Hamburger SV – SpVgg Greuther Fürth 1:1

Hamburg mit Scheindominanz, Fürth mit guten Gegenmitteln.

Grundformationen

Thorsten Fink erwartete einen extrem defensiven Gegner und brachte mit Beister einen Stürmer für den Achter Skjelbred. Dessen Position halbrechts in der Raute übernahm Son, Beister ging in die Spitze neben Rudnevs. Rajkovic vertrat den verletzten Mancienne und bildete zusammen mit Westermann die Innenverteidigung, die im Aufbau vom zurückfallenden Sechser Badelj unterstützt wurde.

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Grundformationen

Die weit vorschiebenden Außenverteidiger Diekmeier und Jansen sorgten für Breite, sodass die Halbspieler der Raute – Aogo und Son – weit einrücken konnten. Rudnevs bildete einen relativ fixen Anspielpunkt in der Spitze, Beister und van der Vaart bewegten sich um ihn herum.

Die Gäste aus Fürth setzten dem Hamburger 4-3-1-2 ein sehr kompaktes 4-5-1 entgegen. Übergangstrainer Ludwig Preis ließ sein Team in zwei sehr engen Ketten verteidigen, um es den Hamburgern schwer zu machen, Lücken für gefährliche Anspiele zu finden.

Fürths 4-5-1

Fürth nutzte die üblichen Vorteile des 4-5-1, um für Stabilität zu sorgen. Gegen eine 4-5-Stellung kann der Gegner keine einfachen Flachpässe in die Schnittstellen spielen, wie es etwa bei einer 4-4-Stellung möglich ist. Die Ketten decken also gegenseitig ihre Schwachstellen, nämlich die Räume zwischen den Spielern.

Um zwischen die beiden Ketten zu kommen, muss der Gegner also einen extrem scharfen Pass durch die Fünferkette spielen. Dieser darf allerdings nicht zu scharf sein, denn ein Pass durch die Lücke in der Fünferkette geht – wenn man gut steht – nunmal direkt auf einen Spieler der Viererkette zu.

Da Preis seine Elf anwies, mit der Viererkette weit vorzuschieben, beschränkte sich der Raum zwischen den Linien auf ein Minimum. Nicht selten war der Abstand weniger als zehn Meter groß – der Zwischenlinienraum war also quasi unbespielbar.

Rafael van der Vaart, der diesen Bereich liebt, konnte dort also nicht angespielt werden, sodass er flüchtete. Häufig ließ sich der Niederländer in die eigene Hälfte zurückfallen oder wich auf die Flügel aus. Doch auch dagegen hatte Preis eine Strategie vorzuweisen.

Jozsef Varga verfolgte van der Vaart bei seinen Ausflügen konsequent und ließ ihm keine Ruhe. Brach Varga zwecks Gegnerverfolgung also aus der Fünferkette heraus, rückten die anderen vier Akteure einfach weiter zusammen und verteidigten gemeinsam mit der Viererkette in einem engen Achterblock.

Diese Manndeckung schmeckte van der Vaart ganz und gar nicht. Er zeigte Tempoläufe auf die Außenbahnen, startete von dort aus in die Tiefe – wurde aber von den Mitspielern nicht gesehen und bedient. Folge: Van der Vaart holte sich die Bälle noch tiefer ab, teilweise sogar hinter dem ohnehin tief spielenden Badelj.

Dies hatte natürlich taktische Konsequenzen.

HSV mit Problemen im Angriff – aber trotzdem mit Torchancen

Hamburg stellte sich die wichtigen Räume gewissermaßen selbst zu. Diekmeier und Jansen waren in der Aufbauphase der Angriffe schon auf Stürmerhöhe, was ihnen ihre große Stärke nahm. Sie konnten nun nicht mehr mit Tempo in freie Räume stoßen, sondern standen auf der Abseitslinie und mussten mit dem Rücken zum Tor angespielt werden.

Hohe Pässe in den Raum hinter der Abwehr auf Diekmeier und Jansen waren nicht einfach zu spielen für die Hamburger. Zum einen war der Raum hinter der Abwehr nicht sonderlich groß, zum anderen waren die Pässe ziemlich vorhersehbar und lange unterwegs – man bedenke die tiefe Positionierung Badejls und van der Vaarts. Ein weiterer Aspekt, der im Laufe des Spiels noch wichtiger werden sollte, ist das Zurückfallen der Fürther Flügelspieler. Pledl und Klaus reihten sich mehrmals neben der Viererkette ein, um gegen Diekmeier und Jansen zu verteidigen.

Die besten Situationen für Hamburg entstanden, wenn Aogo und Beister auf der linken Seite mit Jansen interagierten und versuchten, die Fürher dort zu überladen und zu flanken. Alternativ konnte über van der Vaart und/oder Badejl im Rückraum  im Angriffsverlauf auch noch einmal die Seite gewechselt werden.

6erkette

Son spielte zu hoch, die Verbindung zwischen Westermann und Diekmeier fehlte. Van der Vaart versuchte dies auszugleichen.

Auf der rechten Seite hatte der HSV jedoch Probleme im Kombinationsspiel. Son legte die Rolle des rechten Achters in der Raute sehr offensiv aus und agierte eher wie eine hängende Spitze. Zwischen Westermann und den beiden sehr weit aufgerückten Son und Diekmeier war zu viel Raum, Fürth konnte Hamburgs Innenverteidiger so mit wenig Aufwand isolieren und zu langen Bällen zwingen.

Da dies nicht besonders erfolgreich war, bewegte sich van der Vaart besonders oft in den Raum vor Westermann, um diese Situationen aufzulösen. Dass Varga dabei an ihm klebte, störte den Niederländer nicht, dank seiner Pressingresistenz konnte er den Ball immer weit genug von seinem Gegenspieler weghalten und das Spiel verlagern.

Obwohl der Angriffsvortrag an sich eher langsam war (Passgeschwindigkeit, Entscheidungsfindung), kam der HSV zu Abschlüssen. Schon nach zwei Minuten hätte Fürth sich über einen 2:0 Rückstand nicht beklagen dürfen, Jansen und Beister scheiterten jedoch aus kurzer Distanz. Danach kamen Rudnevs und van der Vaart nochmal zu Abschlüssen aus recht guter Position.

4-5-1, 6-3-1 oder doch nur fünf gegen zwei?

In der 14. Minute ging Fürth in Führung: Rajkovic rückte zweimal suboptimal aus der Kette heraus, beim zweiten Mal klärte er den Ball vor die Füße von Pledl. Dieser schickte Djurdjic in die Lücke, die Rajkovic hinterlassen hatte – 1:0.

Nur sieben Minuten später glich Beister aus. Van der Vaart war vor Varga in die eigene Hälfte geflüchtet und spielte einen langen Ball auf den ins Zentrum startenden Aogo. Beister traf nach dessen Ablage zum Ausgleich.

Hamburg wurde nun stärker, brach häufiger über die Flügel durch und konnte viele Flanken schlagen. Um dies besser in den Griff zu bekommen, ließ Preis seine offensiven Flügelspieler nun die Hamburger Außenverteidiger verfolgen. Felix Klaus und Thomas Pledl gingen also fortan konsequent die langen Wege von Diekmeier und Jansen mit und gaben regelrechte Manndecker.

Resultat war, dass die Fürther Abwehrreihe zu situativen Fünfer- oder sogar Sechserketten wurde. Dies ermöglichte dem HSV zwar ein problemloses Kombinationsspiel im Zentrum des zweiten Drittels, jedoch war dies nur eine Scheinkontrolle.

5gegen2

Lustiges Kreisspiel an der Mittellinie. Jansen und Diekmeier hatten wegen ihrer hohen Positionierung nur kleine Räume zum Anlaufen, die Fürth zudem gut und einfach verteidigen konnte.

Fürth kontrollierte nämlich die wichtigen Räume, da sie mit ihren drei Sechsern den Zehnerraum fraßen und in letzter Linie mit den sechs Fürther und drei oder vier Hamburgern sowieso kaum Gefahr drohte.

Es sah dann häufig so aus, dass Westermann, Badelj und Rajkovic im Verbund mit Aogo um Djurdjic herumpassten.  Hin und wieder gesellte sich van der Vaart mit seiner Begleitung Varga dazu, man spielte fünf Meter in der Fürther Hälfte eine sehr praxisnahe Variante des fünf gegen zwei.

Ergebnis zur Halbzeit: 10:2 Torschüsse, 3:0 Ecken, 15:1 Flanken 68% gewonnene Zweikämpfe, 75% Ballbesitz für den HSV. Eine Scheindominanz, denn gut herausgespielte Chancen hatten sie kaum, die Flanken waren schlecht, der Ballbesitz geschenkt und wie die Zweikämpfe nicht in den wichtigen Bereichen.

Lange Bälle hinter die hohe Linie

Wirkliche Probleme hatte Fürth nur bei den im Spielverlauf immer häufiger auftretenden langen Bällen der Hamburger hinter die hoch stehende Abwehrreihe. Van der Vaart steuerte die dahinter liegenden Räume immer wieder gezielt mit Pässen aus der eigenen Hälfte an. Der HSV konnte diese Bälle nicht immer direkt in Chancen verwandeln, sehr wohl jedoch zu Gegenpressing-Zwecken nutzen. Fürth fehlte es im 4-5-1/6-3-1 in der Vertikalen an Anbindungen, sodass der HSV im Verbund nachschieben konnte.

So konnten die Gastgeber eben über Umwege hin und wieder in den Zehnerraum kommen, der im geregelten Aufbau wie anfangs erwähnt ja nicht wirklich bespielbar war.

Anpassungen in der zweiten Halbzeit

Kurz nach der Halbzeit nahm Thorsten Fink seinen Sechser Milan Badelj vom Feld und brachte Tolgay Arslan. Von diesem erhoffte er sich mehr Dynamik, zudem war Badeljs extremes Zurückfallen im Aufbau gegen Fürths nicht existentes Pressing auf die Innenverteidiger nicht mehr zwingend nötig. Ganz davon abgesehen zeigte Badelj eine für seine Verhältnisse schwache individuelle Leistung, außerdem sah er kurz zuvor Gelb.

Diekmeier und Jansen hielten im Aufbau nun etwas länger ihre Positionen und stürmten erst etwas später im Angriffsverlauf weit nach vorne. Mit mehr Raum vor sich sind die beiden in der Regel durchschlagskräftiger, zudem sollte Fürths Ordnung etwas durcheinander gebracht werden.

Dies geschah allerdings nicht wirklich, da Fürth die beiden Hamburger Außenverteidiger ja weiterhin sehr mannorientiert behandelten. Sie stellten Diekemeier und Jansen also auch weiter vorne, was wiederum dazu führte, dass der HSV diesen Plan nach wenigen Minuten aufgab und die beiden wieder früh weit vorschoben.

Arslan zeigte sich im Aufbau wie erwartet nicht so dominant wie zuvor Badelj, sondern suchte selber Räume ohne Ball. Westermann wurde von Djurdjic nun häufig seitlich angelaufen und zu weiten Vorstößen mit Ball gedrängt. Der HSV-Kapitän zeigt sich zwar mittlerweile deutlich verbessert im Aufbauspiel, ist mit dem Ball am Fuß in des Gegners Hälfte jedoch keine große Gefahr.

Fürth presst höher

Mit Badeljs Auswechslung ging dem HSV einiges an Ballsicherheit verloren, was Fürth nutzte, um ab der 60. Minute früher zu attackieren. Die Flügelspieler nahmen Diekmeier und Jansen nun in den Deckungsschatten und übergaben sie an die Außenverteidiger. So konnten sie selbst weiter vorschieben und zusammen mit Djurdjic den Aufbau des HSV stören. Teilweise rückte sogar Fürstner vor, sodass ein 4-4-2 entstand, in dem sie die Hamburger pressten.

Diese machten nun viele Fehler und brachten Fürth mit schlechten Zuspielen in gute Zweikampfpositionen. Nach den gewonnenen Zweikämpfen schalteten die Gäste dann schnell um und suchten Djurdjic mit langen Bällen hinter Rajkovic. Zwei Mal hatten die Gäste die Führung auf dem Fuß, einmal traf Djurdjic den Ball allein vor Adler unter leichter Bedrängnis nicht richtig, einmal rettete Jansen nach einem von Adler abgewehrten Distanzschuss vor dem einschussbereiten Klaus in letzter Sekunde.

Hamburg bekam den Ball nun kaum noch ins letzte Drittel, das einzige Mittel blieben die langen Bälle hinter Fürths Abwehr – so entstand auch van der Vaarts Chance kurz nach Beginn der zweiten Hälfte.

In der 78. Minute kam dann Asamoah für Djurdjic. Das Vakuum auf der Zehnerposition sollte so kompensiert werden, da Asamoah die Bälle für die abwechselnd nachrückenden  Sechser besser halten sollte als der oft steil gehende Djurdjic.

Das Spiel trudelte ohne große Chancen aus, Hamburg hatte noch einige Halbchancen nach Standards, Fürth ein paar Unterzahlkonter, aus denen keine gefährlichen Abschlüsse entstanden.

Auch noch interessant

  • Zur Halbzeit hatte Fürth ca. 32% gewonnene Zweikämpfe, am Ende des Spiels fast 49%. Ein Ergebnis des höheren Pressings in Kombination mit der Hamburger Ungenauigkeit.
  • Auch in Sachen Ballbesitz steigerte Fürth sich im zweiten Durchgang: Nach 25% zur Pause hatten sie am Ende immerhin 37,6% der Spielanteile.
  • Fürth lief mehr als fünf Kilometer mehr als der HSV (119,9 : 114,3)
  • Van der Vaart versuchte sich mit einem hohen Laufpensum aus der Manndeckung zu befreien. 12.12km war die viertbeste Laufleistung, HSV-intern die beste.
  • 36,1% der Fürther Pässe landeten im Aus oder beim Gegner: Die Anbindung zwischen Abwehr und Angriff war nicht gegeben, zudem waren die Pässe bei Kontern sehr riskant.

Fazit

Normalerweise führt der HSV in diesem Spiel nach weniger als 200 Sekunden schon mit mindestens einem Tor und das Spiel läuft ganz anders. So muss man ihnen jedoch vorwerfen, zu wenige Lösungen gegen das Fürther Defensivkonzept gefunden zu haben.

Die Gäste verteidigten zunächst recht passiv und raumorientiert, in der zweiten Halbzeit dann höher und dadurch deutlich zugriffsorientierter. Sie spielten sich als Auswärtsmannschaft und Tabellenletzter zwei bis drei richtig gute Torchancen heraus, weswegen der Punkt mehr als verdient ist.

Der HSV zeigt sich also weiterhin extrem wechselhaft in seinen Leistungen, ein individuell schwach aufgelegter Badelj ist für sie nicht zu kompensieren, da das Aufbauspiel sonst zu sehr an van der Vaart hängt.

 

Die Statistiken stammen von bundesliga.de

MB 4. März 2013 um 21:19

Insgesamt gehe ich mit der Analyse d’accord, auch wenn ich die Dominanz der ersten Hälfte nicht unbedingt als Scheindominanz bezeichnen würde. Der HSV konnte zwar selten durch Kombinationen und Überladungen (auch sehr schwierig bei einer tiefen 4-5-Stellung) durchbrechen, fand aber mit den schnellen, langen Bällen eine gefährliche Lösung und kam zu einigen Großchancen. So konnte man auch den Vorteil von Son als dritten Verwerter in vorderster Linie statt dem Box-to-Box Spieler Skjelbred nutzen.

Den (für mich) klaren Knackpunkt hast du richtig erkannt, hätte aber noch deutlicher angemerkt werden können: die Umstellung von Preis auf höheres und aggressiveres Pressing war Gold wert. Hamburg hatte nun nicht mehr genügend Zeit am Ball um die gefährlichen langen Bälle hinter die Abwehrlinie zu schlagen und wurde im Spielaufbau empfindlich gestört… Fink verpasste es mit einem Wechsel von Skjelbred oder Jiracek gegen Son oder Beister weitere Ballsicherheit ins Mittelfeld zu bringen, was das Fürther Pressing evtl. hätte knacken können um die Spielkontrolle wiederzuerlangen. Ich vermute ein wenig, dass ihm für diesen – auf dem Papier – defensiven Wechsel (Mittelfeldspieler gegen Stürmer) bei dem aufgebrachten Publikum der Mut fehlte.

PS. Badelj spielt im Hinblick auf seine derzeitige arge Formschwäche doch recht ordentlich. Bezeichnend war, dass mit diesem Wechsel das Fürther Pressing endgültig griff.

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Hase 4. März 2013 um 18:47

tja, wie so oft gegen defensiv und wenig konstruktiv spielende teams: wenn du die chancen nicht reinmachst, musst du dich oft schon über ein unentschieden freuen … dabei fing alles so gut an, denn westermann glänzte mit mehreren anspielen in die spitze, der HSV kam mit schwung über die flügel. doch mit zunhemender spielzeit war das laufpensum einfach nicht mehr hoch genug, um gegen die pressing spielenden fürther, die es wunderbar verstanden, gegen den jeweiligen ball führenden hamburger überzahl zu schaffen, in die entstehenden freien räume vorzustoßen. das spiel der hausherren wurde zu statisch. dafür zwei beispiele aus der zweiten halbzeit: arslan setzt in der eigenen hälfte zu einem erfolgreichen dribbling an. aber anstatt in der vorwärtsbewegung weiter druck auszuüben folgt ewin rückpass auf den letzten mann. nächste situation: der ball wird nach vornme auf die beiden spitzen geprügeltz, die sich gefühlten acht fürthern gegenüber sahen. der rest der eigenen truppe tummelte sich in der eigenen hälfte und rückte nicht nach. so wurde kein druck erzeugt, die fürther defensive aufzureiben und die pressenden spieler ins leere laufen zu lassen. wenn angerannt wurde, dann kopflos, so dass die gäste durch konter fast noch das siegtor erzielt hätten … auf der anderen seite ging der der HSV fahrlässig bis überheblich mit seinen chancen um. zudem machten viele stockfehler ein schnelles spiel gegen einen pressenden gegner zu nichte .

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