Kurz ausgeführt: der Favoritensturz von Norwich

In den letzten vier Spielen kassierte Norwich City nur ein Tor und empfing nun Tabellenführer Manchester United. Sie sollten auch hier überzeugen und ohne Gegentreffer bleiben – in diesem kurz-ausgeführt-Artikel zeigen wir, wie.

United mit Problemen in der Offensive

In jeder analytischen Betrachtung eines Sieges der unterlegenen Mannschaft muss beachtet werden, wo die Ursachen lagen und welche Mängel genutzt wurden. Bei Manchester United gab es mehrere Faktoren, welche sich überaus problematisch wirkten.

Die allgemeinen Probleme (defensive Bindung zwischen Defensive und Offensive, mangelnde Dynamik, mangelnde Kompaktheit bei Kontern) werden wir in einer separaten und auf Englisch erscheinenden Analyse besprechen. In diesem Spiel kamen neben den großen Löchern bei Kontern sowie der mangelnden Dynamik der Doppelsechs zwei große Faktoren zu, welche die Offensive betrafen.

Manchester United begann nämlich nicht im klassischen 4-4-1-1-System, sondern in einer deutlich stärker am 4-4-2 angelehnten Formation. Dabei sollten Robin Van Persie und Javier Hernandez sich zurückfallen lassen, um als Anspielstation für das tiefstehende defensive Mittelfeld zu fungieren und das Mittelfeld überbrücken zu können.

Grundformationen und Aufstellungen zu Spielbeginn

In der Theorie eine sehr gute Idee, welche aber nur vereinzelt funktionierte. Einerseits wurden die beiden sehr gut in den Deckungsschatten genommen, wodurch sie wenige Bälle erhielten. Andererseits war es über weite Strecken Hernandez, der sich besser bewegte und die Bälle erhielt. Seine Bewegung ist hervorragend und sollte auch offensiv Räume öffnen, doch im Kombinationsspiel hatte sie auch Nachteile: Hernandez konnte von seinen ihm gespielten Bällen wenig anfangen, beschränkte sich auf ungenaue Pässe nach hinten oder zur Seite.

Ein weiteres Problem war, dass zu oft versucht wurde, über die Flügel zu kommen. Diese standen breit und wurden von der horizontal kompakten Formation Norwichs isoliert. Lediglich auf rechts entstand Gefahr, weil Rafael durch seine unaufhörlichen Vorstöße Valencia unterstützte und mit ihm ein Pärchen bildete. Dennoch kam trotz einiger Flanken und Kombinationen wenig Zählbares heraus. Sämtliche hohen Bälle wurden abgefangen oder konnten nicht verwertet werden, ebenso wenig wie die langen Bälle von Giggs und Carrick aus der Tiefe.

Norwichs Stärke: Defensives Fehlverhalten wird sofort ausgenutzt

Einen weiteren kritisch zu betrachtenden Umstand im Defensivspiel Uniteds bespielten die Gastgeber hervorragend. United hatte einen starken Mannfokus auf den Gegner, insbesondere von den Innenverteidigern und den Außenverteidigern. Dieser war nicht lose und mit kommunikativem Übergeben, sondern wurde teilweise sehr rigoros ausgeführt. Dabei gab es Situationen, wo Rafael bis weit in die Mitte einrückte oder Ferdinand sich plötzlich im defensiven Mittelfeld wiederfand.

Eigentlich ist dies eine Stärke der United-Angreifer, allen voran Hernandez, doch in diesem Spiel war der Auffälligste in diesem Aspekt aber Norwich-Stürmer Wes Hoolahan. Er bewegte sich hervorragend, öffnete Löcher und suchte gleichzeitig für sich besetzbare Räume, wodurch er zum Bindeglied zwischen den Mannschaftsteilen im offensiven Umschaltspiel wurde.

Immer wieder konnte Chaos in die gegnerische Abwehrreihe bringen, wodurch sein Sturmpartner Räume erhielt. Allerdings hatte auch das Norwicher-Kollektiv einige interessante Bewegungen und Spielzüge in petto.

Norwich nutzte nämlich das gelegentlich zu extreme Verfolgen der gegnerischen Außenverteidiger bei ihren einrückenden Außenstürmer. In weiterer Folge bespielten sie schlicht und einfach die dahinter entstehenden Räume per Rück- und folgendem Diagonalpass des Sechsers. Dabei war auffällig, wie oft (relativ natürlich) Uniteds Flügelstürmer Ashley Young und Antonio Valencia stehen blieben und die Raumdeckung nutzen wollten, um den aufrückenden Außenverteidiger nach hinten zu übergeben. Dies funktionierte aber nicht, die Räume wurden nicht nur überladen, sondern einer der beiden fand sich auch frei vor.

Veränderungen im Spielverlauf

In der zweiten Halbzeit positionierte sich United tiefer und Carrick orientierte sich stärker an Hoolahan. Außerdem verfolgten die Außenstürmer ihre Gegenspieler nicht nur tiefer, sondern positionierten sich auch antizipativ tiefer. Dadurch kam aber die interessante Statistik zustande, dass Norwich nach der 60. Minute trotz Führung so wenig Druck erdulden musste, dass sie mehr Ballbesitz hatten und diese Werte phasenweise auf über 60% trieben.

Sie ließen den Ball zirkulieren und erst in der Schlussphase mussten sie ihn wieder öfter dem Favoriten überlassen, welcher aber nie zwingend wurde. Ein Grund dafür war die Defensivleistung Norwichs, welche aller Ehren wert war.

Nominell spielten sie in einem 4-4-1-1, welches im passiven Angriffspressing (lediglich Anlaufen der Innenverteidiger, aber früh und hoch) zu einem 4-4-2 wurde. Dies verwandelte sich während des gegnerischen Angriffsvortrags zu einem 4-4-1-1. Aus diesem 4-4-1-1 wurde je nach Bedarf ein 4-3-2-1, wo einer der Sechser nach vorne wich, um zu unterstützen, oder ein 4-5-1 mit flacher Fünf.

Mit letzterer Taktik versperrten sie die meisten Räume, konnten in sämtliche Richtungen extrem kompakt agieren, ohne die Breite zu vernachlässigen und dennoch schnell kontern. Dagegen fand United trotz Einwechslungen kein Rezept und verlor letztlich verdient mit 1:0.

GH 18. November 2012 um 00:19

Wo kann man die englische Analyse finden?

Antworten

datschge 18. November 2012 um 03:38

Würde mich auch interessieren. Finde es toll, dass die Autoren jetzt auch das englischsprachige Publikum ins Visier nehmen. ^^

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RM 18. November 2012 um 09:36

die kommt vermutlich morgen oder übermorgen hier auf SV online.

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