Lazio – Napoli 1:1

Ein Spitzenspiel, das temporeicher und inhaltlich anders verlief, als man es hätte erwarten können.

Ohne den für zwei Monate verletzten Miroslav Klose mussten die zuletzt schwächelnden und offensivschwachen Laziali gegen die einen Platz vor ihnen platzierten Neapolitaner antreten. Diese haben nach den jüngsten Ergebnissen noch eine sehr gute Chance im Titelkampf mit Juventus, während Lazio etwas zurückgefallen ist und sich den lauernden Verfolgern erwehren muss.

Lazios Defensivaufstellung und Pressing

Gegen das übliche Dreierketten-System Napolis hatte sich Lazio-Trainer Vladimir Petkovic einige interessante Maßnahmen ausgedacht. Die eigene Viererkette wurde durch das Vorschieben von Rechtsverteidiger Konko und das situativ leichte Einrücken von dessen links spielenden Pendant Radu in eine Mischform aus Dreier- und Viererabwehr umgewandelt. Dadurch waren in den hinteren Teilen der Formation die Zuordnungen mit recht klaren Mannorientierungen auf die drei Offensivkräfte Napolis (Konko auf Hamsik, die drei anderen Verteidiger als eine Art Dreierkette gegen Pandev und Cavani) abgesteckt und vorne konnte situativer und flexibler gearbeitet worden.

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Lazios Defensivplanungen im Schema: Konko und Radu agieren mannorientiert, ebenso im zentralen Mittelfeld, wobei Ledesma etwas tiefer bleibt und situativ Räume sichert oder Überzahl herstellt. Die vier „Stürmer“ Lazios können etwas Risiko gehen und mit dem Deckungsschatten arbeiten, was vor allem für die beiden Angreifer gegen die Dreierkette sinnvoll ist und dort auch am stärksten eingesetzt wurde.

Neben diesen formativen Umstellungen fand nämlich noch eine weitere Änderung bei den Hausherren statt – sie spielten insbesondere in der Anfangsphase ein enorm frühes und aggressives Pressing, bei dem der leicht tiefere und gelegentlich absichernde Ledesma sowie Alvaro González als jagende Akteure fungierten und der mit Kopfschutz spielende Hernanes situativ die beiden unterstütze, Ledesma ablöste oder eine Ebene höher rückte. So wurden die beiden Sechser Napolis meistens durch Ledesma und Alvaro González bearbeitet und die Wing-Backs von Candreva und Mauri abgedeckt, während Floccari und Hernanes die Dreierkette nervten. Diese beiden wie auch die Außenspieler arbeiteten effektiv mit dem Zustellen von Passwegen und drifteten immer wieder in den Passlinien zwischen den einzelnen Spielern herum, was effektive Überzahlsituationen zu ergeben vermochte. Aus diesen konnten sich die sichtlich überraschten Napoli-Spieler gerade zu Beginn kaum lösen, sondern produzierten in diesen Bereichen viele Fehler. Somit konnte Lazio im ersten Viertel des Spiels viel mehr Kontrolle und Dominanz erzeugen, als die meisten erwartet hatten.

Ein Quantensprung im Angriffsspiel

Auch das Spielmoment nach den vielen angesprochenen Ballgewinnen sah im Vergleich zu den vergangenen Wochen klar verbessert aus. Zentraler Punkt war dabei die deutlich effektivere Raumnutzung – ein weiträumiger Begriff und genau so setzte Lazio auch in vielen Bereichen die Offensivaspekte besser um. Seien es grundlegende Freilaufbewegungen, das abgestimmte, aufeinander aufbauende Aufziehen und Anlaufen von Räumen in Spielergruppen oder das situative Andribbeln von freien Bereichen. Dies war ein sehr wichtiger Aspekt, weil auf diese Weise Verbindungen leichter hergestellt werden konnte und die Spieldynamik in festgefahrenen Situationen viel leichter zu verändern war. In diesem Zusammenhang muss auch die veränderte Positionsbeschreibung der offensiven Außenspieler genannt werden, die wieder aktiver in Halbräume einrückten und damit gerade im Umschaltmoment schwerer zu greifen waren, aber auch im Aufbauspiel mehr Kontakt zu den zentralen Spielern suchen und mehr Optionen für die Läufe von Kollegen ermöglichen konnten.

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Die Grundformationen

Hinzu kam ein weiterer Aspekt, der primär nicht unbedingt aus dem taktiktheoretischen Bereich kommt, aber nicht unerwähnt bleiben sollte – das Passspiel generell als Baustein der Trainingslehre wirkte deutlich genauer und druckvoller als in den vergangenen Wochen. Erst dadurch war es Lazio möglich, die angesprochenen, optimierten taktischen Strukturen mit jener Sauberkeit und jenem Tempo auszuspielen, wie man es dann im Match zu sehen bekam. Gerade die ersten 25 Minuten der Begegnung erinnerten an eine Phase unmittelbar zu Saisonbeginn, als Lazio sich von den Leistungen der Vorsaison deutlich abgehoben und mit guten Ergebnissen auf sich aufmerksam gemacht hatte. Zwar blieben die Resultate dann bis kurz nach Weihnachten bestehen, doch das spielerische Niveau sackte wieder ab.

Nun allerdings zurück zu dieser Begegnung: Im Verlauf der ersten Halbzeit wurde Lazio dann etwas unsauberer, streute zwischendurch auch unbewusst einige ihrer unpassenden hohen Zuspiele über kurze Distanzen ein und wurde dadurch offensiv nicht mehr so gefährlich wie in der Anfangsphase, wenngleich sie am Ende des Spiels immer noch ordentliche Entlastung erzeugen konnten.

Napoli verfolgt den Rückstand

Ebenso  ließ das Pressing der Laziali aufgrund der hohen Anfangs-Intensität nach, sie zogen sich verständlicherweise tiefer nach hinten zurück und Napoli lief fast das gesamte Spiel über dem Rückstand hinterher. Dabei kamen sie zunächst nicht wirklich gegen die gewohnt stabilen und vor allem in der Strafraum- sowie Endverteidigung sehr disziplinierten Hausherren an. Einzig bei gelegentlichen Flügeldurchbrüchen – gerade über die linke Seite, wo Hamsik und auch Inler gut mit dem aktiven Zuniga harmonierten – konnten sie Gefahr ausstrahlen und auch zu manchen konkreten Abschlüssen kommen.

Besser ins Spiel fand die Mannschaft von Walter Mazzari aber erst nach dem Seitenwechsel, was zum Teil auch durch offensive Auswechslungen bedingt war. Bereits kurz vor der Pause hatte er Behrami verletzungsbedingt ersetzen müssen und dafür Insigne gebracht, wodurch Hamsik ins zentrale Mittelfeld rutschte. Dieser konnte nun vermehrt den spielmachend-dominanten, strategischen Part übernehmen und musste nicht mehr als beweglicher Verbindungsspieler aushelfen. Darüber hinaus wurde auch die Offensivpräsenz erhöht, was durch das gelegentliche Formieren einer Viererkette verstärkt werden sollte. Dann blieb auf rechts Mesto bzw. der eingewechselte El-Kadouri vorne, während Campagnaro auf die Rechtsverteidiger-Position herausschob.

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Napolis brutale Schlussoffensive ab Minute 82

Dennoch hielt Lazio gut dagegen, verteidigte den Strafraum in bekannter Manier mit viel Einsatz und präsentierte sich im Mittelfeld mit guter Anpassungsfähigkeit. Weil Insigne relativ weit außen blieb und sich Hamsik dadurch etwas zu stark auf die Halbräume festlegen ließ, konnte Lazio den eigenen Sechserraum gelegentlich verwaisen lassen und die manchmal zurückfallenden Cavani oder Pandev mit situativen Bewegungen aus Abwehrreihe und Mittelfeld auffangen.

Entscheidende Gefahr für die Hauptstädter schienen die etwas zu Flügel- und Halbraum-orientierten Neapolitaner erst in den letzten zehn Minuten zu werden, als die fast übertrieben anmutende Einwechslung von Calaio eben diese Flügelspielweise in eine Art 2-3-5 radikalisierte. Nun wollte Napoli den Ausgleich erzwingen und bombardierte Lazio mit Flanken und Schüssen aus dem Bereich des Sechzehners. Zunächst schien dieses Extrem eben kontraproduktiv zu wirken, doch dann schnürte man Lazio immer tiefer ein und schob die potentiell unbedrängten Schussmöglichkeiten immer näher zum Tor – was letztlich eine Ecke brachte, die Campagnaro verwandelte, wenngleich er dabei von einem unglücklichen Ausrutscher in Lazios Abwehr profitierte (87.).

Fazit

Die prägendsten Elemente dieser interessanten Partie waren wohl Lazios überraschend deutlich verbesserte Leistung zu Spielbeginn und Napolis radikales Anrennen in den Schlussminuten. Wie soll man nun das Endergebnis bewerten?

Zunächst einmal muss gesagt werden, dass Lazio aus der starken Anfangsphase hätte mehr machen müssen und der knappe Halbzeitvorsprung zu gering ausfiel. Anschließend wurden die Gastgeber aber immer passiver, auch wenn Napoli nicht die ganz großen Chancen generieren konnte. Allerdings erzeugten diese mehr und mehr Dominanz, ehe sie in den letzten 10 Minuten doch noch den Ausgleich erzwangen – etwas glücklich durch den späten Zeitpunkt, aber doch konsequent und nicht gänzlich unverdient.

Über das gesamte Spiel gefiel trotz Napolis optischer Überlegenheit für die letzten beiden Spieldrittel vom Eindruck her Lazio besser – diese müssen sich ärgern, in den letzten zehn Minuten zu tief gestanden, die Konterchancen zu fahrlässig vergeben (Lulic) und angesichts dessen nicht noch konsequenter die Löcher von Napolis Risiko-System genutzt zu haben. Nach dem Ausgleich, als sie sich dann noch einmal kollektiver nach vorne bewegen mussten, schafften sie sofort recht simpel zwei dicke Chancen allein in der Nachspielzeit. Beide Teams nehmen einen Punkt mit, doch Lazio trotz der Enttäuschung das Wissen um eine Formsteigerung.

Wolfsmond 10. Februar 2013 um 09:16

Find ich als Gladbachfan echt klasse dass ihr Lazio im Moment recht intensiv covert 🙂

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