Donnerstag, 08.12.2016

Confed-Cup-Vorschau: Uruguay

Von Sommerpause keine Spur: Ein Jahr vor der Weltmeisterschaft in Brasilien findet der obligatorische Confederations-Cup statt. Als Einstimmung auf die WM-Generalprobe stellen wir die grundlegenden Konzepte der Teams und taktische Varianten vor.

Mit dem vierten Platz bei der Weltmeisterschaft 2010 und dem etwas überraschenden Sieg bei der Copa América 2011 hat Uruguay nicht nur wegen seiner individuell starken Stürmer international für Aufsehen gesorgt. Unter dem seit 2006 tätigen Òscar Tabárez steht die Mannschaft der Himmelblauen für Kontinuität. Personell und taktisch ist daher grundlegend klar, wie Uruguay beim Confed-Cup auftreten wird.

Wechselspiele in der Abwehrkette

Eine stabile Defensive mit vielen Spielern zur Absicherung, eine individuell starke Offensive mit Stürmern wie Forlán, Suárez und Cavani, eine breite Spielanlage und offensiv wie defensiv daraus resultierende Kontrolle der Flügel sowie ganz besonders natürlich die typischen Hybridformationen der Mannschaft mit Wechseln zwischen Dreier- und Viererabwehr – dies kann man vom amtierenden Südamerikameister in Brasilien erwarten.

Selten entscheidet sich Tabárez auch einmal für eine klare 4-4-1-1-Formation, eine Mischformation aus 4-3-3 und 4-4-2 ohne Wechsel zwischen verschiedenen Abwehrketten oder eine klassische 4-3-3-Aufstellung – in den meisten Fällen greift er auf seine bekannten Systeme zurück, die das Wechselspiel zwischen Dreier- und Viererabwehr vorsehen.

Die Schlüsselspieler in formativ-taktischer Hinsicht agieren dabei auf den Außenpositionen und heißen Pereira – der eine (Maxi) verkörpert auf der rechten Seite eine Mischung aus Außenverteidiger und Flügelverteidiger, während der andere (Álvaro) auf der linken Flanke als etwas offensiverer Akteur sich in einer Zwischenposition aus Flügelverteidiger und Mittelfeldspieler befindet. Wegen einer schwachen Saison bei Inter könnte Letzterer durch Atleticos Cristian Rodríguez ersetzt werden. So spielen die Uruguayer praktisch eine Dreier- und eine Vierkette gleichzeitig – oder nichts von beidem, sondern eine asymmetrische Mischung, wenn man es aus diesem Blickwinkel betrachtet. Über bestimmte Phasen der Spiele können sie auch jeweils fest in eine der beiden „Teile“ der Hybridformation umschalten, so dass sie tatsächlich zwischen den zwei System wechseln.

Die zwei Varianten des Hybridsystems

Das Präferieren einer Mischung aus Dreier- und Viererkette bedeutet allerdings noch keine feste Grundformation, denn auf Basis dieser allgemeinen Charakteristik hat Tabárez im Wesentlichen zwei Aufstellungen zur Verfügung, die beide das Kriterium der variablen Abwehrreihe erfüllen.

Zum einen gibt es das 4-4-2/3-5-2 mit drei grundlegend verschobenen zentralen Mittelfeldspielern: Der halbrechte Akteur spielt am höchsten und etwas nach außen versetzt, so dass er auch als rechter Außenspieler agieren kann. Seine beiden Partner formieren dann eine Doppel-Sechs und Maxi Pereira stellt durch Zurückfallen neben die drei „zentralen“ Verteidiger eine Viererkette her. Diese Methode sorgte für den großen Erfolg bei der Copa América vor zwei Jahren, mit Siegen gegen Argentinien, Peru und Paraguay in den K.O.-Spielen. Wenn alle drei Topstürmer gleichzeitig in der Startelf beginnen sollen, agiert Cavani meistens als rechter Flügel, interpretiert diese Position aber deutlich mehr wie ein Stürmer, während Álvaro Pereira dafür etwas einrückt, so dass dann ein 4-4-2/4-3-3/3-4-3 entsteht.

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In den Grafiken sieht man das 4-4-2/3-5-2 mit zweien der drei Stürmer in der Aufstellung (links) sowie dieselbe Variante mit Forlán, Cavani und Suárez gleichzeitig (rechts). In diesem Fall gibt es nicht nur eine Mischung in der Abwehr, sondern auch im Mittelfeld. Die dortige Aufstellung kann man als Viererreihe (Cavani rechts, Pereira links) mit zwei Stürmern oder als Dreier-Mittelfeld (Gargano rechter Achter, Pereira zwischen Flügelverteidiger und linkem Achter) sehen.

Dann gibt es noch eine Variante mit einem zentral-offensiven Spielmacher hinter den Spitzen. Wie zum Beispiel einige Male bei der WM 2010 zu sehen, kann Diego Forlán diese Position ausfüllen, allerdings wäre auch der bei Ajax geschulte und mittlerweile in Brasilien kickende Nicolás Lodeiro eine spielstarke Möglichkeit, die kürzlich im Testspiel gegen Frankreich erneut gewählt wurde. Bei dieser Variante entstünde dann eine Mischung aus einem 3-4-1-2 mit dem Zehner vor einer Doppel-Sechs sowie einer 4-3-1-2-Rautenformation. Als Switch-Spieler würden Álvaro Pereira bzw. Cristian Rodríguez in diesen Fällen nicht zwischen Flügelverteidiger und offensivem Außenspieler wechseln, sondern neben ersterer Rolle sich bei einem Wechsel zur Viererkette auf die linke Halbposition der Raute einfügen. Mit Southamptons Gastón Ramírez gibt es einen weiteren Kandidaten, der die Zehnerposition etwas nach links versetzt interpretiert, so dass er teilweise wie ein eingerückter Außenspieler. In diesem Szenario spielt einer der beiden Stürmer (zuletzt gegen Venezuela war es Cavani) weit nach rechts versetzt, so dass ein 4-3-3/4-3-1-2/3-4-1-2/5-4-1 entstehen konnte.

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Die obere Grafik zeigt die Variante des 4-3-1-2/3-4-1-2 mit einem Zehner wie Lodeiro oder auch Forlán. Wenn dieser nicht hinter den Spitzen agiert, spielt er im Sturm statt Suárez mit. In der unteren Grafik ist der Sonderfall mit Ramírez dargestellt, der nach links tendierend spielt. Situativ kann ein 4-3-3 (Ramírez und Cavani als Außenstürmer, Pereira als linker Achter), ein 4-3-1-2 (Ramírez Zehner, Pereira halblinker Achter, Cavani Stürmer), ein 3-4-1-2 oder ein 5-4-1 entstehen.

Der defensive Wert von Mischformationen

Alles in allem merkt man an den vielen Zahlen, dass die Uruguayer besonders mit dem allgemeinen taktischen Aspekt der Grundformation arbeiten, auf diesem Wege für eine flexible Aufstellung sorgen und den Gegner mit sehr speziellen Positionierungen vor ungewohnte Aufgaben stellen wollen. Doch auch in anderen taktischen Bereichen haben die uruguayischen Hybridformationen bestimmte Vorteile, wenn man sie mit einer solchen Eingespieltheit und den passend vielseitigen Akteuren ausführen kann, wie dies bei den Südamerikanern der Fall ist.

Mit Asymmetrien, wie sie bei den Uruguayern zwischen Dreier- und Viererkette bestehen, kann man sich sehr anpassungsfähig an den jeweiligen Gegner zeigen und hat die Möglichkeit, in manchen Feldbereichen eine raumorientierte Überzahlverteidigung anzuwenden, während in anderen Zonen bestimmte Mannorientierungen eingegangen werden. Wie gut ein solches Vorgehen generell funktionieren kann, zeigten nicht nur – unter anderem in der aktuellen WM-Quali-Runde gegen Argentinien – die Uruguayer, sondern belegte in der vergangenen Saison z.B. auch Lazio gegen Napoli.

Wenn der Gegner das Pressing überspielen und im Zuge dessen weiter vorrücken kann, hat eine solche Hybridformation ebenso einen interessanten Wert. Weil die grundlegenden Mechanismen eines Formationswechsels den Spielern bekannt und diese damit vertraut sind,  ist es für sie recht einfach, schnell in eine stabile Fünferkette am Strafraum zurückzufallen und die Stabilität wieder herzustellen. In Kombination mit guten und miteinander abgestimmten Einzelspielern sorgt dies für eine traditionell sichere Defensive, die für die Erfolge 2010 und 2011 essentiell war. Ein nicht zu vernachlässigender Faktor ist natürlich auch die Tatsache, dass die Uruguayer oftmals mit hoher nomineller Absicherung agieren – viele Verteidiger bleiben hinten, während auch die Sechser meistens generell defensiv ausgerichtet sind (Ríos, auch Pérez) oder sich zumindest selten nach vorne wagen (Gargano).

Reicht es vorne zu genügend Gefahr?

Somit ist auch die offensive Ausrichtung der „Celeste“ vorgezeichnet, die sich viel über ihre durchschlagend vorstoßenden Flügelspieler und die große Qualität ihrer Angreifer definieren. Uruguay ist hier nicht die einzige Mannschaft bei diesem Turnier, die durchaus gerne auch mal mit Unterzahlangriffen und schnellen Kontern über ihre Superstars zum Erfolg kommen will. Durch die Eingespieltheit ihrer beiden Standardformationen und der Offensivakteure können sie dadurch immer mal gefährlich werden, auch wenn es zuletzt einige schwächere Ergebnisse gab.

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Uruguays Rechtsfokus aus dem 3-4-1-2/4-3-1-2 heraus gegen Frankreich

Als Reaktion darauf wurde in den letzten Monaten – unter anderem beim Testspielsieg gegen Frankreich, als man sich stark auf den rechten Flügel fokussierte – das Überladen bestimmter Feldbereiche intensiviert, was in der Vergangenheit nicht immer so deutlich festgelegt war. Gegenüber der oftmals situativen Angriffsdurchführung im letzten Drittel, bei denen die Stürmer gerne auch auseinander wichen, um Raum für einzelne Geniestreiche zu schaffen, wurde das Spiel gegen Frankreich bewusster und kollektiver mit einem Rechtsfokus angelegt. Beide Stürmer unterstützten Maxi Pereira hier ebenso wie der nach rechts tendierende Zehner Lodeiro.

Fragen an den Auftakt und das erste Spiel

Bei den letzten großen Turnieren machte es Tabárez stets so, dass er anfangs eher eine klare Formation mit eindeutiger Viererkette spielen ließ, um mit Stabilität und einer soliden Orientierung zu beginnen, bevor er im weiteren Verlauf des Wettbewerbs konsequent auf die Hybridformationen umstieg. Ob es diesmal auch so sein wird, ist allerdings fraglich, denn mit einer recht klaren 4-4-2-Formation hatten die Uruguayer unter anderem in einem Testspiel im Februar große Probleme mit ihrem ersten Turniergegner Spanien. Die Hybridformation mit situativer Dreierkette ist in der Theorie gegen die Spanier ohnehin besser geeignet und könnte sich als entscheidender Pluspunkt im Duell mit Nigeria um Gruppenplatz zwei erweisen.

Auch klare 4-3-3- oder 4-3-1-2-Formation führten ebenso wie das 4-4-2 zuletzt generell immer wieder zu durchwachsenen Auftritten und Niederlagen.  Die Flügelspieler sind dann weniger abgesichert, womit die Pereiras und deren Alternativen nicht gut zurecht kamen, die Flügel aufgrund des Wegfalls einer möglichen Fünferkette generell weniger geschützt und auch die immer wieder gern genutzten Mannorientierungen funktionieren nicht so gut. Durch die Hybridformation können umliegende Spieler beispielsweise auf einzelne gescheiterte Manndeckungen stabiler reagieren, da Ausweichbewegungen einfacher und koordinierter möglich sind – ohne Hybridformation ist die Defensive hier weniger anpassungsfähig und war zuletzt dementsprechend anfälliger.

Fazit und Ausblick

Die grundlegenden Aspekte und spielerischen wie taktischen Aspekte sind bei den Uruguayern bekannt, was vor allem auf ihre Hybridformationen zutrifft. Dennoch haben sie hier mehrere formative und personelle Varianten, von denen aktuell keine als absoluter Favorit gelten kann – Anpassungsfähigkeit bliebt damit eine zentrale Stärke der Uruguayer. Zwar sind sie nicht mehr ganz so stark wie noch 2010 und 2011, wirkten defensiv einige Male weniger stabil und taten sich einige Male mit der offensiven Durchschlagskraft schwer. Doch die Chancen auf das Halbfinale sind auch aufgrund der Gruppengegner gut.

Mario 15. Juni 2013 um 17:04

Ein sehr intressanter Artikel. Kann mir jemand erklären warum Forlan quasi gesetzt ist und Suarez und Cavani sich mehr oder weniger um einen Platz streiten müssen. Forlan habe ich zwar schon eine Weile nicht meht spielen gesehen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er wieder so stark ist wie im Jahre 2010. Suarez und Cavani haben beide eine Super Saison gespielt.

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fluxkompensator 15. Juni 2013 um 15:35

interessant, was tabares da spielen lässt. in der grundidee doch eine recht klassisch ausrichtung mit rigider rollenverteilung in den jeweiligen spielphasen. mit der implementierung von diesen mischformen scheint die mannschaft aber ausbalancierter als das klassische 4-4-2. problematisch ist der fokus auf die individuelle klasse der stürmer langfristig aber schon. wenn du schreibst, dass sich inzwischen oft schon fehlende durchschlagskraft bemerkbar gemacht hat – wie stehts um die erst, wenn einer oder mehrere stars ausfallen?!

übrigens: flügelläufer = defensive winger?! 😉

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geco87 14. Juni 2013 um 14:48

Kann mir jemand den Unterschied zwischen Außen- und Flügelverteidiger erklären? Für mich ist das das gleiche, rein begrifflich schon. Ist ein Flügelverteidiger vielleicht ein noch breiter oder etwas offensiver agierender Spieler, also eher in einer Fünferkette? Entspricht das dann eher einem Wingback?

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TW 14. Juni 2013 um 15:13

Ich denke Flügelverteidiger soll die deutsche Übersetzung von Wingback sein. Durch die nominelle Positionierung im Mittelfeld und die stärkere (bzw. dauerhafte) defensive Absicherung im Allgemeinen dann etwas offensiver als ein Außenverteidiger. Der Winger (Flügelspieler) ist im Englischen ja auch ein offensiver Außenspieler. Flügel scheint also eher der Außenbereich im 3. Drittel zu sein, hier bin ich mir aber nicht sicher.

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TR 14. Juni 2013 um 17:34

Genau, Flügelverteidiger wollen wir jetzt bestmöglichst immer anstelle von Wing-Back verwenden.

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TW 14. Juni 2013 um 19:40

Wäre das klassische deutsche Wort nicht Flügelläufer 😉

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RM 14. Juni 2013 um 22:40

Außenverteidiger (full-back), Flügelverteidiger (wing-back), Flügelläufer (neue Rolle?, „wide box-to-box“ wäre doch sinnhafte englisches Äquivalent), Flügelstürmer (winger), über die Flügel kommender Mittelstürmer (wide forward), würde ich als die fünf Kategorien etablieren. Oder? Meinungen?

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messanger 14. Juni 2013 um 23:34

Kommt wohl auf’s Gesamtsystem an.
Juventus scheint klar mir Flügelläufern zu spielen (insb. Lichtsteiner). Bei anderen 3-5-2 Mannschaften sind es mehr Flügelverteidiger, da das Offensivspiel viel weniger über aussen kommt.
In einem klassischen 4-3-3 hätten wir Aussenverteidiger (wing-back) und Flügelstürmer (winger) oder auch Breitengeber (Englisch: expander?). Was haben wir in einem 4-4-2? Aussenverteidiger (da er in der 4er-Kette steht) und einen… Achter? Eingerückten Flügel? Zurückfallenden Flügelstürmer?

Ich denke auf Englisch gibt’s akutell zuwenig Begriffe für die unterschiedlichen Spielertypen. Solange die Deutschen Begriffe klar sind und nicht übertrieben Komplex muss man sich nichts aus dem Englischen leihen.

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Rasengrün 15. Juni 2013 um 08:29

Flügelläufer… ich fühl mich grad so alt, den Begriff habe ich ja schon mindestens zwei Jahrzehnte lang nicht mehr gehört. Letztlich ist die Diskussion über Benennungen aber fast redundant, man kommt im Detail dann ja doch wieder nicht um eine genauere Erläuterung von Rolle und Aufgaben herum. Muss man da wirklich unbedingt Begriffe eindeutschen, die doch nur begrenzt aussagekräftig sind? Wingback versteht auch jeder halbwegs interessierte Leser, vermutlich ohne Erläuterung sogar besser.

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RM 15. Juni 2013 um 10:15

Naja, „Flügelverteidiger“ ist ja die gängige Übersetzung von Wing-Back und auch die richtige, glaube ich.

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Lino 14. Juni 2013 um 09:13

Eine meiner Lieblingsmannschaften und ein Trainer, der es i.d.R. versteht, die passende Formation zum gegebenen Spielermaterial zu wählen. Prinzipiell halte ich Uruguay im 3/5/2 (+ Varianten), also mit Cavani, Forlan und Suarez für am stärksten, v.a. dann, wenn mit relativ großem Konterfokus (à la Napoli) gespielt wird.

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