Hannover 96 – SC Freiburg 1:2

In dieser Partie wartete Mirko Slomka mit einer formativen Überraschung auf.

Die Hausherren wichen von ihrem 4-4-2-System ab und spielten mit einer Rautenformation, welche aber über lange Zeit ineffektiv war. Freiburg kontrollierte das Geschehen und das Spiel eindeutig, weswegen wir uns der großen Frage widmen wollen:

Hannovers Raute – wieso?

Ein wichtiger Aspekt war, dass die Hannoveraner keineswegs viel am Spielermaterial und der Aufstellung veränderten, sondern sich wirklich rein auf die formative Umstellung konzentrierten. Die eigentlichen Flügelstürmer Lars Stindl und Szabolcs Huszti begannen auf den Halbpositionen und sollten dadurch schneller und einfacher die Bindung zueinander bei Kontern erhalten.

Grundformationen zu Spielbeginn

Es ist einer der Schlüsselaspekte im Spiel Hannovers, dass sie defensiv sicher stehen und sich die Offensive im offensiven Umschaltmoment frei bewegen kann. Dabei bewegen sie sich zueinander hin, können miteinander kombinieren und befreien sich durch die vielen inversen und diagonalen Bewegungen von ihren Gegenspielern.

Dies bedeutet, dass sie diese eigentlichen Unterzahlkonter umgehen: sie öffnen Räume auf den Außen für aufrückende Außenverteidiger und sie überladen Räume, wodurch sie situativ nicht in Überzahl sind, wozu auch noch der Geschwindigkeitsvorteil kommt.

Mit der Raute wollte man diese Enge wohl schneller erzeugen, den Gegner im Zentrum besser unter Druck und dadurch stärker über die Außen zwingen. Im Idealfall müssten diese ihre Formation noch weiter auffächern, was die Konter Hannovers verbessert hätte. Gleichzeitig gibt es immer das Risiko, dass es über die Außen zu Flanken kommt sowie die Halbspieler ihre offensiven Aufgaben wegen ihrer defensiven Verantwortungen nicht ausüben können – oder vice versa.

Freiburgs Spielweise

Freiburg ging dagegen mit viel Variabilität und Flexibilität vor. Die offenen Außen wurden gut bespielt, aber nicht gezwungen forciert. Stattdessen spielten sie die Bälle unter Bedrängnis wieder nach hinten und bauten neue Angriffe auf. Damit arbeiteten sie sich Stück für Stück nach vorne und Hannover erhielt kaum Zugriff. Durch die mangelnden Balleroberungen in der Mitte taten diese sich schwer, ihre diagonalen Konter und kombinierenden Spielzüge zu fahren.

Halbraumbespielung: der AV hat den Raum offen, ist aber strategisch ungünstig. Er spielt nach hinten, Rosenthal antizipiert das. Ist Schuster schneller, als die Raute (bzw. Schulz) verschiebt, kann man innerhalb des gegnerischen RAV kommen.

Die Statistik zeigt das auch ganz gut: Freiburg hatte 54% Ballkontakte, mehr Pässe, aber sogar sechs Flanken weniger (laut whoscored.com). Die Gäste konzentrierten sich darauf, ihre Hereingaben effektiv zu machen oder zu verhindern, wobei sie verstärkt über links kamen. Auch hier gab es ein nettes Zahlenspiel, denn 44% Angriffe über links resultierten in Hannovers 52% Angriffen über rechts (trotz bzw. wegen Huszti auf links), die vorrangig als Konter gespielt wurden.

Neben dieser sicheren Spielweise, die phasenweise für Ballbesitzwerte jenseits der 60% sorgte, gab es eine hervorragende Bewegung der Spieler, die sich von ihren Positionen wegbewegten, um die Ballzirkulation aufrechtzuerhalten. Es gab ausreichend Anspielstationen, wobei zwei Akteure hierbei besonders hervorzuheben sind.

Die doppelte bewegliche Neun

Als Mittelstürmer begannen im 4-4-2 der Freiburger Jan Rosenthal und Max Kruse. Beides sind eigentlich eher offensive Mittelfeldspieler und hängende Stürmer, die auch schon auf den Flügeln zum Einsatz kamen, doch in diesem Spiel bildeten sie das Sturmduo. Christian Streich wollte dabei deren einstudierten Bewegungen nutzen, um das eigene Offensivspiel variabel zu halten.

Dies geschah besonders durch konstantes Fallen-lassen in offene Räume, welche die gegnerische Kompaktheit schwieriger gestalteten, als für die Hannoveraner sonst üblich. Im Normalfall verschließen sie im 4-4-1-1-System den Raum zwischen den Linien und sorgen dafür, dass der Gegner den Ball ohne Raumgewinn zirkulieren lässt. Sobald er einen Fehler macht, beginnt die Bewegung im offensiven Umschaltmoment und der Konter läuft.

Die Freiburger wussten hierbei aber zwei Vorteile auf ihrer Seite: einerseits waren die Hannover in ihrer Raute anfälliger, sperrten die Außen weniger zu und kleinere Fehler bei Ballannahmen waren nicht ganz so gefährlich, wie sonst; andererseits bewegten sich die beiden Mittelstürmer hervorragend in anspielbereite Positionen. Das bedeutet, dass sie die Halbräume besetzten, wenn die Halbspieler der gegnerischen Raute gezwungenermaßen auf die Seiten schieben mussten.

Dadurch hatte Freiburg eine hohe Bewegung und Raumgewinne, welche letztlich in kurzen Pässen auf die Außen starteten. Damit bewegten die Freiburger das Spiel von den Außen in die Halbräume und wieder zurück, was die Defensivarbeit für die Gastgeber komplexer werden ließ. Doch auch defensiv wussten die Freiburger zu überzeugen.

Mannorientierungen und Angriffspressing

Ein wichtiger Aspekt waren die vielen losen Mannorientierungen, welche dafür sorgten, dass die Gegner im Aufbauspiel schnell attackiert werden konnten. Neben diesen Mannorientierungen, welche in der Abwehr und auf den Seiten etwas verschärfter waren, spielten die Freiburger auch mit einem variablen Pressing. Dieses wurde aber bei Möglichkeit bereits weit in der gegnerischen Spielhälfte aufgezogen und lediglich der gegnerische Torhüter war davon ausgenommen.

Mit diesem Angriffspressing haben sie letztlich auch den Siegtreffer erzielt, als Rosenthal Haggui den Ball abnahm und somit das Tor indirekt vorbereitete. Besonders gut zu sehen war, wie Freiburg sich kollektiv geschlossen und intelligent nach vorne bewegte – Hannover wurde in ihrer eigenen Hälfte eingeschlossen und stand ausnehmend tief. Ein Umstand, der sich erst gegen Spielende verändern sollte.

Bis zur Schlussphase waren sie vorrangig über Jan Schlaudraff aktiv, welcher seine Rolle als Zehner beweglich und raumfüllend ausübte. Er hatte dabei von der Rollenverteilung jene Aufgabe, die sonst die Flügelstürmer übernahmen: er kümmerte sich um den Angriffsvortrag im offensiven Umschaltmoment und die Bindung der einzelnen Spieler zueinander.

Hannover 96 in der Endphase

Darum war er teilweise von Defensivaufgaben befreit und zockte, wodurch er die Räume hinter den aufrückenden Außenverteidiger oder des box-to-box-spielenden Cedric Makiadi besetzen konnte. Die meisten Angriffe nach vorne kamen über Schlaudraff, welcher dann seine Technik zur Ballbehauptung und –verteilung nutzte.

Mirko Slomkas Wechsel

Gegen Ende der Schlussphase war es letztlich nicht mehr nur Schlaudraff, der konstant Druck erzeugte, sondern das gesamte Kollektiv der Hausherren. Dieses wurde nach einigen sehr offensiven Wechseln Slomkas erzeugt, wo die gesamte Offensivabteilung verändert wurde.

Mame Biram Diouf und der eingewechselte Artur Sobiech bildeten das Sturmduo, über die Flügel kamen Szabolcs Huszti und Edeljoker Didier Ya Konan. Zusätzlich sorgte Sergio Pinto, der in der Halbzeit kam, für etwas mehr Vertikalität aus der Tiefe heraus, er war der alleinige Sechser in diesem 4-1-3-2-System.

Wegen der Führung sowie der Überzahl Hannovers im letzten Spielfelddrittel spielten die Freiburger nun tiefer und mussten einige Chancen zulassen. Sie versuchten sich zu befreien und wieder höher zu positionieren, doch gegen Ende des Spiels beschränkten sie sich großteils auf Konter. Kein Wunder und kein Vorwurf, immerhin offenbarte das 4-1-3-2-System große Lücken im zweiten und letzten Drittel, was für weitere Chancen Freiburgs sorgte. Einen Ausgleich konnten die Gastgeber nicht erzielen, während die Gäste mit der Entscheidung bis zum Schlusspfiff warten mussten.

Fazit

Eine sehr überzeugende Partie der Freiburger und mangelnde Eingespieltheit der Hannoveraner in diesem System. Mit der Raute stießen sie an ihre Grenzen, gegen Ende wurden sie aber noch sehr gefährlich. Mit etwas mehr Konstanz hätten sie sich ein Unentschieden verdient gehabt, so aber gab die gute Anfangsphase der Freiburger, ihre offensive Ausrichtung auf fremden Platz und die Vielzahl ihrer (vergebenen) Chancen den Ausschlag.

Wie Schach nur ohne Würfel 18. November 2012 um 15:49

Schöne Analyse. Danke dafür. Eine negative Anmerkung muss ich aber leider loswerden: Ich bin i.d.R. nicht anspruchsvoll was den Schreibstiel bei Sportjournalismus betrifft, aber sieben Mal „welche(r)“ in einem Artikel zu verwenden mindert das Lesevergnügen imho erheblich. Das gilt im übrigen auch für andere Artikel auf dieser Seite.

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HSV 17. November 2012 um 21:36

Danke für die gute und schnelle Analyse, allerdings muss ich dir in einem Punkt wiedersprechen. Ich habe Schlaudraff heute nicht als den Spielgestalter und Schlüsselspieler, als den er auch allgemein in den Medien dargestellt wird, gesehen. Ich denke er hat heute das Spiel zugunsten Freiburgs, aufgrund von fehlender mentaler Einstellung, entschieden. Er hat (wie fast immer in dieser Saison) keine Zweikämpfe gewonnen bzw. angenommen und nicht mit nachhinten mitgeholfen und wenn nur Alibi-mäßig, sodass große Lücken auf der 6 entstanden sind. Da er auch als 10ner und nicht als 2. stürmer aufgelaufen ist und somit immer 3 Spieler an der Mittellinie standen und man nur mit 7 bzw. 8 Spielern(mit Zieler) verteidigt hat. Dadurch hat Freiburg leichtes Spiel gehabt. Auch bei Kontern war Schlaudraff aus meiner Sicht nicht eingebunden. Er hat zwar 2 oder 3 gute Pässe gespielt hat aber nie wirklich Tempo aufgenommen, meistens sogar verringert und somit auch nicht Hannover bei Kontern geholfen. Man könnte fast sagen, Hannover hätte mit 10 Mann gespielt. Er hätte spätestens zur 2. Halbzeit ausgewechselt werden müssen, sodass Hannover Zugriff auf das Spiel bekommen hätte. Der 2. Aspekt der mir heute unverständlich erschien ist: Wie kann Slomka auf Raute umstellen. Heute war aus Hannoveraner Sicht (mit dem Anspruch international zu Spielen) ein Sieg Pflicht. Da spiele ich doch nicht auf Teufel komm raus nach vorne, sondern versuche erstmal Stabilität und Sicherheit zu gewinnen und spiele mit doppel 6. Hannover hat ja grundsätzlich dieses Jahr eine wackelige Abwehr. (20 Gegentore) Sprichwörtlich werden die Spiele ja auch in der Defensive gewonnen. Wenn das Ergebnis zum Schluss immer noch nicht passt kann man ja noch auf Raute umstellen, um mehr offensive Durchschlagskraft zu bekommen.(wie gegen Stuttgart) Aber Freiburg hat das auch richtig gut heute gemacht und haben sich den Sieg verdient. Mit ein bisschen mehr Cleverness im Abschluss hätten sie heute auch 5 Tore erzielen können.

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