Donnerstag, 27.11.2014

FC Schalke 04 – Bayer 04 Leverkusen 2:2

Schalke erringt ein Unentschieden durch eine interessante Umstellung von 4-2-3-1/4-4-2 auf ein 4-1-4-1.

Leverkusens Defensivsystem und die Wechselwirkung mit Schalke

Das Pressing und Defensivspiel der Leverkusener wurde schon oft diskutiert. Sie variieren ihr Pressing zwischen einem 4-5-1 und einem 4-3-3, doch sehr oft lassen sie Andre Schürrle zocken und spielen dadurch ein 4-4-1-1. Schürrle steht dann höher als die Mittelfeldreihe und der gegenüberspielende Flügelstürmer, allerdings etwas tiefer als Kießling, welcher sich meistens nach wie vor im Pressing wie ein alleiniger zentraler Stürmer bewegte.

Zu Beginn

Zu Beginn

Dieses 4-4-1-1 mit einer asymmetrischen Viererkette im Mittelfeld ist an sich eine interessante Idee, um eine Pressingfalle auf dem Flügel herzustellen und das Konterspiel zu verstärken. Durch Schürrle gibt es eine hochgefährliche Anspielstation vorne und man wird im offensiven Umschaltspiel deutlich raumgreifender. Allerdings kann diese Asymmetrie auch für die eigene Mannschaft enorm gefährlich werden, wenn die formative Pressingfalle nicht greifen kann.

Gegen Schalke gab es eine solche Problematik. Die Königsblauen überladen sehr stark auf der rechten Seite; Höger kippt im Aufbauspiel nach rechts ab, baut das Spiel von dort mit auf und schiebt Rechtsverteidiger Atsudo Uchida nach vorne, den er dadurch auch absichert. Gleichzeitig kann Höger bei dieser Positionierung immer wieder mit Ball am Fuß in den rechten Halbraum rücken.

Schalke überlud dann mit Höger, dem extrem hohen Uchida und Außenstürmer Michel Bastos die rechte Seite. Schürrles defensives Fehlen wirkte sich dadurch deutlich stärker und prägnanter aus, das Einrücken der Viererkette konnte dieses Loch nur unzureichend stopfen. Bevor Leverkusen Zugriff erhielt, konnte sich Schalke befreien oder nach vorne aufrücken.

Bastos rochierte dabei immer wieder in die Mitte, während sich Höger wie erwartet sehr intelligent bewegte und nach vorne zog; Christoph Moritz sicherte das Spiel mit seinen horizontalen Bewegungen ab.

Über die linke Seite ging bei Schalke allerdings nur wenig. Zwar konnte Draxler mit seinen Einzelaktionen einige Male nach vorne kommen und Kolasinac hinterlief ihn gut, aber diese Seite wurde von Leverkusen durch den starken Bender und auch dem tieferen Flügelstürmer gut gesichert. Auch Moritz konnte hier nur selten Akzente setzen, obwohl er eine ordentliche Leistung ablieferte.

Zusätzlich gab es zwei weitere Faktoren in dieser Partie. Ein Aspekt war Schürrles mittiges Einrücken, wo er sich immer wieder in zentralen Räumen freilief, während Kießling die gegnerischen Verteidiger auf die linke Seite der Leverkusener zog. Dies sorgte für ein paar Abschlüsse Schürrles aus guter Position. Auch deswegen griff Leverkusen vorrangig über die rechte Seite an.

Gegen Wolfsburg sah man schon das asymmetrische 4-4-1-1 als auch das übliche 4-3-3 bei Leverkusen.

Gegen Wolfsburg sah man schon das asymmetrische 4-4-1-1 als auch das übliche 4-3-3 bei Leverkusen.

Dort hatten sie mit Carvajal einen ebenfalls fast schon als Flügelstürmer agierenden Außenverteidiger, der weit nach vorne ging. Auch Bender als zusätzlicher vertikaler und technisch starker Spieler agierte dort. Bender und Castro dienten im Aufbauspiel meist nur als Anspielstationen für Kurzpässe und kippten nicht wie Höger bei Schalke zwischen Außen- und Innenverteidiger heraus.

Bei Leverkusen gab es aber keinen de facto ab- oder herauskippenden Spieler im Aufbau. Rolfes bildete mit den breiten Innenverteidigern und Torwart Leno durch ein leichtes Zurückfallen eine Art Raute, die das Leverkusener Aufbauspiel schwierig zu pressen machte und ihre Angriffe gut absicherte. Konstante Kontermöglichkeiten gab es für Schalke keine, Leverkusen machte seine Rolle im Pressing und Defensivspiel über einen langen Zeitraum sehr gut. Kadlec rückte ebenfalls situativ weit nach vorne auf und sorgte mit gutem Timing für eine hohe Defensivstabilität.

Der zweite große Faktor betraf wiederum die Gastgeber. Schalke hatte mit Raffael einen horizontal agierenden Verbindungsspieler, der sich immer wieder in den Halbräumen als Anspielstation für die Flügelspieler oder auch die Sechser anbot. Dadurch konnte Raffael das Konterspiel der Schalker mehrmals gut auf die Flügel leiten und die Schalker lieferten ihr typisches Flankenspiel ab, aus welchem sie dann in der Endphase der Angriffe in die Mitte kommen wollen. Raffael ließ sich auch im Pressing immer wieder nach hinten fallen – dadurch wurde wegen ihm das 4-4-1-1/4-4-2 immer wieder zu einem 4-4-1-1/4-5-1.

Jens Kellers Veränderung

Nach dem unglücklichen Rückstand Schalkes stellte Keller in der zweiten Hälfte um. Zur 66. Minute, acht Minuten nach dem Tor Kießlings zum 0:2, gab es einen Doppelwechsel. Schalke stellte auf ein 4-1-4-1 um, Sead Kolasinac sicherte dabei als einziger wirklicher Sechser die Räume. Passenderweise driftete er immer wieder leicht nach links ab und korrigierte dadurch die Angriffsasymmetrie durch Raffael und Draxler vor ihm. Kolasinacs Position als Linksverteidiger übernahm der offensivere Christian Fuchs, der für Moritz kam. Im Sturm spielte Pukki nun statt Marica.

Schalkes Doppelwechsel

Schalkes Doppelwechsel

Mit diesem 4-1-4-1 übte Schalke im Pressing viel mehr Druck aus, bewegte sich stark nach vorne und überlud die Flügel noch stärker. Darauf musste Leverkusen natürlich reagieren, was Sascha Lewandowski und Sami Hyypiä auf interessante Art und Weise taten. Gegen Schalkes 4-1-4-1 konterten sie mit einer mannorientierteren Spielweise und einem asymmetrischem 4-3-2-1, wo es gar eine fixe Mannorientierung des eingewechselten Jens Hegeler auf Schalkes Rechtsverteidiger Uchida gab.

Der eigentliche Flügelstürmer Hegeler verfolgte Uchida als Manndecker und agierte dadurch naturgemäß sehr breit und tief. Schürrle wechselte nach rechts – eventuell wäre dieser Seitenwechsel schon vor der Partie interessant gewesen, um die Leverkusener Asymmetrie umzukehren, ihrerseits die rechte Seite zu überladen und den Schalkern dieses Mittel gleichzeitig zu verwehren. In der Schlussphase gab es eine solche Überladung mit Schürrle nicht mehr, weil Schalke hier durch Kolasinacs Rolle und Bewegung relativ gut stand.

Bei Bayer gab es auch andere Probleme. Gonzalo Castro als halblinker Achter orientierte sich wegen Hegelers Rolle manchmal nach vorne und presste sehr hoch, während Rolfes und Bender ihn absicherten. Anstatt stärker über die rechte Seite zu kommen, war Bender in seinem Offensivgang etwas eingeschränkt und Castro stand defensiv mehrmals in durch Hegelers Rolle geöffneten Räumen.

Leverkusen spielte zusätzlich noch mit vielen kleinen situativen Mannorientierungen beziehungsweise mannorientierter Raumdeckung; in einer Szene wich zum Beispiel der Innenverteidiger ein paar Meter aus der Kette, um Raffael im Zwischenlinienraum zu decken. Später brachte Lewandowski Hosogai statt Castro, stellte Hegeler in die Mitte und versuchte die Manndeckung auf rechts aufzupeppen.

Hegeler als Manndecker

Hegeler als Manndecker

Dennoch kippte das Spiel gegen Ende vollends zugunsten Schalkes. Leverkusen hatte mit ihrer Spielweise und dem kollektiven Aufrücken nun viel mehr Probleme als über weite Strecken der Partie und Toprak wurde gar die rote Karte wegen einer Notbremse gegeben. Zu zehnt und mit dem 2:2 durch den resultierenden Elfmeter im Rücken übte Schalke riesigen Druck aus, Leverkusen konnte aber das Unentschieden noch über die Zeit bringen. Hierzu kam Schwaab für Schürrle und Bayer agierte im 4-4-1 – Hosogai und Hegeler waren dabei die beiden Flügelstürmer.

Fazit

Eines der spannendsten Spiele in dieser Saison. Schalke begann etwas überraschend ohne Jones, während Leverkusen über rechts mit Carvajal und Bender sowie Schürrles Zocken und dessen Einrücken zum Erfolg kommen sollten. In einer wohl heftig diskutierten Szene erzielten sie das 0:1 und legten per Freistoß nach, doch Keller reagierte richtig.

Seine Umstellung auf 4-1-4-1 erzeugte viel Druck, die Schalker kamen zurück ins Spiel und hätten sich – wenn man nur die Endphase betrachtet – wohl sogar den Sieg verdient gehabt. In der ersten Halbzeit fanden sie aber kaum effektive Mittel gegen Leverkusen, die über einzelne Aktionen hinausgingen.

grasnarbe 14. April 2013 um 20:45

hi, offtopic: kommt noch eine analyse des cl-viertelfinals rückspiel barca vs psg?

Antworten

RM 15. April 2013 um 00:13

Vermutlich nicht, nein! Sorry.

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ES 14. April 2013 um 13:38

Wieder mal eine sehr interessante und für mich lehrreiche Kommentierung (denkt Euch bitte diesen Satz ab jetzt vor jede meiner Comments, Wiederholungen sind so langweilig, auch wenn sie wie bei mir jedesmal ehrlich gemeint sind!). Für Euch trivial, will es aber trotzdem mal sagen: Die Einwechselung von Pukki war wahrscheinlich nicht taktisch begründet, sondern eine 1:1 Auswechselung, um an Stelle des müden und wenig durchsetzungsstarken Marica frische Impulse zu geben. Trotzdem war ich überrascht. Hätte man noch was anderes auf der Bank in der Position wäre wahrscheinlich Pukki der Letzte, den ich gebracht hätte bei einem 0:2, weil er eigentlich wegen seiner Statur ein reiner Konterspieler, also ein Spieler für ein 1:0 oder so, ist. Andererseits: Er ist reaktionsschnell und hat einen gewissen Instinkt, und möglicherweise hat ihm ein Keller auch gesagt: Geh auf die Abpraller und zweiten Bälle im Strafraum. Er hat zwar noch nicht wirklich überzeugt in dieser Saison. Aber immerhin ist er der zweiteffektivste Schalker Stürmer der Bundesligahistorie (Tore pro Ensatzminute, gewertet bei Spielern mit mehr als 6 Toren), weit vor Fischer, Huntelaar, Kuranyi etc. (Wenn ich mich gestern nicht verzählt und verrechnet habe)…

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ES 15. April 2013 um 08:22

@ES, klingt interessant! Wenn Pukki der zweiteffektivste Spieler ist, wer ist denn dann die Nummer 1?

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ES 15. April 2013 um 08:26

Klaus Matischak, Anfang der 60er Mittelstürmer, ging dann nach Werder Bremen.

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ES 15. April 2013 um 08:27

Danke, ES

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ES 15. April 2013 um 08:28

bitte, kein Problem. aber muss man hier alles selber machen? :-)

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Max 14. April 2013 um 11:42

Wie wichtig siehst du den psychologischen Aspekt im Spiel der Werkself?
Für mich war der Bruch im Spiel weniger taktischer als viel mehr mentaler Natur. Bayer 04 verlor Sicherheit und Souveränität…
Ich empfand die taktischen Umstellungen Kellers in den ersten fünf Minuten, sprich bis zum 1:2, nicht so effektiv. Das Tor fiel ja auch nach einem Patzer (des ansonsten enorm starken) Leno!

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MR 14. April 2013 um 11:49

“Bayer 04 verlor Sicherheit und Souveränität…” und woran erkennt man, ob das psychologisch ist oder taktisch?

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RM 14. April 2013 um 12:04

Naja, oft ist beides miteinander verbunden. Wähle die falsche Taktik (Mannorientierungen bspw.), der Gegner nutzt sie aus (Herausziehen aus der Position, Bespielen dieser Räume) und die Mannschaft wird auch psychologisch daneben liegen. Motiviere die Mannschaft falsch (“haut sie aus den Schuhen raus”, “bleibt immer dran”, “sucht euch die Gegenspieler”) und die Mannschaft wird taktisch daneben liegen (Mannorientierungen z.B.).

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Michael Hübner 14. April 2013 um 11:06

Als langjähriger Genießer der Werkself, würde mich brennend interessieren, weshalb mein Team die taktische Feinjustierung chronisch von der Winterpause in die Rückrunde verschiebt. Womöglich möchte man sicher stellen, dass garantiert keine unnötigen Kosten, die man vor der Muttergesellschaft rechtfertigen müsste, entstehen. Die Feinjustierung bei laufendem Betrieb ist dementsprechend auch so haarfein auf den dünnen Kader abgestimmt, dass einer der regelmäßigen Verkäufe oder Verletzungen des aktuellen Alpha-Männchens in eine Rückfallphase führen muss: Man denke an die Löcher nach Emerson, Ballack, nach den Verletzungen Schneiders uns Rolfes’. Und demnächst Kießlings. Umgekehrt fehlt uns regelmäßig jegliches Überraschungsmoment, während der Gegner häufig noch einen Pukki im Ärmel hat. Im Herbst 2003 hatte Calli verkündet, Bayer habe aus der Horrorsaison gelernt. Dass ich das noch ein Dreivierteljahrzehnt, das insgesamt im Erwachsenenalter lag, geglaubt hatte, und manch ein alter Recke das bis heute glaubt, ist die eigentliche taktische Meisterleistung Bayers.

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Jan 14. April 2013 um 12:28

Na Pukki mag als Aussenstehender wie eine gute Ergänzung wirken. Gestern war aber eher eine Ausnahme.

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