Samstag, 20.09.2014

Montpellier HSC – Olympique Lyon 1:2

Wir analysieren das Spitzenspiel der Ligue 1 zwischen Montpellier und Lyon und philosophieren dabei auch allgemeintaktisch ein wenig über die Psychologie und Gruppendynamik vorrückender Innenverteidiger.

Nach dem Meistertitel in der vergangenen Saison erlebte Montpellier nun eine sehr durchwachsene Spielzeit, hatte gerade in den ersten Monaten große Probleme und konnte sich erst kürzlich wieder in die oberen Ränge hinein kämpfen. Mit einem Sieg gegen den Tabellendritten aus Lyon wäre sogar noch einmal ein Angriff auf die CL-Plätze möglich gewesen.

Lyons Formationswechsel und situative Mannorientierungen

montpellier-lyon

Die Grundformationen

Hatte Lyon beispielsweise im Topspiel gegen Marseille vor gut einem Monat noch aus viel Ballbesitz wenig machen können, schlüpften sie gegen das dominant angelegte Positionsspiel der Hausherren aus Montpellier nun selbst in die abwartende Rolle. Aus ihrer grundsätzlichen 4-4-2-Defensivformation heraus verwendeten sie aber einige Kniffe und Anpassungen, um die auf Kontrolle ausgerichteten Gastgeber zu neutralisieren.

Durch die Flexibilität von Steed Malbranque, der defensiv tendenziell als halbrechter Stürmer neben Lisandro agierte, konnte Lyon immer wieder situativ in flache und angepasste 4-5-1-Ordnungen wechseln, um gegen die breiten Außenverteidiger und die hochstehende Spielanlage der Hausherren mehr Stabilität zu haben. Dies war besonders deshalb wichtig, weil Clement Grenier als halblinker Sechser/Achter häufig verschiedene situative Manndeckungen in seinem Raum übernahm – meistens auf Montpelliers Zehner Younes Belhanda oder den von rechts einrückenden und fast ebenso spielstarken Remy Cabella. Deren Bespielen der Zwischenräume konnte Lyon somit gut eindämmen, was aber nur dank der flexiblen Grundformation samt zurückfallendem Malbranque abgesichert werden konnte.

Fluch und Segen des aufrückenden Innenverteidigers

Montpelliers alternative Lösung dagegen sah so aus, dass einer der beiden Innenverteidiger immer wieder mit nach vorne stieß. Ganz besonders wurde dies auf halbrechts von Kapitän Hilton praktiziert, der sehr mutig immer wieder an Lisandro vorbeimarschierte, wenn dieser ihn passiv auf die Seite lenken sollte. Wegen Greniers Mannorientierungen in den Bereichen unmittelbar vor ihm und Stamboulis Spielintelligenz fand Hilton auch Freiheiten vor und konnte einige Angriffe mit direkten Pässen gut einleiten.

Häufig wurden diese nach anfangs langen und geduldigen Ballbesitz-Phasen mit dem Vorstoß des Innenverteidigers sehr direkt beendet. Mit einem längeren und direkten Vertikalpass hinter die Abwehr auf Mounier leitete Hilton die – abgesehen von den Toren – vielleicht beste Chance des Spiels ein, doch ansonsten konnte Montpellier nicht allzu viel aus ihrem Ballbesitz machen – es sprangen nicht einmal Halbchancen heraus.

Hier zeigte sich, dass das Aufrücken des eigenen Innenverteidigers gegen situative Mannorientierungen – normalerweise ein enorm sinnvolles Mittel – aus psychologischen Gründen auch ein zweischneidiges Schwert sein kann, wenn die Spieler „richtig“ über die Situation und die Spieldynamik nachdenken und die Maßnahme dann „zu gut“ ausführen wollen. Wenn Hilton mit Ball vorstieß und damit einen zusätzlichen, freien Spieler im Mittelfeldbereich generierte, versuchten Belhanda und Cabella zu andauernd durch ausweichende Läufe Räume zu öffnen und den Vorstoß zu erleichtern.

Gelegentlich hätten sie auch mal sich näher zum ballführenden Hilton bewegen und dann eine Kombination initiieren müssen, da sie so lokal Überzahl herstellen und auf diesem Wege neue Freiräume beim vorwärtsgerichteten Zusammenspiel hätten erzeugen können. Da Hilton bereits „frei“ vorstieß, wären auch zum Ball gerichtete Läufe gegen die situativen Manndeckungen effektiv gewesen. So allerdings orientierten sich Belhanda und Cabella zu strikt an der Idee des Raumschaffens und entfernten sich zu weit vom Spielgeschehen.

Ineffektive und isolierte Fluidität

Überhaupt wurde Montpelliers Offensive durch die weglaufenden Bewegungen und den entstehenden Zwang, die Angriffe im letzten Drittel dermaßen direkt zu Ende zu spielen, zu flach, vorwärtsgerichtet und vorschnell. Gerade nach dem Herausspielen aus engen, äußeren Situationen und einer folgenden Verlagerung (zum Beispiel von Stambouli auf El-Kaoutari) auf die andere Spielfeldseite wurden die Positionen an der Abseitslinie nicht neu sortiert. Besonders bei Verlagerungen von rechts nach halblinks boten sich die Offensivspieler kaum in Anpassung an die veränderte Spielsituation an, sondern schienen schlicht Gegenspieler in dem „alten“ Raum der vorherigen Szene  binden zu wollen.

Alles in allem konnte die offensive Fluidität Montpelliers kaum zum Tragen kommen. Auch die ausweichenden Bewegungen von Mittelstürmer Camara, der sich immer wieder auf seine angestammte rechte Seite fallen ließ, um diesen Raum zu besetzen und die Mitte für seine spielstarken Partner zu öffnen, brachten den Hausherren nichts ein. Zum einen natürlich aufgrund der Tatsache, dass die selbst häufig ausweichenden Belhanda und Cabella nicht effektiv genug zueinander fanden und die von Camara geöffneten Räume nicht koordiniert bespielen konnten.

Zum anderen war es aber auch wieder einmal die Defensivarbeit Lyons, die eine gute Antwort auf Camara parat hatte. Dank einer asymmetrischen Dreierkettenbildung konnte der halblinke Innenverteidiger Umtiti Camara immer wieder mannorientiert verfolgen – der eng stehende Linksverteidiger Dabo nahm dann im Zuge einer Defensivrochade die vakante Stelle ein. Möglich wurde dies, weil beide Akteure zentral sowie außen verteidigen und auch Hybridrollen als Halbverteidiger in einer Dreierkette bekleiden können.

Lyons Offensivspiel

Im Gegensatz zu Montpellier konnte sich Lyon in der Offensive mehr Chancen erspielen und hatte eine Reihe an Torabschlüssen. In Lisandro besaßen sie einen ebenfalls beweglichen Stürmer, der vorne präsent war, sich aber gelegentlich auch tiefer mit einband und vom hochaufrückenden Briand unterstützt wurde. Dieser agierte in seiner vorgeschobenen Position oftmals gar wie eine zweite Spitze, wodurch er den gegnerischen Linksverteidiger nach innen und hinten drücken sollte.

Somit entstand Raum auf der Außenbahn, den aber nicht nur der deutlich offensivere der beiden Außenverteidiger, Fofana, bespielte, sondern häufig auch Steed Malbranque, der als halbrechter Achter immer wieder hinter Briand auf die Seite rochierte und diesen praktisch hinterlief – ähnlich wie es gelegentlich im System des 1. FC Nürnberg vorgesehen ist.

Mit dem von links in den Achter- und Zehnerraum einrückenden Spielmacher Gourcuff hatte Lyon dann einen Akteur, der seine Mitspieler auch passend in Szene setzen konnte. Bei einem typischen Angriff zog der ehemalige Nationalspieler von halblinks zur Mitte, spielte einen Doppelpass mit dem ausweichenden Lisandro und verlagerte das Spiel dann diagonal auf Malbranque und Fofana, die rechts im Rücken des eingerückten Briand vorstießen.

Hinzu kamen dann noch die bei Hereingaben gefährlichen Vertikalvorstöße von Clement Grenier, der sich alternativ auch mal mit Gourcuff auf halblinks durch kombinierte. Grenier war es dann auch, der nach einer halben Stunde Lyons Führung vorbereitete, als er einmal das rechts vorkommende Muster auf halblinks anwendete, hinter dem zentral postierten Gourcuff die geöffnete Außenbahn anlief und Lisandro mit einer Flanke bediente.

Insgesamt war es also trotz der vielen geduldigen Ballbesitz-Phasen Montpelliers, deren Mangel an Torabschlüssen sowie den klar abgesteckten Rollen der beiden Teams eine flotte und unterhaltsame Begegnung – mit vorschnellem Spiel der Hausherren im letzten Drittel und einer Reihe an guten Tormöglichkeiten und Halbchancen auf der anderen Seite.

Montpelliers Probleme auf außen

Verglichen mit dem aktiven Fofana fehlte es Montpellier auch an durchschlagskräftigen Außenverteidiger. Zwar brachten sich Congré und Bedimo im Ballbesitzspiel sehr gut ein und schoben zu Beginn auch gut vor, doch im letzten Drittel kam von ihnen kaum mehr etwas. Hier agierten sie in letzter Instanz zu zögerlich und waren bei ihren wenigen Aktionen auch zu ineffektiv. Hilton versuchte einige Male lange Diagonalbälle auf seine Außenverteidiger, die allesamt nichts einbrachten, was auch an der Aufmerksamkeit von Fofana und Dabo lag, die ihre Vordermänner zu entlasten wussten.

Lyons Außenspieler verhielten sich gegen die vielen Positionsverschiebungen der Gastgeber aber auch geschickt und ließen sich gerade auf den Außen nur selten in ungünstige Bereiche und Situationen ziehen. So neutralisierten sie vor allem die herauskippenden Bewegungen von Stambouli und Bryan Dabo, die immer wieder mit auf die Seite gingen und dort Angriffe einleiten sollten. Gerade Stambouli wollte somit auch Raum für Hilton öffnen, doch letztlich konnten die Sechser in ihren äußeren Positionen keine Verbindungen in der Zentrale herstellen.

Von außen konnten sie zwar weiterhin als organisierende Kräfte wirken und Verlagerungen oder Seitenwechsel spielen, doch fanden sie keine Freiräume vor, wie sie sie durch das Herauskippen gerne kreiert hätten. Stattdessen verhielten sich die Außenspieler Lyons gegen diese Bewegungen positionsorientiert und übernahmen die neuen Gegenspieler – Briand und Gourcuff waren in der Nähe der Sechser, die Außenverteidiger konnten bei Bedarf ihre Pendants abfangen.

Weil Lyon bei eigenem Ballbesitz eine provisorische Dreierkette errichtete sowie Linksverteidiger Dabo gegenüber dem viel offensiveren Fofana konstant absichern ließ und darüber hinaus auch geschickt auf Camaras Bewegungen reagierte, fehlten Montpellier die Konterräume als Alternative zu ihrem Ballbesitzspiel – was doch durchkam, entschärfte der umsichtige Gonalons, der mit seiner Spielintelligenz große Räume schließen konnte, bis er von seinen beiden energischen offensiveren Mittelfeldpartnern Hilfe erhielt.

Verbesserungen nach dem Gegentor und in der Schlussphase

Somit kam Montpellier erst zum Ende des ersten Durchgangs besser ins Spiel – und zwar dadurch, dass sich Belhanda und Cabella langsam aber sicher doch tendenziell besser in den Zehnerräumen postierten und die Probleme der fehlenden Verbindungen etwas verringerten. Kurz vor der Pause sorgten die beiden mit einer Koproduktion für den Ausgleich, als sie einmal den linken Flügel überluden – allerdings konnte der Treffer auch nur fallen, weil Belhanda nach dem Zusammenspiel noch mit großer individueller Klasse mehrere Gegenspieler ausdribbelte.

Dennoch war nach dem Seitenwechsel eher Montpellier die bessere und gefährlichere Mannschaft. Auch wenn die Verbesserungen keinesfalls konstant oder durchschlagend waren, so konnten sie durch besseres Zusammenspiel im Zehnerraum doch die eine oder andere gute Abschlussposition erarbeiten. Durch die verbesserte Präsenz im Zentrum fand Lyon auch nicht mehr ganz so viele Räume, um in erster Instanz überhaupt schnell nach vorne zu kommen, um dort dann ihre Spielzüge aufziehen zu können.

Wirkliche, greifbare taktische Änderungen gab es dann für die letzten 20 Minuten durch Montpelliers Trainer René Girard. Mit Charbonnier kam ein „echter“ Mittelstürmer anstelle von Mounier ins Spiel. Cabella wechselte die Seite und übernahm dessen Position, während Camara auf den angestammten rechten Flügel rutschte.

Dadurch verbesserte sich die Spielbalance bei den Hausherren merklich, da sie nun viel weniger auf den rechten Raum fokussiert waren, in dem sich ihr Spiel durch die Tendenzen von Belhanda und Cabella, die ausweichenden Läufe Camaras, die Dominanz Stamboulis im Aufbau und die Vorwärtssprints Hilton bisher geballt hatte. Wegen Mouniers hoher Stellung und Bryan Dabos seitlicher Position hatten sie im linken Halbraum bis dahin keinerlei Präsenz gehabt – doch nun waren Cabella und Belhanda genau dort vermehrt unterwegs und machten dem für Malbranque gekommenen Martial Probleme.

Insgesamt war die Raumaufteilung bei Montpellier viel gestreuter und natürlicher, weshalb das gesamte Angriffsspiel flüssiger lief. Weil sie aber mehrere gut herauskombinierte Chancen teilweise fahrlässig liegen ließen, konnte Lyon mit einem der wenigen Entlastungsangriffe in der Nachspielzeit noch eine Ecke erzwingen – und Grenier verwandelte den Abpraller nach dieser Standardsituation mit einem Sonntagsschuss zum 1:2.

Fazit

In letzter Instanz war es ein glücklicher Sieg für Lyon, der auch glücklich zustande kam – in einem Spiel, das lange Remis stand, war am Ende Montpellier eigentlich näher am Siegtreffer. Betrachtet man allerdings die gesamten 90 Minuten, muss man auch sagen, dass die Hausherren fast 50 % der Spielzeit kaum gefährlich waren. In dieser Zeit überzeugte Lyon dagegen sowohl offensiv als auch defensiv. Von daher ist der Dreier in der Gesamtbewertung zumindest nicht unverdient. Für Montpellier sind die CL-Hoffnungen damit natürlich dahin, während Lyon auch den Konkurrenten aus Marseille um die direkte Qualifikation für die Königsklasse unter Druck setzt.

fluxkompensator 22. April 2013 um 09:40

die reaktion auf das herauskippen ist interessant, wenngleich sie mir eigentlich nicht besonders anspruchsvoll erscheint. oder anders: hätte durch etwas mehr fluidität das konzept des herauskippens besser ausgenutzt werden können?

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