VfL Wolfsburg – 1. FC Nürnberg 2:2

Viel mehr als ein bloßes „Spiel der zwei Halbzeiten“…

In einem Duell, das Spannung versprach, erwartete Dieter Hecking seine ehemalige Mannschaft aus Nürnberg. Dabei hatte der neue VfL-Trainer einige Veränderungen parat: Bei seiner Rückkehr spielte Helmes direkt in der Startelf, auch der bisher kaum in Erscheinung getretene Slobodan Mejodevic durfte von Beginn an ran und Hecking wählte eine 4-3-1-2-Rautenformation.

Zustellen der Flügel: Wolfsburgs Pressingansatz

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Wolfsburger Pressing-Methodik

Dieser Formationswechsel bedeutete auch eine spezielle Pressingstrategie, mit der Hecking seine ehemalige Mannschaft im Spielaufbau stören wollte. Durch die Aufstellung zweier Stürmer konnten die gegnerischen Innenverteidiger unmittelbar unter Druck gesetzt werden, wobei Helmes und Olic in ihrem nach außen versetzten Positionen vor allem den Auftrag hatten, die Passwege zu den Außenverteidigern durch ihre Deckungsschatten zuzustellen und damit das flügellastige Nürnberger Spiel frühzeitig von den Seiten wegzuhalten.

So wurden Nilsson und Klose immer wieder mangels Anspielstation – im zentralen Mittelfeld agierten die Wolfsburger weitgehend mannorientiert, weshalb Simons meistens enger Bewachung ausgesetzt war – zu Rückpässen auf Raphael Schäfer verleitet. Dieser hatte dann nur die Möglichkeit, die Bälle lang nach vorne zu bringen, wo die Wolfsburger allerdings mit ihren kopfballstarken Innenverteidigern den kleinen Nürnberger Angreifern überlegen waren und außerdem durch ihre Mittelfeldraute eine gute Kompaktheit auf die zweiten Bälle entwickeln konnten.

Alternativ musste Schäfer die Bälle mit etwas Risiko hoch auf die Außenverteidiger spielen – auf die Gefahr von Ungenauigkeiten, die auch einige Male auftraten. Aber selbst wenn dieser Lösungsweg für die Nürnberger Erfolg hatte, konnte Wolfsburgs Raute meistens schnell genug zum Flügel verschieben und die Franken erneut einengen. Außerdem bekamen die beiden Stürmer nach dem Überspielen der ersten Linie mit einem hohen Ball auf die Seite genügend Zeit, um nach hinten zu rücken. Situativ besetzten Olic und Helmes dann die Seiten, wodurch ein 4-1-4-1/4-5-1 mit Diego als „Spitze“ entstand, oder sie rutschten während der Verschiebebewegungen in etwaige zentrale Schnittstellen. Im Endeffekt hatte der Club nichts gewonnen und musste das Anspielen gegen den kompakten Wolfsburger Block von Neuem beginnen.

Auch wenn die Intensität des Pressingverhaltens durch die beiden Stürmer des VfL Mitte der ersten Halbzeit etwas abnahm und die Nürnberger doch etwas häufiger über ihre Außenverteidiger aufbauen konnten, kamen die Gäste im ersten Durchgang kaum zu Torchancen und blieben gegen das starke Wolfsburger Defensivspiel ohne Gefahr. Hierbei spielte auch ein weiterer und allgemeinerer Punkt des Abwehrverhaltens der Grünen eine Rolle.

Hecking und die Mannorientierungen

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Grundformationen 1. Halbzeit

Dieter Hecking ist für seine ausgefeilten Defensivkonzepte bekannt. Immer wieder brachte er als FCN-Coach die großen Vereine wie Bayern, Dortmund und Schalke mit seinen Defensivkonzepten in Schwierigkeiten und erarbeitete seiner Mannschaft den Ruf, gegen den Ball eines der besten Teams der Liga zu sein. Geprägt waren diese Taktiken stets von großer Anpassungsfähigkeit – dazu gehörten auch die oft und gerne genutzten Mannorientierungen. Mit diesem Mittel, das Nachfolger Wiesinger wie vor zwei Wochen beim 3:0 gegen Schalke, ebenfalls sehr erfolgreich einsetzt, wollte Hecking besonders die gefährlichen Vorstöße der Nürnberger Achter Feulner und Kiyotake kontern.

Die Formationsumstellung auf eine Raute folgte dabei auch diesem Hintergedanken, konnte dadurch doch sowohl dem strategischen Sechser Simons als auch den beiden Achter davor ein direkter Gegenspieler zugeteilt werden. Darüber hinaus gab es mit Polak außerdem noch einen absichernden Sechser, der situativ als Auffangspieler fungieren konnte und gerade Kiyotake nach dem Übergeben durch einen Kollegen eng beschattete – das Nürnberger Mittelfeld kam somit generell kaum zur Entfaltung gegen Wolfsburgs Defensive.

Wiesingers Fehlgriff der verschenkten Rechtslastigkeit

Dass diese Methode des VfL allerdings so gut funktionierte, lag gewissermaßen auch an den Nürnbergern selbst, die gerade im Spielaufbau eine starke Rechtslastigkeit entwickelten – fast 45 % ihrer Angriff spielten sie über diesen Flügel. Ursächlich hierfür waren mehrere Aspekte: Zum einen die Tatsache, dass mit Kiyotake der primäre Spielmacher des Mittelfeldzentrums diesmal auf der halbrechten Achterposition aufgeboten wurde, außerdem die immer wieder nach rechts tendierenden Bewegungen sowohl von Esswein als auch von Frantz und schließlich die deutlich offensivere Ausrichtung von Balitsch gegenüber Pinola auf der anderen Seite.

So spielte der Argentinier im ersten Durchgang nur zwei Pässe in der Wolfsburger Hälfte, Balitsch dagegen mehr als 50 % seiner insgesamt 28 Zuspiele. Bei einem Pass aus dem Zentrum auf Balitsch konnte somit Rodriguez – wie beim Verschieben mit einer Rautenformation auf die gegnerischen Außenverteidiger üblich – herausrücken und musste sich nicht um Kiyotake sorgen, da er nicht nur mit dem Deckungsschatten arbeiten konnte, sondern auch Polak als Auffangspieler hinter sich wusste.

Verschärft wurde das Problem auf diesem Flügel von der extremen Ballung der Nürnberger Offensivakteure, die alle die Kombination und die kurzen Verbindungen für Überladungen suchten, aber keinerlei Räume fanden. Gesamtmannschaftlich wurde die andere Außenbahn komplett ignoriert, so dass Wolfsburg sich im 4-3-1-2 enorm eng zusammenziehen konnte – ein klassischer Fehler gegen eine Mannorientierung. An all diesen zusammenhängenden Stellschrauben sollten die Nürnberger dann auch nach dem Seitenwechsel drehen, um nach dem 0:2-Pausenrückstand noch einmal in die Partie zurückkommen zu können – doch dazu später mehr.

Wolfsburgs Offensivspiel – aus wenig viel machen

Diese Führung für den VfL war nicht unverdient, aber vielleicht etwas zu hoch gewesen. Wolfsburg hatte besonders die frühe Führung nach einem Diego-Freistoß in die Karten gespielt – mit langen Bällen vermieden sie anschließend mögliches Risiko, profitierten zudem von ihrer solide Grundstellung auf zweite Bälle und der Präsenz zweier Strafraumstürmer für ihren gewohnten Flügelfokus.

Durch sporadische Vorstöße von Polak und die extrem ausweichenden Bewegungen Olic´ konnten sie einige Male die Logik des mannorientierten Nürnberger Defensivspiels knacken und sich in aussichtsreiche Freiräume bringen – es war nicht oft der Fall, doch über ihre hohe Effektivität erzielten sie daraus zwei Tore. Beim zweiten Treffer war auch Medojevic als Vorlagengeber beteiligt – der Serbe zeigte nicht nur bei dieser Szene gute Übersicht und überzeugte auch mit einigen geschickten Läufen und Bewegungen, wenngleich sein Spiel noch ein wenig zerfahren wirkte.

Deutliche Nürnberger Verbesserungen nach der Pause

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Nürnbergs Aufstellung der zweiten Halbzeit und Wolfsburgs asymmetrische Anpassungen ab Mitte des zweiten Durchgangs

Wie bereits erwähnt stellten die Nürnberger zur zweiten Halbzeit einige Dinge um. Personell gesehen kam Pekhart für Frantz ins Spiel und agierte als ballhaltender Referenzpunkt in der Spitze, wodurch Esswein auf die linke Seite geschoben wurde. Gerade die verstärkte Nutzung dieses Bereiches war eine zentrale Steigerung im Spiel der Franken, zu der auch der Seitentausch der beiden Achter beitrug – so konnten Kiyotake und Esswein immer wieder für überladende Kombinationen auf halblinks und links sorgen.

Neben dieser kombinativen Pärchenbildung gab es auch noch ein weiteres Tandem, nämlich auf dem anderen Flügel, das aber mehr über Dynamik, kraftvolle Vorstöße und raumschaffende Bewegungen funktionierte. Einige Male rückte Chandler geschickt ein und öffnete damit die Flanke für Feulner, der als Achter hinter den eigentlichen Flügelstürmer nach außen in den großen, von diesem geschaffenen Freiraum rochierte – hatte Nürnberg in der eigenen Rechtslastigkeit der ersten Halbzeit fast keine einzige Verlagerung gespielt, wechselten sie nach anfänglichen Kombinationen über halblinks nun viel öfter und effektiver hinüber auf den freigeschobenen anderen Flügel.

Generell wurde das Öffnen von Räumen in der gesamten Nürnberger Spielanlage viel besser umgesetzt. Das Freilaufverhalten der einzelnen Spieler wirkte bewusster und klarer darauf fokussiert, an bestimmten Orten nützliche Räume für die nachstoßenden Mitspieler zu schaffen. Wo man sich im ersten Durchgang noch mit unsinnigen Ballungsbewegungen in den engen Bereichen selbst beschränkt hatte, stand nun ein ausgewogeneres Spiel mit viel effektiveren Bewegungen, die auch mal strategisch vom Ball wegzogen.

Dadurch bekam der Club nicht nur viel mehr Kontrolle – auch im Aufbau durch verschiedene Rochaden und Läufe, um Gegner wegzuziehen – ins Spiel, sondern auch besser in die höheren und strafraumnahen Räume hinein. Auch Simons Anschlusstreffer war durchaus eine direkte Folge des Nürnberger Spiels, da gerade die Achter mit ihren nach außen driftenden und in die Tiefe gehenden Läufer die Wolfsburger Halbspieler viel konsequenter mit auf die Flügel oder in deren hinterste Linie drückten. Die in der ersten Halbzeit nur angedeuteten Probleme des VfL, anschließend den Rückraum gesichert zu halten, wurden dadurch viel effektiver aufgedeckt.

Die Endphase

Nach dem Ausgleichstreffer im Anschluss an eine Standardsituation musste Dieter Hecking reagieren und verschob zu diesem Zweck seine Formation asymmetrisch. Während Helmes eine Art zurückfallenden Rechtsaußen spielte, rückte Medojevic etwas nach hinten ins Zentrum und wurde zu einem zweiten Mittelfeldspieler vor der Abwehr, während Rodriguez im Großen und Ganzen seine Halbposition behielt (für kurze Phasen aber mit Schäfer tauschte). Dadurch sollte die Kombinationsstärke der Nürnberger im linken Halbraum eingedämmt werden, doch Wolfsburg war weiterhin anfällig für Seitenverlagerungen, weshalb wechselweise Olic und Diego ein wenig auf diese Seite achteten.

In der Schlussphase ging Hecking dann mit den Einwechslungen von Dost (für Rodriguez) und Madlung (für Polak) auf eine Flankenstrategie, die mit viel Kraft und Präsenz im Strafraum zum Erfolg kommen sollte. In einer Art 4-2-1-3-Formation mit dem gelegentlich in den Sechzehner vorrückenden Madlung und dem Räume füllenden Medojevic vor der Abwehr verteilte Diego die Bälle auf die Seiten. Meistens wurden die Flanken von Hasebe oder Helmes auf der rechten Seite hinein geschlagen, doch die Wolfsburger Bemühungen wirkten in dieser Endphase vorhersehbar, improvisiert und unstrukturiert. Daher überstand der FCN diese Phase ohne große Schwierigkeiten, hatte gegen die aufrückenden und teilweise riskant absichernden Wölfe gar noch die eine oder andere Konterszene.

Fazit

Wolfsburg fing gut an und kontrollierte die erste Halbzeit – offensiv waren sie effektiv und spielten mit vereinzelt geschickten Bewegungen, defensiv drückten sie Nürnberg ihr Pressing-Konzept auf und reagierten mit enger Breitenstaffelung genau richtig auf die verschenkte Rechtslastigkeit der Gäste. Erst nach dem Wechsel reagierten diese vernünftig auf die Wolfsburger Mannorientierungen, nutzten sinnvolle Pärchenbildungen und bewährte Synergien im Zusammenspiel. Somit konnten sie auch viele Szenen – wenngleich eine ganze Reihe nach Standards – verbuchen, hatten doppelt so viele Abschlüsse wie die Wölfe und hätten die drei Punkte wohl eher verdient gehabt.

Alexander | Clubfans United 2. April 2013 um 08:08

Danke für die Analyse!

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TW 1. April 2013 um 19:46

Sehr gute Arbeit, TR! Wieder eine perfekte Analyse mit netten Details.

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Christian Haslbeck 1. April 2013 um 13:56

Ein sehr erstaunliches Team diese Nürnberger. Seit 8 Spielen ungeschlagen und jetzt gegen Wolfsburg einen 0:2 Rückstand aufgeholt. Respekt. Das zeugt von Selbstbewusstsein. Da hat auch Michael Wiesinger ganze Arbeit geleistet.
Und Wolfsburg schafft es einfach nicht, Konstanz in ihre Leistungen zu bringen.

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blub 1. April 2013 um 12:42

Du schreibst das der VfL mit den beiden strafraumstürmern den Flügelfokus nutzen konnte.
wo war dieser Flügelfokus bei der Raute, widerspricht sich das nicht?, Ich frage mich grade ob es nicht zu instabil wird wenn der halbspieler der Raute weit mit raus geht.

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TR 1. April 2013 um 12:47

Der ballferne Halbspieler kann ja absichern und einrücken, auf der rechten Seite blieb auch einige Male Hasebe hinten und sicherte Überladen durch Medojevic sowie einen herüber kommenden Offensivspieler ab. Der Flügelfokus zielte diesmal aber nicht ganz so häufig auf Flanken ab, wie noch in anderen Spielen, man baute aber doch recht viel über die Seite auf. Gerade links war das der Fall, weil Rodriguez hier tatsächlich sehr breit spielte, was auch durch Olic´ Bewegungen aufgefangen und gesichert werden konnte. So kamen auch die meisten Flanken nach Pärchenbildungen von Schäfer und Rodriguez (sah man z.B. bei der Halbchance von Medojevic in Minute 11).

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