FC Barcelona – Espanyol Barcelona 1:0

Im katalanischen Derby trafen der FC Barcelona und Espanyol Barcelona im politischsten Regionalderby der Welt aufeinander. Der Ballbesitzfußball der Katalanen sollte ein weiteres Mal triumphieren, allerdings machten die Gäste es ihnen im 4-5-1-0 ungemein schwer. Zwar fehlte es Espanyol meistens an den nötigen Staffelungen im offensiven Umschaltspiel, aber dafür standen sie defensiv solide und konnten Barcelona vor Probleme stellen, die letztlich individuell gelöst werden mussten.

Espanyol macht die Mitte dicht

Von Beginn an war der Plan Espanyols klar: Man spielte in einer positionsorientierten Raumdeckung in einem 4-5-1, welche auf den Außenbahnen mannorientiert interpretiert wurde. Die Positionsdeckung wurde dabei so gespielt, dass beide Viererketten in der Horizontale sehr eng standen, die Außen aufmachten und die Mitte zustellten. Dadurch sollte die Mitte, das Kernzentrum der Stärken Barcelonas, versperrt werden. Gleichzeitig lockte man das Spiel auf die Außen, stellte dort mit den Mannorientierungen Zugriff her und isolierte durch das ballorientierte Verschieben die Außenspieler von der Mitte. Hierzu sehen wir uns folgende Grafik an:

Espanyols 4-5-1

Espanyols 4-5-1-0

Selbst Espanyols Mittelstürmer steht sehr tief und gar vor dem gegnerischen Sechserraum, wodurch er quasi als Keilstürmer fungiert, der die Bälle auf Außen leiten soll. Wenn der Pass kommt, schiebt das Kollektiv zum Ball.

Selbst beim Verschieben bleibt die Konzentration auf der Mitte.

Selbst beim Verschieben bleibt die Konzentration auf der Mitte.

Man sehe sich an, wie der Rechtsverteidiger steht: Rausgerückt. Zuvor hatte Barcelona nämlich den Ball auf links und er rückte heraus. Die restliche Viererkette schob aber nicht wirklich nach, denn sie kümmerte sich auch hier um die Mitte. Und man wollte damit wohl lange Diagonalpässe hinter geweitete Schnittstellen verhindern. So konnten die Pässe nur auf die Flügel kommen und die verbliebenen Spieler der Viererkette konnten die Mitte sichern.

Espanyols 3-6-1

Espanyols 3-6-1

Diese Weigerung zum Verschieben innerhalb der Viererkette in diesen Situationen sorgte manchmal sogar für eine Art 3-6-1, wie oben schön zu sehen ist. Hier stand Messi rechts, er wurde sofort bedrängt und spielte den Ball zurück. Espanyol wechselt dadurch die Formation, die verbliebene Dreierkette bleibt nämlich weiterhin mittig und pendelt nur ansatzweise hin und her.

Ansonsten gab es über Espanyol nicht viel zu berichten. In der Anfangsphase war ihr Pressing im Mittelfeld noch überaus intensiv und Barcelona kam nur schleppend über die Mitte und Halbräume nach vorne. Bei Pässen auf Außen verhielten sich wie erwähnt die Außenverteidiger mannorientiert, rückten heraus und nach Rückpässen sicherten nicht nur die verbliebenen Verteidiger die Mitte, sondern auch die drei zentralen Mittelfeldspieler bzw. die enge Ffnferkette die Schnittstellen.

Der Unterschied zur zweiten Halbzeit war dann aber das Herausrücken der Mittelfeldspieler bei Espanyol. Zuvor schoben diese oft heraus und setzten Xavi, Iniesta und Busquets situativ unter Druck. Sie provozierten dadurch eine schnelle Ballzirkulation, es kamen mehr Kurzpässe auf den Flügel. Auch darum spielte Barcelona insgesamt 29 Flanken: Es war schlicht nicht nur die einfachste, sondern auch die erzwungene Möglichkeit zum Angriff. 70% der Angriffe des Meisters gingen über die Flügel. Am stärksten zeigt sich der Effekt dieses variablen und situativen Herausrücken anhand folgender Statistik: In dieser Saison wurde Busquets bislang nur 3mal „dispossessed“ laut WhoScored. Gegen Espanyol geschah dies gleich 4mal, dazu wurde er noch 2mal gefoult.

Offensiv gab es allerdings wenig zu sehen von Espanyol. Viele Angriffe waren Unterzahlkonter, schnelle lange Bälle, unstrukturierte Kombinationen und ein paar Dribblingversuche. Das meiste davon wurde schon vor dem Strafraum aufgehalten, insgesamt gab es nur zwei Schüsse auf das Tor von Victor Valdes und keine wirkliche Großchance für Espanyol.

Barcelona mit Problemen und Anpassungen

Bei den Hausherren war interessant, wie sie sich an den Gegner anpassten. Eine kleine Veränderung war die Rückkehr Mascheranos auf die halblinke Innenverteidigerposition im Vergleich mit dem Clàsico, was der üblichen Verteilung entspricht, aber auch eine Anpassung an die Dribblings über den Rechtsaußen Espanyols gewesen sein könnten. Eine zweite Anpassung war da deutlich interessanter.

In dieser Saison agierte Xavi meist höher als noch in den Vorjahren und orientierte sich an die Phase von 2008-2010. Er schob in den Zwischenlinienraum und war mit Iniesta fast gleichberechtigt in puncto Offensivpräsenz. Heute war wieder eine Rückkehr zur Aufteilung in den letzten zwei bis drei Jahren, es wurde wieder stärker wie eine Doppelsechs aus Busquets als Raumöffner und Xavi als vertikaler Sechs interpretiert.

Ein Bild

Eine „falschseitig“ Doppelsechs; Xavi ist auf links gegangen, Busquets ist auf halbrechts, Iniesta spielt quasi als Zehner (mit Linksfokus) davor.

Hier sehen wir gar Xavi halblinks, Busquets halbrechts und Iniesta halblinks weiter vorne. Schön zu sehen ist auch die Positionierung Alexis‘ in der Mitte neben Iniesta. Er übernahm nämlich eine Rolle als „Blocker“ und schaltete sich in ein ähnliches Wechselspiel mit Messi mit ein, wie es Fabregas im Clásico getan hatte, wodurch Messi oft auf rechts ging und in viele Dribblings ging.

Diese Doppelsechs hatte aber unterschiedliche Interpretationen über das Spiel hinweg.

klare Doppelsechs

klare Doppelsechs, aber richtigseitig

Dies hing lange Zeit von der Art der Bewegung Xavis, dem Raumöffnen Busquets und der generellen Bewegung ab. Meistens war es aber die normale Variante: Busquets schiebt nach links, Iniesta nach vorne und Xavi findet sich diagonal in offenen Räumen wieder. Teilweise wurde es aber wie oben verkehrt herum gespielt, wenn Xavi sich zum Ball bewegte und kurzzeitig gab es sogar eine flache Drei, die anders als üblich gespielt wurde.

Andere Art der Aufteilung

Andere Art der Aufteilung

Normalerweise agiert in einer Szene wie in obiger Grafik Busquets zentral, Xavi und Iniesta besetzen die Halbräume und ziehen immer wieder in den Zwischenlinienraum. Hier ließ sich aber Iniesta aus seiner höheren Position zurückfallen, Busquets ging nach halbrechts und Xavi steht zentral; ein paar Mal spielte Xavi in dieser sehr kurzen Phase lange Pässe, Iniesta und Busquets waren wohl angewiesen nach der Halbzeit bei wieder intensiverem Herausrücken der Espanyol-Spieler zu helfen. Als dies nicht mehr kam – so meine Hypothese! – spielten sie wieder anders.

Iniesta ganz weit vorne

Iniesta ganz weit vorne

Wie hier zu sehen ist nämlich Iniesta wieder höher und Xavi hat sich wieder nach links orientiert. Die 2-1-Aufteilung ist wieder gegeben, Alves rückt wie üblich oft in die Halbräume auf rechts oder es lässt sich eben Messi fallen und Alexis rückt ein, wie schön zu sehen ist. Generell gab es oft Iniesta mit Messi in den offensiven Halbräumen zu sehen, auch wenn es wegen kleiner Formschwäche beider Spieler nicht die Effekte wie vor 1-2 Jahren hatte.

Offensivstaffelung

Offensivstaffelung

Bilder wie hier, wo Iniesta und Messi nebeneinander spielen und Alexis Breite gibt, gab es durchaus oft, aber die Effektivität fehlte. Nur selten konnten sie den Ball in den Engen behaupten und weiterspielen; vermutlich war es auch ein Effekt der extremen Kompaktheit Espanyols und der hohen Anzahl an Gegenspielern, weswegen sich Messi verstärkt nach rechts orientierte. Dies trieb aber gelegentlich interessante Blüten: In der Anfangsphase, hier eine Szene aus der 4. Minute, gab es das schönste Bild dazu.

lustige Pressingprobleme

lustige Pressingprobleme

„Lustig“ passt insofern, weil man Xavi normalerweise aufrücken und mit Messi in einer Art 4-1-3-2 pressen lässt. Hier aber stand Barcelona zuvor in einem 4-1-3-??, weil Alexis und Messi gerade nicht wussten, wer welche Position übernehmen soll. Xavi schob dann nach vorne und sorgte dafür, dass Espanyol zurückspielen musste – und Iniesta rückte ebenfalls nach vorne auf, um Pässe an Xavi vorbei in ein unterbesetztes Mittelfeld zu verhindern. Plötzlich fand sich Messi Rechtsaußen wieder, Alexis stand im halbrechten Halbraum, Neymar gab den Linksaußen und Xavi bildete mit Iniesta das Sturmduo. Es folgte übrigens ein Ballgewinn.

Wie die Entscheidung fiel und Fazit

 In der zweiten Halbzeit intensivierte Barcelona dann die Bewegungen: Montoya rückte früher und höher auf, Alves spielte weniger diagonal und Neymar wie Sanchez (oder Messi) standen sehr oft eingerückt auf Höhe der gegnerischen Abwehrkette. Aus den breiteren Flügelstürmern und eher zurückhaltenden (Montoya) bzw. mitspielgestaltenden (Alves) Außenverteidigern wurden jetzt eher klassische Außenläufer, Iniesta blieb – wie im Bild oben – sehr hoch und Messi hatte seine übliche Freirolle inne, ging aber stärker in den Halbraum im Zwischenlinienraum, statt nach ganz Außenn.

Letztlich war es aber eine Einzelaktion Neymars, der durch seine breite Position, seine tollen Fähigkeiten im Dribbling und der Unterstützung seiner Mitspieler enorm viele Aktionen hatte. Wegen des engen und kompakten 4-5-1 kam Barcelona trotz vieler Versuche nie wirklich über die Mitte zu einem starken Angriffsabschluss, stattdessen spielten sie viele Diagonalbälle auf die ballferne Seite und versuchten mit Dribblings und Einzelaktionen (Neymar auf links, selten Messi auf rechts) oder schnelle Kombinationen und Bewegungen (Alves, Messi und Sanchez auf rechts) zum Erfolg zu kommen. Oftmals resultierten diese Diagonalbälle und Spielverlagerungen aber in Flanken, die bei 29 Versuchen nur 3mal wirklich gefährlich wurden.

Vorteilhaft war aber, dass Barcelona das relativ gut gestaffelt absicherte und kaum Konter zuließ. Generell wirkte aber Espanyol schwächer im Umschalten, offensiv wie defensiv, wodurch im Verbund mit der tiefen Formation und der Formation als solcher kaum Gefahr möglich war. Es war letztlich also auch ein hochverdienter Sieg des FC Barcelona, obwohl sie keine berauschende Leistung zeigen konnten.

DonQuichotte 3. November 2013 um 21:53

Unter Martini hat Barca noch kein Pflichtspiel verloren und sie haben sich in jedem Spiel mehr Torchancen als der Gegner herausgespielt. Gegen solche Beton-Taktik hatte auch das Barca vor 1-3 Jahren Mühe. Ich verstehe die Skepsis einfach nicht. Auch das Barca „zusammengewürfelt“ sei, ist doch Blödsinn. Die Mannschaft besteht so schon seit Jahren. Die Defensive ist so solid wie noch nie, das Mittelfeld wie gehabt (mit Fabregas, Dos Santos und Song hat man Backup’s) und mit Neymar hat man einen super Transfer gelandet… Klar, Messi, Xavi und Iniesta wirken chronisch überspielt… Jede Episode hat sein Ende. Trotzdem wird Barca auch in den nächsten Jahren in allen Wettbewerben zuoberst mitspielen.

Antworten

Tank 4. November 2013 um 00:28

Ich glaube der Grund für den manchmal harschen Ton gegenüber manchen schwächeren Barcelona-Leistungen diese Saison liegt in folgendem begründet: Man erinnert sich, was mit dieser Mannschaft möglich ist. Sie wird an den Maßstäben gemessen, die viele dieser Spieler vor grade einmal 2 Jahren selber aufgestellt haben.

Solange niemand fordert, dass Martino sofort gefeuert werden muss oder sowas, finde ich das auch nicht weiter schlimm. Man kann anerkennen, dass 2013 nicht 2010-11 ist und trotzdem kritisch anmerken, wenn Sachen nicht rund laufen.

Antworten

Lino 2. November 2013 um 13:45

Meiner Meinung nach war der Zwischenlinienraum nicht effektiv genug besetzt. Espanyol stand zwar gut, da sie das Zentrum meist immer im Deckungsschatten hatten, aber dennoch fand ich nicht, dass sie sonderlich kompakt waren. Teils war ein relativ großer Abstand zwischen Abwehr und Mittelfeld der besser hätte bespielt werden können. Meist war dieser Raum aber nicht sinnvoll besetzt: Entweder war Messi zu ballfordernd, d.h. er stand zu tief und der Zwischenlinienraum war quasi unbesetzt, oder Messi kippte nach rechts und man versuchte den Flügel zu überladen, was aber genau den gleichen Effekt hatte. Und wenn Messi mal richtig stand, dann standen die Außenstürmer, aber vor allem auch das 3er Mittelfeld entweder viel zu breit, oder wie dargestellt als Doppelsechs, was eine Bespielung wiederum erschwerte…

Antworten

Tank 2. November 2013 um 01:47

Teilweise war das Spiel schon sehr frustrierend. Espanyol hat das sicher gut gemacht, aber der FC Barcelona war nicht nur, aber besonders, im letzten Drittel ohne die notwendige Qualität. Da gab es ja kaum mal wirklich schnell und sauber gespielte Versuche den Ball über mehrere Stationen über die Mitte oder die Halbräume in den Strafraum zu bringen. Klar war es da eng, aber hey, dafür hat man halt Busquets, Xavi, Iniesta und Messi!

Neben den fehlenden Mechanismen fielen aber auch einige andere Schlampigkeiten auf. Wie oft unbedrängte Pässe im Aufbauspiel langsam oder nicht adäquat in den Laufweg des Mitspielers gespielt wurden, war zum Haareraufen. Klar, die Pässe kommen trotzdem alle an, aber oft verschenkt man so leichtfertig die Chance Dynamiken aufzubauen, die den Gegner dann 5-6 Pässe später richtig ins Schwimmen bringen können.

Oder wie oft im zweiten Drittel lieber der eine Sicherheits-Ballkontakt mehr gespielt wurde, um ja nicht den Ball zu verlieren. Ballverluste zu vermeiden ist zwar super wichtig, aber manchmal eben unwichtiger als einen Ball mal überraschend direkt weiterzuleiten. Bezeichnenderweise gab es die zwei aussichtsreichsten Situationen für Angriffe aus der Mitte zu Beginn der Partie als Busquets zweimal den Zwischenlinienraum mit Ein-Kontakt-Weiterleitungen ansteuerte.

Das produziert dann zwar ab und an mal einen Ballverlust, aber dafür wurde das Gegenpressing erfunden. Ich glaube MD sieht es aber ganz richtig, wenn er der Mannschaft heute Müdigkeit attestierte.

Dazu kommen noch die (wodurch auch immer bedingten) Schwächephasen von Messi und Iniesta.

Hoffnung gibt jedoch die Tatsache, dass Tata Martino das aktuelle Leistungsniveau selbst als deutlich ausbaufähig sieht.

Für den Moment muss ich als großer Fan von Barcelona 2008-12 aber festhalten, dass Bayern momentan nicht nur qualitativ, sondern auch ästhetisch die Fackelträger des Ballbesitzfußballs sind.

Antworten

MD 2. November 2013 um 01:13

„In dieser Saison wurde Busquets bislang nur 3mal “dispossessed” laut WhoScored. Gegen Espanyol geschah dies gleich 4mal, dazu wurde er noch 2mal gefoult.!“

lag IMO mehr daran, dass die MF-Spieler sehr müde wirkten. Bei 4 Spielen in 11 Tagen auch kein Wunder, wenn man auf der Bank keinen wirklichen Ersatz hat. Mit Thiago hat man ein Back-Up für alle 3 Positionen verloren. Für Xavi, den wichtigsten Spieler im System, hat man keinen Ersatz. Gerade jetzt wird er halt immer wichtiger.

Dazu fehlt Barca auch eine echte 9. Ein Lewa hätte heute sehr gut reingepasst als Fixpunkt für die Flanken.

Ist insgesamt einfach ein naiv zusammengestellter Kader von Rosell und Zubi.
Martino macht gerade wirklich das beste darauf.
Mit Gündogan und Lewa würde man die Probleme so gut beheben..

Antworten

fewepe 2. November 2013 um 02:02

mhmm, ich verfolge in letzter zeit barca nicht wirklich aktiv, von daher kann ich vollkommen falsch liegen, aber ich denke dass martino sich erst mal ein jahr in barca etwas orientieren möchte und dann daraufhin nächsten sommer, wenn klarer ist „wo die reise hingeht“, spielerisch gesehen, passend den kader ergänzt/umstrukturiert. stimme dir aber dahingehend zu, dass der kader dieses jahr recht dünn ist, aber dass man von einzelnen spielern (xavi, messi, iniesta, busquets) sehr abhängig ist, ist bei barca ja nichts allzu neues.

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*