Dienstag, 25.11.2014

Kurz ausgeführt: WFES WOB – SVW 2009

Pro Spieltag zeigt „sky“ im Sendeformat „Was für ein Spiel“ eine besondere Begegnung aus den letzten Jahren Bundesliga – diesmal passend zum Samstag-Spiel zwischen Schaaf und Allofs. Eine Kurzanalyse zum Meister-Spiel Wolfsburg – Bremen (5:1) aus der Saison 2008/2009.

Die Ausgangslage

Es war der letzte Spieltag der Saison 2008/2009 und der viel zitierte Drops war fast gelutscht. Theoretisch hatte der zeitgleich unter Interimstrainer Jupp Heynckes daheim gegen Stuttgart spielende FC Bayern ebenso wie der punktgleiche Gegner aus dem Schwabenland und die Hertha noch die Chance, den Tabellenführer aus Wolfsburg zu überholen, doch bei einem eigenen Sieg konnte diesen angesichts von zwei Punkten Vorsprung niemand mehr etwas anhaben. Für die bereits sicher auf dem zehnten Platz liegenden Werderaner hatte das Spiel praktisch keinerlei Bedeutung mehr – nur einige Tage nach der Niederlage im UEFA-Pokal-Finale gegen Shakthar Donezk regierte bei den Bremern die große Enttäuschung. Dennoch wollten die Nordlichter zumindest eine gute Vorbereitung für das noch ausstehende DFB-Pokal-Endspiel gegen Leverkusen gewährleisten.

Das Spiel, Analysepunkt I – Grundformationen und Magaths Mannorientierung

Wie üblich begannen die Wolfsburger, die sich in der Rückrunde in einen wahren Rausch gespielt hatten, mit ihrer bevorzugten 4-3-1-2-Rautenformation und dem bekannten Personal, wobei Magath den Japaner Hasebe anstelle von Pekarik aufstellte und Riether aus dem Mittelfeld auf die Rechtsverteidigerposition zurückzog. Auch die Bremer traten in der damals noch standardmäßig und fast schon traditionell gespielten Raute an, wobei diese Formation durch eine Asymmetrie der beiden Halbspieler Frings und Hunt gelegentlich wie eine 4-2-2-2-artige Grundordnung wirkte.

Alles in allem ergaben die beiden Rautenformationen aber viele direkte Zuordnungen zwischen den jeweiligen Gegenspielern auf dem ganzen Feld. Insbesondere die Wolfsburger setzten defensiv verstärkt auf eine Mannorientierung, wenngleich sie versuchten, die Balance zu halten und ihre Gegner auch bei zu weitem Ausweichen zu übergeben. Vor allem Bremens Spielmacher Diego wurde von seinem Landsmann Josué eng bewacht.

Das Spiel, Analysepunkt II – Bremens Offensivgefahr

Doch zumindest in dieser Partie war die Wolfsburger Defensivstrategie ein hohes Risiko und hätte gegen die sehr gut darauf reagierenden Bremer eigentlich mit mehr als einem Gegentreffer bestraft werden müssen. Dabei zeigten die Gäste eine exemplarische Leistung dafür, wie eine solche Mannorientierung mit verschiedenen Mitteln zu knacken ist.

Zum einen sind hier die Bemühungen Diegos zu nennen, der immer wieder die Wolfsburger Zentrale mit guten Ausweichbewegen öffnen konnte – obwohl Josué eigentlich in der Rückrunde hervorragend zwischen Mannorientierung und dem alleinigen Abdecken weiter Flächen gependelt hatte. Doch diesmal gelang es ihm nicht – Diegos Bewegungen waren die Grundlage für Bremer Vorstöße aus der Tiefe. Besonders der offensiv ausgerichtete Hunt und sogar der alleinige Sechser Frank Baumann, der die wechselhafte  Rückwärtsarbeit Misimovic´ durchaus effektiv nutzte, taten sich hier hervor – diese beiden vergaben auch nach Raumschaffen von Diego und Pizarro (gegen den etwas hüftsteifen Madlung) die beiden besten Bremer Chancen. Bei Hunts Möglichkeit, als er Hasebe entwischte und den Raum hinter Madlung attackierte, kam die Vorarbeit von Naldo, dessen Libero-artiger Vorstoß bis ins Angriffsdrittel ein weiteres sehr effektives Mittel gegen Mannorientierungen darstellt(e). Obwohl er gegen Dzeko und Grafite eigentlich gar kein freier Mann war, marschierte er gegen die lauernden Angreifer manches Mal mit nach vorne, ließ sich von einem Mittelfeldkollegen oder Fritz absichern und brach die gegnerischen Zuordnungen. Beim einzigen Treffer durch Diego konnte man schließlich noch eine dritte Methode erkennen: Hier zeigte der brasilianische Zehner zusammen mit dem zurückfallenden Pizarro ein hervorragendes Freilauf- und Freiraumspiel, bei dem durch kurzes Absetzen und Abschirmen des Balles der Gegenspieler herausgezogen und der Kollege anschließend wieder in den geöffneten Raum angespielt wurde – ein sehr ansehnlicher Treffer mit viel Tempo in der Enge entstand daraus.

Das Spiel, Analysepunkt III – Unterschiede der Außenverteidiger und Wolfsburgs spielentscheidendes Umschalten

Aufgrund der schwachen Chancenverwertung der Bremer, die trotz eines 1:5 ein recht klares Plus an Abschlüssen aufweisen konnten, wurde ihre gute Arbeit gegen Magaths Defensivstrategie letztlich kaum spielentscheidend. Stattdessen wurde die Partie bereits in der Anfangsphase durch die Offensive der Hausherren entscheiden, die schnell drei Treffer markieren konnte.

Auffällig war dabei, dass die Wolfsburger Außenverteidiger bei der Flügelbespielung in der engen Rautenformation viel aktiver und effektiver agierten als ihre Bremer Pendants. Während Riether und Schäfer immer wieder Breite, Flanken und gute Aktionen im Gegenpressing zu bieten hatten, verhielt sich besonders Fritz eher zurückhaltend, weshalb die Wolfsburger Halbspieler situativ sehr aggressiv und verfolgend doppeln konnten – ihre Balleroberungen waren daher meist von hoher Qualität. Sein Kollege Pasanen versuchte sich verstärkt auch mit diagonalen und inversen Aktionen einzuschalten, machte aber sehr viele Fehler – das erste und dritte Wolfsburger Tor kam exakt durch den freigelassenen Raum in seinem Rücken. Dabei demonstrierten die Wolfsburger eine ihrer großen Stärken – die enorm dynamischen Umschaltmomente, die ihnen letztlich als zentraler Erfolgsbaustein zur Meisterschaft verholfen hatten.

Als ganz zentraler Punkt sind hier die ständigen Horizontalrochaden auf die Seiten gegen oder hinter die gegnerischen Außenverteidiger zu nennen, die zur Effektivität und Torgefährlichkeit von Dzeko und Grafite beitrugen – Letzterer erzeugte durch genau so eine Szene ein 1-gegen-1-Dribbling im Halbraum gegen Naldo und anschließend ein Tor. Hinzu kam bei den Wolfsburgern die bereits angesprochene Qualität der Balleroberungen sowie das konsequente Nachrücken der Halbspieler, welche maßgeblich als Vorbereiter (Gentner: 2:0 und 5:1) und zusammen mit Josué als Ballgewinner in Gegenpressing-Situationen auffielen (Hasebe 1:0). Weil die Bremer nach Ballverlusten nur inkonsequent zurückeilten und oftmals nur mit 6 oder 7 Akteuren in die Verteidigung gingen, eröffneten sich viele Freiheiten auf den Seiten (für Gentner und Schäfer beim 2:0) oder den Halbräumen (für Gentner beim 5:1).

Das Fazit und die Lehren

  • Wolfsburgs defensive Mannorientierung konnte sehr effektiv sein, doch war sie bei seltenem Scheitern auch sofort sehr riskant: Wenn sie Wölfe nämlich in ihrer starken Rückrunde überhaupt einmal verloren, dann sofort richtig deftig und meistens hoch – die Ausnahme war dabei ein 0:2 gegen Abstiegskandidat Cottbus, was im Verhältnis auch durchaus als hoch zu bewerten ist. Die restlichen Niederlagen: 0:2 und 1:3 gegen PSG, 1:4 gegen Stuttgart und im Pokalviertelfinale ein 2:5 gegen…? – Bremen
  • Bei beiden Mannschaften arbeiteten die Offensivspieler nur lasch und/oder wechselhaft mit nach hinten zurück sowie im Pressing mit: ein klares Indiz für die schnelle Entwicklung des Fußballs auch in den letzten fast vier Jahren
  • Bremen mit sehr gutem Offensivspiel und starken Maßnahmen gegen die Wolfsburger Mannorientierung, doch auf der anderen Seite seltsame Mechanismen beim Aufrücken (Naldos Vorstöße und die absichernden Rollen von Frings und Fritz), was mitentscheidend für defensive Löcher war
  • Wolfsburg demonstrierte den Wert von offensivstarken und –effektiven Außenverteidigern
  • Auf beiden Seiten (Mannorientierungen bei Wolfsburg mit versuchtem Übergeben, defensive Mängel bei Bremen) wenig organisiert, sondern eher improvisiert wirkende Defensivkonzepte – es gab zwar gerade für die Bremer viele enge Situationen, doch aus heutiger Sichtwürde man diese wohl als ungeordnet und wenig kompakt bezeichnen. Von den mittlerweile dominanten, recht unbeweglichen Kettenformationen war damals noch so viel zu sehen – dass diese nun ihre Dominanz schon wieder einbüßen, zeugt erneut von der schnellen taktischen Entwicklung des Fußballs im Allgemeinen

datschge 25. November 2012 um 02:24

Könnt Ihr die Vereinsnamen nicht wie üblich voll ausschreiben? Die Abkürzungen sind nicht gerade naheliegend. Und “WFES” vielleicht als neue Serie, statt unter “Kurz ausgeführt”? Danke für die Retroanalysen.

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