Kurz ausgeführt: Aston Villa – Newcastle United 1:2

Dienstagabend – statt Champions League gab es ein taktisch kurzweiliges Kellerduell in der englischen Premier League. Der Tabellensiebzehnte Aston Villa empfing die um einen Platz besser platzierte Equipe aus Newcastle.

Villas defensiver Ablauf

Villa-Coach Paul Lambert organisierte seine Elf abermals in einem 3-4-1-2/5-2-1-2, welches in dieser Saison regelmäßig in verschiedenen Ausführungen zum Einsatz kommt.

In diesem Spiel sollten die beiden Stürmer Benteke und Bent den gegnerischen Spielaufbau erschweren, indem die jeweiligen Innenverteidiger zugestellt wurden, während N’Zogbia eng am öfters zurückfallenden Perch blieb. In der Folge konnte der gegnerische Aufbau zu langen Bällen provoziert oder in die Breite gelenkt werden, wo bedingt durch die Formationen große Freiräume herrschten.

Letzteres wurde von Villa bewusst in Kauf genommen, denn mit dem weiteren Defensivverhalten sollte Newcastles Offensivspiel in bestimmte Zonen und Situationen gelotst werden, um die eigenen systembedingten Vorteile innerhalb der Hintermannschaft zu nutzen. Darüber hinaus diente das Verhalten als eine vorbereitende Maßnahme für das eigene Umschaltspiel.

Eine beispielhafte Spielszene stellt den defensiven Ablauf vereinfacht dar, der sich konstant in zwei bzw. drei Punkte aufschlüsselte.

Beispiel1

beispielhafte Spielszene innerhalb der Startformationen

a)

Der ballführende Debuchy entscheidet sich für ein Dribbling in den höheren Flügelbereich, der durch Bennetts Orientierung an Gouffran weit offensteht. Je weiter Debuchy in den Bereich eindringt, desto weiter verschiebt sich Villas Doppelsechs aus Bannan und Westwood zum ballführenden Franzosen, mit dem Ziel einen seitlichen Raumdruck zu erzeugen. Sprich der angedribbelte Bereich zwischen Bennett, Bannan und Seitenlinie wird aus dem Zentrum heraus verkleinert, das Spiel entlang der Linie provoziert.

Der Weg nach vorne bedeutete für Debuchy im Normalfall, dass die situationsauflösende Interaktion mit Gouffran in einer Flanke endete, welche Aston Villa aufgrund von Lufthoheit und Überzahl in Tornähe wenig Schwierigkeiten bereitete. Die Problematik ergab sich erst bei den zweiten Bällen, da der erweiterte Rückraum häufig nicht besetzt werden konnte und Newcastle damit die Chance für Weitschüsse gegeben wurde. Ein gefundenes Fressen für einen Cabaye, wie beim 2:0 zu sehen.

Dieser war auch die einzige Anspielstation bei Debuchys zweiter Option, der „Flucht“ nach hinten, da beide Innenverteidiger sowie Perch direkt gebunden waren.

b)

Bei einem rückwärtigen Anspiel auf Cabaye, oder generell bei dessen Ballbesitz, war Bannan auf ein frühes frontales Anlaufen bedacht, sodass der Spielgestalter ebenfalls in seinen Handlungsmöglichkeiten beschnitten wurde. Ein Rückpass war nicht möglich und Westwood sorgte für eine flexible Tiefensicherung hinter Bannan, sodass Sissoko oder auch Cissé nicht ohne weiteres angespielt werden konnten. Letztendlich blieben nur die horizontaleren Optionen Debuchy, damit folglich ein leicht veränderter Ablauf a), und der Seitenwechsel.

c)

Ein Seitenwechsel war theoretisch eine gute Alternative, da auf der ballfernen Seite ein großer Freiraum klaffte. Abnehmer waren entweder Sissoko, der öfters in tieferen Bereichen auftauchte, und Linksverteidiger Santon, der aus einer zurückhaltenden Positionierung heraus agierte.

Doch Aston Villa war vorbereitet. Bei einem Seitenwechsel auf den tief startenden Santon löste sich Wing-Back Lowton frühzeitig aus seiner Position, stellte diese und Gutiérrez in seinen Deckungsschatten, während die restliche Abwehrkette einrückte. Die Spielverlagerung wurde verlangsamt und das Zentrum konnte nachschieben – Gefahr kontrolliert. Das wäre wohl auch in der Situation kurz vor dem Führungstreffer so gewesen, wenn Sissoko nicht so einen feinen Qualitätspass aus dem Fuß geschüttelt hätte.

Ziel dieser defensiven Verhaltensweisen waren tiefe Ballgewinne für das eigene Konterspiel. Mit N’Zogbia als Verbindungsspieler sollten Bent und Benteke die offenen Räume im Rücken der gegnerischen Außenverteidiger attackieren. Eine Mischung aus schlechtem Kombinationsspiel, fehlender Unterstützung von Nachrückern, aggressiver Zweikampfführung der gegnerischen Absicherung (kein Aufdrehen) sowie der gesamtheitlich guten Rückwärtsarbeit auf Seiten Newcastles vereitelte den Plan.

Von Angriffspressing und Pardew

Es ist ein wiederkehrendes Element, dass Lambert seine Elf nach der Pause von der Leine lässt und pures Angriffspressing spielen lässt. Mit zwei Einwechslungen und einer Systemänderung zum 4-2-3-1 wurde der Gast in losen Manndeckungen über den Platz gejagt, wo zuvor noch ein eher passives Defensivspiel stattfand.

Die Toons zeigten sich sichtlich überrascht vom Tempowechsel, konnten auf den Druck nicht passend reagieren und produzierten massenhaft Fehler. In den ersten ~zehn Minuten verbuchte man teilweise eine Passquote von nur 50%. Mit dem Abflauen der ersten überfallartigen Welle sowie dem einhergehenden Anschlusstreffer, kehrte wieder ein wenig Struktur in das eigene Spiel ein. Das häufig genutzte Mittel der langen Bälle, mit denen Newcastle in der Regel gegnerisches Pressing überspielt, erhielt vermehrt Einzug im Spiel und sorgte für Entlastung.

Pardew passte sich den neuen Gegebenheiten schrittweise an, brachte mit Ameobi zuerst einen Zielspieler für die langen Bälle, dann den defensiv stabilisierenden Allrounder Anita auf der 10 und abschließend noch Innenverteidiger Yanga-Mbiwa auf der Sechs.

So war Aston Villa in der zweiten Halbzeit zwar die bestimmende Mannschaft, aber gegnerische Anpassungen und das eigene kräfteraubende Pressing generierten am Ende zu wenig Chancen.

Fazit

Ein taktisch kurzweiliges Spiel. Aston Villa lieferte erneut zwei grundverschiedene Halbzeiten ab. Auf einer Halbzeit mit eher zurückziehendem Defensivspiel und der Idee vom Konterspiel, folgte eine intensive Halbzeit voller Angriffspressing mithilfe loser Mannorientierungen.

Den Sieg verbuchten jedoch die Gäste aus Newcastle, die in der ersten Halbzeit den Grundstein für den Erfolg legten und diesen mit späteren Anpassungen bis zum Ende festhielten.

Leonidas 3. Februar 2013 um 01:35

danke für den artikel und bitte mehr von der premier league !

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CF 2. Februar 2013 um 09:18

Super Artikel. Ich habe aber mal eine Frage und zwar ist es doch so das die meisten Mannschaft doch so spielen wie Newcastle in der zweiten Halbzeit? Das gibt es in der Bundesliga doch eigentlich seltener?

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Rasengrün 1. Februar 2013 um 12:25

Die offene Frage ist nun, ob Villa seine Abläufe, insbesondere den so interessanten wie anspruchsvollen Stilwechsel, rechtzeitig hinreichend perfektionieren kann um dem Abstieg zu entgehen. Trotz der desaströsen letzten Wochen scheint im Verein ja durchaus Zuversicht zu herrschen, dass das gelingen kann, zumindest scheint mir die Zurückhaltung im Winter-Transferfenster so zu interpretieren. Der Vergleich mit Newcastle bleibt also über diesen Spieltag hinaus interessant.

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firedo 1. Februar 2013 um 09:44

toller Artikel. gefällt mir gut.

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