Fünf Fragen zu Bayern gegen Juventus

In diesem Artikel erläutern wir kurz fünf potenzielle Brandherde, auf die unsere Leser während des Spiels Bayern München gegen Juventus Turin achten können.

Bei Bettingexpert hat MR bereits ein kleines Preview verfasst.

Was machen die Bayern gegen Vertikalsprints in der Mitte?

Bei den Bayern gibt es mit Toni Kroos einen überaus torgefährlichen Akteur im Mittelfeld. Doch Juventus lebt von ihrem zentralen Mittelfeld und dessen Torgefahr. Darum wird auch wichtig, wer aus dem Mittelfeld mehr Gefahr ausüben kann und wie genau Juventus im Sturm spielt. Werden sie mit Matri oder gar mit Anelka versuchen einen Wandspieler aufzustellen oder wollen sie mit Giovinco und Vucinic oder Quagliarella eher zwei Zuarbeiter?

Hypothetisches Szenario: a

Hypothetisches Szenario: Vucinic fiel zurück, Vidal spielte ihn an. Vucinic lässt auf Asamoah prallen, während Marchisio aus der Tiefe durch die Schnittstelle sprintet.

Giovinco und Vucinic können nämlich als Zwischenlinienspieler gefährlich werden. Die beiden lassen sich immer wieder fallen und sorgen dafür, dass sie in dieser gefährlichen Zone Zugriff erhalten. Dann muss entweder das gegnerische Mittelfeld zurückfallen oder die Abwehr herausrücken, was Löcher eröffnet. In diesen Momenten schlagen Vidal und Marchisio zu – sie kommen aus der Tiefe und laufen diese Räume an. Oftmals kommt der Ball aus der Mitte auf die Flügelspieler, welche dann Vidal und Marchisio in den Halbräumen anspielen können oder deren Bewegung als Raumöffner nutzen.

Bayerns positionsorientierte Deckungsweise könnte sich also sowohl sehr gut als auch sehr schlecht auswirken. Mit situativen Mannorientierungen hat man mehr Zugriff auf eine solche Spielweise des Gegners, öffnet aber gegebenenfalls Räume. Mit einer Positionsdeckung steht man im Großen und Ganzen kompakter da, aber einzelne Fehler bei gegnerischen Kombinationen können zum Gegentor führen.

Wie reagiert Juventus auf Bayerns Flügelspiel?

Vorab: Juventus besitzt keine Präferenz in ihren Angriffsseiten. Wegen dem technisch etwas schwächeren Barzagli wird das Spiel minimal weniger über seine Seite eröffnet, ansonsten attackieren die Turiner über beide Seiten und die Mitte in etwa gleich.

Auf Außen haben die Italiener aber nur einen Spieler; der Rest befindet sich in Halbräumen oder in der Mitte. Was machen die Münchner also? Spielen sie mit einer breiten Viererkette im Mittelfeld und sorgen dafür, dass die Flügelstürmer sich an den gegnerischen Flügelverteidigern orientieren? Kroos würde dann wohl etwas tiefer agieren und mit einem 4-4-1-1 könnte Bayern wohl stabil stehen.

Die Abwehrkette könnte enger  stehen und die Schnittstellen versperren, um die Vertikalsprints Vidals und Marchisios abzuwürgen. Auch Pässe von Pirlo und Co. wären schwierig.

Andererseits könnte Bayern aber auch mit einer engen Viererkette in der Mitte agieren und einer breiteren Abwehrkette. Dadurch würde man wohl besser kontern können, weil die Flügelstürmer sich nicht enorm weit nach hinten und zur Seite verschieben lassen würden. Interessant wäre es, wenn die Mittelfeldkette so eng steht, dass sie die Schnittstellen nach hinten versperrt und sich die Flügelstürmer situativ an Marchisio und Vidal orientieren, wenn diese Richtung Flügel ausweichen.

Die Problematik mit den 1-Mann-Außenbahnen Juventus‘ ist aber nicht nur eine für Bayern. Auch Juventus selbst könnte damit Nachteile haben. Wie hoch pressen sie? Gehen die Flügelverteidiger schon im Pressing weit nach vorne und orientieren sich an den gegnerischen Außenverteidigern oder bleiben sie tiefer, um den Innenverteidigern gegen die Flügelstürmer zu helfen? In diesem Fall müssten sie den Übergabemoment und das Herausrücken beachten. Hier könnte es enorme Gefahr geben.

Bayern spielt mit diagonalen Außenverteidigern – besonders auf rechts mit Philipp Lahm und Thomas Müller kann Bayern die gegnerische Spielweise gefährlich attackieren. Müller ist nämlich nicht immer der tornähere der beiden, sondern steht oft breiter. Lahm geht dann in die Halbräume und hier stellt sich die Frage – wer orientiert sich an wem? Wenn die Flügelverteidiger der alten Dame sich mannorientiert verhalten, dann kann es passieren, dass sie in die Mitte rücken und die Dreierkette dahinter Probleme hat; entweder öffnet man Schnittstellen oder man überlässt Bayern die Außenbahn.

Wenn die Flügelverteidiger sich aber fallen lassen und sich positionsorientiert verhalten, könnte Bayern sehr viel Ballbesitz für sich beanspruchen und die Mitte mit den Außenverteidigern überladen. Lahm, Schweinsteiger und Kroos könnten dann gefährliche Lochpässe spielen oder aus der zweiten Reihe zum Abschluss kommen. Wie viel Gefahr das gegen Juventus erzeugen kann, ist aber eine andere Frage.

Wie pressen die Münchner?

Wegen Juventus‘ einzigartigem System könnten die Münchner ihr 4-4-1-1/4-4-2 im Pressing verändern. Juventus baut meistens in einem 3-4 oder einem 3-3 auf; Pirlo kontrolliert die Mitte und wird manchmal von keinem, meistens von einem und selten von beiden Achtern unterstützt. Hinter ihm gibt es eine Dreierkette, die Flügelverteidiger rücken weit nach vorne und Juventus ist schwierig zu pressen.

Im 4-4-2 wird zum Beispiel entweder immer einer der Halbverteidiger frei sein oder alternativ Pirlo enorm viel Raum erhalten; zumeist beides. Allerdings wäre es möglich, das 4-4-1-1/4-4-2 intelligent zu asymmetrisieren. Mit einer Pressingfalle auf Barzagli könnte dies beispielsweise gemacht werden. Mandzukic, Pizarro oder Gomez positionieren sich in diesem Szenario zwischen Bonucci und Chiellini. Erhält Bonucci den Ball, wird er angelaufen, während man Chiellini im Deckungsschatten behält. Gleichzeitig wird Pirlo manngedeckt und Bonucci spielt den Ball zu Barzagli weiter.

Barzagli wird nun vom Manndecker Pirlos, im Normalfall Kroos, angelaufen. Dieser behält Pirlo im Deckungsschatten, während sich der Mittelstürmer an Bonucci orientiert. Barzagli wäre nun isoliert und müsste den Ball im Normalfall nach vorne spielen. Das Problem dabei heißt Buffon. Dieser ist so stark mit dem Fuß und erfahren, dass er kaum zu pressen ist. Barzagli könnte dann immer den Ball zurückspielen und Buffon könnte die Seite wechseln. Alternativ könnten auch die Achter tiefer spielen und Pirlo unterstützen.

So könnte Bayern pressen.

So könnte Bayern pressen.

Interessant wäre also, wenn Kroos tiefer spielt und Bayern im 4-3-3 presst. Die beiden Flügelstürmer könnten die Flügelverteidiger in ihren Deckungsschatten nehmen und die Halbverteidiger attackieren. Der Mittelstürmer bleibt entweder auf dem spielstarken Bonucci oder zwischen diesem und Pirlo. Gleichzeitig könnte Kroos als zentraloffensiver Akteur tiefer stehen und Pirlo zusätzlich attackieren.

Eine letzte Möglichkeit wäre ein 4-2-4-Pressing. Die Flügelstürmer verhalten sich wie in obigem Szenario, während die beiden zentralen Stürmer (Kroos und der Mittelstürmer) neben Pirlo stehen. Je nach Spielaufbaurichtung Juventus geht einer der beiden Richtung Ballführendem, während der andere sich stärker an Pirlo orientiert. Hierbei wäre Gomez als Mittelstürmer interessant, weil er ein herausragendes Rückwärtspressing beherrscht. Ohnehin wird die Wahl des Mittelstürmers interessant; Gomez ist der wohl torgefährlichste und stark im Rückwärtspressing, Mandzukic ist herausragend im „normalen“ Pressing und in seiner generellen Bewegung, während Pizarro der beste Fußballer und ebenfalls eine Tormaschine ist.

Wer gewinnt das Gegenpressing-Duell?

Wie im Mannschaftsporträt erwähnt spielt Juventus mit langen Bällen und einem Fokus auf das Gewinnen der resultierenden zweiten Bälle. Das Verteidigen von Ballverlusten nach langen Bällen könnte für Juventus allerdings gegen die Bayern problematisch werden. Denn Bayern gehört zu den wenigen Mannschaften Europas, die ein Juventus‘ ebenbürtiges Gegenpressing beherrschen und körperlich sehr starke Spieler besitzen.

Wegen den langen Bällen spielt Juventus auch mit sehr vielen aufgerückten Akteuren, wodurch sie konteranfällig werden. Gegen Bayern könnte es also eine wichtige Entscheidung Contes werden, ob er weiterhin mit dieser Angriffsspielweise agieren lässt oder ob er stärker absichern lässt. Dann wäre man bei zweiten Bällen noch schwächer und würde an offensiver Durchschlagskraft verlieren, allerdings wäre man nach Ballverlusten bei Kontern weniger anfällig.

Spielt Juventus im 3-6-1, könnten sie diese Münchner Spielweise ausspielen. Dann müsste die Mittelfelddreierreihe abflachen.

Spielt Juventus im 3-6-1, könnten sie diese Münchner Spielweise ausspielen. Dann müsste die Mittelfelddreierreihe abflachen.

Verlässt man sich also darauf, dass man im Kampf um zweite Bälle und im Gegenpressing überlegen sein wird, dass man mit der Dreierkette ausreichend abgesichert sein wird oder wird Juventus sich tiefer und stabiler orientieren? Alternativ wäre es dann sogar möglich, dass die Formation geändert wird.

Spielt Juventus mit erhöhter Stabilität?

Ein 3-4-2-1/3-2-4-1 als Formation wäre ebenfalls eine Option. Antonio Conte könnte Paul Pogba neben Andrea Pirlo stellen und dafür einen Mittelstürmer öffnen. Die Italiener würden dann zwar womöglich an etwas Präsenz ganz vorne und im Zwischenlinienraum verlieren, aber könnten dies durch Marchisio und Vidal kompensieren. Die Frage, wer die Initiative übernimmt, beantwortet dies allerdings nicht unbedingt.

Juventus könnte auch mit einem 3-2-4-1 sehr offensiv und dominant auftreten. Pogba wäre hierbei eher die Hilfe für Pirlo und die Innenverteidiger, um nicht in ein verändertes Pressing der Münchner oder Konter nach Ballverlusten wegen langer Bälle zu geraten. Sollten sich die Münchner gar extrem an das Turiner Aufbauspiel anpassen, könnte Juventus mit dieser formativen Veränderung dieses Pressing ins Leere laufen lassen und ihre Stärken ausspielen.

Desweiteren wären Vidal und Marchisio freier und könnten stärker aufrücken. Das 3-2-4-1 könnte als der Schlüssel zum Sieg oder zur Niederlage werden.

Fazit

Alles in allem gibt es mehrere interessante Faktoren. Insbesondere die Leistungen der Flügelstürmer Bayerns, die Spielweise der Außenverteidiger der Münchner und … ach, eigentlich von jedem, können den Ausschlag geben. Kleiner gemeiner Tipp: Ein Provozieren von gelben Karten Vidals und Marchisio wegen einer Sperre fürs Rückspiel wäre doch für die Bayern ganz interessant.

Rasengrün 2. April 2013 um 20:17

Peluso für Asamoah, Sonderbewachung für Ribery?

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Rasengrün 2. April 2013 um 20:18

Ohoh, brainfart, Seiten vertauscht. Dann verstehe ich es aber umso weniger. Asamoah formschwach oder angeschlagen?

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blub 2. April 2013 um 19:55

Exzllent. Genau diese Fragen hab ich mir auch gestellt. (und nur zur hälfte beantworten können)

Wenn Bayern anfangen muss zu improvisieren wenn Pogba kommt kann das sehr gefährlich sein, weil man dann die Spielweise sehr stark umstellen muss.

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ingo 2. April 2013 um 19:21

Wieder großes Kino!!!!

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TW 2. April 2013 um 19:13

Ich befürchte, dass die UEFA-Arithmetik bei Bayern eher zu vorsichtigen Entscheidungen führt. Ein Auswärtstor soll in jedem Fall vermieden werden. Das 4-3-3 sieht echt gut aus, kann jedoch auch schnell gefährlich werden, z.B. bei Rückpass aus der Dreierreihe und einem Chip von Buffon auf einen vorstürmenden Wingback. In dem Fall gibt es dann eine 6 vs. 6 Situation mit dem Dynamikvorteil für Juve.

Also kein 4-3-3 Pressing, sondern 4-4-1-1 mit speziellem Fokus auf Bonucci und Pirlo. Die Wingbacks werden von den offensiven Außen verfolgt, so dass die Viererkette eng stehen und ggf. Einrücken kann, um bei Herausrücken der IV mit den Stürmern keine Lücken für die Vertikelläufe zu lassen. Auf diese Weise sollte Bayern eigentlich sehr gut abgesichert sein. Bei Ballbesitz werden die AV neben Schweinsteiger einrücken, um den Ballbesitz zu dominieren und diesen für Verlagerungen und Steilpässe freizumachen. Die offensive Vierreihe wird durch eine hohe Fluidität versuchen, Unordnung in Juves Fünferkette zu stiften. Gegenpressing wird wahrscheinlich nur situativ eingesetzt, um keine Lücken zu lassen.

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TW 2. April 2013 um 19:34

Danke für die Korrektur des Links. Ihr solltet die Anleitung mit den Tags mal anpassen, so dass sie jemand mit Hochschulstudium versteht 😉

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TW 3. April 2013 um 10:01

Da habe ich das Trainerteam des FC Bayern wohl eindeutig unterschätzt und nicht weit genug gedacht. Das ist wohl der Grund warum ich nur Kommentare in einem Taktikblog schreibe ;-).

Die Idee, mit den extrem hohen AV die Wingbacks im Pressing gar nicht erst in Schwung kommen zu lassen und dafür die 6er auf Halbpositionen zwischen AV und Zentrum absichern zu lassen, war einfach genial. Damit wurden meine Bedenken beeindruckend entschärft. Manchmal ist Angriff halt doch die beste Verteidigung (und wieder ein Euro ins Phrasenschwein).

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Wolfsmond 2. April 2013 um 19:08

Sehr geile Idee! Danke für den Artikel

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Robin 2. April 2013 um 18:46

Ich persönlich finde das Pressing im 4-3-3 in der Theorie auch am Erfolg versprechendsten nur wie es sich dann am Ende auf dem Spielfeld verhält ist natürlich die andere Frage, hängt natürlich davon ab wie genau Juve jetzt auftreten wird und wie viel Risiko sie in München zu gehen bereit sind.
Denke der Respekt ist auch auf Turiner Seite da und das auch zu Recht.

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fluxkompensator 2. April 2013 um 18:30

ich finde ja den ansatz, im pressing 4-3-3 zu spielen, am interessantesten. besonders bei eigener führung könnte ich mir auch ein sich an leverkusens system orientierendes pressing gut vorstellen.

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Till 2. April 2013 um 18:28

Zu den gelben Karten: Lichtsteiner ist meines Wissens auch vorbelastet, wobei natuerlich ein Ausfall Vidals wohl schwerer zu kompensieren ist. Es geht aber auch andersrum, bei Bayern sind Lahm und Dante gefaehrdet.

Schiedsrichter ist Mark Clattenburg, was eventuell bei einer Boateng-Graetsche eher gelb statt rot bedeutet. Ich denke, daher am Anfang eher eine „Ermahnung“ mehr anstelle von schnellen gelben Karten.

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Robin 2. April 2013 um 18:04

Marchisio UND Vidal sind also von einer Sperre bedroht? Eine Sperre von einem der beiden würde die Situation vor dem Rückspiel (egal wie es heute Abend ausgeht) nochmal interessanter machen, könnten die beiden auch nur annähernd ersetzt werden oder müsste Juve sein System umstellen?! Wäre sicherlich ein herber Verlust.

Im Allgemeinen sollten sich die Bayern aber nicht zu sehr an Juves Taktik orientieren, sondern sich nur in den Details am Gegner ausrichten, gerade da man in der letzten Zeit kaum gegen solche Teams mit einer Dreierkette (erst Recht mit keinem System wie es Turin praktiziert) gespielt hat, könnte es übel in die Hose gehen, sich jetzt extrem an Juve auszurichten. Kroos kommt natürlich eine sehr wichtige Rolle gegen Pirlo zu und es wird auch interessant, wie Gustavo seine Begegnungen mit Vidal und Marchisio lösen kann. Auf dem Niveau der Hinrunde würde ich ihm eigentlich zutrauen die beiden in den Zweikämpfen zu entnerven, aber nach der Verletzung ist der Ausgang dieser Duelle für mich eine Wundertüte.
Ich denke nach den 90 Minuten heute Abend sind wir alle schlauer was das Spiel angeht, ich freue mich schon sehr drauf und hoffe natürlich auf den besseren Ausgang für meine Bayern!

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Rasengrün 2. April 2013 um 19:54

Pogba ist ein hochveranlagter Ersatz, eine Sperre dürfte Juve ganz gut wegstecken. Interessant wird das wohl erst bei Sperren für Marchisio und Vidal, das Szenario ist aber mMn zu unwahrscheinlich um die inhärenten Risiken geplanter Provokationen einzugehen.

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SirVivaljunior 2. April 2013 um 18:03

Super Artikel! Die ersten 4 Fragen habe ich mir nach dem Preview auch gestellt!
Genau das hab ich mir gewünscht! Ich drucks aus und sitz damit vor dem Fernseher.

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