Das Wunder von Istanbul Teil 2: AC Mailand – FC Liverpool 3:3 (5:6 n.E.) Champions League Finale 25-05-2005

Im zweiten Teil zu der legendären Nacht von Istanbul geht es um Benitez´ Systemumstellung und die daraus resultierenden Folgen.

Vorab will ich allen Lesern den Artikel zur ersten Halbzeit ans Herz legen. Den ersten Teil der Analyse findet man hier.

Benitez wechselt das System

Benitez´ Wechsel auf 3-4-2-1

Benitez´ Wechsel auf 3-4-2-1

Zur zweiten Halbzeit wechselte Rafa Benitez und brachte Didi Hamann für Rechtsverteidiger Finnan. Liverpool agierte fortan im 3-4-2-1.

Traore rückte links etwas ein und formierte mit Hyypiä und Carragher eine Dreierkette.

Riise und Smicer besetzten die Seiten, in der Mitte bekam Xabi Alonso mit dem eingewechselten Hamann einen neuen Partner auf der Doppelsechs. Vorne bewegten sich Gerrard und Luis Garcia frei um Baros herum.

Was der Systemwechsel in der Theorie bedeutete…

Das 3-4-2-1 scheint zumindest in der Theorie erst einmal ein passendes System gegen die Raute zu sein.

Hinten sind die drei Innenverteidiger in einer permanenten Überzahl gegen das gegnerische Sturmduo – genauso wie die Sechser gegen den Zehner.

Die beiden Flügelspieler können mit den Halbstürmern koordinieren, wie und wo die gegnerischen Außenverteidiger oder Achter von wem übernommen werden.

Der ballferne Halbstürmer kann dann ein Auge auf den gegnerischen Sechser werfen. Zeigt die einzige Spitze dann noch ein geschicktes Anlaufverhalten und trennt die beiden Innenverteidiger im Spielaufbau voneinander, ist der Gegner zumindest auf dem Papier dazu gezwungen a) den Ball lang nach vorne in eine Unterzahlzone zu schlagen b) den Torwart anzuspielen oder c) eine anspruchsvolle Verlagerung auf den ballfernen Außenverteidiger zu spielen.

Die ersten beiden Optionen sollten für keine Gefahr sorgen, Option c) kann mit geschicktem Anlaufen unterbunden oder zumindest erschwert werden. Funktioniert die Verlagerung doch, bleibt in der Regel trotzdem genug Zeit, den Verbund nachschieben zu lassen, indem bspw. einer der Sechser mit auf die Seite schiebt.

Liverpools verbesserte Angriffsvorbereitung

In der Praxis sah es dann folgendermaßen aus: Liverpool konnte die Angriffe nun viel besser vorbereiten, da sie im Zentrum mehr Spieler hatten, mit denen Milans Raute komplett beschäftigt werden konnte.

Die Hauptaufgabe von Pirlo, Gattuso und Seedorf war nun das Versperren der Passwege auf Liverpools Halbstürmer Gerrard und Luis Garcia. Um dies zu bewerkstelligen agierten sie nun öfter auf einer Höhe anstatt – wie im ersten Durchgang – leicht versetzt.

Liverpool konnte deswegen viel besser aufbauen, da sie gegen Crespo, Shevchenko und Kaka ständig Überzahlen herstellen konnten. Die Dreierkette fächerte teilweise sehr weit auf, die Außenspieler Smicer und Riise rückten nicht zu weit auf, sodass sie für Cafu und Maldini nicht greifbar waren.

Zusammen mit Alonso und Hamann hatten die Engländer zu siebt dann keine Probleme, Milans vordere drei Spieler auszuspielen.

Ein wichtiger Faktor war hier das Ergebnis: Mit einem 3:0 im Rücken sahen sich die Stürmer offenbar von jeglichen Defensivaufgaben befreit und ließen sich leicht umspielen. Hinzu kam, dass Kaka noch öfter als in der ersten Halbzeit zockte und auf Konter wartete.

Die Folge war, dass Liverpool im zweiten Drittel die totale Spielkontrolle hatte. Ihr Spiel war wegen neuen Passwinkeln und der besseren Tiefenstaffelung nun nicht mehr so vorhersehbar wie vor der Pause. Sie bauten längere Phasen der Ballzirkulation ein, was einem Zurechtstellen ähnelte.

Überladende Halbstürmer und erhöhte Zentrumspräsenz

Bei der Chancenvorbereitung waren Steven Gerrard und Luis Garcia die entscheidenden Akteure. Durch ihre vielfältigen Laufwege stellten sie Milan vor Herausforderungen in Sachen Organisation. Besonders gut waren ihre Läufe auf die Außenbahnen, wo sie mit den nachrückenden Flügelspielern gegen Milans Außenverteidiger lokale Überzahlen herstellten.

Rückte Milans Dreierkette vor der Abwehr weit mit auf die Seite, konnte Liverpool über die Mitte schnell die Seite wechseln, Didi Hamann zeigte sich hier als omnipräsente Rückpassoption. Häufig leitete er direkt oder zumindest sehr schnell auf Alonso weiter, der die Verlagerung dann spielte.

Ein schönes Beispiel für die Umstellungen Benitez´ und insbesondere für die Spielweise der Halbstürmer ist das Tor zum 3:1.

  • Riise stößt mit Ball über die linke Seite vor, Gattuso folgt ihm
  • Pirlo und Seedorf rücken dementsprechend weit mit auf die Seite, um das Spiel kompakt zu halten
  • Gattuso stellt den Weg die Linie entlang zu, kann aber auf Gerrard zurückspielen
  • Dieser gibt den Ball in die Mitte zu Hamann und Alonso und startet nach vorne in den Strafraum
  • Hamann und Alonso spielen mehrere Male hin und her, bis Milans Mittelfeld wieder rüberschiebt
  • Gegen diese Bewegung spielt Alonso dann den Ball zurück auf Riise, der nun frei ist
  • Dessen Flanke findet Gerrard, der einköpft

Ein wunderbares Tor für einen Taktikanalyst, da viele der beobachteten Aspekte wichtig für die Entstehung waren: Riise hatte in seiner Rolle als Wing Back keinen nominellen Gegenspieler, woraufhin Milans Zentrum in Richtung Flügel rücken musste. Gerrard, der nun ohne die Positionsdisziplin, die auf der Sechserposition noch nötig war, sehr frei agieren durfte, bot sich in einer tiefen Zone an und übergab an die spielstarke Doppelsechs, die durch die veränderte Formation Freiräume genoss.

Dass Riise erneut frei wurde, lag am angesprochenen Punkt, dass sich die Wing Backs immer tief genug – also außer Reichweite von Milans Außenverteidigern – anboten. Gerrards Lauf in die Spitze war für Milan organisatorisch schwer aufzufangen, da nicht klar war, wer mit ihm mitgehen sollte. Bei Riises erstem Flankenversuch waren Luis Garcia, Gerrard und Baros gegen Stam und Nesta in der Überzahl. Maldini rückte erst im zweiten Versuch ein – zu spät.

Auch bei Smicers Treffer zum 3:2 waren einige taktische Aspekte ausschlaggebend:

  • Riise wird wieder von Gattuso verteidigt, es gibt einen Einwurf für Liverpool
  • Milan zieht sich mit der Abwehrkette und den drei defensiven Mittelfeldspielern in und an den Strafraum zurück
  • Kaka zockt in dieser Szene nicht, sondern richtet seine Stutzen, woraufhin Alonso bei Riises Einwurf im linken Halbraum frei wird (exemplarisch dennoch für Kakas Zocken)
  • Alonso spielt quer auf Hamann, der gemeinsam mit Smicer frei im Rückraum 25 Meter vor dem Tor steht (Positionstausch Gerrard-Smicer, Zentrumspräsenz)
  • Hamann legt Smicer auf, der per Flachschuss trifft (Zögerliches Rausrücken Milans wegen erhöhter Strafraumpräsenz Liverpools)

Spätestens jetzt musste man den Faktor Momentum in die Beobachtung einfließen lassen. Dennoch sollte man nicht alles darauf schieben, denn dies würde Liverpools starker taktischer Leistung nach der Halbzeit einfach nicht gerecht werden. Es gab nämlich noch mehr interessante Punkte.

Liverpools Dreierkette

Die Dreierkette Liverpools agierte sehr intelligent. Sie fächerte sehr breit auf, sodass Hyypiä mit seiner Übersicht und Passstärke Vertikalpässe auf die Sechser spielen konnte.

Selbstverständlich hatten sich die Favoriten aus Mailand nach einer gewissen Zeit darauf eingestellt. Shevchenko und Crespo positionierten sich nun enger und stellten primär die Passwege auf die Sechser zu.

Doch auch dafür fand Liverpool eine Lösung: Carragher und Traoré nutzten den starken Zentrumsfokus des Mailänder Pressings zu eigenen Vorstößen. Diese fanden mal mit, mal ohne Ball statt. Die Vorstöße mit Ball sind selbsterklärend, ohne Ball lief es so ab: Hyypiä spielte einen scharfen Vertikalpass durch Milans Spitzen hindurch oder an ihnen vorbei auf einen eigentlich gedeckten Sechser oder zurückfallenden Halbstürmer. Diese legten dann im Stile eines Wandspielers sofort in den Halbraum ab, in den Carragher (bzw. Traoré) gestartet war.

Und ja, auch dieses taktische Element spiegelte sich in einem Tor wieder. Der Elfmeter vor dem Ausgleichstreffer entstand, weil Carragher im Halbraum vor sich viel Raum sah und losstartete, als der eingerückte Smicer den Ball im Sechserbereich führte.

Da nicht wirklich klar war, wer den Innenverteidiger übernehmen sollte, marschierte dieser gut 20 Meter mit dem Ball in die gegnerische Hälfte und spielte einen hervorragenden Vertikalpass auf  Baros, der durch einen starken Laufweg Garcias von links nach rechts anspielbar wurde. Gerrard, der wenige Sekunden zuvor noch im Sechserbereich war, rückte im Vollsprint nach und erhielt Baros´ Ablage und drang in den Sechzehner ein. Dort konnte ihn Gattuso nur noch foulen, Alonso verwandelte den Rebound seines Elfmeters.

Flexibilität gegen den Ball im 3-4-2-1

Auch gegen den Ball hatte Liverpools 3-4-2-1-Formation erhebliche Vorteile. Hinten fuhr man mit der Dreierkette gegen Milans klassischen Zweiersturm deutlich besser als mit der Viererkette in der ersten Halbzeit. Carragher und Traoré agierten passend zu ihrer Stärke im direkten Zweikampf sehr mannorientiert, während der umsichtige Hyypiä absicherte und organisierte.

Vorne rieb sich Baros auf und versuchte Stam den Aufbau aufzuzwingen. Dahinter behielt Gerrard Pirlo im Auge, während sich Luis Garcia an Gattuso orientierte – auch dies war passend, denn Liverpools defensivschwächster Mittelfeldspieler musste Milans offensivschwächsten Spieler aufnehmen.

Da Baros Milans Innenverteidiger mit klugem Anlaufen oft voneinander isolierte und so Stam auf Liverpools halblinker Seite den Ballbesitz aufzwingen konnte, rückte Smicer von rechts sehr weit ein und blieb im Dunstkreis von Seedorf, der sonst ja frei gewesen wäre. Dies war kein Problem, da Maldini sich ob des Spielverlaufs stark zurückhielt – er war offensichtlich erstmal auf eine Beruhigung aus und wollte bloß nicht in Rückstand geraten.

All dies sorgte dafür, dass Hamann und Alonso sich nicht so weit aus der Position lassen mussten, wie es noch in der ersten Halbzeit der Fall war. Zusammen konnten sie Kaka ziemlich gut in den Griff bekommen, indem sie ihn wechselweise zustellten und dahinter absicherten.

Milans Schlüsselspieler Pirlo und Kaka waren nun also nicht mehr mit den Freiheiten wie vor der Pause ausgestattet, was die ganze Sache für Liverpool unheimlich erleichterte. Sie konnten nun ihre Stärken in der direkten Verteidigung (Zweikämpfe, Kopfballduelle, Laufduelle) ausspielen und die Gefahr somit auf ein Minimum begrenzen.

Durchatmen und Vermeiden von Risiko nach dem Ausgleich

Nach dem 3:3 beruhigte sich das Spiel wieder. Benitez beorderte seine Mannschaft deutlich weiter nach hinten, er wollte damit sicherlich bezwecken, dass sie nicht überdrehen und blindlings in einen Konter rennen.

Riise und Smicer agierten nun noch tiefer und enger, sodass vor der Dreierkette eine enge Viererkette entstand. Davor ließ sich Gerrard wieder etwas fallen, die Formation gegen den Ball war am besten als 3-5-1-1 zu bezeichnen.

Keines der Teams ging fortan Risiko im Passspiel oder gar im Aufrücken, Gefahr entstand eigentlich nur noch nach Standards – besonders durch Stam.

Liverpool agierte nun sehr flankenorientiert, allerdings war die Strafraumpräsenz nicht mehr so hoch wie in den Minuten nach der Halbzeit, da statt beiden Halbstürmern nur je einer Baros im Sechzehner unterstützte.

Milan probierte es mit langen Bällen hinter Liverpools Flügelspieler, um Crespo und Shevchenko in direkte Duelle mit ihren Gegenspielern zu bringen. Carragher, Traoré und der unterstützende Hyypiä zeigten aber eine überragende Zweikampfführung und lieferten massig Material für ein Lehrvideo über das Blocken von Schüssen und Hereingaben.

Nach einigen Halbchancen ohne wirkliche Torgefahr auf beiden Seiten ging es in die Verlängerung.

Ancelottis Wechsel und Benitez´ Reaktion

verlängerung

Serginho sollte über die linke Seite für frischen Wind sorgen. Benitez beordete Gerrard daraufhin auf die Seite, um den schnellen Brasilianer zu verteidigen.

In der 86. Minute brachte Ancelotti im Hinblick auf die Verlängerung den Allrounder Serginho. Dieser sorgte in der Verlängerung für eine Hybridformation Milans. Liverpools Formation war gegen Ende der regulären Spielzeit immer mehr zu einem 3-4-1-2 geworden, da Luis Garcia nun deutlich näher an Baros als an Gerrard spielte.

Um dies besser unter Kontrolle zu haben, zog Ancelotti Maldini näher an seine Innenverteidiger heran, ein 3-4-1-2 entstand. Der ohnehin offensive Cafu spielte also rechts, der eingewechselte Serginho links.

Seine Dynamik und vorallem seine Frische wollte man sich zu Nutze machen, denn Liverpool wirkte extrem müde. Smicer – kein Sprinter – wurde von Ancelotti als defensive Schwachstelle ausgemacht werden, also wollte er wohl den entscheidenden Angriff über die linke Seite fahren.

Auch Benitez wechselte: Für Baros brachte er den schnellen Cissé, um nochmal etwas Schnelligkeit in die vorderste Linie zu bringen. Der Führungstreffer zum 2:1 im Trainerduell gelang Benitez allerdings mit dem Positionstausch von Smicer und Gerrard.

Der nimmermüde Kapitän kümmerte sich mit letzter Kraft um den schnellen Serginho und neutralisierte ihn fast vollkommen.

Liverpool stand nun sehr tief, der hohe Laufaufwand in der regulären Spielzeit war ihnen deutlich anzumerken. Passend dazu agierte Smicer nun sehr nah an Hamann und Alonso, um die Schnittstellen besser schließen zu können. Dies erlaubte Pirlo zwar wieder etwas mehr Zeit am Ball, jedoch konnte er mangels Raum hinter Liverpools letzter Linie keine gefährlichen Bälle mehr spielen.

Milan spielte nun Flanke über Flanke in den Strafraum der Liverpooler, die stehend K.O. eine überragende Strafraumverteidigung zeigten. Ancelotti opferte mangels Kontergefahr der Engländer noch Gattuso und brachte den kreativen Rui Costa – komischerweise war er später kein Elfmeterschütze.

Wirkliche Torchancen entstanden nicht mehr, mit einer Ausnahme. Glück, Wahnsinnsreflex, göttliche Fügung oder Unvermögen des Stürmers: Dudek rettete Liverpool mit der Aktion seines Lebens ins Elfmeterschießen.

Fazit

Im taktisch eher  irrelevanten Elfmeterschießen machte Dudek den Hampelmann, Pirlo, Serginho und Shevchenko verschossen, Liverpool gewann.

Ein Wahnsinnsspiel, das so interessant war, weil es sich eben nicht nur durch die aufregende Torfolge auszeichnete, sondern durch den tatsächlichen Einfluss von taktischen Faktoren auf das Spielgeschehen.

Jedes einzelne Tor in den 120 Minuten war – mal mehr, mal weniger – direkte Folge von taktischen Stärken und Schwächen der jeweiligen Teams.

Hinzu kommen noch wunderbare Einzelleistungen: In der ersten Halbzeit gab Pirlo einen tollen tiefliegenden Spielmacher und Kaka eine unheimlich mächtige dynamische Zehn. Nach der Halbzeit war es dann Gerrard, der erst in seiner freien Rolle als Halbstürmer glänzte bevor er sich als vorgezogener Rechtsverteidiger gegen Serginho für die Mannschaft opferte. Hinzu kommt noch die herausragende Leistung Carraghers, der in der klassischen Verteidigungsarbeit Großes leistete und zudem noch als aufrückender Innenverteidiger viel für die Offensive tat und letztlich den Ausgleich erzwang.

Ancelottis Taktik ging in der ersten Halbzeit perfekt auf, begünstigt jedoch von Liverpools schlecht gewählten – oder nur schlecht umgesetzten? – System. Dass Benitez diesen Fehler sah, eingestand und korrigierte, brachte sein Team zurück ins Spiel.

Ob Gelgenheitsgucker, Fanboy, Taktiknerd oder sogar Nicht-Fußballinteressierter: Wer dieses Spiel sah und dennoch nicht begeistert war, hat kein Herz, da lege ich mich fest.

Hucky 19. Dezember 2015 um 11:06

Nach 10 Jahren konnte ich mir das Spiel, aus welchen Gründen auch immer, zum ersten mal ansehen. Ich war 2005 bei traumhaftem Sommerwetter an einer Gaststätte auf der Terrasse und hatte ein sehr unangenehmes Gespräch mit meinem ehemaligen Nachbarn. Weiß heute gar nicht mehr warum ich mich überhaupt darauf eingelassen habe.

Ich erinnere mich jedoch das es in der Gaststätte mächtig laut war und nach meiner Erinnerung wurde es immer leiser. Als ich das Gespräch mit meinem ehemaligen Nachbarn beendet hatte, war es mehr oder weniger Mucksmäußchen still in der Gaststätte. Ich wußte auch nicht das es das Champions League Finale war, da ich anderes zu tun hatte.

Auf meine Frage hin, was denn da los gewesen sei, wie es zu diesem rapiden Stimmungsumschwung gekommen war, erklärte man mir den Sachverhalt und fortan trug ich das Spiel im Herzen, mit der festen Absicht mir es irgendwann einmal anzuschauen, was ganz offensichtlich in den ersten Jahren über youtube noch nicht möglich war.

Diese Woche habe ich dann zum ersten mal das Youtube Video gesehen und ich muss sagen das mir das eine einzigartige Gänsehaut verursacht hat. Immerhin hat es sich ja um ein Finalspiel in der höchsten Europäischen Klasse gehandelt.

Jedem Trainer, auch jedem der mal ganz unten war, empfehle ich sich dann in der Pause oder in einem geeigneten Moment dieses nahezu aussichtslose Unterfangen, mit einem 0:3 Rückstand zur Halbzeitpause stehenden Finalspiel anzuschauen. Möge dieses einmalige Spiel für jeden eine Schlüssel Motivation sein. Danke auch für den taktischen kommentar. Aus diesen Blickwinkeln habe ich noch nie ein Spiel gesehen, das war ebenso eine taktische Lehrstunde.

https://www.youtube.com/watch?v=tnB4XAhl6PY Gänsehautfeeling

https://www.youtube.com/watch?v=kKNfwfI8wHU Nüchterne Berichterstattung

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Mütercim 10. Juli 2013 um 17:29

Ich kann mich sehr gut an dieses wahnsinnige Spiel aus Istanbul erinnern, bei dem die Engländer aus einem 0:3 Rückstand eine Verlängerung erzwangen und später sogar das Pokal mit nach Hause nehmen konnten… Fußball ist schon verrückt:)

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Mich 2. März 2013 um 16:41

Schöner letzter Satz. War bis dahin semi-interessierter Fussballgucker/Eventfan. Das Spiel hat mich richtigen aus den Schuhen gehoben und mir die Schönheit des Fussballs erklärt 🙂

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jmk 26. Februar 2013 um 01:04

fun fact zum thema nicht-taktische aspekte: im (lesenswerten) buch des geschätzten declan hill, den ihr ja kürzlich hier gefeatured habt, suggeriert einer von dessen gesprächspartnern, eine große nummer im spielmanipulationsbusiness, daß bei diesem spiel nicht alles ganz mit rechten dingen zugegangen sei, & macht sich über hills (seiner meinung nach wohl allzu naive) schwärmerei bzgl. dieses „fußballwunders“ lustig.

(klar, kann natürlich auch einfach nur wichtigtuerei gewesen sein. man weiß es nicht.)

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Timo 66 23. Februar 2013 um 14:57

Guter Artikel und eine Scher geile Seite ihr Respekt 😉
Ich bin Hsv Fan aber Ich würde gerne mal ein Artikel über die beste Fußball Akademie lesen .
Ich glaub das wäre ajax oder Barcelona ?
Aber wie ich mal gelesen habe hat Barcelona das Modell der ajax Akademie als Vorbild genommen und übernommen wo cruyff Kamm . Stimmt das ?
Darum meine ich wäre immer noch ajax Akademie die beste .
Ich glaube das wollen mal viele wissen ihr darum wäre es schön mal so ein Artikel zulesen . Das wäre mal nett
Ich finde viele haben die ajax Akademie kopiert darum finde ich ist die die beste der Welt als HSV Fan 😉
Bye Fußball Fans 😉

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Leonidas 22. Februar 2013 um 21:02

Großes Dankeschön, dass dieses legendäre Spiel noch einmal aufgerollt wurde!
Ich frage mich warum beide Trainer so spät auf die taktischen Probleme reagiert haben. Vor allem Benitez. Wollte er Finnan nicht früher auswechseln? Hat er geglaubt man könne Milan so über 90 Minuten standhalten?Hat er erst nach den beiden späten Toren in der ersten Halbzeit darüber nachgedacht etwas zu verändern? Hat Ancelotti die taktische Änderung von Liverpool auf die leichte Schulter genommen? Das erste Tor von Liverpool fiel in der 54. Minute, bis dahin sollte ihm doch aufgefallen sein, dass etwas nicht stimmt. Oder hat er versucht etwas zu ändern und seine Spieler vor allem die Offensiven haben darauf erst nach dem zweiten bzw dritten Tor reagiert? Dass Kaka sich vor dem 3-2 die Stutzen zurechtrückt anstatt aufzupassen, ist schon ein starkes Stück ! 😀

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Axtschwinger 22. Februar 2013 um 22:31

Ich könnte mir denken, dass Benitez bis zur Halbzeit warten musste, um sein System umzustellen, weil die Umstellungen nichts waren, was man einmal kurz am Spielfeldrand abklärt. Die waren schon zum Teil grundlegend. Und wenn ich mich richtig erinnere, war der englische Co-Kommentator nach dem Spiel (ich hatte das Glück, das Spiel auf Englisch in einem Pub voller Pudlians zu sehen) umso mehr begeistert von Benitez Mut, weil Liverpool dieses System zuvor praktisch nie unter Wettbewerbsbedingungen getestet hatte.

Dazu kommt, dass man den psychologischen Aspekt in meinen Augen nicht unterschätzen darf, wenn eine völlig geknickte Mannschaft in die Kabine kommt. Wenn der Trainer dann einen Plan hat (und sei er noch so absurd), wirkt das einfach ganz anderes als wenn er da sitzt und ruft: „Wir schaffen das noch! (ich weiß zwar nicht wie), aber wir schaffen das noch!

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Leonidas 23. Februar 2013 um 11:48

Das würde Sinn machen.
Vielleicht gibt es ja bald auch Auszeiten wie in anderen Sportarten, die dann auch mit Werbung vollgepumpt werden.

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mb 22. Februar 2013 um 18:50

@seils: ich denke, dass gerade bei diesem Spiel jedem klar sein dürfte, welchen Einfluss nicht-taktische Aspekte hatten. Das wurde auch oft genug geschrieben und gezeigt. Meiner Meinung nach (und da steh ich sicher nicht allein) haben die Fans hier tatsächlich auch ihre mannschaft nach vorne puschen können, bzw. am ende auch zu den auch oben genannten heldentaten im eigenen straufraum inspirieren können. Aber (!!!) darum soll es hier ausnahmsweise nicht gehen.
Hier soll, so weit ich es verstehen kann, gezeigt werden, wie taktische Veränderungen dieses momentum überhaupt möglich machen konnte. Ohne Benitez‘ umstellung nach der pause hätte liverpool sicher noch ein paar tore kassiert.
Ich hab dieses spiel sicher 10 mal gesehen seitdem, und ich bin jedesmal überrascht (und dankbar!), wieviel mut benitez gezeigt hat. Es ist mutig, eigene fehler zu erkennen, zu korrigieren, und trotz eines 0-3 mit soviel risiko ein spiel umzubiegen, dass im prinzip schon verloren war.
Super Analyse!

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CM 22. Februar 2013 um 16:17

Ein echt intressanter Artikel, ich würde gerne wissen, ob du das alles nur aus youtube-videos siehst oder nicht.

Eine kleine Anmerkung: Der ohnehin offensive Cafu spielte also RECHTS der eingewechselte Serginho RECHTS.
Da ist dir ein kleiner Fehler unterlaufen 😉

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PP 22. Februar 2013 um 16:36

Ja richtig, links muss es heißen. Nein, das Spiel habe ich als Aufnahme vorliegen und habe es mehrere Male angeschaut.

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seils 22. Februar 2013 um 15:11

„Die Folge war, dass Liverpool im zweiten Drittel die totale Spielkontrolle hatte. Ihr Spiel war wegen neuen Passwinkeln und der besseren Tiefenstaffelung nun nicht mehr so vorhersehbar wie vor der Pause. Sie bauten längere Phasen der Ballzirkulation ein, was einem Zurechtstellen ähnelte.“

Hab‘ ich anders gesehen. Bis zum 1:3 (54. Minute) fand ich Milan auch in der zweiten Halbzeit besser. Nicht mehr so turmhoch überlegen, wie in Halbzeit 1, aber doch besser. Was hat Liverpool denn in den ersten zehn Minuten nach der Pause an Chancen kreieren können? Nur einen (zugegebenermaßen guten) Fernschuss von Alonso. Während Milan schon zwei gefährliche Vorstöße hatte, zwei Ecken herausgeholt hatte und gerade im Mittelfeld mit Kaka, Pirlo und Seedorf eigentlich nicht in Bedrängnis kamen.

„Spätestens jetzt musste man den Faktor Momentum in die Beobachtung einfließen lassen.“
Ist für mich ehrlich gesagt auch der alles entscheidende Faktor in diesem Spiel gewesen. Gewiss haben Benitez‘ Umstellungen dafür den Boden bereitet. Aber erst nach dem – im Übrigen für ihn höchst uncharakteristischen – Kopfballtor Gerrards, geriet Milan ins Schwimmen. Dann fällt unmittelbar danach das 2:3, dass bei aller Qualität Smicers, doch ein schlimmer Torwartfehler war; Milan bekommt es einfach mit der Angst zu tun. Dann der Elfmeter, der, naja…
Auch der wird erst gehalten, fällt aber dem heranstürmenden Alonso wieder vor die Füße; frustrierender geht es wohl nicht mehr.
Das ist für mich, auch wenn ichs jetzt wieder betrachte eine taktisch kaum erklärbare Spielphase, in der alles, aber auch wirklich alles, für Liverpool läuft; innerhalb von sechs Minuten gleichen sie das 0:3 zu einem 3:3 aus, nachdem in den zehn Minuten nach der Pause weniger Gefahr von Liverpool als von Milan ausging.
Nach dem Ausgleich fand ich Milan auch wieder besser, vor allem aber zwingender.
„Gefahr entstand eigentlich nur noch nach Standards“ – stimmt nicht: Um die 70. Minute schießt Schevchenko nach Querpass Kakas aufs Tor, Dudek ist bereits geschlagen und Traore kratzt den Ball von der Linie. Etwa zehn Minuten vor Ende spielt Milan dann noch 3:2-Überzahl-Situation im gegnerischen Schzehner (!) in Person Crespos richtig miserabel aus. Liverpool kam durch Gerrard und Smicer nur noch zu Fernschüssen, bzw. in einer Szene wird Luis Garcia brilliant (ebenfalls mit einem langen Ball) im Sechzehner angespielt, kann den Ball aber nicht konrollieren.

Insofern scheint mir in dem Spiel das psychologische Momentum doch sehr viel ausschlaggebender gewesen zu sein als, als die taktischen Anpassungen Benitez‘.

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cpt.awesome 22. Februar 2013 um 15:09

Kleine Anmerkung:
Im serginho-abschnitt steht dass sowohl cafu als auch serginho auf rechts spielten.
sollte laut Grafik im Falle serginhos wahrscheinlich links heissen ?!

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