Confed-Cup-Vorschau: Nigeria

Von Sommerpause keine Spur: Ein Jahr vor der Weltmeisterschaft in Brasilien findet der obligatorische Confederations-Cup statt. Als Einstimmung auf die WM-Generalprobe stellen wir die grundlegenden Konzepte der Teams und taktische Varianten vor.

Als letztes der acht teilnehmenden Teams konnte sich der Afrikameister aus Nigeria für das Turnier qualifizieren – die Auslosung für den Confed-Cup fand statt, bevor der afrikanische Teilnehmer ermittelt worden war. Mit überzeugenden Leistungen – unter anderem einem Sieg über den ivorischen Topfavoriten sowie einer furiosen Vorstellung im Halbfinale – konnte das Team von Stephen Keshi einen hochverdienten Titelgewinn beim Afrika-Cup verbuchen.

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Grundformation von Nigerias Erfolgsteam beim Afrika-Cup am Beispiel des Halbfinals gegen Mali

Nigerias Afrikameister-Team

Besonders beeindruckend war dabei das kollektive Auftreten der nigerianischen Mannschaft – in taktischer Hinsicht nicht selbstverständlich im afrikanischen Fußball. Darüber hinaus wusste auch das gut abgestimmte und fluide Mittelfeld ihrer 4-3-3-Formation zu überzeugen. Als halblinker Sechser wich Chelseas John Obi Mikel auf die linke Seite oder kippte hinter den offensivstarken und weitaufrückenden Linksverteidiger Elderson Echiéjilé heraus, von wo er den Spielaufbau ankurbelte und die Partien diktierte.

Sein Partner auf der nominellen Doppel-Sechs, der junge Lazio-Spieler Ogenyi Onazi, sorgte bei diesen Bewegungen seines Kapitäns dafür, dass das Mittelfeldzentrum nicht zu sehr verwaiste und agierte mit großem Engagement als raumfüllender und balancierender Sechser, der stets in den richtigen Feldbereichen absicherte. Komplettiert wurde das Mittelfeld vom international unbekannten Sunday Mba von den Enugu Rangers, der als beweglicher Verbindungsspieler die Beziehungen nach vorne zu den drei Stürmern knüpfte.

Dort agierte Chelseas Victor Moses als inverser Winger auf dem linken Flügel, während die beiden beweglichen Mittelstürmer Brown Ideye (zentral) und Emmanuel Emenike (halbrechts) den Angriff komplettierten. Der nominell als Rechtsaußen spielende Emmenike agierte eingerückt und stieß immer wieder diagonal in den Angriff, wobei er zudem häufig mit Ideye rochierte. Für Kombinationen im rechten Halbraum bildeten die beiden entweder ein Tandem, sorgten für Vertikalsprints oder legten Bälle für die Spielmacher ab – den aufrückenden Mba sowie den von links in den Zehnerraum einlaufenden Moses, dem Mba ebenfalls Räume öffnen konnte.

Auf links dominiert der Aufbau, auf rechts die kraftvollen Durchbrüche

Ein weiterer interessanter Aspekt im taktischen Offensiv-Konstrukt der Nigerianer waren die Beziehungen zwischen den beiden Außenseiten. Während die linke Flanke mit dem weit vorschiebenden und Raum freischiebenden Linksverteidiger sowie dem organisierend herauskippenden Mikel viel für das Spielaufbau tat, gab es auf der anderen Seite viele Durchbrüche in Richtung Tor zu sehen.

Wenn die Nigerianer sich mit ihrem spielerischen Potential also nicht in der Mitte kombinierten, spielten sie ihre von links startenden Angriffe häufig diagonal auf den anderen Flügel durch und schlossen sie dort ab. Dafür konnte Mikel von halblinks aus günstiger Stellung immer wieder lange Flugbälle auf die rechte Seite schlagen, die dann äußerst flexibel besetzt wurde.

Durch die eher abwartende Ausrichtung des Rechtsverteidigers Ambrose, der bei Celtic häufig im Defensivzentrum agiert, konnte hier effektiv Raum geschaffen werden, wenn der Gegner mit Mannorientierungen auf den Flügeln spielte. Auf der rechten Seite stand für Mikels Zuspiele dann nicht nur Emenike bereit, sondern auch Ideye Brown zeigte immer wieder sehr gute Ausweichbewegungen in diesen Bereich. Selbst Moses bot sich einige Male für lange Bälle auf Rechtsaußen an, weshalb Nigeria hier auch viele Abpraller einsammelte – auf genau diese Weise bekam der Chelsea-Akteur im Halbfinale Freiheiten auf rechts, die er mit einer Flanke zum Führungstor durch Elderson nutzte.

Dass ausgerechnet der Linksverteidiger nach einer Hereingabe zu diesem wichtigen Tor traf, scheint etwas verwunderlich, zeigt aber einmal mehr, wie passend die Spielerpositionierungen und Wechselwirkungen bei diesem Turnier funktionierten. Aufgrund der potentiell absichernden Haltung von Ambrose sowie der nach links gekippten Position Mikels hinter ihn war Elderson mehr als ausreichend abgesichert, so dass er sich vielfach und flexibel mit nach vorne einschalten konnte. Bei diesem Treffer trat er dann nicht nur als Profiteur der formativen Aspekte, sondern auch als Nutznießer der konkreten Bewegung Moses´ auf, der ihm mit seiner Rochade nach rechts auch den inversen Raum und Laufweg zum Tor freigemacht hatte.

Zwei Schlüsselspieler fehlen

Mit ihren Rochaden auf die rechte Seite sind die gelegentlich zockenden Stürmer Nigerias darüber hinaus auch bei Kontern sehr gefährlich, da sie mit ihrer Schnelligkeit und Physis die Räume hinter aufrückenden Außenverteidigern gnadenlos bespielen können. Alles in allem zeigten die Nigerianer trotz eines etwas enttäuschenden Finals und eines gelegentlich zu hohen Dribbling-Fokus im Februar ein herausragendes Turnier, bei dem einige Leistungen auf jeden Fall für ein Halb- oder Viertelfinale bei einer WM gereicht hätten.

Das schöne Afrika-Cup-System nützt Nigeria allerdings nichts, wenn es nicht mehr in jener Form spielbar ist – und genau dies ist vor dem Confed-Cup nun der Fall. Der in seiner Hybrid-Rolle und seinem Profil kaum zu ersetzende Emenike, der bereits das Finale bei der Afrikameisterschaft verpasste, fällt wegen einer Verletzung aus und auch Victor Moses steht nicht zur Verfügung. Somit sieht sich Stephen Keshi der Frage gegenüber, wie er auf diese schmerzvollen Ausfälle reagieren wird.

Wahrscheinlich werden die beiden Offensivkräfte eins zu eins ersetzt werden, damit das bewährte System grundsätzlich beibehalten werden kann, durch die veränderten Spielertypen allerdings mit einigen Detailanpassungen versehen wird. Mit dem schnellen und trickreichen Ahmed Musa von ZSKA Moskau gäbe es eine interessante Option für die linke Offensivseite, doch ist Musa etwas zu verspielt und wohl nicht kombinationsstark genug, um sporadisch spielmachend zu wirken, wie es Moses tat. Stattdessen wird auf links meistens der in der zweiten italienischen Liga spielende Oduamadi eingesetzt, der sich bereits einige Male mit ordentlichen Einrückbewegungen ins Zentrum und interessanten Rochadebewegungen präsentierte.

Zentrumsfokus und kleine Detail-Umstellungen mit Akpala?

Auf der rechten Seite ist der enorm komplette und variantenreiche Emenike noch ein wenig schwerer zu ersetzen – dafür gibt es zwei Varianten. Einmal hat Keshi die Möglichkeit, die halbrechte Offensivposition mit einem ebenfalls sehr stürmerartigen Akteur zu bestücken. Dafür stünden die beiden Bundesliga-Angreifer Akpala und Ujah bereit – beide sind für eine solche Rolle nicht ganz so passend wie Emenike, doch insbesondere der Bremer ähnelt diesem durchaus in einigen Bereichen. Insgesamt interpretieren diese kraftvollen Typen die rechte Position des 4-3-3 noch etwas mittiger und orientieren sich verstärkt ins Zentrum, so dass es phasenweise wie eine bewegliche Doppelspitze mit Brown Ideye wirkt.

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Nigeria im Testspiel gegen Mexiko (2:2)

Dieser würde sich häufiger raumschaffend in den rechten Halbraum fallen lassen, Ambrose auf der Außenverteidigerposition offensiver agieren und das heraus weichende Überladen der Stürmer auf dem rechten Flügel weniger ausgeprägt sein. Zudem orientiert sich Sunday Mba bei einer solchen Aufstellung etwas mehr nach rechts, um dort situativ kleinere Freiräume zu bespielen.

Im Testspiel gegen Mexiko zeigte Nigeria mit dieser Variante und Akpala in der Aufstellung eine starke Leistung im Angriffsspiel. Alle vier Offensivspieler waren sehr beweglich, hielten sich oftmals aber enorm gleichzeitig enorm zentral auf und konnten dort überladend durchkombinieren. Die in ihrem Offensivdrang dann viel symmetrischer auftretenden Außenverteidiger übernahmen die Flügel praktisch alleine, so dass ein beidseitiges Durchbrechen möglich war. Darüber hinaus band sich Elderson mit einigen diagonalen Läufen hervorragend ins Zusammenspiel ein.

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Nigerias voraussichtliche Grundformation für den Confed-Cup

Musa macht das Rennen

Trotz dieses ansehnlichen Auftritts gegen die Mexikaner scheint aktuell die zweite Variante für den rechten Flügel wahrscheinlicher – der auf links nicht wirklich überzeugende Ahmed Musa ist mit seiner Beweglichkeit und breiteren Positionierung die andere Option als Emenike-Ersatz und hat sich gegenüber dem Mittelstürmer-artigeren Akpala wohl durchgesetzt. In den letzten drei WM-Qualifikations-Spielen durfte nämlich immer Musa auf der rechten Außenbahn auflaufen. Auch wenn Musa im Vergleich mit Emenike und Akpala die Robustheit abgeht, ist er für die ihm vorgesehene Position grundsätzlich geeignet, da er sich sehr gut auf dem Flügel zurecht findet und sowohl die dortigen Überladungen anleiten als auch mit seiner Schnelligkeit hinter die Abwehr durchbrechen kann – so erzielte er auch den wichtigen Siegtreffer gegen Kenia.

Von der Stürmerwahl hängt wegen der etwas asymmetrischen Grundformation auch die Positionierung im Pressing ab. Bei der Variante mit Akpala gegen Mexiko formierten sich Keshis Mannen gegen den Ball meistens in einem 4-4-2, bei dem sowohl Akpala als auch Mba jeweils im Sturm sowie auf der rechten Seite agieren konnten. Bei der „normaleren“ Variante mit Musa auf rechts agiert Nigeria wie beim Afrika-Cup: Zunächst bleiben sie recht passiv und versuchen den Gegner auf die frei scheinenden Außenverteidiger zu lenken. Kommen diese an den Ball, gehen sie schnell in ein mannorientiertes und aggressives 4-3-3-Pressing über. Alternativ sollen die Innenverteidiger abgetrennt und ein Querpass bei eingeschränktem Sichtfeld provoziert werden, damit der herausrückende Außenstürmer überfallartig auf den Innenverteidiger pressen kann. Während der Spiele haben die „Super Eagles“ aber schon mehrfach gezeigt, dass sie ihre Ausrichtung spontan wechseln konnten.

Fazit und Ausblick

Beim Afrika-Cup waren die Nigerianer eine spielerisch und taktisch hervorragende Mannschaft, die für ihre Ausrichtung viel berechtigtes Lob bekam. In der Defensive sind sie weitgehend eingespielt, stabil und bis auf gelegentliches Zocken kollektiv, allerdings besonders über bewegliche Einzelspieler, hohe Offensivpräsenz oder kraftvolle Flankengewalt recht schnell ins Wanken zu bringen. Offensiv fehlt es trotz der guten Wechselwirkungen ohne Emenike und Moses aktuell etwas an Durchschlagskraft. Die Variante mit dem eingerückten Akpala wäre daher eine höchst interessante Alternative.

Hinter den Spaniern ist der zweite Platz für die taktisch und spielerisch guten Nigerianer gut möglich – als Team sind sie knapp vor Uruguay einzuschätzen. Problematisch könnte für Keshis Jungs aber werden, dass sie beim spezifischen Ausnutzen gegnerischer Schwächen oftmals zu ungeschickt agieren, was gegen Tahiti eventuell zu einem unnötigen Geduldsspiel führen könnte. Im konkreten Duell um Rang zwei mit den Uruguayern haben die Südamerikaner zudem den möglichen Vorteil, ein potentiell sehr effektives Defensivmittel gegen Spanien zu haben – doch dazu morgen mehr…

Paul 15. Juni 2013 um 15:15

Ich schätze Uruguay immer noch stärker ein als Nigeria. Besonders da Uruguay über sehr starken Sturm mit Forlan, Suarez, Cavani und Hernandez verfügt

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