Confed-Cup: Brasilien – Japan 3:0

Im Eröffnungsspiel des Confederation-Cups gewinnen die Brasilianer mit einer ansehnlichen Vorstellung gegen den japanischen Herausforderer.

Das brasilianische Offensivspiel

Die brasilianische Nationalmannschaft ist (oder war es bis zu den spanischen Erfolgen der letzten Jahre) die populärste Nationalmannschaft der Welt. Sie stehen für einen offensiven, schön anzusehenden und auf Technik basierenden Spielstil, mit dem sie ihren Gegner spielerisch besiegen. Diese Leichtigkeit ist ihnen in den letzten Jahren und Jahrzehnten etwas abhanden gekommen, so sagt man zumindest.

Ein einfacher Blick auf die Aufstellung hätte diese Meinung wohl gestützt. Vorne gab es mit Fred einen eher klassischen und robusten Mittelstürmer, im zentralen Mittelfeld – dem Prunkstück jeder offensivdenkenden Mannschaft der Moderne – sind mit Luiz Gustavo und Paulinho zwei Spieler aufgestellt, die sich in puncto Aufbauspiel und Balltechnik keineswegs mit den Großen ihrer Zunft messen können.

Grundformationen zu Beginn

Grundformationen zu Beginn

Nichtsdestotrotz zeigte die Selecao einen durchaus ansehnlichen Offensivfußball; dabei war die Wahl der Sechser eine durchaus passende, wie sich zeigen wollte. Das Aufbauspiel kam nämlich vorrangig über die beiden spielstarken Innenverteidiger, die hochinteressant agierenden Außenverteidiger und die flexible Offensivreihe zustande. Diese Stärken wurden durch die Taktik noch stärker ins Spiel gebracht.

Luiz Gustavo kippte einige Male zwischen die beiden Innenverteidiger ab und die Außenverteidiger konnten nach vorne schieben, die Außenstürmer einrücken. Allerdings gab es hier einige unorthodoxe gruppentaktische Bewegungen. Oftmals war es nicht der Außenstürmer, der einrückte, sondern der Außenverteidiger, der mit Ball am Fuß (und gelegentlich auch ohne) in die defensiven Halbräume ging. Wurde der Angriff nach vorne getragen, dann konnte der Außenverteidiger auch in die offensiven Halbräume gehen und den Angriff in den Zwischenlinienraum des Gegners tragen.

Dabei entstand auch eine Art Kreisel auf der Außenbahn, die sich durch die Kombination der Diagonalität der Außenverteidiger und die bewegliche Offensivreihe ergab. Oscar und Hulk fungierten sehr oft als Breitengeber im letzten Spielfelddrittel und überluden mit den Außenverteidigern die Flügel. Dann zogen die Außenverteidiger diagonal rein, der zentrale Akteur – meistens Neymar in seiner Freirolle – unterstützte sie und diente als Anspielstation für schnelle Kurzpässe.

Die Flügelstürmer nahmen an Dynamik auf, schoben sich in offene Räume, während Neymar einige Male nach dem Pass Richtung Flügel ging. Dadurch hatte der Außenverteidiger die Option den freien Neymar anzuspielen, den in die Tiefe ziehenden und raumöffnenden Flügelstürmer anzuspielen, selbst diagonal zu marschieren oder Paulinho als Raumfüller im Zentrum für eine Angriffsverlagerung zu nutzen. Manchmal kam auch der Pass wieder auf den Flügel, Neymar ging in die Mitte und seine Position wurde wieder von einem der anderen beiden eingenommen, wodurch man die gegnerischen Mannorientierungen auf dem Flügel bespielte. Nur 21% der brasilianischen Angriffe gingen über die Mitte.

Dies könnte auch langfristig ein weit verbreitetes taktisches Mittel werden, da viele Mannschaften mit Raumdeckung und Viererkette ihre Außenspieler stark mannorientiert ausrichten. Die spielstarken Außenverteidiger von heute, Akteure wie Lahm, Marcelo, Alves, Alba, etc., könnten mit ihren diagonalen Läufen nicht nur die Außen überladen, sondern das Spiel auch gefährlich in die raumdeckenden Zonen beziehungsweise die Räume dazwischen tragen. Das „Vorderlaufen“, welches von vielen Teams mit diagonalen Außenverteidigern genutzt wird, ist hierbei nur die Vorstufe dieses Kreisels, welche die Brasilianer mit ihrer Dynamik, Technik und Pressingresistenz auf eine länger dauernde und dadurch besser erkennbare Stufe trugen.

Japans Probleme und ihre Beziehung zur brasilianischen Spielweise

Zusätzlich gab es noch einige interessante Wechselwirkungen mit den Japanern, die gegen diesen Flügelfokus im Angriffsvortrag kein richtiges Gegenmittel im offensiven Umschaltmoment hatten. Einerseits mussten die Japaner sich oftmals mit den beiden Viererketten im 4-4-2 tiefer stellen, um die Flügelüberladungen zu kompensieren. Dadurch hatten sie im Umschaltspiel nach vorne weniger Chancen sich einfach und raumgreifend mit kurzen Pässen zu befreien, wodurch Konter schwieriger wurden.

Szene 1

Szene 1

Szene 2

Szene 2

Andererseits konnten die Brasilianer mit ihren drei ballnahen Akteuren und den zwei fixen Punkten im Zentrum, dem höheren Paulinho und dem tieferen Gustavo, Konter ebenfalls gut abfangen und abwürgen. Mit Gustavo und Paulinho sowie den beiden Innenverteidigern hatten sie vier Akture, die konstant die Mitte sicherten und hielten. Zusätzlich sind David Luiz und  Thiago Silva enorm „raumgreifende“ Innenverteidiger, die weite Räume hervorragend kontrollieren können; Luiz durch seine Dynamik, Thiago Silva durch seine Qualität in sämtlichen Bereichen.

Japan hatte außerdem keinen Fixpunkt für lange Bälle, was Konter maßlos erschwerte: Ihnen fehlte also ein Referenzpunkt für Befreiungsschläge, ihnen fehlte der Raum in der Mitte, um im Konterspiel frei in der Entscheidungsfindung zu sein, und über die Seite, auf der sie den Ball eroberten, konnten sie kaum attackieren. Brasilien kontrollierte also das Zentrum in der Defensive durch die defensive Ausrichtung des Zentrums in der Offensive, wo nur Paulinho sich situativ ballorientiert oder vertikal bewegte.

Die Japaner behielten auch über weite Strecken der Partie trotz Rückstand ihr tiefes Pressing bei. Meistens begann es erst im gegnerischen Sechserraum, was allerdings kein Problem für die Brasilianer war. Ihr Aufbauspiel ging ohnehin wie erwähnt über die Halbräume und Flügel, also die offenen Räume der gegnerischen 4-4-2-Pressingformation. Durch Gustavos Abkippen konnten sie teilweise sogar mit den Innenverteidigern aufrücken und Lochpässe spielen, während Gustavo und der zweite Innenverteidiger sich dann in Richtung des aufrückenden Akteurs bewegten, um abzusichern.

Deswegen kam die Offensive der Japaner nie zum Tragen. Es gab nur einen hohen Ballgewinn, der Rest konnte nicht zu Ende gespielt werden. Teilweise wurden sie in Halbzeit Zwei auf den Außenbahnen isoliert und mussten flanken, was ebenfalls bei ihrem Spielermaterial kaum Gefahr ausübte. Honda konnte zwar einige Male den Ball gut behaupten und verteilen, Kagawa zeigte wie üblich eine spielintelligente und taktisch gute Leistung, aber auch er erhielt nicht die nötigen Anspiele und Unterstützung, um Druck auszuüben. Auch der offensivstarke Nagatomo, der mit seinen diagonalen und inversen Läufen dank seiner Beidfüßigkeit enorm gefährlich werden könnte, wurde durch das Spiel der Brasilianer, vorrangig aber die Mängel der Japaner selbst, aus dem Spiel genommen.

Im Aufbauspiel der Japaner fehlte es nämlich an einer ordentlichen Rollenverteilung im Sechserraum, wodurch die Verbindungen in die Spitze verloren gingen. Offene Räume wurden durch zu wenig Verbindungen und ineffektive Breite kaum bespielt, wodurch sie sich kaum zentral in den Zwischenlinienraum arbeiten konnten. Honda versuchte deswegen auf die Flügel auszuweichen, konnte aber dort kaum Gefahr erzeugen. Auch das Pärchen Honda-Kagawa kam kaum zu tragen und die effektivste und einfachste Art und Weise nach vorne zu kommen, ging dadurch verloren.

Brasilien – zwischen Genie und Wahnsinn?

Obwohl die Brasilianer einzelne gute Bewegungen auf dem Flügeln, ein paar schöne Einzelaktionen und einige Spieler mit hervorragendem taktischen Verständnis zeigten (allen voran Oscar), so waren sie keineswegs die Übermannschaft, wie sie phasenweise zu sein schienen. Ihr relativ tiefes Pressing im 4-2-3-1 mit einer mannorientierten Raumdeckung klappte zwar ganz gut, doch profitierte enorm vom frühen Führungstreffer und der defensiv ausgerichteten Doppelsechs – die wiederum ebenfalls vom frühen Tor profitierte. Vieles wirkte in der Defensive improvisiert und hätte durchaus bespielt werden können, wenn die Japaner in eigenem Ballbesitz mit anderen Pass- und Bewegungsrhythmen angegriffen hätten.

Auch die eigenen Offensivbemühungen wurden etwas unpräziser und weniger zielorientiert, vieles wurde auf Neymar abgeladen, der sich trotz der vielen Positionswechsel einige Male in Engen wiederfand. Gegen eine individual- und gruppentaktisch konsequentere Mannschaft hätte dies zu Problemen führen können. Ebenso wie Mittelstürmer Fred, der einige Male als Referenzpunkt für lange Bälle diente und dies beim Führungstor sehr gut machte, aber ansonsten eher als Raumschaffer spielen musste, wofür es beweglichere Optionen geben könnte. Sein Nutzen muss also kontextuell gesehen werden, vorrangig dürfte er als Tiefengeber und als Option für Flanken, wie sie Marcelo und Alves ein paar Mal aus dem Halbfeld spielten, dienen.

Auch Hulk hätte mit seinen Anlagen und der Mannschaftsausrichtung das Zeug dazu, dominanter zu agieren, aber konnte in seiner Entscheidungsfindung und seinen Bewegungen oftmals nicht die richtige Wahl treffen, um gegen die Japaner konstant mit seiner physischen Präsenz und Dynamik sowie dank der Positionswechsel gefährlich in den Strafraum zu kommen.

Vielmehr war es Neymar, der in seiner Freirolle und als variabler Nadelspieler gemeinsam mit den spielerisch sehr starken Außenverteidigern einige offensiven Mängel kaschierte, während die beiden Sechser und natürlich allen voran Thiago Silva in der Abwehr die Defensive hervorragend zusammenhielten. Mit Oscars hervorragender taktischer und spielerischer Bewegung gab es ein Gemisch, welches zwar nur bisweilen explosiv, aber alles in allem souverän agierte.

Fazit

Keine spektakuläre, aber eine durchaus ansehnliche Partie, in denen es besonders einige individualtaktische Schmankerl von Seiten der Brasilianer zu sehen gab. Sie bespielten das 4-4-2-Pressing der Japaner mit ihren diagonalen Außenverteidigern und die Mannorientierungen auf den Seiten mit ihrer Dynamik hervorragend, was neben der defensiven Sicherheit der Hauptgrund für den Sieg war.

Floyd 16. Juni 2013 um 14:38

In der gestrigen Form waren die Japaner in meinen Augen noch kein wirklicher Prüfstein für die Brasilianer. Gerade offensiv, fand ich, war bei Japan kein klarer Plan erkennbar, wie man zum Erfolg kommen wollte.
Es wird interessant werden, zu beobachten wie sich Brasilien gegen stärkere Gegner schlägt. Das in der Vorschau von TR beschriebene „Zocken“ der Offensivspieler, die die Rückwärtsbewegung im Umschaltspiel nicht ganz so konsequent mitmachen, und die daraus entstehenden Lücken waren gestern gut zu beobachten. Gegen einen offensiv effektiveren Gegner könnte sowas zu Problemen führen.
Interessant wäre die Frage, inwiefern angedacht ist, in Situationen, wo eine defensivere Grundausrichtung gefragt ist, da vielleicht auch personell umzustellen – z.B. indem Neymar auf Freds Position rückt und in der Dreierreihe durch einen Spieler ersetzt wird, der vom Naturell her etwas engagierter und aggressiver mit nach hinten denkt und arbeitet.

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Vinnie 16. Juni 2013 um 02:42

Danke auch für die tolle Analyse! Mir brennt die gleiche Frage unter den Nägeln wie AM! Allerdings kann es natürlich sein, dass Scolari die Dynamik von David Luiz in der IV schätzt, da ja durch die sehr offensiven AVs große Räume abzudecken sind.

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AM 16. Juni 2013 um 01:55

Danke für den lässigen Artikel, ein Lob auch an TR für die tollen Teamvorstellungen!
TR hat die Variante mit Dante und Silva, dafür Luiz im Mittelfeld angesprochen, würde Luiz nicht Gustavos Aufgabe ähnlich gut ausführen können und gleichzeitig durch Dante als 3ten Aufbauspieler den Spielaufbau Brasiliens gut tun? ich fand dass die IV + gustavo im Aufbau teilweise zu eng standen und brasilien daher öfters zum langen Ball griff. Und mich würd nich interessieren warum luiz und silva für geraume Zeit die Position getauscht haben?!

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