose Außenbahnflanken in die Mitte.

Fazit

Die Skandinavier verloren verdient den Playoff-Vergleich. Einerseits war die Mannschaft zu sehr darauf ausgerichtet, sich auf das Hypozentrum Ibrahimovic (68 Ballkontakte) zu konzentrieren, anderseits fehlte es an Anbindungen in der Mitte des Feldes. Die Achterräume überließ man in vielen Phasen dem Gegner. Viele Angriffe waren vom Schema her zu leicht ausrechenbar. Zudem ergaben sich auf den Außenbahnen immer wieder Lücken. Beispielsweise zockte Olsson auf seiner Seite häufig und ermöglichte dadurch freie Zonen für die Portugiesen, die sich vor allem durch exzellentes Umschaltspiel auszeichneten.

Paulo Bento kann größtenteils zufrieden mit seiner Mannschaft sein. Nach anfänglicher Verlangsamung des Spielflusses konnte das Team von der iberischen Halbinsel gezielt Druck erzeugen und die individuelle Klasse Ronaldos sowie die präzisen Zuspiele Moutinhos (89% Passquote und fünf Schlüsselpässe) nutzen. Vieles war auf den Superstar von Real Madrid ausgerichtet, aber die Abhängigkeiten erschienen nicht so hoch wie beim Gegner. Schlussendlich genügten 38% Ballbesitzanteile und effektive Umschaltmomente, um die fehlende Kompaktheit der Schweden zum eigenen Vorteil zu nutzen.

Madse 21. November 2013 um 10:40

Ich war vor Ort und was mir direkt aufgefallen ist: Die Schweden haben ihre rechte Seite komplett verwaisen lassen. Nicht nur, dass Larsson häufig in die Mitte gezogen ist. Von Lustig kamen vor allem in der ersten Hälfte null offensive Aktionen. Dabei hätten sie den Raum wunderbar nutzen können, da Ronaldo nicht nach hinten gearbeitet hat. Da hätte ich mir mehr Mut gewünscht. Bei den Toren hat man allerdings auch gesehen, dass sie wohl ganz gut daran taten, auf Ronaldos Seite nicht ganz auf zu machen – allerdings: genutzt hat es auch nichts.

Antworten

CF 21. November 2013 um 14:13

Finde ich nciht das Lustig besonders viel Raum vor sich hatte. Der Raum der vorhanden war wurde bei einer Spielverlagerung direkt verengt. Portugal hat das mit ihrem 4-3-3 trotz Ronaldos Defiziten in der Defensive sehr gut gemacht.

Antworten

Jörg 21. November 2013 um 09:58

Vielen Dank für die schöne Analyse. Was mich aber wundert: Warum gibt es hier keine Analyse des Deutschlandspiels?

Antworten

CF 20. November 2013 um 19:01

Die starke Ausrichtung auf Ronaldo finde ich aber in manchen Spielen aber auch schädlcih. So haben sie im Hinspiel z.B manchmal Überzahl in Ballnähe verschenkt und dafür einen langen Diagonal auf Ronaldo gespielt. Dadurch verzeichneten sie viele Ballverluste und haben gute Chancen einfach liegen gelassen. Trotzdem ist Portugal für mich ein sehr interessantes Team was bei der WM durchaus auf sich Aufmerksam amchen kann.

Antworten

Tommy B 20. November 2013 um 18:11

Was die Kritik an Nilsson betrifft so war sein Auftreten in der Bundesliga weitaus schwächer als in den beiden Spielen gegen Portugal.

Antworten

CF 21. November 2013 um 14:18

Nilsson spielt aus meiner Sicht gar nicht so eine schlechte Saison. Gegen Gladbach war er übrigens der überragende Mann auf dem Spielfelg. Die Spielweise von Verbeek ist sehr gut für ihn. War eigentlich auch kein großer Freudn von ihm. Dass er die Spielweise von Verbeek trotz seiner Langsamkeit so gut ausführt, hat mcih sehr überrascht. Deshalb finde ich ihn in der Bundesliga wesentlich besser als in der Nationalelf.

Antworten

Erkinho 20. November 2013 um 17:13

Starke Matchanalyse, vielen Dank dafür.

Der Ibrahimovic – Fokus war mMn in diesem Spiel ja so extrem wie nie zuvor.
Es hätte aber auch unter Umständen noch klappen können, da ich finde, dass sich die schwedische Auswahl in ihrer stärksten Phase gefällig bis ins bzw. kurz vors letzte Drittel kombinieren konnte (v.a. Källström auf links und Andersson auf rechts in den Halbräumen und natürlich Ibrahimovic / Elmander im Zwischenlinienraum). Irgendwann hätte sich eine gute Torschussmöglichkeit ergeben. Die Defensive um Pepe und Alves stand bis dahin zwar gut, aber auch nicht wirklich sattelfest.
Die katastrophale Defensivstaffelung (die Innenverteidiger baten in der zweiten Halbzeit ein grauenhaftes Stellungsspiel v.a. im Hinblick auf die Abseitsstellung, wobei Antonsson noch klar der Bessere, weil Sichere war.) und die schwachen defensivtaktischen Bewegungen der Außenverteidiger (Olsson und Lustig konnten nur ganz selten eine sichere Balance herstellen) haben das Momentum dann jedoch leider gekillt. Man wurde dreifach eiskalt ausgekontert.

Zur Seleção:

Einfach nur traumhaft wie man v.a. in der ersten Halbzeit das teils aggressive Pressing der Schweden durch Dreieckbildung und schnelles Kurzpassspiel weitesgehend aushebeln konnte.

Almeida konnte mich durch wirklich intelligente Bewegungen / Läufe und Pässe überzeugen. Ich denke, dass er bei solch einer Ausrichtung (schnelles Umschaltspiel mit Ronaldo als Finalstation) Mittelstürmer #1 sein sollte. CR7 scheint derweil seine Abschlussstärke NOCH mal verbessert zu haben, obwohl er es ja hin und wieder sehr oft aus weniger erfolgversprechenden Positionen versuchte.

Antworten

CF 20. November 2013 um 18:49

Finde ich auch wichtig das du Almeida nochmal erwähnst war für mich auch sehr wichtig. Postiga agierte im Hinspiel noch zu unbeweglich. Riss nicht so viele Räume und agierte mir in manchen Szenen zu stur. Almeidas Bewegung ergänzen sich sehr gut mit Ronaldo. So bereitet er im Hinspiel nach seiner Einwechslung schon den Kopfball an die Latte vor. Das Duo ist ein bisschen zu vergleichen mit Neymar und Fred.

Antworten

CE 20. November 2013 um 16:45

Das Zuspiel für Ronaldo vor dem 1:0 kam wirklich von Almeida.

Was deine Anmerkungen zu Umschaltmannschaften angeht, hast in meinen Augen absolut recht. Sofern ein Team über einen individuell so starken Spieler verfügt, kann sich das auf alle Fälle auszahlen. Dass die schwedische Kette zudem im kollektiven Verschieben noch dazu weit aufrückte, machte es für Ronaldo an mancher Stelle leichter. Die diagonalen Laufwege sind an sich bekannt, aber in relativ enger Deckung ist er nicht zu stoppen. Da hilft am ehesten noch eine Staffelung, was aber auch schwer umzusetzen wäre.

Antworten

GH 20. November 2013 um 16:32

Hat die Vorlage zum ersten Tor nicht Joao Moutinho gegeben? Könnte schwören, dass der tolle Pass von ihm kam.

Auch wenn die Ausrichtung Portugals auf Ronaldo nicht so groß, war sie dennoch effektiver. Ausrichtungen auf Konterspieler wie Ronaldo finde ich generell besser wie auf Kombinationsspieler oder Spielgestalter wie Ibra.

Bei einer Ballbesitzmannschaft sind Fokussierungen auf einen einzigen Spieler, der die Spielgestalter Rolle inne hat, meistens schädlich. Der Einfluss dieses Spielers kann nämlich in einer guten Staffelung, die tief und kompakt steht, leicht verschwindend gering werden. Noch dazu wenn man wie Schweden zu eindimensional spielt.

Allerdings finde ich Fokussierungen bei Umschaltmannschaften auf einen Spieler gewinnbringend. Dieser kann nämlich durch seinen Schnelligkeitsvorteil und durch die gut ausgewählte Positionierung die Abwehr überlaufen und steht oftmals dadurch dem Torhüter alleine gegenüber. Außerdem stehen Konterteams oft sehr tief, was jedoch den Vorteil birgt, dass das Sprintduell mit dem Verteidiger umso länger ist und somit wird auch die Torchance verbessert.

Im Prinzip heißt das für mich, dass, wenn ich sehr schnelle Stürmer habe, ein Pressing mit einem Spieler, der davon ausgenommen ist, an der Mittelinie bzw. kurz nach der Mittelinie am Besten ist.

Natürlich ist das Alles sehr einfach formuliert, aber dennoch hoffe ich, ihr konntet mir einigermaßen folgen. Über Antworten würde ich mich freuen.

Antworten

CE 20. November 2013 um 16:46

Das Zuspiel für Ronaldo vor dem 1:0 kam wirklich von Almeida.

Was deine Anmerkungen zu Umschaltmannschaften angeht, hast in meinen Augen absolut recht. Sofern ein Team über einen individuell so starken Spieler verfügt, kann sich das auf alle Fälle auszahlen. Dass die schwedische Kette zudem im kollektiven Verschieben noch dazu weit aufrückte, machte es für Ronaldo an mancher Stelle leichter. Die diagonalen Laufwege sind an sich bekannt, aber in relativ enger Deckung ist er nicht zu stoppen. Da hilft am ehesten noch eine Staffelung, was aber auch schwer umzusetzen wäre.

Antworten

splattercheffe 20. November 2013 um 18:22

Dass Ronaldo, wenn er denn mal losgelassen wurde, nicht mehr zu stoppen ist, ist klar. Deswegen – ich konnte leider nur Ausschnitte des Spiels sehen – frage ich mich, warum es den Schweden so misslungen ist, die Pässe von Moutinho und Almeida zu verhindern. Die waren zwar für sich ziemlich genial, aber da war auch eine Menge Zeit, sie zu adressieren, wie mir schien. Im Artikel wird schon die schlechte Staffelung und fehlende Kompaktheit angedeutet, aber insgesamt konnte das Spiel wohl als schönes Beispiel für eine Methode gelten, wie man gegen Portugal/CR7 NICHT spielt.
War das wirklich nur der Tatsache geschuldet, dass man mit ’nem 0:1 in die Partie ging?
Den Ausführungen von GH würde ich auch unbedingt zustimmen, wenngleich ich beim Stichwort Fokussierung immer schnell Bauchschmerzen bekomme. So gut ist meines Erachtens heute kein Spieler mehr, der dies auf Dauer eines Turniers rechtfertigen würde – für ein Spiel freilich schon, wie zu sehen war – auch nicht Messi, Ronaldo, Ribery. In der Spitze des Niveaus sollte man doch erwarten können, dass eine Defensive weitestgehend standhält, wenn sie vorher schon weiß, wer den Ball bekommt… hätten nicht Innenverteidiger vom Schlage Boateng die Aufgabe Ronaldos erheblich erschwert, wenn seine Schnelligkeitsvorteile nivelliert werden? Und wären die portugiesischen Pässe mit einem starken Gegenpressing nicht verhindert worden?

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*