Donnerstag, 08.12.2016

VfB Stuttgart – 1899 Hoffenheim 6:2

Der VfB Stuttgart meldet sich in der Bundesliga zurück und nutzt beim 6:2-Heimerfolg die eklatanten Defensivschwächen der TSG 1899 Hoffenheim aus. Der Bundesligaeinstand für Neu-Trainer Thomas Schneider hätte besser nicht sein können. Nachdem Aus in der Europa-League-Qualifikation gegen HNK Rijeka konnten die Schwaben mit einer im Vergleich zur Vorwoche offensiveren Einstellung gegen den Nachbarn aus dem Kraichgau triumphieren.

Grundformationen
Schneider nahm wie schon gegen Rijeka einige Änderungen vor und vertraute Alexandru Maxim als zentralen Schlüsselspieler im 4-2-3-1. Im Gegensatz zum Auftritt am Donnerstag standen die Außenverteidiger dieses Mal nicht so hoch. Offensiv ergab sich zuweilen eine asymmetrische Spieleranordnung. Während Youngster Timo Werner konsequent die linke Seite hielt, rochierte Moritz Leitner häufig in die Mitte und teilte sich dort mit Maxim Raum und Ballbesitz.
2013-09-01_Stuttgart-Hoffenheim
Markus Gisdol vertraute auf das gewohnte 4-2-3-1 und musste nur Salihovic durch Tobias Strobl ersetzen. Außenverteidiger Fabian Johnson stand auf der linken Seite des Öfteren hoch. Tarik Elyounoussi hielt verstärkt seine Seite, während Volland und Firmino variabler auftraten. Gerade der junge Deutsche rückte häufig ein und suchte wie so oft Löcher in der gegnerischen Abwehr. Allerdings fehlte insgesamt die Durchschlagskraft und aus der Zentrale kam nicht die gewohnte Unterstützung.

Defensiv agierten beide Mannschaften weitestgehend im 4-4-2, sodass bei Stuttgart Leitner im Rückwärtsgang die rechte Seite konsequent besetzte.

Große Löcher in Hoffenheims Defensive
Kennzeichnend für die Defensivschwäche der Kraichgauer waren zahlreiche Eins-gegen-Eins-Situationen, die die Mitglieder der Hoffenheimer Viererkette zu bewältigen hatten. Beispielsweise musste sich Rechtsverteidiger Andreas Beck immer wieder alleine der Dribblings Timo Werners erwehren. Der 17-Jährige konnte in diesen Situationen oftmals seine augenscheinlichen Geschwindigkeitsvorteile ausnutzen. Außerdem gelangten viele lange Stuttgarter Bälle in Richtung der gegnerischen Viererkette, wobei dann individuelle Fehler zu Gegentoren führten.

In der Luft hingen eigentlich über die komplette Spielzeit hinweg beide nominellen Sechser. Sowohl Polanski als auch der Salihovic-Ersatz Strobl unterstützten einerseits die eigene Viererkette nur unzureichend und verloren zugleich viele Zweikämpfe in der Zentrale. Zudem zeichnete sich die Hoffenheimer Rückwärtsbewegung in einigen Situationen durch zu hohe Abstände zwischen den einzelnen Linien aus.

Stuttgart profitiert
Die Schwaben nutzten ihrerseits die gegebenen Räume und traten bei eigenem Ballbesitz variabel auf. Vor allem Maxim und Leitner bewegten sich stark. Der Rumäne stieß häufig nach links, während Leitner sich zentral orientierte. Zudem hielt Vedad Ibisevic nicht konsequent seine Mittelstürmerposition, ließ sich fallen und mit dem Ball am Fuß beispielsweise von Maxim überlaufen. Außerdem nahm er in anderen Szenen seine Rolle als Wandspieler gut an und war stetig anspielbar.

Trotz eines guten offensiven Auftretens des VfB war die gedehnte Hoffenheimer Mannschaft mit mangelnden vertikalen wie horizontalen Verbindungen ausschlaggebend für die zahlreichen Treffer. Hinzu kamen individuelle Fehler, die Tore ermöglichten.

Kompaktheit beim VfB
Im Gegensatz zu den vergangenen Wochen fand die Mannschaft aus dem Kraichgau dieses Mal nur sehr wenig Mittel, um die vorhandene individuelle Stärke des Offensivpersonals richtig einzusetzen. Zu Spielbeginn stand vor allem Linksverteidiger Fabian Johnson sehr hoch, unterstützte Tarik Elyounoussi und durch erzwungene Überzahlsituationen wurde Sakai unter Druck gesetzt. Dies kam beim Anschlusstreffer zum Tragen, als beide den Japaner mit einer Kombination aus dem Spiel nahmen.

Ansonsten enttäuschte die Hoffenheimer Offensive zuweilen. Modeste agierte als Wandspieler unwirksam. Firmino und Volland fanden wenig Platz für Kombinationen und Lochpässe. Die Stuttgarter standen zumeist sicher. Vor beiden Innenverteidigern verengte die Doppelsechs der Gastgeber die Räume. Außerdem rückten beide Außenverteidiger nicht so stark auf und mit zunehmender Spielzeit wurden die Flügelspieler der Hoffenheimer immer besser angelaufen. Insgesamt verschob die Mannschaft in großen Teilen kohärenter und holte sich in Folge dieser Kompaktheit eigene Sicherheit zurück.

Zweite Halbzeit: Hoffenheim rennt weiter ins offene Messer
Die Mannschaft von Gisdol versuchte in der zweiten Halbzeit nochmals alles, öffnete dadurch aber immer wieder den Platz und leistete sich außerdem einige individuelle Fehler wie beim 4:1. Da vertändelte David Abraham den Ball und Ibisevic ließ Torwart Casteels keine Chance.

Andererseits wurde das Fehlen vom rot gesperrten Salihovic deutlich. Strobl konnte die ordnende Funktion nicht übernehmen und verschob auch selten in den freien Rückpassraum, sofern die Offensivspieler Möglichkeiten herausspielten. Alles in allem blieben beide Sechser wirkungslos. Des Weiteren erschien das Hoffenheimer Pressing harmloser als noch in den letzten Wochen, wie beim Auswärtssieg in Hamburg. Die Stuttgarter Innenverteidiger konnten häufig kontrolliert herauspassen und waren selten dazu gezwungen, Notbälle zu spielen.

Fazit
Insgesamt bezahlte die Mannschaft von Trainer Gisdol für eine sehr offene Spielweise mit weit aufrückenden Flügelspielern und einer fehlenden Kompaktheit in der eigenen Hälfte. Trotz der offensiven Ausrichtung ergaben sich wenige Chancen und Stuttgart konnte trotz einiger individueller Schwächen den Hoffenheimer Angriffsdrang in Schach halten.

Die Schwaben wirkten ihrerseits variabler als noch unter Bruno Labbadia. Vor allem Leitner und Maxim fielen durch zahlreiche Positionsverschiebungen auf und bildeten das Herz des Offensivspiels. Mit Werner hatte man zudem einen tempostarken Flügelspieler. Sofern individuelle Schwächen abgestellt werden können, ist es für die Stuttgarter Mannschaft möglich, nach der Länderspielpause weiter oben in der Tabelle anzugreifen.

Bei Hoffenheim hingegen nimmt der anfängliche Höhenflug vorerst ein Ende und Trainer Gisdol muss darüber nachdenken, wie er der Mannschaft in der Rückwärtsbewegung zu mehr Stabilität verhelfen kann.

Lino 4. September 2013 um 10:07

Irgendwie scheint das ein Trend der Bundesliga zu werden, dass es Woche für Woche Mannschaften gibt, die 4-6 Gegentore kassieren. Aber witzigerweise sind es immer verschiedene 😉

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Schwaben-HH 3. September 2013 um 16:38

Die Effizienz der Schwaben war beeindruckend, das schnelle vertikale Spiel in die Spitze war auch für den Zuschauer aufregend und unterhaltsam. Aber man muss der Fairness halber sagen, dass die Hoffenheimer vorrangig durch ihre Zweikampfschwäche (vor allem innerhalb der eigenen Hälfte) diesen Kantersieg überhaupt erst möglich gemacht haben. Ein Gegner wie Dortmund oder Bayern hätte allein schon durch sein besseres Stellungsspiel und aggressivere Zweikampfführung viele Stuttgarter Chancen im Keim erstickt. Ein Problem bleiben die nach wie vor individuellen Fehler in der Defensive, wie sinnbildlich beim 2:6. Eigentlich eine ähnliche Situation wie beim 0:1 gegen Rijeka im Rückspiel in Stuttgart. Ulreich und Rüdiger waren sich dieses mal nicht einig, wer den Ball klären soll. Schneider wird hier noch viel Arbeit in die Abstimmung der Stuttgarter Hintermannschaft stecken müssen, wobei man in Anbetracht der Neuformation der VfB-Defensive grundsätzlich milde mit seinem Urteil bleiben sollte.

Fazit:
Spielerisch auf jeden Fall eine deutliche Steigerung in Punkto Aggressivität und Passspiel. Zuspiele kamen überwiegend an und auch die Laufwege sahen ein wenig durchdachter aus. Lassen wir uns überraschen, was bis übernächsten Freitag noch trainiert werden kann.

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Izi 2. September 2013 um 08:17

Vielen Dank für den tollen Artikel!!! Es ist schön, endlich mal wieder etwas Positives über Stuttgart zu lesen!:-)

Auch, wenn noch lange nicht alles Gold ist, was glänzt: Wieso zeigte die Mannschaft ein so stark verändertes Auftreten? Hat Labbadia einfach nicht gesehen, wo Synergien zwischen den Spielern sind (Leitner spielt zum ersten Mal auf diese Weise mit Maxim zusammen und machte prompt sein erstes gutes Spiel im Ländle), welcher Spieler wo besser spielt (Boka war unter ihm zuletzt fast immer auf der 6 zu finden, statt als Linksverteidiger – was er besser kann), und wie die allgemeine taktische Balance herzustellen ist (größere Kompaktheit und Zielstrebigkeit als früher)???

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cg20fan 2. September 2013 um 20:06

Für mich sind das, zumindest jetzt nach den ersten Eindrücken, einfach zwei sehr verschiedene Herangehensweisen an diesen Kader, die aber beide auch irgendwie ihre Berechtigung haben; gab ja auch unter Labbadia teilweise schöne Wechselwirkungen in der Offensive.

Schneider hat jetzt auch eigentlich eine ziemlich schöne Situation, er kann mit Kvist und Maxim auf zwei Spieler zurückgreifen, die Labbadia aus verschiedenen nichtsportlichen Gründen nicht mehr einsetzen konnte/wollte. Mit den beiden erledigen sich einige Probleme fast schon von selbst bzw. werden zumindest bedeutend leichter zu lösen.

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Izi 2. September 2013 um 22:12

Da hast Du Recht! Und vorletztes Jahr haben sie sich schließlich über die BuLi für Europa qualifiziert! 🙂

Was meinst Du mit „nicht-sportlichen Gründen“? Ich glaube, da habe ich etwas verpasst. . .

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cg20fan 3. September 2013 um 15:08

Bei Kvist gab es wohl ziemliche Differenzen, was die Spielidee angeht. Labbadia hat den oder die 8er oft sehr aggressiv aufrücken lassen, viele Stürmer aufgestellt etc, wodurch das Team nicht so kompakt war und häufig im Spielaufbau Probleme hatte; als tiefer 6er war Kvist dann meistens ohne großartige Unterstützung, was seinem Spielcharakter eigentlich widerspricht; fühlte sich dann wohl auch etwas als Sündenbock und hat Labbadia gesagt, dass er gehen will, und dann eben kaum noch Spiele gemacht. Hat inzwischen auch nochmal nachgetreten gegen seinen alten Coach.

Maxim hat im Urlaub geschlampt und wohl deshalb zunächst wenig gespielt. Keine Ahnung, inwieweit das gerechtfertigt war.

Ich finds halt grad nett, dass die beiden allein schon für eine merkliche Verbesserung sorgen; das, plus dieser mentale Boost, den so ein Trainerwechsel mit sich bringt (könnte man am verbesserten Defensivverhalten von Gentner und Ibisevic festmachen) sorgen hoffentlich erstmal für Ruhe, damit das Trainerteam sich an die Detailarbeit machen kann.

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