Bayer Leverkusen – VfL Wolfsburg 3:1

VfL Wolfsburg Trainer Dieter Hecking probiert im Spiel gegen Bayer Leverkusen gleich drei Systeme aus – und beißt sich dennoch an Leverkusens Dreifachsechs die Zähne aus.

leverkusen wolfsburg hz1

Formationen zu Beginn der Partie

In Leverkusen trafen an diesem Samstag zwei Teams aufeinander, die durchaus auf die oberen Tabellenränge schielen. Sami Hyypiä setzte wie eh und je auf sein heiß geliebtes 4-3-3-System, diesmal mit Rolfes und Castro vor Reinartz im Mittelfeld. Dieter Hecking sah sich genötigt, sein System ein wenig an das der Leverkusener anzupassen.

Die Teams neutralisieren sich

Er wählte eine 4-2-3-1/4-1-4-1-Variante, mit Gustavo als Sechser, Koo als mobiler Achter und Diego als spielgestaltender Zehner. Auf den Außenpositionen spielten mit Vierinha und Schäfer zwei Spieler, die auch defensiv stark sind. Sie sollten die aufrückenden Außenverteidiger Leverkusens verfolgen.

Dieter Hecking setzte damit, wie so oft in seiner Karriere, auf eine mannorientierte Spielweise: Im Mittelfeld ergaben sich ebenso wie auf den Außen direkte Duelle. Die Formation wurde dabei sehr flexibel interpretiert. Wenn Reinartz zwischen die Innenverteidiger ging, pressten sie beispielsweise mannorientiert im 4-3-3.

So entstand in den ersten zwanzig Minuten ein Abtasten auf beiden Seiten. Leverkusen presste nicht hoch, sondern suchte erst im Mittelfeld den Zugriff. Vor allem an Diego blieben sie eng dran, einer der beiden Achter verfolgte ihn permanent. Meistens war Rolfes in seiner Nähe, um seine Geistesblitze zu verhindern. Wolfsburg indessen ging beim Aufrücken nicht das höchste Risiko.

Die Lücken, oh die Lücken!

Die ersten starken Angriffe des Spiels kamen von Leverkusen. Dabei bespielten sie Lücken im Wolfsburger Mittelfeld: Sobald Leverkusen es schaffte, das frühe Pressing des Gegners zu umspielen, fanden sie freie Räume zwischen dem aufgerückten, mannorientierten Wolfsburger Mittelfeld und dem tief agierenden Luiz Gustavo. Teilweise rückte die Kette der Wolfsburger erst nach, wenn der Gegner bereits auf sie zulief; ein gefundenes Fressen für Leverkusener Schnittstellenpässe. Dementsprechend simpel war das 0:1 in seiner Entstehung:

leverkusen wolfsburg erstes tor

Reinartz (Spieler am Ball) lässt mit einer Drehung gleich zwei Wolfsburger ins Leere laufen. Er schickt Rolfes in den freien Raum. Naldo löst sich aus der Abwehr, um Rolfes zu stellen. Knoche rückt wiederum ein, um den zentralen Kießling verfolgen zu können. Nutznießer ist im Hintergrund Sam, der mustergültig von Rolfes bedient wird und das Duell mit Benaglio gewinnt (24.).

Die Führung bekräftigte Leverkusens abwartende Strategie. Sie bauten sich nun in ihrem 4-3-3/4-1-4-1-System auf und überließen Wolfsburg das Spiel. Diese hatten zunächst herbe Probleme, in einen Spielfluss zu kommen. Weder Diego noch Koo konnten gegen das enge Leverkusener Mittelfeld etwas ausrichten.

Nach und nach schafften sie es jedoch, über die linke Seite für Gefahr zu sorgen. Schäfer und Rodriguez harmonierten hier sehr gut. Sie nutzten aus, dass Sam und auch Castro etwas höher standen als ihre Konterparts auf der anderen Seite. Wenn Wolfsburg schnell nach links spielte, musste Hilbert weit aus der Kette rücken, um Schäfer und Rodriguez zu stören. Wolfsburg spielte diese Zwei-gegen-Eins-Überzahl gut aus und kam zu einigen Flanken. Nachdem Olic bereits zwei Chancen nach Flanken von links vergab, markierte sein dritter Versuch den Ausgleich (39.).

leverkusen wolfsburg nach pause

Formationen zu Beginn der zweiten Halbzeit

In der Pause veränderte Hecking das System seiner Wolfsburger leicht. Fortan verteidigte Diego einen Tick höher, sodass ein 4-1-3-2 entstand. Dieter Hecking wollte offensichtlich das Zentrum stärken und ließ Schäfer und Vierinha etwas zentraler verteidigen; erst bei Ballgewinnen gingen sie auf die Seite raus. Koo war zwar in der Theorie der Zehner im System, er füllte in der Praxis die Lücken, die Diego hinterließ.

Allerdings setzte Leverkusen in der Folge auf den natürlichen Feind der Raute: Hohe Außenverteidiger, Spielverlagerungen und frühe Flanken. Boenisch und Hilbert schoben weit nach vorne und nutzten entstehende Freiräume auf den Außen. In der Viertelstunde nach der Pause hatten die Leverkusener drei richtig gute Chancen, die allesamt von den vorstoßenden Außenverteidigern eingeleitet wurden. Die erneute Führung erzielte Kießling nach einem Freistoß nahe der Seitenauslinie (65.).

leverkusen wolfsburg kurz vor ende

Formationen nach den ersten Wechseln (rund um die 75.)

Defensiv standen die Leverkusen nun auch sicherer als in Halbzeit Eins. Castro und Sam verteidigten pflichtbewusster und auch Hilbert biss sich nach und nach ins Spiel. Wolfsburg hatte in der Folge Probleme, kreativ ins letzte Drittel zu gelangen. Selbst nach einer erneuten Systemumstellung auf ein 4-4-2/4-1-3-1-1-ähnliches Gebilde kamen sie nicht am engen Mittelfeld der Leverkusener vorbei. Die gelb-rote Karte für Gustavo beendete das Spiel. Wolfsburg hatte nun praktisch keine Absicherung mehr vor der Kette, sodass Leverkusen keine Schwierigkeiten hatte, schnelle Konter zu fahren. Kießling konnte einen dieser Gegenstöße zum 3:1 verwerten (92.).

 

Fazit

Das Spiel war geprägt von starken und schwachen individuellen Leistungen auf beiden Seiten Auch wenn die Analyse nahelegt, dass es ein taktisches Spiel war, in dem beide Teams die Lücken des Gegners intelligent bespielten, waren es doch die Einzelspieler, die den Ausschlag gaben. Auf Leverkusener Seite erwischten Reinartz und Rolfes einen Glanztag; sie trugen entschieden dazu bei, dass Diego nicht zur Entfaltung kam und dass Leverkusen ein starkes Umschaltverhalten an den Tag legte.

Bei Wolfsburg überzeugte bis zur Pause die linke Seite mit Schäfer und Rodriguez. Allerdings zeigte das Spiel auch, dass Wolfsburg noch immer recht abhängig von Diego ist. Wenn der Gegner ihn abschaltet, fehlen im letzten Drittel die Ideen. Zumal Flanken nicht immer eine effektive Möglichkeit sind. Olic kompensiert das Fehlen eines Strafraumstürmers mittlerweile ganz gut, ist aber eben auch kein Kopfballungeheuer. Erneut heißt es für Wolfsburg: Eine gute Leistung, aber keine Punkte.

ES 19. September 2013 um 08:58

O.k., nur ist es nicht das Verdienst ausgeklügelter und beharrlicher Strategie der Vereinsfūhrung in Leverkusen und in Mainz, dass man sich in einem Medien-Biotop befindet und in Ruhe arbeiten kann, sondern in der einfachen Tatsache begründet, dass sich keine Sau dafür interessiert, was in Leverkusen und Mainz läuft (außer vielleicht Lesern von Taktik-Nerd-Seiten und einigen Mainzern und Leverkusenern). Und die ganz nette Nebentatsache, dass man sich nie in seinem Leben Sorgen um das liebe Geld machen muss, weil, wenn es mal schief läuft, ist die große Konzern-Mama mit ein bisschen Schimpfe aber mit dem großen Geldsack wieder da. Schalke stöhnt noch immer unter der Schuldenlast aus der Assauer und Müller/Schnusenberg-Jahre. Hat Leverkusen heute noch irgendein Problem mit den verpulverten Millionen aus der Größenwahn-Calmund-Ära?
Das alles bitte bei allem Respekt für die aktuell gute Arbeit der Vereinsführung.

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Koom 19. September 2013 um 09:07

Naja, zumindest in Leverkusen hat es sehr nah die wilde Kölner Medienlandschaft. Trotzdem (sicherlich auch konzernbedingt) hat es in Leverkusen Ruhe, auch wenn man es hin und wieder probiert (ich erinnere mal an die Lewandowski vs. Hyppiä-Gerüchte der vergangenen Saison).

Da ich da relativ nah dran bin, kann ich auch bestätigen, das in Mainz die Medien schon einige Anläufe probiert haben, um da Terz zu veranstalten. Aber Heidel & Co. geben denen nur das Notwendigste und dann ist Schluss. Sowieso äussert sich maximal nur Präsident Strutz mal etwas polemisch in der Presse, aber selbst das ist harmlos.

Aber ja, natürlich begünstigt das eine auch das andere. Das Problem Medien haben ja fast alle sogenannte Traditionsmannschaften. Andererseits befeuern fast alle dieser vermeintlichen Großklubs die Medien auch gewaltig. Paradebeispiel ist dabei wirklich der Hamburger SV, der seine Vereinspolitik von Fans und Medien diktieren lässt.

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ES 19. September 2013 um 09:51

bei den großen Vereinen funktioniert es nur so, dass sich eine (oder zwei) starke Figuren wahlweise als Provokateur, Lautsprecher oder einfach mit starker Rethorik den Medien stellt, damit der Rest des Vereins in Ruhe arbeiten kann. Die Arbeitsteilung Sammer/Heynkes hat auch da gut funktioniert. Wunderbar als Beispiel auch das kleine inszenierte Scharmützel zwischen Sammer und Rummenigge, um Druck vom Trainer und der Mannschaft zu nehmen. Auf Schalke hat Assauer in der ersten Stevens-Ära wunderbar den Medien-spröden Stevens abgedeckt. In Dortmiund kann der rethorisch eher unterbelichtete Zorc in Ruhe arbeiten, weil Klopp und Watzke die Lautsprecher machen. Übrigens kann das Tuchel auch ganz gut, wenn er mal wieder den Mini-Mourinho gibt und Verschwörungstheorien von benachteiligten Mainzern zum Besten gibt. In Hamburg gibt es keinen, den man da Ernst nehmen kann. En Teil des Problems, wenn auch das strukturelle großer ist.

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Koom 19. September 2013 um 12:01

Naja, in Hamburg äussert sich jeder. Van der Vaart, Seeler, Ex-Trainer, Ex-Spieler, Vorstand whatever. Bei denen ist es wirklich die ideale Vorlage, wie man es nicht machen soll.

Persönlich finde ich aber die Variante mit den Lautsprechern nicht gut, zumindest wenns um Vereinsinterna geht. Sammer-Guardiola (+die Großkopferten) oder Veh vs. Bruchhagen sehe ich da sehr negativ.

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Alex 16. September 2013 um 15:06

Hyypiä macht sich besser als ich es erwartet hätte nach dem Abgang Lewandowskis. An der grundsätzlichen Spielweise hat er zur Vorsaison praktisch nichts geändert, lediglich Son agiert etwas zentraler und teils auch hängender als es Schürrle tat, was Sams Stärken im Konterspiel noch mehr zur Geltung kommen lässt. Interessant finde ich aber vor Allem seine In-Game Veränderungen. Leverkusen überzeugt mich bislang sehr mit kleinen meist nur lokalen Umstellungen, die als schnelle Reaktion auf gegnerische Übergewchte kommen. Wird interessant wie das weitergeht.

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TW 16. September 2013 um 18:02

Er hat ja auch zwei sehr starke Strategen im Hintergrund (http://www.rp-online.de/sport/fussball/vereine/bayer-04/bayers-zwei-strategen-im-hintergrund-1.3547888). Lichte war Jahrgangsbester im Trainerlehrgang des DFB und hat sich dort u. a. gegen Lewandowski, Krämer, Gisdol und Weinzierl durchgesetzt (http://www.dfb.de/index.php?id=511739&tx_dfbnews_pi1%5BshowUid%5D=26837&tx_dfbnews_pi4%5Bcat%5D=107). Daniel Niedzkowski ist selbst Mitglied der Trainingsakademie des DFB (http://www.dfb.de/?id=509575)

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Bayer-Fan 16. September 2013 um 20:52

Ich stimme TW voll zu. Das liegt meiner Meinung nach vor allem an Lichte. Ich bin öfters mal bei Trainingseinheiten von Leverkusen und da erkennt man, dass vor allem Lichte die mannschaftstaktischen Spielformen leitet. Er wird in der Öffentlichkeit – ähnlich wie Buvak- jedoch fast überhaupt nicht wahrgenommen.
Übrigens sitzt Lichte bei Spielen die ersten 60min auf der Tribüne und nicht auf der Bank. Das ist vielleicht eine Erklärung, warum die Anpassungen erst in der Halbzeitpause oder gegen Mitte der 2. HZ erfolgen. War gegen Wolfsburg ja auch so, das Gegentor nach einer Flanke über links hat man schon 15min vorher kommen sehen. Auch hat Leverkusen erst in HZ2 die Schwächen der Wolfsburger deutlich besser ausgenutzt.
Noch was generelles zum Leverkusener Trainerstab. Ich halte den Stab von der Qualität als den besten der Bundesliga und vielleicht auch ein bisschen zukunftsweisend. Zu Lichte und Niedzkowski hat TW schon alles geschrieben, Thiel ist wie die beiden anderen auch Sportwissenschaftler und ein rießiges TW-Trainertalent (ist erst 29 Jahre als), mit Dr. Holger Broich und seinem Team hat man den gefragtesten Konditionstrainer und Leistungsdiagnostiker (sowie mit der „Werkstatt“ das modernste Physio-Trainingszentrum Deutschlands). Außerdem ist man auch im Scouting top aufgestellt, u. a. durch eine Kooperation mit der DSHS Köln. Statt auf große Fußballernamen setzt man bei Leverkusen also – außer auf der Cheftrainerposition – auf Sportwissenschaftler.

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Koom 17. September 2013 um 08:47

Leverkusen finde ich – abgesehen vom Werksklub-Status – auch ein gute Variante der Vereinsführung. Ähnlich wie sie bspw. Mainz und Freiburg pflegen: Man bedient relativ wenig die Medien, wenn es um den eigenen Trainer oder Verein geht, auch wenn Völler oder Holzhäuser immer wieder mal rumrumpeln. Heynckes hat man vorbehaltlos gestützt (auch beim Zwist gegen Ballack, das hätte sehr ausarten können), die Doppellösung wurde in Ruhe gelassen und auch jetzt arbeitet man fast in einem Biotop, was die Medien angeht.

Ist für mich auch der einzig richtige Weg. Man sucht den Trainer, von dessen Arbeit man überzeugt ist (auch wenn der kein „Momentum“ hat) und lässt ihn dann arbeiten, auch falls mal die Ergebnisse nicht so ausfallen, wie man es sich erhofft. Fußballspiele werden auch durch Glück entschieden, danach kann man nicht die langfristige Planung ausrichten.

Und die Journaille ist nicht an der Wahrheit oder Fakten interessiert, sondern nach Dingen, die sich verkaufen lassen: Sensation, Spekulation und Drama. Und nichts davon braucht ein Verein. Nicht mal „Sensation“.

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