Confed-Cup-Vorschau: Japan

Von Sommerpause keine Spur: Ein Jahr vor der Weltmeisterschaft in Brasilien findet der obligatorische Confederations-Cup statt. Als Einstimmung auf die WM-Generalprobe stellen wir die grundlegenden Konzepte der Teams und taktische Varianten vor.

Als einziges der acht Teilnehmerländer treten die Japaner mit einem ausländischen Trainer an. Der Italiener Alberto Zaccheroni hat es geschafft, unter anderem mit Milan, Inter, Lazio und Juventus bereits vier der großen italienischen Mannschaften trainiert zu haben – nachdrückliche Erfolge erreichte er dabei allerdings nicht, denn eine Meisterschaft 1999 mit den Rossonieri war sein einziger Titel.

Flag_of_JapanNach der Weltmeisterschaft 2010 übernahm er die japanische Nationalmannschaft, machte es mit den Titeln besser und holte gleich in seinem Debütjahr mit der Asienmeisterschaft seinen ersten internationalen Pokal. Trotz einer Reihe an aufstrebenden Spielern hat sich die Mannschaft seit diesem Erfolg Anfang 2011 kaum verändert – die Stammbesetzung ist immer noch die Gleiche.

Nicht nur in Italien gilt Zaccheroni als großer Verfechter einer unorthodoxen 3-4-3-Ausrichtung, doch bei der japanischen Mannschaft lässt er standardmäßig ein 4-2-3-1 praktizieren. In der Innenverteidigung gibt es – abgesehen vom gut veranlagten Maya Yoshida – keine große individuelle Klasse, allerdings viele flexible Kandidaten, die sich auch auf der Außenbahn wohl fühlen und zur Seite weichen können, so dass die beiden Außenverteidiger offensiv agieren dürfen.  Mit Uchida und Nagatomo stehen hier balancierte und ausdauernde Akteure bereit, während die beiden Sakais aus der Bundesliga weitere Alternativen darstellen.

Hasebe, Endo, Honda – das bewegliche Mittelfeld

Vor der Abwehr agieren Kapitän Makoto Hasebe und der spielintelligente Yasuhito Endo, der vielen wegen seiner Freistöße ein Begriff sein dürfte. Doch der mittlerweile 33-Jährige ist ganz besonders ein herausragender Spielmacher, der nicht unberechtigt als asiatischer Andrea Pirlo bezeichnet wird, wobei Endo höher agiert und auch deshalb nicht ganz so dominant veranlagt ist wie der Italiener. Seine sehr beruhigte Spielweise, herausragende Pässe mit tollem Effet und die Fähigkeit, sowohl den langen tödlichen Steilpass als auch die kurze Weiterleitung in Kombinationen spielen zu können, machen den laufstarken Endo definitiv zu einem „player to watch“ beim Confed-Cup.

Durch die Art seiner Ballannahme schiebt er manchmal bereits minimale Räume frei, die dann beim drittnächsten Pass erst angespielt werden. Es liegt auch an dieser Spielintelligenz und Umsicht, dass Mittelfeldpartner und Kapitän Hasebe in diesem kreativ-vorausschauenden Denken einen Sprung nach vorne gemacht hat. Mit diesem Duo verfügen die Japaner über enorme Pressingsreistenz im Mittelfeldzentrum und sind außerdem sehr flexibel, da beide sowohl eine vorstoßend-vertikale als auch rein absichernde Rolle übernehmen können und daher je nach Gegner in unterschiedlichen Aufgabenkonstellationen aufgestellt werden. Zudem kann Hasebe – wie in der jüngeren Vergangenheit manches Mal in Wolfsburg – auch besonders gut auf die rechte Seite hinausschieben.

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Japans typische Formation am Beispiel des WM-Quali-Spiels gegen Australien (Note: Australien hat tolles Spielerpotential)

Durch gelegentlich zurückfallende Bewegungen von Keisuke Honda, dem bei ZSKA Moskau spielenden Zehner, entsteht ein fluides und anpassungsfähiges Mittelfeld. Darüber hinaus unterstützt der international vielleicht bekannteste Akteur der Japaner auch immer wieder engagiert auf den Seiten, wenngleich er gelegentlich etwas unkoordiniert wirkt und seine Positionierungen nicht vollends ausbalanciert sind. Bei diesen Bewegungen versucht er manchmal, durch ballferne Tiefensprints Aufmerksamkeit von den Kollegen zu nehmen, doch meistens bewegt er sich zu den Offensivpartnern hin und initiiert das Zusammenspiel auf recht dominante Art und Weise.

Kombinieren mit Kagawa

Diese Kombinationen sucht Honda vor allem mit den beiden nominellen Außenspielern, die die spielerische Stärke der Mannschaft zusätzlich erhöhen, wobei die halblinke Position dabei etwas mehr beiträgt. Als eingerückter und ein wenig tiefer positionierter Außenspieler agiert hier Shinji Kagawa, der viel im Mittelfeld unterwegs ist, gelegentlich als Nadelspieler fungieren, und neben den Kombinationen mit Honda situativ den von diesem geöffneten Zehnerraum bespielen kann. Als Gegenpol zum ehemaligen Dortmunder ist der rechte Flügel von einem etwas stürmerartigeren Typen besetzt, der mit hohem Arbeitspensum für Balance sorgen soll – meistens Stuttgarts Shinji Okazaki. Teilweise agiert er übetrieben ballfordernd und bringt dann etwas Unruhe in den Rhythmus, weshalb Okazaki verhältnismäßig noch am stärksten um seinen Platz bangen muss. Nürnbergs Kiyotake wurde zuletzt einige Male an seiner Stelle getestet und wäre eine weitere Entwicklung zu noch mehr spielerischer und kombinativer Qualität.

Eventuell könnten auch beide zusammen spielen – dann würde Okazaki in den Angriff rücken und die zentrale Sturmposition einnehmen. Allerdings ist dies ziemlich unwahrscheinlich und nur als alternative Variante denkbar, denn ganz vorne ist weiterhin der arbeitsame und raumöffnende Maeda erste Wahl. In seinem recht staksigen Bewegungsablauf ähnelt er sowohl Okazaki als auch Kagawa in gewissen Aspekten und soll mit seinen tendenziell nach links gerichteten Ausweichbewegungen Letzterem erlauben, seinen bevorzugten Zehnerraum zu besetzen.

Allerdings hat Japan insgesamt das eine oder andere Mal Schwierigkeiten, die taktische Arbeit Maedas mit nachrückenden Läufen zu nutzen. Dies hängt auch damit zusammen, dass die beiden Sechser zu einer eher vorsichtigen Ausrichtung angewiesen sind. Wenn Hasebe und Endo noch etwas mehr aufrücken würden, könnte Japan die kombinative Qualität noch einmal besser nutzen – vor allem, weil beide Sechser die Anlagen dazu haben. In solchen Situationen müssten sich Kagawa und Co. nicht mehr so sehr auf die zu erhaltenden Rückwärtsverbindungen konzentrieren und könnten verstärkt vorne durchbrechen. Doch in diesem Punkt scheint Zaccheroni bisher noch etwas zu pragmatisch und vorsichtig. Somit fehlt es manchmal an Durchschlagskraft und die spielerische Stärke wird nicht konstant genug in Zählbares umgemünzt. Standards von Endo oder auch Kiyotake sowie Distanzschüsse Hondas werden dann zu den gefährlichsten Waffen.

Zaccheronis Alternativen: Dreierkette und Stoßstürmer

Als Lösungsmöglichkeiten für das Problem hat Zaccheroni keine offensiveren Sechser, sondern bisher unter anderem einen anderen Stürmertypen in Betracht gezogen – Mike Havenaar von Vitesse macht Maeda mächtig Konkurrenz und soll bei gleichbleibendem Pensum für das Team zusätzliche Wucht nach Flanken erzeugen. Außerdem bleibt Zaccheronis Dreierkette als alternatives Ausweichsystem, auf das der Trainer auch im Finale um die Asienmeisterschaft umstellte und das zuletzt auch in den Testspielen das eine oder andere Mal genutzt wurde.

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Japan in der 3-4-2-1-Formation, die durch die Unterschiedlichkeit zwischen Uchida und Nagatomo auch in ein situatives 4-2-3-1 umgeformt werden kann.

Es käme ein zusätzlicher Innenverteidiger für einen Spieler aus der offensiven Dreierreihe in die Mannschaft, Uchida und Nagatomo würden wie Wing-Backs agieren und die verbleibenden zwei Offensivkräfte eine leicht zur rechten Seite verschobene Doppel-Zehn bilden. In dieser Rolle wären Kagawa und Honda erste Wahl, doch Zaccheroni sieht in dieser Formation auch Frankfurts Inui gerne auf dem Platz, der für das 4-2-3-1 sich knapp hinter Kiyotake hintanstellen muss.

Weil Nagatomo meistens offensiver agiert als Uchida, kann durch die Flexibilität der zentralen Verteidiger schnell das gewohnte 4-2-3-1 hergestellt werden, das in seiner offensiven Anordnung und Aufgabenverteilung dann „spiegelverkehrt“ ist. Mit diesem System forciert Japan Angriffe über die Flügel und Durchbrüche zur Grundlinie, um auf diesem Wege durchschlagend werden zu können. Die Außenspieler machen viel nach vorne, Honda stößt aus der Tiefe in den Strafraum und Kagawa kann als Nadelspieler auf außen agieren, um Nagatomo effektiver ins Spiel zu bringen. In dieser Aufstellung haben die Japaner allerdings manchmal das Problem, inkonstant zu werden. Phasenweise verlieren sie dann Balance sowie Staffelung (z.B. zu flache Anordnungen), was ihnen im Standardsystem eigentlich seltener passiert, und konzentrieren sich zu sehr auf die Flügelangriffe.

Japans Abwehrarbeit

In der Defensive hat Zaccheroni die grundlegende Ausrichtung modifiziert – während unter Vorgänger Takeshi Okada noch ein recht normales 4-4-2-Mittelfeldpressing praktiziert wurde, gibt es nun deutlich mehr Mannorientierungen im Verteidigungskonzept. In einer 4-2-3-1/4-4-1-1-Formation arbeitet Maeda als einzige Spitze zwischen den gegnerischen Innenverteidigern und soll diese bevorzugt voneinander trennen, während die Kollegen lose Mannorientierungen übernehmen. Insgesamt führt Japan diese Ausrichtung äußerst passiv aus, so dass der Gegner im Abwehrzentrum ungestört herum schieben darf.

Wenn das gegnerische Team Probleme mit der Offensivkompaktheit oder den grundsätzlichen Verbindungen zwischen Abwehr und Angriff hat, kann Japans Konzept sehr wirksam sein, da es ihnen dann oftmals dabei hilft, mit den isolierten Mannorientierungen auf die gegnerischen Außenverteidiger das Aufbauspiel auch hinten festzunageln. Gegen bestimmte Spielweisen und taktische Mittel sind die Japaner dafür aber anfällig – mit konsequenten Vorstößen der Innenverteidiger in die gebotenen Freiräume kann man die Asiaten ärgern. Am anfälligsten ist Japan, wenn der Gegner beim Vorrücken auf dem Flügel geschickt vorgeht: Mit Läufen ohne Ball kann man die mannorientierten Sechser der Japaner in die Viererkette hineinziehen und damit den Raum vor der Abwehrreihe mit einfachen Querpässen auf gefährliche Weise infiltrieren.

Fazit und Ausblick

Trotzdem ist dem Team von Zaccheroni in Brasilien einiges zuzutrauen, zumal obige Schwäche über verbesserte Balance zu kontrollieren ist. Wenn beide Sechser sich beim offensiven Aufrücken genug einbringen und Honda innerhalb des Spiels seine Konstanz findet, könnten die Japaner mit hervorragendem Fußball – besonders über das Zusammenspiel Kagawa-Honda – eine ganz große Überraschung bei diesem Turnier werden. Kommen sie einmal ins kollektive Kombinieren hinein, gibt es abgesehen von Spanien und vielleicht Brasilien keine Mannschaft, die so schön zu spielen imstande ist.

SB 12. Juni 2013 um 01:26

Weiß zufällig jemand, wieso Tulio anscheinend keine Rolle mehr in der Nationalmannschaft Japans spielt? Fand den bei der WM 2010 recht beeindruckend.

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RD 13. Juni 2013 um 08:37

Der Trainer scheint ihn für zu alt zu halten, jedenfalls spielt er seitdem Zac da ist absolut keine Rolle mehr.
Ist nicht umbedingt alle logisch aber gut…

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Paul 14. Juni 2013 um 13:42

Ich dachte Tulio hätte nach der WM seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt gegeben

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phileit 11. Juni 2013 um 23:46

Heute in der WM-Quali gegen den Irak spielte Japan mit dem „normalen“ 4-2-3-1:

Kawashima – H. Sakai, Inoha, Konno, Nagatomo – Endo, Hosogai – Okazaki, Kagawa, Kiyotake – Havenaar

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RD 13. Juni 2013 um 08:43

Eigentlich war angekündigt mit einer B-Elf zu spielen, naja war dann doch mehr eine 1b Mannschaft.

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cg20fan 11. Juni 2013 um 21:48

Ich hab mir Japan heute in Ausschnitten gegen den Irak angeschaut und war eher enttäuscht. Die Offensivspieler fand ich ziemlich statisch und die Angriffszüge arg uninspiriert. Da erhoff ich mir für die Confed-Cup-Spiele deutlich mehr, und mit ihrer tollen halblinken Besetzung müssten sie auch einiges an Alarm machen können.

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Goalimpact 11. Juni 2013 um 21:30

Ich habe für das Team auch mal die Werte rausgesucht. Ist schön ausegwogen mit ein paar sehr guten Spielern. Die Stürmer fallen aber etwas ab.

http://www.goalimpact.com/2013/06/japans-team-at-confed-cup.html

Ich will auch alle Mannschaften durch gehen. Wenn ihr Interesse habt mailt mir, dann schicke ich sie Euch vorab.

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orange joe 11. Juni 2013 um 21:08

Hey, sry für offtopic.
SV, ihr seid sehr geil und habt einen klaffende Lücke in der Berichterstattung über den Fußball geschossen.
Meine frage: warum Don Draper auf dem app-shortcut?
Pete ist doch viel lässiger… 🙂

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Sachlicher 11. Juni 2013 um 20:14

Ist Kiyotake nur Einwechselspieler? Ich vermisse ihn in den Aufstellungen

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Sachlicher 11. Juni 2013 um 20:15

ups! Hat sich erledigt ^^. Hätte wohl den Artikel zuerst genauer lesen sollen 😉

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GH 11. Juni 2013 um 18:07

wieso setzt man nicht auf Kagawas hervorragende Pressingqualitäten und setzt ihn als 10er ein? Wenn, wie du ansprichst, Honda teilweise unkonstant ist.

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TR 11. Juni 2013 um 21:30

Im Spiel gegen den Ball ist das vielleicht tatsächlich nicht ideal, aber Honda hat eben einen Namen und ist abgesehen von seiner Inkonstanz ein ziemlich guter Spieler. Besonders da er und Kagawa sehr gut harmonieren, würde es keinen Sinn machen, ihn rauszunehmen. Und dann ist die Zehnerposition damit eben fest besetzt und Kagawa muss auf links spielen – offensiv passt das ja wegen der Ausrichtung auch, allein in der Defensive – wie du sagst- nicht die Optimallösung.

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mananski 11. Juni 2013 um 23:59

Hat Honda nicht bei der letzten WM als alleiniger Stürmer gespielt? Ist das jetzt keine Option mehr? Ich könnte mir das gut vorstellen, da die anderen Stürmer ja wahrscheinlich auch nicht so die Granaten sind, aber ich kenne sie auch außer Okazaki nicht. Und man könnte dann halt auch Kagawa auf seine beste Position stellen. Mit Inui von einer Außenposition startend könnte man so doch richtig fluide und kombinativ spielen.
Einen Stoßstürmer, der Bälle festmachen, behaupten und ablegen kann, werden die Japaner doch wahrscheinlich eh nicht produzieren, warum dann nicht dauerhaft ohne richtigen Stürmer spielen und die besten Leute aufstellen?

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RD 13. Juni 2013 um 08:41

Mit Havenaar hat man eine großen Stürmer, allerdings ist dessen Technik noch beschränkt.

Meine Lieblingsformation wäre mit Kagawa in der mitte und Honda auf Links.

Wenns den Blue Samurai an etwas nicht fehlt, sind es offensive Mittelfeld Spieler…

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