Bert van Marwijks Start beim HSV

Unter dem neuen Trainer Bert van Marwijk haben sich die Hamburger stabilisiert. Van Marwijk baut dabei vor allem auf Sicherheit und die Entlastung van der Vaarts.

Saisonstart symbolisch für die Ära Fink

grundformationen

Am ersten Spieltag überraschte Fink mit einem 4-2-4-0 gegen Schalke

Nachdem der HSV in der letzten Saison unter Thorsten Fink zwischen sehr guten und sehr schlechten Leistungen schwankte, starteten die Hamburger schwach in diese Saison. Gleich im ersten Saisonspiel gegen Schalke überraschte Thorsten Fink mit einem 4-2-4-0, obwohl in der kompletten Vorbereitung 4-2-3-1 gespielt wurde.

Die Partie gegen S04 verlief jedoch unerwartet positiv, das stürmerlose System mit den beiden Zehnern van der Vaart und Calhanoglu sorgte für einige interessante Wechselwirkungen, vor allem dann, wenn die Flügelspieler in die Spitze gingen. Auch das Pressing war so stark wie nie unter Fink, da das 4-2-4-0 gegen das Schalker 4-4-2/4-2-3-1 sehr klare Zuordnung erzeugte.

Der HSV presste die Schalker Viererkette und zwang sie zu vielen langen Bällen, wodurch sie schnell die Überhand gewannen. Bei all den positiven Aspekten, die das 3:3 mit sich brachte, waren es gruppen- und individualtaktische Aspekte, die für einfachste Gegentore sorgten. So ließ man sich zum Beispiel nach nur 80 Sekunden völlig naiv auskontern und lag früh zurück.

Wir werden sicherlich nicht von Anfang an ein Riesentempo gehen und Schalke zu Kontern einladen. Im Umschaltspiel sind sie extrem gefährlich.

Thorsten Fink direkt vor dem Spiel

Huntelaar nutzte die katastrophale Hamburger Tiefenstaffelung nach einer guten Minute zum 1:0 angesichts des oben stehenden Zitats kann man einen Trainer nicht viel blöder aussehen lassen. Da die Hamburger zudem noch zwei simple Tore nach Standards kassierten, fielen die positiven Aspekte des Spiels ergebnistechnisch nicht ins Gewicht – was auf gewisse Art und Weise symbolisch für die Zeit unter Fink ist.

fink-wechsel

Gegen Hoffenheim gab Fink das Mittelfeld auf – und ging unter

Noch typischer als das Spiel gegen Schalke war die folgende Partie bei der TSG Hoffenheim. Wie so oft folgte auf einen überzeugenden Auftritt der Hamburger ein katastrophaler. Hoffenheim begegnete der Aufbaudreierkette der Hamburger – Arslan fiel zwischen Westermann und Sobiech zurück – recht passiv und konzentrierte sich darauf, die Passwege ins Mittelfeld zuzustellen.

Der HSV litt wieder einmal unter Verbindungsproblemen, da die vorderen Spieler viel zu weit von der Dreierkette entfernt waren. Sobiech und Westermann rückten ohne Anspielstationen mit dem Ball am Fuß vor, schenkten den Hoffenheimern so die Bälle und waren zudem noch weit entfernt von ihrer Grundposition. Das Problem der fehlenden Verbindungen verstärkte Fink mit einem bedenklichen Wechsel. Beim Stand von 1:2 wechselte er Rudnevs für Badelj ein und gab das Mittelfeld somit völlig auf. Weil Hoffenheim sich gnädig im Abschluss zeigte, gewannen sie nur 5:1.

Das 4-2-4-0 war Geschichte, Fink wechselte wieder auf 4-2-3-1, mit dem es eine Auswärtsniederlage in Berlin setzte. Die Umstellung auf 4-3-1-2 genügte am folgenden Spieltag zu einem wenig überzeugenden Sieg gegen Braunschweig. Nur einen Spieltag später sollte Finks letzter Fehlschlag folgen. Beim Gastspiel bei Borussia Dortmund wechselte Fink mal wieder das System und packte die Dreierkette aus. Die im 3-5-2 nur einfach besetzten Flügel erwiesen sich als Achillessehne des Systems und wurden vom BVB gnadenlos ausgespielt. Im Verlaufe der Partie versuchte Fink wieder einmal, einen Rückstand durch das Auswechseln des tiefsten Mittelfeldspielers aufzuholen. Calhanoglu für Rincon zu bringen, erwies sich jedoch als Genickbruch, der BVB tobte sich im Zwischenlinienraum aus und schoss den HSV ab. Nach dem Spiel wurde Fink entlassen, Interimstrainer Cardoso übernahm die Mannschaft bis zur Ankunft des neuen Trainers van Marwijk. Dessen erste Amtshandlung war die Rückkehr zur Stabilität.

Van Marwijks Stammelf

Um die alles andere als konstanten Hamburger zu stabilisieren, setzt van Marwijk seit seinem Amtsantritt auf ein 4-4-1-1. Vor Adler bilden Neuzugang Djourou und Nachwuchsspieler Tah die Innenverteidigung. Auf der rechten Seite spielt Heiko Westermann, da Dennis Diekmeier wegen einer Verletzung lange ausfällt.

Links ist Marcel Jansen gesetzt, ebenso fest ist die Besetzung der Doppelsechs: Hier bietet van Marwijk die wohl spielstärkste Variante auf, indem er Tolgay Arslan und Milan Badelj gemeinsam agieren lässt. Auf dem linken Flügel spielt der gelernte Zehner Hakan Calhanoglu, der die Außenposition allerdings schon aus seiner Karlsruher Zeit kennt und sie auf eine für den HSV passende Art und Weise interpretiert, wie später noch beschrieben wird.

Rechts offensiv liefern sich Zoua und Beister einen Zweikampf. Während Zoua ein direkterer Spieler ist und auch lange Bälle durch seine starke Physis festmachen kann, stellt Beister die spielerisch stärkere Option dar. Den U-21-Nationalspieler mit dem starken linken Fuß zieht es vom rechten Flügel immer wieder in die Mitte, wo er mit den restlichen Offensivspielern kombinieren kann. Allen voran sind hier van der Vaart und Lasogga gemeint, die zusammen an vorderster Front agieren. Van der Vaart hat hierbei eine Freirolle inne, während Lasogga sich vor allem ausweichend bewegt.

Van Marwijk ist kein Freund von großer Rotation. Deswegen verzichtete er auch darauf, Westermann nach Djourous Verletzung in die Mitte zu ziehen und die rechte Seite neu zu besetzen.

Es ist eigentlich nicht mein Stil, alles durcheinander zu würfeln.

Van Marwijk über Personalrochaden

Dass van Marwijk gegen Gladbach Lasse Sobiech in die Innenverteidigung brachte und Westermann auf der rechten Seite ließ, war somit konsequent. Bitter für den Trainer: Sobiech verschuldete mit zwei katastrophalen individuellen Fehlern beide Gegentore und somit auch die Niederlage.

Dennoch ist nicht zu erwarten, dass van Marwijk sein Team kommenden Spieltag großartig umbaut. Nach dem Spiel sprach er zurecht von der vielleicht besten Leistung des HSV unter ihm, nur das Ergebnis passe nicht. Auch Sobiech werde wohl eine zweite Chance erhalten, ließ er durchblicken. Van Marwijk will also auf jeden Fall eine Stammelf aufbauen, die sich einspielt. Der HSV-Fan dürfte dies gerne hören, bedenkt man die fehlende Konstanz – bezüglich Leistung und Personal – in den vergangenen Jahren.

Für die gegen Ende der Ära Fink merklich verunsicherten Hamburger Akteure scheinen klare und einfache Vorgaben derzeit genau das richtige zu sein, daher verordnete van Marwijk dem HSV auch erst einmal ein defensiv stabiles System.

Einfach und kompakt: Das tiefe und passive 4-4-2-Mittelfeldpressing…

Gegen den Ball wird aus der 4-4-1-1-Grundformation ein 4-4-2, bei dem van der Vaart neben Lasogga die erste Pressingreihe bildet. Die beiden verschieben an der Mittellinie nah aneinander hin und her und lassen die Innenverteidiger weitgehend in Ruhe. Hauptaufgabe der Doppelspitze ist es nämlich, die zentralen Passwege ins Mittelfeld zuzustellen. Dies lässt dem Gegner zwar mitunter viel Zeit am Ball, was den Hamburgern jedoch relativ egal ist, auf Ballbesitz sind sie nicht vorrangig aus.

Sie pressen äußerst passiv, weichen also im Verbund schnell zurück, wenn der Gegner in die Tiefe spielt. So ist es unter van Marwijk keine Seltenheit, dass die Viererkette am eigenen Sechzehner steht und das Mittelfeld wenige Meter davor. Die äußeren Mittelfeldspieler stehen sehr eingerückt, sodass der Gegner auf den Flügel geleitet wird. Dort wird er jedoch nicht besonders aggressiv attackiert oder gedoppelt. Der jeweilige Außenverteidiger stellt lediglich den geraden Weg die Linie entlang zu und provoziert so Halbfeldflanken, gegen die der HSV bestens gerüstet ist.

pressing vs stuttgart

Hamburgs Pressing gegen den VfB Stuttgart: Die Doppelsechs verfolgt die abkippenden Gegner, hinten verlässt man sich auf die Kopfballstärke. Hier spielt Ulreich einen langen Pass in Richtung Ibisevic. Der herausrückende Tah gewinnt das Kopfballduell und leitet auf den absichernden Djourou weiter.

Mit Westermann, Tah und Djourou sind allesamt stark in der Luft, auch Jansen ist recht groß und im Kopfballspiel brauchbar. Flanken aus dem Spiel heraus sind gegen den HSV also kein vielversprechendes Mittel, bei Standards ist das Team von van Marwijk jedoch weiterhin anfällig.

… und die Alternativen

Hin und wieder streuen die Hamburger auch aktivere Pressingphasen ein, die vor allem von starken Mannorientierungen geprägt sind. Ein oft genutztes Mittel ist die Verfolgung eines abkippenden Sechsers.

Beim 3:3 gegen Stuttgart war es Badelj, der den zentral abkippenden Kvist sehr weit verfolgte und die vom VfB beabsichtigte Überzahl im ersten Drittel neutralisierte.

Eine andere Maßnahme ist das recht simple 4-4-2-Angriffspressing, das der HSV zwischendurch mal anbringt. Hier schiebt der komplette Block deutlich weiter vor, die Flügelspieler stellen zusammen mit Lasogga und van der Vaart die gegnerische Viererkette zu.

Badelj und Arslan übernehmen die gegnerischen Mittelfeldspieler, Djourou oder Tah verfolgen ihre nächsten Gegenspieler ebenfalls recht weit.

Weil diese Form des Angriffspressings vom HSV jedoch sehr wenig kollektiv, also stark auf das Eins-gegen-Eins ausgerichtet ist, birgt es Risiken. Gelingt dem Gegner mal ein schneller Doppelpass oder ein Dribbling, ist die Hamburger Formation schnell auseinander gerissen und anfällig.

vfb tor

Gefahr bei zu starker Mannorientierung: Stuttgart traf gegen den HSV schon nach drei Minuten aus einer Sechs-gegen-Neun-Situation heraus. Mit zwei Doppelpässen gelangte Maxim viel zu einfach ins direkte Duell mit Adler und verwandelte. Jansen, Calhanoglu und Djourou schoben nicht weit genug mit auf die Seite, Arslan hätte den Raum vor der Kette besser sichern müssen.

Im Idealfall provoziert der HSV in diesen Phasen jedoch viele lange Bälle des Gegners, die dann durch die kopfballstarke Viererkette gewonnen werden können. Mit Westermann und Jansen haben ausweichende Stürmer bei hohen Bällen auch auf den Flügeln unangenehme Gegner im Luftkampf.

Das Hamburger Defensivspiel ist generell also recht simpel, bestimmte Pressingfallen sucht man vergebens. Diese Einfachheit scheint dem HSV jedoch zur Zeit erstmal gut zu tun, die tiefere Grundstellung kaschiert die Geschwindigkeitsprobleme einiger zentraler Akteure, bei den eingestreuten Phasen höheren Pressings kommen dem HSV die klaren Mannorientierungen zugute.

Asymmetrie und die Befreiung van der Vaarts: Hamburgs Offensivspiel

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Van Marwijks bisherige Stammelf

Offensiv ist das Hamburger Spiel nicht ganz so simpel wie die Arbeit gegen den Ball. Van Marwijk kombiniert die elf spielstärksten Spieler seines Teams in seiner Stammelf. Dies gelingt vor allem durch eine gut abgestimmte Asymmetrie. Auf dem linken Flügel spielt Jansen wie schon in den vergangenen Jahren sehr offensiv.

Im Aufbau schiebt er jedoch nicht mehr permanent so weit nach vorne wie in der Vergangenheit, sondern passt seine Bewegungen an seinen Vordermann Calhanoglu und die Sechser an. Die eine, eher simple Möglichkeit ist, dass Jansen im Aufbau erst einmal recht tief bleibt und Calhanoglu seine Position am linken Flügel hält.

Passiert dies, kommt van der Vaart häufig zurück zu den Sechsern und stellt Überzahl in der Mitte her. Oft misslingt diese Aufbauvariante jedoch, da recht wenig Bewegung im Spiel ist und van der Vaart häufig auch verfolgt wird – was er absolut nicht mag.

Deswegen greifen die Hamburger immer wieder zu einem anderen Aufbaumuster. Jansen schiebt weit mit vor und öffnet hinter sich einen großen Raum, in den Badelj oder Arslan abkippen können. Calhanoglu rückt gleichzeitig weit ein und überlädt das Zentrum. Weil Zoua (oder auch Beister) oft mit in die Spitze gehen und van der Vaart zurückfällt, entstehen asymmetrische 4-2-2-2-ähnliche Staffelungen.

In diesen Situationen hat der HSV im Zentrum die gesamte Spielstärke geballt und kann die Stärken der einzelnen Akteure forcieren. Gerade van der Vaart fühlt sich wohler, wenn er von vielen eigenen Spielern umgeben und somit schwerer zu pressen ist.

Dass van Marwijk fast ausschließlich auf spielstarke Akteure setzt, ist für van der Vaart enorm wichtig. Unter Fink versuchte er häufig, das Spiel aus der Tiefe zu lenken. Weil dann aber zu wenige Spieler vor dem Ball waren, konnten die Mannschaftsteile des HSV leicht voneinander isoliert werden. Van der Vaart spielte aus diesen Situationen heraus häufig lange Bälle, die aber wegen der schlechten Tiefenstaffelung nicht gewonnen werden konnten. Auch zweite Bälle gingen aus diesem Grund verloren.

Ich war selbst schuld. Als es nicht lief, habe ich Dinge versucht, die letztlich nicht gut waren für mich und die Mannschaft.“

Rafael van der Vaart über seine Schwächephase unter Fink

 

Badelj wieder einflussreicher

Nun sind beide Probleme behoben. Durch Calhanoglus Einrücken kann sich der HSV mit vier zentralen Spielern (Badelj, Arslan, van der Vaart und Calhanoglu) besser staffeln und flexibel zwischen 1-3-, 2-2- oder 3-1-Stellungen wechseln. Hierdurch werden neue Passwinkel geschaffen, die den Gegner immer wieder vor neue Aufgaben stellen. Zudem ist durch die kompaktere Staffelung auch ein effektiveres Gegenpressing möglich, wo vor allem Milan Badelj seine Stärken ausspielen kann. Der Kroate ist zwar nicht besonders dynamisch, dafür aber extrem geschickt im Tackling.

Mit dem Ball gehört Badelj im passenden taktischen Kontext sowieso zu den besten Spielern der Liga. Der kroatische Sechser, von dem Slaven Bilic mal sagte, er könne drei Pässe vorausahnen, ist sehr pressingresistenz und hat ein tolles Auge für offene Räume. Unter Fink blühte er besonders dann auf, wenn er der tiefste Spieler in einer Raute war.

Gegen Ende der Amtszeit von Fink gab es jedoch eine andere Aufteilung. Fink beorderte Badelj weiter vor, wahrscheinlich um seine Spielstärke weiter vorne besser zur Geltung zu bringen. Arslan oder Rincon gaben dann den tiefsten Spieler des Mittelfelds, was auf Kosten der Qualität im Aufbau ging. Badelj wurde letztlich viel zu oft überspielt, weil der HSV früh zu langen Bällen griff.

Unter van Marwijk hat Badelj wieder einen größeren Einfluss auf das Spiel der Hamburger. Badelj, Arslan, van der Vaart und Calhanoglu pendeln frei durch die zentralen Räume, häufig kommt der Kroate jedoch in tiefe Räume und holt sich die Bälle ab.

Er ist unser Spielmacher von hinten, das macht es für mich einfacher.

Van der Vaart über Milan Badelj

Ein Paradebeispiel für die Stärke Badeljs war der 3:0 Sieg beim SC Freiburg. Gegen den Sportclub, der wie gewohnt im 4-4-2 antrat und mannorientiert presste, ging Badelj richtig auf. Mit seiner Pressingresistenz löste er viele kritisch wirkende Situationen im Aufbau spielerisch und brachte dem HSV Sicherheit. Mit seinen kleinen Körpertäuschungen ließ er die Freiburger immer wieder ins Leere laufen, folgerichtig war er auch der HSV-Spieler mit den meisten erfolgreichen Dribblings.

Wenn die Freiburger sich nach der ersten Pressingwelle weiter zurückzogen, hatte Badelj gegen das 4-4-2 keinen nominellen Gegenspieler. Er konnte so nach Belieben die Fäden ziehen und hin und wieder auch Risikopässe suchen. Letztere sorgten einerseits für eine nicht außerordentlich gute Passquote von 80%, brachten ihm aber immerhin zwei direkte Torschussvorlage und einen Assist ein.

Im Pressing variierte der HSV gegen Freiburg wieder zwischen der tieferen, passiven 4-4-2-Stellung und dem situativen Angriffspressing in 4-1-3-2-ähnlichen Konstellationen. Badelj kümmerte sich hier um den jeweils zurückfallenden Sechser der Freiburger. Ginter und Schuster gerieten immer wieder in Bedrängnis, Badelj brachte es auf fünf erfolgreiche Tacklings – Bestwert der Partie.

Pierre-Michel Lasogga: Die lang gesuchte Option

Seit dem ersten Spiel unter van Marwijk bei Eintracht Frankfurt ist der Leihspieler Pierre-Michel Lasogga in der Spitze gesetzt. Der bullige Neuzugang erzielte in fünf Ligaspielen sechs Tore, brachte dem HSV aber noch viel mehr. Besonders beim 5:0-Auswärtssieg gegen den 1.FC Nürnberg wich der Stürmer ständig auf die Flügel aus und holte dort lange Bälle aus der Luft.

Mit seiner guten Technik und seiner starken Physis schirmt Lasogga die Bälle gut ab und gibt seinen Mitspielern die Chance zum Nachrücken. Für die Hamburger ist es eine willkommene Alternative, auch weite Bälle schlagen zu können. In der Vergangenheit versuchte man ja schon mehrere Male, einen kurzpassorientierten Stil zu etablieren, was eine Zeit lang auch gut gelang. Weil sich die Gegner jedoch schnell auf das Abkippen eines Sechsers und die daraus entstehenden Passwinkel einstellte, wurden Gegenmittel gefunden. Häufig ließen gegnerische Teams den HSV im Aufbau alle Zeit und allen Raum der Welt – die Passwege in die vorderen Linien waren jedoch versperrt.

Neben dem verarbeiten von langen Bällen bringt Lasogga auch eine weitere passende Komponente ins HSV-Spiel ein: Direktheit. Kaum ein Stürmer schließt so schnell ab wie Lasogga. Er ist zwar kein besonders spektakulärer Schütze, hat ab 25 Metern aber eine gute Präzision in seinen Schüssen, meistens visiert er das lange Eck mit einem flachen Ball an.

Lasogga ist also eine optimale Mischung aus Rudnevs, der sehr direkt und wühlend agiert, körperlich und technisch allerdings Defizite hat, und Zoua, der zwar technisch gut und körperlich stark ist, zuweilen aber sehr verspielt ist. Zoua ist aktuell auf dem Flügel besser aufgehoben, von wo aus er im Angriffsverlauf immer weiter in die Mitte rückt und bei den bevorzugten Angriffen über (halb)links am langen Pfosten auf Hereingaben lauert.

Fazit

5 Spiele, 8 Punkte, 13:7 Tore. Van Marwijks Bilanz bisher ist nicht überragend, aber angesichts der kurzen Zeit, die er mit der Mannschaft hatte, ordentlich. Ohne Sobiechs Patzer hätte man gegen Gladbach nicht verloren, aufgrund des Spielverlaufs sogar gewinnen können. Der Bilanz hätte es gut getan.

Wichtiger ist jedoch die Entwicklung, die der HSV unter dem niederländischen Trainer nimmt. Van Marwijk hat ein stabiles Defensivkonzept eingeführt, das zwar weder besonders elegant oder proaktiv ist, der Situation und den Spielertypen jedoch gut angepasst ist.

Offensiv ergeben sich nette Wechselwirkungen auf der (halb)linken Seite mit Jansen, Calhanoglu, dem ausweichenden Lasogga und den aufrückenden Sechsern. Im Zentrum hat man mit van der Vaart, Arslan, Badelj und dem unterstützenden Calhanoglu vier sehr spielstarke Akteure in einem guten Kombinationsradius.

Verbesserungswürdig sind vor allem die Defensivstandards, bei denen der HSV weiterhin extrem anfällig ist. Dass der HSV nicht international spielt, könnte sich diese Saison noch bezahlt machen, da van Marwijk auf eine klare Stammelf setzt.

Nach fünf Spielen lässt sich zusammenfassend festhalten, dass van Marwijk den HSV stabilisiert hat und nun wieder fast alle Spieler auf ihren Idealpositionen spielen dürfen. Spannend wird nun sein, wie und ob van Marwijk das Pressing des HSV verändert. Machen sie hier auch noch Fortschritte, kann der HSV um das internationale Geschäft mitspielen. Ein unangenehmer Gegner bleiben sie aber auf jeden Fall.

Z 5. November 2013 um 22:16

Wirklich tolle Analyse, sprachlich sowieso, wie bei PP gewohnt, auf sehr gutem Niveau. Die Einschätzung zum Gladbach-Spiel Teile ich auch mit dem Autor. Trotz guter Organisation der Gladbacher kam der HSV zu einigen guten Chancen, traf zwei Mal den Pfosten und einmal die Latte, während Gladbach in Gestalt von Max Kruse eben zwei individuelle Fehler zum Sieg nutzte.

Aber viel wichtiger als diese Diskussion ist erklärt bekommen zu haben, WESHALB van Marwijk dem HSV so gut tut. Danke dafür!

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mrb 5. November 2013 um 15:50

PP, Deine Artikel zu lesen ist stets eine Freude. Deine Schreibe ist präzise und dennoch schlicht. Von den „Spielverlagerern“ bist Du derjenige, in dessen Artikeln ich selten bis nie Sätze nochmals lesen muss, um sie zu verstehen. Kompliment!

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PP 5. November 2013 um 17:12

Vielen Dank!

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MZB 5. November 2013 um 23:38

Ich stimme mrb zu. Bei den zuweilen sprachlich sehr ausufernden Artikeln eine erfrischende Abwechslung.

Zwei Aspekte wollte hinsichtlich des Inhalts noch erwähnen:

a) Die Typusbeschreibungen von Beister und Zoua kann man nahezu austauschen. Beister ist in meinen Augen leider nicht unbedingt für das Kombinationsspiel geeignet. Dafür ist er in der Regel zu hektisch am Ball, sucht zu schnell den Weg zum Tor. Allerdings ist er wegen seinem starken Schuss und seiner Geradlinigkeit überaus torgefährlich und spielt auch einen guten letzten Pass. Zoua dagegen lässt sich als Flügelstürmer stets in die Halbräume fallen um Angriffe zu initiieren in dem er durch seine körperliche Präsenz 1-2 Gegenspieler auf sich zieht (s. Auswärtsniederlage gegen Berlin, Torinitiierungen gegen Dortmund und Nürnberg). Leider ist er trotz seiner physischen Überlegenheit im Angriffsdrittel nur sehr bedingt geeignet. Beide weisen zudem immer mal wieder starke Schwächen im individualtaktischen Defensivspiel auf. Gerade Beister hat Probleme wenn der Flügel überladen wird, versteht zudem seinen Deckungsschatten im Spielaufbau er leider nicht zu nutzen.

b) Ein gruppentaktischer Aspekt sei noch erwähnt: Die Mannschaft verschiebt sehr stark zum Ball und ist dann anfällig für schnelle Seitenwechsel. Gegen Frankfurt und Stuttgart war dies besonders stark sichtbar, wo die Flügelspieler aufgrund der stark nach innen einrückenden Außenverteidiger Räume vorfanden.

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Torgarant 5. November 2013 um 10:19

Es tut mir leid, aber ich empfinde diese Analyse als relativ schwach und zu sehr durch die „Fanbrille“ geschrieben.
Es gibt zwar durchaus Passagen, die die Veränderungen von Fink zu van Marwijk richtig darstellen, aber insgesamt wird nach meiner Einschätzung die Situation zu weing distanziert und zu unkritisch beschrieben.
Als bestes Beispiel diene diesbezüglich die Einschätzung der Niederlage gegen Gladbach – der Autor glaubt: „ohne Sobiechs individuelle Fehler hätte man das Spiel nicht verloren und womöglich sogar gewonnen.“
Mit Verlaub, aber als neutraler Beobachter halte ich diese Einschätzung doch für äusserst gewagt. Ich habe ein Spiel gesehen, in dem die Gastmannschaft eine ganz klare und konsitente Strategie gefahren hat. Solange es noch Unentschieden stand, wurde versucht „hoch“ zu verteidigen und den HSV nicht ins Spiel kommen zu lassen. Gleichzeitig wurde immer wieder Druck auf die Aufbauspieler ausgeübt, so daß der HSV überwiegend mit „langen Bällen“ operieren musste. Im eigenen Aufbauspiel wirkte Gladbach auf mich erheblich ballsicherer und strukturiereter als der HSV und die Führung – unabhängig vom Zustandekommen – war die logische Konsequenz.
In der Folge spielte Gladbach dann erheblich zurückhaltender und überließ dem HSV Ballbesitz und Spielanteile. Ziel war es offensichtlich, die Führung zu sichern und auf Konter zu lauern, was dann letztlich auch gelang.
Der HSV hatte zwar mehrere gute Gelegenheiten und mit etwas Glück hätte man den Ausgleich erzielen können, doch interessanterweise resultierten diese Chancen nicht aus eigenem Kombinationsvermögen, sondern eher aus Standards oder Zufällen.
Für mich liegt die Vermutung nahe, dass Gladbach bei einem Gegentor relativ schnell wieder in den „Unentschieden-Modus“ geschaltet und den HSV erneut in Schwierigkeiten gebracht hätte.
Nun ist es in der gegenwärtigen Situation für den HSV sicherlich kein Beinbruch nach vier (teil-) erfolgreichen Spielen mal wieder eine Niederlage einstecken zu müssen, aber, und da setzt meine Kritik an der Analyse ein, das Gladbachspiel hat meines Erachtens überdeutlich gezeigt, daß der HSV trotz des Trainerwechsels und der zweifellos vorhandenen individuellen Qualität gegen spielstarke und strukturiert auftretende Gegner noch viel zu schnell an seine Grenzen stößt.
Von den kommenden fünf Gegnern (Lev., H96, Wolfsbg., Augsbg., Bayern) sind 3-4 hinsichtlich ihres technisch-taktischen Vermögens mindestens so stark einzuschätzen wie Gladbach. Und wenn der HSV da so auftritt wie am letzten Samstag, dann wird man sich noch öfters über vermeintlich „unglückliche“ Niederlagen ärgern müssen.

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PP 5. November 2013 um 12:57

Also Fan des HSV bin ich definitiv nicht.
Was meinst du mit „schlecht geschrieben“? Sprachlich? Oder fehlen dir bestimmte Aspekte?
Dass ein Sieg gegen BMG hochverdient gewesen wäre, behaupte ich nicht. Mir ging es darum, die allgemeine positive Entwicklung – die mit krassen Aussetzern wie von Sobiech ja recht wenig zu tun hat – zu unterstreichen. Und punktetechnisch stünden sie ohne diese Patzer nun einmal mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit nunmal besser da. Sorry, wenn’s da Irritationen gab.

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Torgarant 5. November 2013 um 15:55

Es tut mir leid, wenn Dich mein Kommentar irgendwie verletzt haben sollte, das war bestimmt nicht meine Absicht, im Gegenteil, ich habe höchsten Respekt für die große Mühe, die Du Dir gemacht hast. Und auch an Deinen sprachlichen Ausführungen habe ich nicht das Geringste zu kritisieren.
Nur hatte ich nach mehrmaligem Lesen den Eindruck Du wolltest mit der Analyse zum Ausdruck bringen (stark vereinfacht): seit dem Trainerwechsel sei der HSV auf einem richtig guten Weg und wenn man jetzt noch die individuellen Fehler abstellt, sei man wieder komplett in der Spur. Und genau diese Einschätzung kann ich unter dem Eindruck des Gladbach-Spiels nicht teilen.
Ich könnte mir vorstellen, dass Hecking und Slomka ihren Teams zur Einstimmung auf den HSV das Gladbach-Spiel zeigen und dieser dann am Ende wieder bei Ballbesitz und Schußversuchen vorne liegt, aber dennoch keine Punkte holt…
Aber vielleicht hab ich ja auch Unrecht und Gladbach ist einfach besser als ich es ihnen zugetraut hätte und somit kein Massstab für Teams wie Wolfsburg und Hannover und einige andere.
Nix für ungut.

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PP 5. November 2013 um 17:12

Quatsch, hast du nicht, kein Problem 😉

Ich sehe sie auf nem guten Weg, was aber nicht automatisch heißt, dass sie nun alles wegschießen werden. Einige problematische Punkte (Defensivstandards, höheres Pressing über längere Dauer, Kaderbreite) habe ich ja angesprochen.

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BigK 4. November 2013 um 22:03

Schöner Artikel – danke! Ich sehe den HSV mit Jansen und Diekmeier mittelfristig eigentlich in einem 3-4-3. Mit Tah, Djourou und Westermann in der Verteidigung und mit Calhanoglu und VdV auf den Halbpositionen hinter Lasogga. Damit ginge das von PP beschriebene fluide Mittelfeld bestehen.
Jansen und Diekmeier sind defensiv nicht die allerbesten und so könnte man die Stabilität erhöhen und mit Lasogga gat man nun eine Zielspieler in der Mitte sowie schusstarkenLeuten dahinter für die Rebounds. Individuell ist der HSV eigentlich gar nicht so schlecht. Mit mehr Selbstvertrauen kann man bestimmt ein ganz gutes ballbesitzorientiertes Spiel aufbauen.
Ich würde Juve als Vorbild für die Defensive ansehen. Die von euch schon mal beschriebene pendelnde Fünferkette beim Spiel gegen den Ball.
Was denkt ihr? 3-4-3 bzw. 5-4-1 beim HSV möglich?

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