Samstag, 29.11.2014

Fortuna Düsseldorf – Hamburger SV 2:0

Düsseldorf mit einer beispielhaften Defensivleistung, nicht durch Kampf, sondern durch harmonische Bewegung in Raum und Zeit.

Wechselwirkungen der jeweiligen Formationen

Die Hamburger starteten in einem 4-2-3-1 als Variante des 4-3-3, in welchem sich Rafael van der Vaart bei eigenem Ballbesitz tiefer orientierte und Bälle suchte, allerdings eine vertikale Rolle einnahm. Damit sollte er im Mittelfeld Überzahlen herstellen und vorne Mittelstürmer Marcus Berg unterstützen können. Dieser lief an vorderster Front auf, während auf den Flügeln Heung Min Song und Maximilian Beister begannen.

Grundformationen zu Spielbeginn

Beide sollten sowohl spielgestalterisch vom Flügel aus agieren, als auch für Torgefahr durch diagonale Läufe sorgen. Desweiteren tauschten sie hin und wieder Positionen, dies waren aber keine Rochaden, sondern Positionswechsel, die nicht während eines Angriffsablaufes stattfanden. Dahinter organisierten Milan Badelj und Tolgay Arslan das Spiel, auf den Flügeln der Viererkette starteten Dennis Diekmeier und Dennis Aogo.

Bei der Fortuna spielten Juanan und Jens Langeneke mit Tobias Levels und Johannes van den Bergh in der Abwehr. Davor besetzten Adam Bodzek und Andreas Lambertz die Doppelsechs, auf den Flügeln sollten Ronny Garbuschweski und Axel Bellinghausen für Offensivgefahr sorgen.

Rein formativ hätte sich hier eine Überzahl für den Hamburger SV ergeben müssen, doch einerseits besetzten die Düsseldorfer Spieler viele Räume, andererseits wurde von Mittelstürmer Robbie Kruse gelegentlich im Mittelfeld – offensiv wie defensiv – geholfen. Alles in allem hatten die Hamburger zwar mehr vom Ballbesitz, aber nicht mehr vom Raum. Dies lag auch an der Düsseldorfer Art zu verteidigen.

Das Düsseldorfer Defensivspiel

In der Anfangsphase gab es noch viel Hin und Her und eine Überlegenheit für den Hamburger SV, doch dies legte sich. Zu Beginn spielten beide Mannschaften schnell nach vorne und waren nur mittelmäßig im Umschaltspiel, ob defensiv oder offensiv. Dadurch waren oft weite Räume und Löcher frei, die zu noch schnellerem Spiel, aber Unterzahlangriffen auf beiden Seiten einluden.

Düsseldorf spielte mit zwei Viererketten, wobei die vordere breitere war. Gegen Ende wurde das (öfter) extremer und sah teilweise so aus

In der Defensive gab es aber klare Unterscheide zwischen beiden Mannschaften. Hamburg orientierte sich in einer klassischen mannorientierten Raumdeckung, während die Düsseldorfer eher positionsorientiert spielten. Ihre zwei Viererketten verschoben horizontal und vertikal sehr kompakt im Raum, weswegen die Hamburger, zumindest nach den hastigen Phasen zu Spielbeginn, kaum Zugriff erhielten.

Einige Male versuchten sie es mit schnellen Kombinationen durch die Schnittstellen der ersten Kette, was gut gelang, doch auch diese Angriffe mündeten letztlich in Ballverlusten. Die Düsseldorfer bewegten sich in der Mitte schnell und gut, wodurch sie die bespielten Räume noch rechtzeitig verschließen konnten.

Dabei hatten sie nicht durch die Bank eine positionsorientierte Raumdeckung, sondern hatten lose Mannorientierungen auf den Außen. Sie behielten die nahen Spieler im Sichtfeld und näherten sich diesen, aber versuchten primär den Pass zu antizipieren oder Bälle zu erobern, als den Gegner Ballannahme zu stören oder Pässe überhaupt zu verhindern. Dadurch hatten sie zwar einige Male die Außen und die Halbräume geöffnet, alles in allem klappte dies aber relativ gut.

Der HSV wirkte zwar gut, wenn er sich traute zu kombinieren und zu bewegen, weil sie Zwischenräume über eine Zwischenstation auf den Außen infiltrierten, doch im Normalfall konnten die Hausherren diese gefährlichen Räume noch einengen.

Desweiteren überzeugten sie durch variable Pressinghöhen. In den wechselhaften Phasen zu Spielbeginn fehlte beiden Teams der Zugriff und es entstand zwangsläufig ein Mittelfeldpressing, doch ansonsten hatte Düsseldorf eher ein passives Angriffspressing, um Hamburg herauszulocken und formierte sich sonst in einem Abwehrpressing. Allerdings erhöhten sie diese Linie mit fortschreitender Spieldauer in der ersten Hälfte, pressten höher und eroberten viele Bälle in der Mitte, besonders durch Lambertz, aber auch Kruse, Bellinghausen und das Verschieben des tieferen Bodzek.

Düsseldorf offensiv

Auch offensiv hatten die Düsseldorfer einige starke Ideen und Auftritte. Lambertz zeigte sich beweglich, ging in die Halbräume oder unterstützte die Spitze, wodurch sie gute Kombinationen fahren konnten. Außerdem bewegten sich die Flügelstürmer viel, um von den gegnerischen Mannorientiertheiten auf den Außen wegzukomen.

Diese Bewegung wollte Hamburg mit einer relativ flexiblen Verteidigungsspielwiese und schnellem Vorgehen kontern, doch sie öffneten immer wieder Lücken und die Raumaufteilung wusste nicht zu gefallen. Nach der Einwechslung von Rincon für den verletzten van der Vaart besserte sich das etwas, doch genau zu Beginn einer besseren Phase und kurz vor der Pause verlor Son in aufgefächerter Formation den Ball im Mittelfeld.

hier sehen wir die durch diese Spielweise verdeckten Zonen. Düsseldorf hatte überall Zugriff auf die Hamburger, stand sehr kompakt und konnte den Raum zwischen den Linien sehr gut verengen. Auf den Außen konnten die Flügelstürmer auch antizipiativ oder prinzipiell einrücken und andere Räume verschließen, was sie im Normalfall richtig taten

Garbuschweski spielte auf Lambertz, der nach vorne mitging und auf Kruse spielte, der letztlich verwandelte. Dabei passte auch die situative lose Mannorientierung: Garbuschweski war aus seiner Position herausgebrochen, hatte antizipiert und den Ball erobert. Mannorientierung keineswegs, aber ein schönes Gespür für den Raum, welches sich durch das Kollektiv zog.

Hamburgs Probleme

Die Probleme der Gäste lagen vorrangig in der Offensive. Sie bewegten sich zwar gut, doch die Außen wurden aus dem Spiel genommen und mussten viele ineffektive Flanken spielen. Gleichzeitig war das spielstarke Zentrum in der Enge der Düsseldorfer gefangen, welche mit ihrem guten Verschieben und Zusammenziehen das Spiel zwischen den Linien nahezu inexistent machten.

Dadurch sahen sich die Kreativspieler Hamburgs immer einem dichten Defensivwall gegenüber und konnten selten über die Mitte angreifen. Die angesprochenen wenigen schönen Kombinationen verschwanden früher oder später im Nichts, was letztlich entweder zu unpräzisen finalen Pässen oder Ballverlusten führte.

Wenig verwunderlich, dass in der ersten Hälfte die drei offensivsten Feldspieler die wenigsten Ballkontakte hatten, Badelj und die Innenverteidiger hingegen die meisten. Die Ballzirkulation passte bis zu einer gewissen Höhe, ab dann fehlte die Anpassung an die gegnerische Spielweise und ein ordentliches Bespielen der Korridore auf den Außen.

Gleichzeitig hatten sie durch intelligentes Herausweichen der gegnerischen Sechser und das gute Zustellen der Außen nur wenig Zeit für strategische Planung von längeren Spielzügen, was ebenfalls für Spieler wie Badelj kontraproduktiv ist.

Düsseldorf verlegt sich aufs Kontern

In der zweiten Spielhälfte verlegten sich die Fortunen stärker aufs Kontern, schoben tiefer und zeigten öfter ihre zwei unterschiedlichen Viererketten. Die erste Abwehrkette stand eng, die zweite Viererkette etwas breiter – positionsorientiert, aber die defensiven Außen mit einem stärkeren (wenn auch situativen), die offensiven Außen mit dem erwähnten losen Mannfokus im Sichtfeld; der Sky-Kommentator sprach von (situativen) „Sechserketten“, wodurch er – abgesehen vom Kettenmechanismus – durchaus Recht hatte.

Diese Unterzahlkonter wurden von Düsseldorf selten zu Ende gespielt, doch sie sorgen für Raumgewinn, neues Aufrücken und konstantes Festpinnen der Hamburger in der Tiefe, welche immer auf die Höhe achten mussten und taktikpsychologische Probleme hatten.

Hamburg reagierte darauf, indem sie Beister und Son wieder öfter die Seiten tauschen und richtigfüßig stehen ließen, um mehr Breite im letzten Drittel gegen die engere Viererkette zu finden, doch damit hatten sie nur mittelmäßig Erfolg. Düsseldorf erhöhte einfach die Mannorientierung der Außenverteidiger und letztlich war es Reisinger mit einem herausragenden, brillanten, wunderbaren Solo, der für die Entscheidung sorgte. Hamburg griff an, kam viel über Halbräume und Außen, war aber letztlich ineffizient und ineffektiv.

Fazit

Keine tolle Partie, doch die Düsseldorfer verschoben sehr interessant und ansehnlich, besonders Lambertz (12.5km Laufdistanz) konnte überzeugen, während Hamburg erst in der zweiten Hälfte auflebte, aber nie für die großen Szenen sorgen konnte. Düsseldorf spielte mit, traf, konterte, traf und igelte sich dann bis zum Schlussende gut ein. Ein verdienter Sieg gegen nicht enttäuschende, aber dennoch eher schwache Hamburger, die mit vielen Flanken (25!) letztlich zu ineffektiv waren, obwohl sie über weite Strecken Ball, aber erst gegen Ende den Raum und das Tempo kontrollierten.

Felix 25. November 2012 um 23:26

Sehr schöne und treffende Analyse! Ich finde auch das die Fortuna in der Offensive viel zu wenig aus seinen Möglichkeiten macht. Das hat man schon häufiger gesehen, dass die Mannschaft teilweise sehr schöne Konter fährt, aber sobald man irgendwie in Führung geht, sich lieber hinten einigelt und jede Offensivaktion einstellt und nicht konsequent zuende führt. Insbesondere gegen Bremen ging das in der zweiten Halbzeit katastrophal schief, weil man da dann noch einen Punkt verschenkte. Wenn pro Spiel mal 3-4 Konter konsequent zuende gespielt werden, würde man sich denke ich um den Abstieg keine Sorgen machen müssen, da die Defensive in der Regel ja relativ gut steht. Aber dadurch, dass die Mannschaft häufig viel zu früh jede Offensive einstellt, hat man schon einige Punkte liegen lassen. Oder was meint ihr?

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Raptor 24. November 2012 um 22:23

Sorry für off Topic: Würde gerne Wissen womit die Grafik mit den verdeckten Zonen gemacht ist? Selbst gebaut? Ein Programm? Kann ich das auch für meine Jugendmannschaft nutzen? Damit lässt sich vieles leichter erklären. Tipps für mich?

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RM 16. Mai 2013 um 00:39

Urgh, jetzt(!) sehe ich das erst. Inkscape heißt das Programm, ist legal kostenlos im Internet zu finden.

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Drehwurm 24. November 2012 um 12:50

Schöne Analyse, mich würde deine Expertensicht zu folgendem Punkt interessieren: Auffällig fand ich auf Düsseldorfer Seite, wie schlecht oder inkonsequent (hängt davon ab, wie man es sieht) sie doch einige gute Kontermöglichkeiten ausgespielt haben. Ist das deiner Meinung nach in mangelnder Fähigkeit oder in taktischer Anweisung, hier auf Sicherheit zu gehen, begründet? Es wurde selten schnell und konsequent nachgerückt, das 1:0 entstand eigentlich aus einem Konter, der nicht sehr vielversprechend aussah, Kruse schoss aus schlechtem Winkel und Bedrängnis, hatte Glück, dass der Ball abgefälscht wurde. Meiner Meinung nach könnte D’dorf mit ihren defensiven Fähigkeiten eine richtig gefährliche Mannschaft werden, sofern sie im Umschalten auf Offensive konsequenter würden.

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RM 24. November 2012 um 13:58

Stimmt schon, sind halt die Unterzahlkonter, habe mal bei einer Analyse das auch genauer gesagt. Man will damit hinten stabil bleiben und gut formiert bleiben, besonders, wenn man schon vorne ist. Kann man darüber natürlich denken, was man will…

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Drehwurm 24. November 2012 um 14:34

OK, also für dich ist das taktisch so beabsichtigt und nicht Ursache mangelnder Fähigkeiten beim Umschalten. Das wollte ich eigentlich nur wissen, kann das oft nicht einschätzen, was wirklich gewollt ist und was den Gegebenheiten geschuldet. Danke für die Antwort

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RM 24. November 2012 um 14:49

Nun ja, es kann ja beides sein – man kann es nicht, will es nicht versuchen und hält die Unterzahlkonter ohnehin für die bessere Variante. Ich denke zwar, dass es “nur” letzteres ist, aber wer weiß das schon so genau.

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blub 24. November 2012 um 11:36

“…durch harmonische Bewegung in Raum und Zeit.”

Voll schön :)

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RM 24. November 2012 um 12:04

danke *kicher* :D

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juwie 23. November 2012 um 23:12

10 Minuten nach Abpfiff? Respekt!

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