Sonntag, 23.11.2014

Swansea City – Liverpool FC 0:0

Brendan Rodgers kehrte zurück nach Swansea und traf auf seinen ehemaligen Verein, der von Spielerlegende Michael Laudrup gecoacht wird.

Liverpools Flügel

Liverpool begann mit José Enrique und Stewart Downing auf den Außenverteidigerpositionen, was eine Überraschung darstellte. Enrique war bislang selten zum Zug gekommen, ebenso Downing. Die Sache wurde dadurch noch interessanter, dass Downing eigentlich der Flügelstürmer und Enrique der Außenverteidiger; ihre Rollen wurden somit getauscht.

Grundformation zu Spielbeginn

Brendan Rodgers hatte dabei mehrere Gründe, um so vorzugehen. Zuerst hatte er auf dem linken Flügel eine Doppeldeckung mit zwei defensivstarken Spielern, wo man Swansea Aufrücken über die Seite verwehren konnte. Desweiteren war man im Pressing stärker, wodurch Liverpool dem Gegner die Breite aus dem Spiel nehmen wollte. Davon ist Swansea enorm abhängig, weil sie viele Seitenwechsel in ihr Spiel einbauen.

Außerdem driftete Hernandez immer wieder in die Mitte oder Halbräume, womit die Reds mit Enrique einen defensivstarken Akteur zur Raumsicherung hatten. Auch offensiv gab es einige interessante Aspekte. Bereits Valencia hatte gegen Barcelona mit einem offensiven Außenverteidiger und einem defensiven Flügelstürmer gespielt, damit sie die Flügel überladen und extrem schnell kontern konnten. Es wurden offensiv Pärchen gebildet und gegen die oftmals verwaisten Seiten gespielt.

Dieser Aspekt kam allerdings wenig zum Tragen. Stattdessen wurde extrem viel über rechts mit dem sehr offensiven Glen Johnson und dem einrückenden Raheem Sterling gespielt. Wenig verwunderlich, denn mit Downing hatte Liverpool einen flankenstarken Akteur, der sich aber im Eins zu Eins schwer tut.

Dadurch konnte Liverpool aber einige akzeptable Halbfeldflanken oder weite Bälle in die Spitze auf Suarez auch unter Bedrängnis spielen, während Enrique die zweiten Bälle gut gewann und viel vertikal agierte. Außerdem suchte er auf der ballfernen Seite, wenn Angriffe über rechts kamen, nach Lücken und kreuzte mit Suarez.

Die Rolle von Suarez

Suarez fällt in dieser Saison ohnehin eine Schlüsselrolle zu, denn er ist nicht nur der einzige reine Stürmer in der Mannschaft, sondern übernimmt zahlreiche Aufgaben. Wie schon erwähnt geht er bei Flanken immer auf den zweiten Pfosten, öffnet dadurch Raum und lässt die Flügelstürmer, insbesondere in dieser Partie Enrique, in die Mitte ziehen.

Aber auch m Spielverlauf driftet er sehr viel über das Feld, pendelt horizontal und sorgt für einen beweglichen Referenzpunkt im Angriff der Reds. In gewisser Weise agierte r somit als kompletter Stürmer, der nicht nur die Tiefe gibt, sondern ebenfalls in den Halbräumen Bälle hält und behauptet oder die Flügel im Kombinationsspiel unterstützt. Gleichzeitig kann er in Unterzahlkontern durch sein herausragendes Dribbling Räume öffnen und nutzen.

Der letzte Aspekt bei Suarez ist, dass er auch als Spielgestalter im letzten Drittel fungiert. Gerrard und Henderson übernahmen diese Rolle im zweiten Drittel, spielten von dort aus viel auf die Außen, wo dann die Flügelstürmer (allen voran Raheem Sterling) für die Rückkehr ins Zentrum sorgen sollten. Dort war dann Suarez der primäre Anspielpunkt. Defensiv war er jedoch von vielen Aufgaben befreit, um eben bei Kontern und im offensiven Umschaltmoment als konstante Anspielstation fungieren zu können.

Liverpools Defensivspielweise

Der letzte größere Aspekt, der Liverpool in dieser Analyse zufällt, war ihr interessantes defensives Spielsystem. Sie versuchten ebenso wie Swansea ein pass-and-move-Stil zu spielen, wodurch Allen zentral und die Achter in die Halbräume abkippten.

Liverpool stand defensiv sehr kompakt. Zuerst war man positionsorientiert, aber spielte flexibel. Hier sieht man, wie Jose Enrique die Seite anbietet, Hernandez mit Downing doppelt und Gerrard ein Auge auf den ballnahen Sechser des Gegners wirft

Dabei war auffällig, wie sich besonders Gerrard sehr frei bewegte, oftmals auch rechts abkippte und somit schwierig zu pressen oder gar zu decken war. Schön zu sehen ebenfalls, wie stark Johnson in die Mitte rückte, wenn auf links das Spiel aufgebaut wurde, womit er entweder einen zentralen Mittelfeldspieler befreien oder sich selbst für Pässe anbieten konnte.

Defensiv positionierte sich Liverpool grundlegend in einem 4-1-4-1, in welchem man sich zuerst an den Grundpositionen orientierte und diese annahm. Aus dieser Grundposition heraus orientierte man sich situativ an nahen Gegenspielern, ballfern wurde oftmals gezockt; Suarez zockte durchgehend und presste lediglich im letzten Drittel, wenn es benötigt wurde.

Dieses 4-1-4-1 mit den vielen situativen Mannorientierungen wurde sehr variabel ausgelegt, öfters sah man bspw. Enrique weit auf dem Flügel, aber auch in der Mitte. Zweimal tauschte er sogar die Position situativ mit Gerrard, der sich dann für ein kurzes Zeitintervall auf den Flügel positionierte.

Auch Gerrard und Henderson wechselten öfter die Positionen, erzeugten situative 4-4-2 und 4-3-2-1-ähnliche Formationen im Angriffspressing und sogar Sterling konnte sich relativ frei in die Mitte bewegen, wenn es die Situation erlaubte – dieser aber hauptsächlich in der offensiven Phase des Spiels. Mit dieser Spielweise konnten sie spätestens im ersten Drittel Pässe und Kombinationen gut abfangen und situative Enge erzeugen, wobei Hernandez – der von Rodgers anscheinend als „main danger“ ausgemacht wurde – dennoch überzeugen konnte.

Swansea – Spielweise, Fluidität und Wechsel

Die Gastgeber starten in einem asymmetrischen 4-2-3-1, wo Michu hinter Mittelstürmer Itay Shechter auflief. Auf den Seiten begannen Pablo Hernandez und Wayne Routledge, während sich im Zentrum Leon Britten und Jonathan de Guzman als nominelle Doppelsechs orientierten.

Beeindruckend war das Spiel von „Swansealona“  einmal mehr in den unterschiedlichsten Aspekten. Hernandez bewegte sich gut in die Halbräume, die Außenverteidiger zeigten sich im Aufrücken enorm intelligent und die Sechser schienen seltenst in gegnerischen Deckungsschatten gefangen zu sein, desweiteren spielten sie über weite Strecken trotz Bedrängnis sehr pressingresistent.

Mit dieser Bewegung konnte Swansea mehr vom Ball haben, auch wenn beide Mannschaften viele Pressingphasen hatten und sich ein – trotz der Eleganz – intensives Spiel entwickelte. Swansea reihte dennoch Pass an Pass aneinander, wobei sie in der Schlussphase der ersten Halbzeit ins Schwimmen gerieten. Darum wechselte Michael Laudrup auch in der Halbzeitpause Shechter aus, um Ki ins Spiel zu bringen.

Dieser brachte eine neue Komponente. Einerseits gab er einen zweiten Achter zu den beweglichen De Guzman und Britton, andererseits ermöglichte er Michu eine Rolle als spielstarker Mittelstürmer an vorderster Front.  Mit drei Mann in der Mitte wollten sie für mehr Spielkontrolle sogen, was aber nur teilwiese klappte, obwohl die Kombinationen im letzten Spielfelddrittel von Liverpool als positiver Nebeneffekt etwas verringert wurden. Gleichzeitig konnte Hernandez noch stärker in Halbräume und in die Mitte ziehen, auch wenn es ihm und seinen Mitspielern etwas an Effektivität mangelte, um das auszunutzen.

Dennoch waren sie in der zweiten Halbzeit überlegen und hätten daraus mehr machen können, wobei Liverpool einige gefährliche Konter nicht zu Ende spielte. Rodgers stellte auf ein stärkeres 4-3-3 mit Ansätzen eines 4-2-3-1 um, wo Enrique als Linksverteidiger spielte, der eingewechselte Joe Cole auf dem Flügel agierte und Jonjo Shelvey statt Henderson offensiver spielte, wodurch eine nominelle Dopelsechs aus Gerrard und Allen entstand.

Swansea in der Defensive

Das wohl faszinierendste an Swansea – neben ihrer hervorragenden Bewegung und Ruhe in Ballbesitz und unter Bedrängnis – ist ihre defensive Spielweise. Ihr Spiel richtet sich nicht auf ein aggressives Pressing, auf eine tiefe Anordnung oder auf eine Mannorientiertheit aus – ihr primäres Ziel ist die Kontrolle des effektiven Raumes, welche sie durch Schwarmintelligenz, Abstimmung und Flexibilität erreichen.

Swanseas Defensive: ein Sechser versperrt den Raum in die Mitte, der Außenverteidiger stellt den Gegner, aber lässt ihn ziellos im Raum und situativ werden Manndeckungen übernommen, um den Raum zwischen den Linien indirekt zu bewachen. Rodgers wollte dies mit dem einrückenden Johnson etwas bekämpfen, was nur gelegentlich bespielt wurde

Eine durchgehende Pressingformation ist darum nicht zu erkennen, weil sie extrem fluid spielen. Die Innenverteidiger rücken heraus, besonders Chico kann in dieser Disziplin überzeugen. Oftmals organisiert man sich in zwei Viererketten, aber auch hier werden die Positionen verlassen, um den Gegner ideal zu pressen.

Ein wiederkehrendes Merkmal sind Raum- und Ballorientierungen einzelner Spieler in Ballnähe sowie situative Manndeckungen auf den Seiten, die aber – sogar während des gegnerischen Angriffes über Außen – übergeben werden (können). Damit kann man ein effektives Hinterlaufen verhindern und mit dem herannahenden unterstützenden Sechser eine Passoption in der Mitte verstellen.

Öfters sieht man in Spielen offene Räume in der Mitte oder zwischen den Linien, die schlichtweg nicht genutzt werden können, weil sich die Swansea-Spieler kollektiv intelligent bewegen und diese vermeintliche Schwäche zu einer Stärke machen, indem sie besser pressen und kontern können.

Da sie öfters mit drei oder vier Mann in der Ballnähe sind, während ein isolierter Mittelfeldspieler gelegentlich die ballferne Seite sichert und den Halbraum im Auge behält, können sie sich sofort aus diesen Engen von einem etwaigen Gegenpressing befreien und dann ihre Angriffe aufbauen – kein Konter im herkömmlichen Sinne, aber eine intelligente Angriffsspielweise nach Balleroberung.

Fazit & Lob

Ein Lob an das schlicht extrem ruhige Swansea mit dem geringen Budget ist natürlich bei jeder Analyse angebracht – in dieser aber besonders und auch an den Gegner, denn aus taktischer wie spielerischer Sicht zeigten beide Mannschaften eine überaus ansprechende Leistung. Liverpools Offensiv- wie Defensivspielweise war zwar noch deutlich weniger improvisatorisch und gleichzeitig nicht so kollektiv abgestimmt, aber sie hatten eine komplexere Struktur als die meisten Mannschaften und betonten in Ballbesitz ebenso die spielerische Komponente. Beide Teams versuchten Drucksituationen spielerisch zu lösen, nutzten dabei sogar unter Druck den Torhüter und waren um ein gepflegtes Offensivspiel bemüht. Sehr interessant auch die Rolle von Glen Johnson.

skydiver1990 30. November 2012 um 18:58

Was ist denn mit Sahin? kommt der regelmäßig zum Zug?

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Bsmalls 28. November 2012 um 09:06

Der Verein hatte einen Umbruch nötig und dieser ist jetzt in vollem Gange. Diese Situation wird sehr gut in der Dokumentation: Beeing Liverpool auf Sky Sport, dargestellt. Beschreibt die Transferzeit und Vorbereitung auf diese Saison.

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Holgr 27. November 2012 um 17:45

@hailuk und jo
Ihr habt schon Recht. Vielleicht brechen mit Rodgers bald wieder bessere Zeiten an aber er braucht auch Zeit. Da hab ich wohl zu viel erwartet.

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Holgr 25. November 2012 um 19:39

einfach traurig die entwicklung von liverpool. hatte mir nach der verpflichtung von rodgers eigentlich mehr erhofft. Suarez sollte schleunigst wechseln so gut wie der ist.
Unglaublich wie schnell ihr immer solche top-arbeit liefert! v.a RM!

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Jo 25. November 2012 um 23:31

Abwarten. So ein Umbruch geschieht nicht mal eben so. Rodgers braucht Zeit, um seine Philosophie, wie schon bei Swansea, durchzubringen. Außerdem leidet Liverpool sehr darunter, dass sie neben Suarez keinen wirklichen Stürmer haben. Dieses Problem kann dann ja vielleicht im Januar gelöst werden.

Und wenn du schon von Entwicklung redest: Liverpool hat einige vielversprechende junge Spieler wie Sterling, Shelvey und Henderson, die alle sehr viel Potenzial haben.

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Holgr 26. November 2012 um 18:46

Schon richtig. Allerdings hätte man schon ein bisschen mehr erwarten dürfen bei dem geld das sie in den letzten Jahren in die Hand genommen haben (für Caroll, Henderson, Adam und Downing laut transfermarkt.de zusammen allein 86 Mio). Und es ist immerhin schon das dritte enttäuschende Jahr in Folge. Du hast aber schon Recht, dass so langsam wieder etwas heranwächst (Borini, Suso und vor Allem Allen gibt es ja auch noch).

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Hailuk 27. November 2012 um 17:25

@holgr
Mann darf nicht vergessen das die ganzen Transfers die du aufgezählt hast von King Kenny und Daniel Comolli getätigt wurden. Mit der aktuellen Zusammentsetzung des Kaders hat Rodgers nicht sehr viel zu tun.
Jedoch ist es sehr bedenklich wie sich Liverpool seit dem Abgang von Rafa Benitez und Xabi Alonso entwickelt hat.
YNWA

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Chris 25. November 2012 um 16:37

Ihr habt sie ja nicht mehr alle! Eben noch gesehen, jetzt schon analysiert – Hammer!

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