FC Schalke 04 – Bayer 04 Leverkusen 2:2

Schalke erringt ein Unentschieden durch eine interessante Umstellung von 4-2-3-1/4-4-2 auf ein 4-1-4-1.

Leverkusens Defensivsystem und die Wechselwirkung mit Schalke

Das Pressing und Defensivspiel der Leverkusener wurde schon oft diskutiert. Sie variieren ihr Pressing zwischen einem 4-5-1 und einem 4-3-3, doch sehr oft lassen sie Andre Sch├╝rrle zocken und spielen dadurch ein 4-4-1-1. Sch├╝rrle steht dann h├Âher als die Mittelfeldreihe und der gegen├╝berspielende Fl├╝gelst├╝rmer, allerdings etwas tiefer als Kie├čling, welcher sich meistens nach wie vor im Pressing wie ein alleiniger zentraler St├╝rmer bewegte.

Zu Beginn

Zu Beginn

Dieses 4-4-1-1 mit einer asymmetrischen Viererkette im Mittelfeld ist an sich eine interessante Idee, um eine Pressingfalle auf dem Fl├╝gel herzustellen und das Konterspiel zu verst├Ąrken. Durch Sch├╝rrle gibt es eine hochgef├Ąhrliche Anspielstation vorne und man wird im offensiven Umschaltspiel deutlich raumgreifender. Allerdings kann diese Asymmetrie auch f├╝r die eigene Mannschaft enorm gef├Ąhrlich werden, wenn die formative Pressingfalle nicht greifen kann.

Gegen Schalke gab es eine solche Problematik. Die K├Ânigsblauen ├╝berladen sehr stark auf der rechten Seite; H├Âger kippt im Aufbauspiel nach rechts ab, baut das Spiel von dort mit auf und schiebt Rechtsverteidiger Atsudo Uchida nach vorne, den er dadurch auch absichert. Gleichzeitig kann H├Âger bei dieser Positionierung immer wieder mit Ball am Fu├č in den rechten Halbraum r├╝cken.

Schalke ├╝berlud dann mit H├Âger, dem extrem hohen Uchida und Au├čenst├╝rmer Michel Bastos die rechte Seite. Sch├╝rrles defensives Fehlen wirkte sich dadurch deutlich st├Ąrker und pr├Ągnanter aus, das Einr├╝cken der Viererkette konnte dieses Loch nur unzureichend stopfen. Bevor Leverkusen Zugriff erhielt, konnte sich Schalke befreien oder nach vorne aufr├╝cken.

Bastos rochierte dabei immer wieder in die Mitte, w├Ąhrend sich H├Âger wie erwartet sehr intelligent bewegte und nach vorne zog; Christoph Moritz sicherte das Spiel mit seinen horizontalen Bewegungen ab.

├ťber die linke Seite ging bei Schalke allerdings nur wenig. Zwar konnte Draxler mit seinen Einzelaktionen einige Male nach vorne kommen und Kolasinac hinterlief ihn gut, aber diese Seite wurde von Leverkusen durch den starken Bender und auch dem tieferen Fl├╝gelst├╝rmer gut gesichert. Auch Moritz konnte hier nur selten Akzente setzen, obwohl er eine ordentliche Leistung ablieferte.

Zus├Ątzlich gab es zwei weitere Faktoren in dieser Partie. Ein Aspekt war Sch├╝rrles mittiges Einr├╝cken, wo er sich immer wieder in zentralen R├Ąumen freilief, w├Ąhrend Kie├čling die gegnerischen Verteidiger auf die linke Seite der Leverkusener zog. Dies sorgte f├╝r ein paar Abschl├╝sse Sch├╝rrles aus guter Position. Auch deswegen griff Leverkusen vorrangig ├╝ber die rechte Seite an.

Gegen Wolfsburg sah man schon das asymmetrische 4-4-1-1 als auch das ├╝bliche 4-3-3 bei Leverkusen.

Gegen Wolfsburg sah man schon das asymmetrische 4-4-1-1 als auch das ├╝bliche 4-3-3 bei Leverkusen.

Dort hatten sie mit Carvajal einen ebenfalls fast schon als Fl├╝gelst├╝rmer agierenden Au├čenverteidiger, der weit nach vorne ging. Auch Bender als zus├Ątzlicher vertikaler und technisch starker Spieler agierte dort. Bender und Castro dienten im Aufbauspiel meist nur als Anspielstationen f├╝r Kurzp├Ąsse und kippten nicht wie H├Âger bei Schalke zwischen Au├čen- und Innenverteidiger heraus.

Bei Leverkusen gab es aber keinen de facto ab- oder herauskippenden Spieler im Aufbau. Rolfes bildete mit den breiten Innenverteidigern und Torwart Leno durch ein leichtes Zur├╝ckfallen eine Art Raute, die das Leverkusener Aufbauspiel schwierig zu pressen machte und ihre Angriffe gut absicherte. Konstante Konterm├Âglichkeiten gab es f├╝r Schalke keine, Leverkusen machte seine Rolle im Pressing und Defensivspiel ├╝ber einen langen Zeitraum sehr gut. Kadlec r├╝ckte ebenfalls situativ weit nach vorne auf und sorgte mit gutem Timing f├╝r eine hohe Defensivstabilit├Ąt.

Der zweite gro├če Faktor betraf wiederum die Gastgeber. Schalke hatte mit Raffael einen horizontal agierenden Verbindungsspieler, der sich immer wieder in den Halbr├Ąumen als Anspielstation f├╝r die Fl├╝gelspieler oder auch die Sechser anbot. Dadurch konnte Raffael das Konterspiel der Schalker mehrmals gut auf die Fl├╝gel leiten und die Schalker lieferten ihr typisches Flankenspiel ab, aus welchem sie dann in der Endphase der Angriffe in die Mitte kommen wollen. Raffael lie├č sich auch im Pressing immer wieder nach hinten fallen ÔÇô dadurch wurde wegen ihm das 4-4-1-1/4-4-2 immer wieder zu einem 4-4-1-1/4-5-1.

Jens Kellers Ver├Ąnderung

Nach dem ungl├╝cklichen R├╝ckstand Schalkes stellte Keller in der zweiten H├Ąlfte um. Zur 66. Minute, acht Minuten nach dem Tor Kie├člings zum 0:2, gab es einen Doppelwechsel. Schalke stellte auf ein 4-1-4-1 um, Sead Kolasinac sicherte dabei als einziger wirklicher Sechser die R├Ąume. Passenderweise driftete er immer wieder leicht nach links ab und korrigierte dadurch die Angriffsasymmetrie durch Raffael und Draxler vor ihm. Kolasinacs Position als Linksverteidiger ├╝bernahm der offensivere Christian Fuchs, der f├╝r Moritz kam. Im Sturm spielte Pukki nun statt Marica.

Schalkes Doppelwechsel

Schalkes Doppelwechsel

Mit diesem 4-1-4-1 ├╝bte Schalke im Pressing viel mehr Druck aus, bewegte sich stark nach vorne und ├╝berlud die Fl├╝gel noch st├Ąrker. Darauf musste Leverkusen nat├╝rlich reagieren, was Sascha Lewandowski und Sami Hyypi├Ą auf interessante Art und Weise taten. Gegen Schalkes 4-1-4-1 konterten sie mit einer mannorientierteren Spielweise und einem asymmetrischem 4-3-2-1, wo es gar eine fixe Mannorientierung des eingewechselten Jens Hegeler auf Schalkes Rechtsverteidiger Uchida gab.

Der eigentliche Fl├╝gelst├╝rmer Hegeler verfolgte Uchida als Manndecker und agierte dadurch naturgem├Ą├č sehr breit und tief. Sch├╝rrle wechselte nach rechts ÔÇô eventuell w├Ąre dieser Seitenwechsel schon vor der Partie interessant gewesen, um die Leverkusener Asymmetrie umzukehren, ihrerseits die rechte Seite zu ├╝berladen und den Schalkern dieses Mittel gleichzeitig zu verwehren. In der Schlussphase gab es eine solche ├ťberladung mit Sch├╝rrle nicht mehr, weil Schalke hier durch Kolasinacs Rolle und Bewegung relativ gut stand.

Bei Bayer gab es auch andere Probleme. Gonzalo Castro als halblinker Achter orientierte sich wegen Hegelers Rolle manchmal nach vorne und presste sehr hoch, w├Ąhrend Rolfes und Bender ihn absicherten. Anstatt st├Ąrker ├╝ber die rechte Seite zu kommen, war Bender in seinem Offensivgang etwas eingeschr├Ąnkt und Castro stand defensiv mehrmals in durch Hegelers Rolle ge├Âffneten R├Ąumen.

Leverkusen spielte zus├Ątzlich noch mit vielen kleinen situativen Mannorientierungen beziehungsweise mannorientierter Raumdeckung; in einer Szene wich zum Beispiel der Innenverteidiger ein paar Meter aus der Kette, um Raffael im Zwischenlinienraum zu decken. Sp├Ąter brachte Lewandowski Hosogai statt Castro, stellte Hegeler in die Mitte und versuchte die Manndeckung auf rechts aufzupeppen.

Hegeler als Manndecker

Hegeler als Manndecker

Dennoch kippte das Spiel gegen Ende vollends zugunsten Schalkes. Leverkusen hatte mit ihrer Spielweise und dem kollektiven Aufr├╝cken nun viel mehr Probleme als ├╝ber weite Strecken der Partie und Toprak wurde gar die rote Karte wegen einer Notbremse gegeben. Zu zehnt und mit dem 2:2 durch den resultierenden Elfmeter im R├╝cken ├╝bte Schalke riesigen Druck aus, Leverkusen konnte aber das Unentschieden noch ├╝ber die Zeit bringen. Hierzu kam Schwaab f├╝r Sch├╝rrle und Bayer agierte im 4-4-1 ÔÇô Hosogai und Hegeler waren dabei die beiden Fl├╝gelst├╝rmer.

Fazit

Eines der spannendsten Spiele in dieser Saison. Schalke begann etwas ├╝berraschend ohne Jones, w├Ąhrend Leverkusen ├╝ber rechts mit Carvajal und Bender sowie Sch├╝rrles Zocken und dessen Einr├╝cken zum Erfolg kommen sollten. In einer wohl heftig diskutierten Szene erzielten sie das 0:1 und legten per Freisto├č nach, doch Keller reagierte richtig.

Seine Umstellung auf 4-1-4-1 erzeugte viel Druck, die Schalker kamen zur├╝ck ins Spiel und h├Ątten sich ÔÇô wenn man nur die Endphase betrachtet ÔÇô wohl sogar den Sieg verdient gehabt. In der ersten Halbzeit fanden sie aber kaum effektive Mittel gegen Leverkusen, die ├╝ber einzelne Aktionen hinausgingen.

grasnarbe 14. April 2013 um 20:45

hi, offtopic: kommt noch eine analyse des cl-viertelfinals r├╝ckspiel barca vs psg?

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RM 15. April 2013 um 00:13

Vermutlich nicht, nein! Sorry.

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ES 14. April 2013 um 13:38

Wieder mal eine sehr interessante und f├╝r mich lehrreiche Kommentierung (denkt Euch bitte diesen Satz ab jetzt vor jede meiner Comments, Wiederholungen sind so langweilig, auch wenn sie wie bei mir jedesmal ehrlich gemeint sind!). F├╝r Euch trivial, will es aber trotzdem mal sagen: Die Einwechselung von Pukki war wahrscheinlich nicht taktisch begr├╝ndet, sondern eine 1:1 Auswechselung, um an Stelle des m├╝den und wenig durchsetzungsstarken Marica frische Impulse zu geben. Trotzdem war ich ├╝berrascht. H├Ątte man noch was anderes auf der Bank in der Position w├Ąre wahrscheinlich Pukki der Letzte, den ich gebracht h├Ątte bei einem 0:2, weil er eigentlich wegen seiner Statur ein reiner Konterspieler, also ein Spieler f├╝r ein 1:0 oder so, ist. Andererseits: Er ist reaktionsschnell und hat einen gewissen Instinkt, und m├Âglicherweise hat ihm ein Keller auch gesagt: Geh auf die Abpraller und zweiten B├Ąlle im Strafraum. Er hat zwar noch nicht wirklich ├╝berzeugt in dieser Saison. Aber immerhin ist er der zweiteffektivste Schalker St├╝rmer der Bundesligahistorie (Tore pro Ensatzminute, gewertet bei Spielern mit mehr als 6 Toren), weit vor Fischer, Huntelaar, Kuranyi etc. (Wenn ich mich gestern nicht verz├Ąhlt und verrechnet habe)…

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ES 15. April 2013 um 08:22

@ES, klingt interessant! Wenn Pukki der zweiteffektivste Spieler ist, wer ist denn dann die Nummer 1?

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ES 15. April 2013 um 08:26

Klaus Matischak, Anfang der 60er Mittelst├╝rmer, ging dann nach Werder Bremen.

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ES 15. April 2013 um 08:27

Danke, ES

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ES 15. April 2013 um 08:28

bitte, kein Problem. aber muss man hier alles selber machen? ­čÖé

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Max 14. April 2013 um 11:42

Wie wichtig siehst du den psychologischen Aspekt im Spiel der Werkself?
F├╝r mich war der Bruch im Spiel weniger taktischer als viel mehr mentaler Natur. Bayer 04 verlor Sicherheit und Souver├Ąnit├Ąt…
Ich empfand die taktischen Umstellungen Kellers in den ersten f├╝nf Minuten, sprich bis zum 1:2, nicht so effektiv. Das Tor fiel ja auch nach einem Patzer (des ansonsten enorm starken) Leno!

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MR 14. April 2013 um 11:49

„Bayer 04 verlor Sicherheit und Souver├Ąnit├ĄtÔÇŽ“ und woran erkennt man, ob das psychologisch ist oder taktisch?

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RM 14. April 2013 um 12:04

Naja, oft ist beides miteinander verbunden. W├Ąhle die falsche Taktik (Mannorientierungen bspw.), der Gegner nutzt sie aus (Herausziehen aus der Position, Bespielen dieser R├Ąume) und die Mannschaft wird auch psychologisch daneben liegen. Motiviere die Mannschaft falsch („haut sie aus den Schuhen raus“, „bleibt immer dran“, „sucht euch die Gegenspieler“) und die Mannschaft wird taktisch daneben liegen (Mannorientierungen z.B.).

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Michael H├╝bner 14. April 2013 um 11:06

Als langj├Ąhriger Genie├čer der Werkself, w├╝rde mich brennend interessieren, weshalb mein Team die taktische Feinjustierung chronisch von der Winterpause in die R├╝ckrunde verschiebt. Wom├Âglich m├Âchte man sicher stellen, dass garantiert keine unn├Âtigen Kosten, die man vor der Muttergesellschaft rechtfertigen m├╝sste, entstehen. Die Feinjustierung bei laufendem Betrieb ist dementsprechend auch so haarfein auf den d├╝nnen Kader abgestimmt, dass einer der regelm├Ą├čigen Verk├Ąufe oder Verletzungen des aktuellen Alpha-M├Ąnnchens in eine R├╝ckfallphase f├╝hren muss: Man denke an die L├Âcher nach Emerson, Ballack, nach den Verletzungen Schneiders uns Rolfes‘. Und demn├Ąchst Kie├člings. Umgekehrt fehlt uns regelm├Ą├čig jegliches ├ťberraschungsmoment, w├Ąhrend der Gegner h├Ąufig noch einen Pukki im ├ärmel hat. Im Herbst 2003 hatte Calli verk├╝ndet, Bayer habe aus der Horrorsaison gelernt. Dass ich das noch ein Dreivierteljahrzehnt, das insgesamt im Erwachsenenalter lag, geglaubt hatte, und manch ein alter Recke das bis heute glaubt, ist die eigentliche taktische Meisterleistung Bayers.

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Jan 14. April 2013 um 12:28

Na Pukki mag als Aussenstehender wie eine gute Erg├Ąnzung wirken. Gestern war aber eher eine Ausnahme.

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