Pescara – Juventus Turin 1:6

Juventus‘ Vendetta nach der ersten Niederlage seit 49 Spielen fiel Pescara zum Opfer.

Wechselwirkungen der jeweiligen Formationen

Die alte Dame begann in ihrem etablierten 3-5-2-System, in welchem Andrea Pirlo sich als tiefstehender Spielmacher zentral im Mittelfeld bewegte. Abgesichert wurde die Offensive von der Dreierkette bestehend aus Andrea Barzagli, Leonardo Bonucci und Giorgio Chiellini. Barzagli und Chiellini orientierten sich stark mannorientiert an den gegnerischen Stürmer und bedrängten diese bei Kopfbällen oder Ballverarbeitungen auf dem Boden, während Bonucci absicherte.

Grundformationen zu Spielbeginn

Die Halbpositionen im Mittelfeld bekleideten Arturo Vidal und Claudio Marchisio, welche einerseits Pirlo bei Bedarf unterstützten, andererseits aber enorm vertikal und offensiv ausgerichtet waren. Immer wieder überluden sie die Halbräume oder postierten sich gar als Stürmer, wodurch sich die beiden nominellen Angreifer Fabio Quagliarella und Sebastian Giovinco freier bewegen konnten.

Die Flügelverteidiger Mauricio Isla und Kwadwo Asamoah spielten sehr offensiv, brachten Breite ins Spiel und unterstützten die Abwehr in der Defensivarbeit. Auch Gastgeber Pescara spielte in einer 3-5-2-Formation, welche wir uns näher ansehen wollen.

Pescaras Matchplan

Die Spielweise von der Heimmannschaft war keineswegs ein Fehlgriff, sondern funktionierte aus unterschiedlichen Gründen nicht. Um diese zu verstehen, sehen wir uns aber zuerst einmal ihre Grundausrichtung an. Aus Pescaras 3-5-2 wurde in der Defensive eigentlich ein sehr klares 5-3-2, in welchem die Außenverteidiger isoliert und breit standen, während die drei Innenverteidiger sich eng und sehr zentral positionierten.

Aus diesem 5-3-2 heraus pressten sie auch im Normalfall, sie wollten damit für Stabilität sorgen und hinten durchgehend Überzahl besitzen. Um das Pressing aber gelegentlich zu intensiveren, rückte hin und wieder einer der seitlichen Sechser mit nach vorne und half den beiden Stürmern. Die Sechser hatten aber nicht nur diese offensivvertikale Aufgabe, sondern auch eine defensive, denn sie postierten sich immer wieder eng vor der Fünferkette und wollten die Innenverteidiger unterstützen.

Diese Verteidiger spielten übrigens eine schön anzusehende zonenorientierte Manndeckung, in welcher sie Quagliarella und Giovinco sehr eng manndeckten, außerhalb der Zonen aber in Ruhe ließen. Probleme gab es dabei natürlich beim Übergeben, denn sowohl Quagliarealla als auch Giovinco sind bewegliche und spielstarke Akteure, die diesen eigentlich spärlichen Platz hervorragend nutzten.

Pescaras Probleme

Ein sehr großes Problem war das Pressing der Gastgeber. Zu zweit hatten die beiden Stürmer gegen eine Dreierkette sowie den tiefen Pirlo keine Chance. Entweder der Ball ging auf die Außen und wurde dann über die Halbpositionen ins Mittelfeld und zurück zu Pirlo gebracht oder Bonucci schob den Ball direkt zwischen den beiden Angreifern zu Pirlo durch.

in Italien führen nicht alle Wege nach Rom, sondern zu Pirlo. Zum Leidwesen Pescaras, welche die grünen Räume frei lassen mussten und dadurch auch ungenaue Pässe erlaubten

Der Pressingwall der vorderen Zwei war somit absolut ineffektiv und hinten machten die drei Mittelfeldspieler nur mittelmäßig Druck, weil sie wenig Zugriff auf die schnell passenden Italiener erhielten. Desweiteren standen sie zu weit weg von den eigenen Stürmern, wodurch Juventus viele Räume hatte und dann strategisch intelligent in die Enge im letzten Spielfelddrittel spielen konnte.

Hier zeigte sich auch, dass eine hohe Defensivkompaktheit eine mangelnde Offensivkompaktheit – zumindest gegen Topmannschaften – nicht aufwiegen kann. Stattdessen nutzte Juventus die zwangsläufig entstehende Passivität und bewegte sich intelligent. Mehrmals konnte Giovinco in der Enge auf ihn gespielte Bälle tropfen lassen. Diese abgetropften Bälle erhielt er dann zurück, indem er seinen geringen Schwerpunkt für schnelle Drehungen um seinen Mann nutzte.

Seine Dribbelstärke und Pressingresistenz tat dann ihren Rest, selten erhielten die Hausherren in den Zweikämpfen wirklichen Zugriff auf den Mittelstürmer von Juventus. Hinzu kommt natürlich Quagliarella, welcher sich ebenfalls am Kombinationsspiel beteiligte und mit diesen beiden Stürmern hatte Juventus zwischen den Linien immer fähige Kombinationspartner.

Pescara ging dagegen ohne die notwendige Aggressivität und die Dynamik vor, welche durch die mangelnde kollektive Kompaktheit und die gute Bewegung der Mittelfeldspieler der Turiner entstand. Nach dem Rückstand erhöhte Pescara kurzzeitig die Manndeckungsintensität, was sofort beendet wurde, als Juventus‘ Offensivspieler richtig reagierten – mit kurzzeitig erhöhter Flexibilität und Fluidität.

Unterschiedliche „Dreierketten“spielweisen

Wie schon erwähnt würde ich die Anordnung der Hausherren eher als 5-3-2 deklarieren, obwohl sie in der Offensive zumeist beide gleichzeitig aufrückten und sich somit klar als Flügelverteidiger sahen. In gewisser Weise kann man daraus den Unterschied zwischen den beiden Mannschaften bezüglich ihrer Spielweise in der Abwehr ableiten.

Bei Juventus lassen sich die Flügelverteidiger intelligent fallen: der ballnahe Außen attackiert hoch und bleibt im Mittelfeld, kann bei Ballgewinnen auch sofort umschalten. Der ballferne Außen hingegen lässt sich auf eine Linie mit den Innenverteidigern und somit nach hinten fallen. Daraus entsteht eine situative Viererkette, welche dabei hilft, dass die Innenverteidiger hervorragend ballseitig verschieben können, ohne dass ballfern große Lücken offen werden.

Im Gegensatz dazu stand bei Pescara die Spielweise der „Flügelverteidiger“, welche im Normalfall beide auf einer Linie mit den drei Innenverteidigern agierten. Sie waren somit nicht nur als Fünferkette organisiert (wie es ja auch bei Juventus der Fall ist), sondern spielten auch als Fünferlinie und hatten geringere Abstände in der Kette. Das sollte Lochpässe verhindern sowie die Mannorientierung der Innenverteidiger bei der erwarteten tiefen kollektiven Positionierung ausgleichen.

Bei Juventus hingegen war das Auffälligste, dass sich der ballferne Akteur weit fallen ließ, wenn die beiden Innenverteidiger aufrückten. Dadurch entstand eine enorm breite Zweierkette, die einen relativ einfachen Sinn hatte.

geometrisch schöner heißt nicht besser! Juve hatte mehr Druck auf den Ball, ihre Spielweise ist zu bevorzugen

Wenn sich der Stürmer aus der Manndeckung befreite, konnte er im Normalfall nur einen schnellen Pass spielen, der naturgemäß nach vorne in den freien Raum ginge. Dabei konnten die beiden tieferen Akteure sofort Richtung Ball gehen und den Stürmer stellen.

Juventus Pressing

Der entscheidende Faktor – neben den Problemen bei Pescara – war die starke Arbeit gegen den Ball bei Juventus. Ob gutes Rückwärtspressing der Mittelstürmer oder ein kollektiv akzeptables Gegenpressing: Juventus überzeugte in allen Aspekten, auch wenn sie in den Bereichen nicht zu der Weltspitze gehören.

Dennoch konnten sie durch das Rückwärtspressing einige Konter abfangen sowie durch das Gegenpressing den Gegner am Aufrücken hindern. Wichtig dafür war einmal mehr Giovinco, der diese Bälle aus dem Gegenpressing oftmals erhielt und sie dann sofort mit seiner Dribbelstärke gegen die Enge des Gegners behauptete.

Dank des hervorragenden Zurückfallens waren sie auch selten lange außerhalb ihrer Ordnung und konnten damit einige Konter ins Leere laufen lassen. Interessant war dabei, wie offensiv Pirlo seine Rolle interpretierte, denn er rückte oftmals vertikal auf und stand merklich höher, als Marchisio und Vidal. Diese Pressingrolle Pirlos sorgte für ein situatives und kompaktes 3-4-3-Pressing, welches Pescara vor große Probleme stellte.

Fazit: verfälschte Statistiken

Nach einem so deutlichen Sieg ist jegliches Fazit – auch dank des Absatzes zu den Problemen Pescaras – überflüssig. Stattdessen verweisen wir auf die Statistik, welche für den neutralen Zuseher überraschend von 19:24 Torabschlüssen spricht. Fünf Torschüsse Unterschied, aber nur ein erzieltes Tor im Vergleich mit den gegnerischen Sechs?

Fakt ist, dass Pescara zwar eine in der Theorie sinnige Idee hatte, diese aber nur schwach umsetzte. Im Gegensatz zu beispielsweise Rayo Vallecano gegen Barcelona ließen die Aufsteiger in die Serie A von Anfang an viele qualitativ hochwertige Torchancen zu und wurden erst nach dem Rückstand – kontextbedingt – gefährlicher. Bei Rayo war das ganz anders, weswegen ich eine Liste der Torchancen in der ersten Hälfte verfasst habe.

Diese ist stichwortartig und womöglich aufgrund der Geschwindigkeit beim Schauen des Spiels mit einigen Fehlern wiedergegeben, weswegen sie von angehenden Deutschlehrern übersprungen werden sollte. Für alle Interessierten kann man hier einerseits die Chancenverteilung und die Chancenart der ersten Hälfte erkennen sowie den Spielverlauf nachvollziehen.

Abschlüsse Juventus in der ersten Hälfte (21 Minuten:13 Minuten Ballbesitz bei 34 Minuten effektiver Spielzeit):

1: Giovinco aus Distanz und (sehr leichter) Bedrängnis von drei Leuten, aber gut und gefährlich
2: miserabel! langer Ball Pirlos auf Asamoah, der „passt“ den Ball zum gegnerischen Torhüter
3: Ball aus Distanz; knapp, aber ohne Kraft; von Giovinco
4: Weitschuss Marchisio nach Ecke Giovinco, hoch über das Tor
5: langer Ball Pirlo (nur sein Bart ist schöner als seine Pässe), Kopfballunterbrechung durch Pescara-Spieler, Asamoah nimmt Abpraller direkt, weit vorbei.
6: 1:0 in Minute 8(!, man beachte die Chancenzahl). Gegenpressing von Juve durch drei Mann (Quagliarella, Giovinco, Pirlo), es folgt ein Fehlpass auf den vierten Mann (Vidal), dieser spielt nach vorne, dort kommt Ball auf Giovinco und Quagliarella öffnet den Weg mit einem diagonalen Lauf für Vidal, Pirlo blieb stehen
7: Juve kombiniert in der Enge schnell, Quagliarella dreht sich am 16er und schießt ab, knapp vorbei und relativ gefährlich, Torhüter wäre aber dran gewesen (11. Minute)
8: abgeblockter Schuss Pirlos aus der Distanz in der 21. Minute
9: 2:0, 22. Minute, Giovinco auf Rechtsaußen, Pescara muss verschieben, Pass auf freien Quagliarella, der aus schlechter Position sehr präzise verwandelt
10: Einwurf von Juve, bei Pescara attackieren zwei Leute, zu langsam und zu raumöffnend, Juventus kombiniert sich herein, Quagliarella erhält den Ball und mit einem absurden Pass per Ferse nach hinten und in die Luft spielt er den Ball zwischen zwei Mann durch (unglaublich) und Asamoah nimmt diesen Ball alleinstehend am Fünfmeterraum per Fallrückzieher. 3:1
11: langer Ball von Isla hinter die nun etwas höhere Kette auf Quagliarella, der ihn unglaublich gut abtötet/“stoppt“ und mitnimmt, dann aber mit links weit vorbei schießt
12: abgeblockter Distanzschuss, 30m diagonal weg vom Tor und flach
13: typische Juventuskombination: Isla spielt auf den hängenden Giovinco, der lässt durch und dreht sich um seinen Gegenspieler, Quagliarella lässt prallen und Giovinco schließt schlecht ab
14: langer Ball in den Strafraum, Pescara-Spieler köpft ihn auf Giovinco halblinks vorm Sechzehner. Dieser spielt einen Doppelpass mit Quagliarella, der ihn dem sofort startenden Giovinco in den Lauf lupft und dieser direkt abschließt, 4:1, traumhafte Kombination
15: Konter von Juventus, der auf Quagliarella kommt, der dribbelt im Stand kurz und schließt aus der Distanz ab, der Schuss wird geblockt
16: geblockter Schuss aus 22m
17: Marchisio erobert im Gegenpressing den Ball, schließt schnell, aber schwach, ab
18: Vidal mit einem sehr starken langen Pass über 40 Meter in den Lauf von Quagliarella, der sehr gut abschließt

Abschlüsse Pescara in der ersten Hälfte:

1: sehr schwacher Abschluss neben das Tor aus der Distanz von circa 25m in der 19. Minute, 2gg3-Situation; entstanden durch Fehler im Aufbauspiel (riskanter Pass, 50:50-Ball, springt gleich zu Stürmern)
2: 24. Minute: Freistoß an den Pfosten
3: eine Minute später in Folge eines Freistoßes eine Flanke und ein Tor
4: Minute 27, guter Schuss nach Ecke
5: Hereingabe von Außen, Kopfball von circa zehn Metern, ungefährlich
6: von der Mauer übers Tor gelenkter Freistoß, daraus ->
7: Ecke, wo Buffon schwach herauskommt, weswegen Marchisio spektakulär und dramatisch auf der Linie rettet

DK 15. November 2012 um 13:12

Hallo,da ich Juventus Spiele nur in der Champions League verfolgen kann,habe ich eine Frage zu Juves 3er Kette und speziell zu Bonucci. Ihr schreibt am Anfang dass sich Chiellini und Barzagli mannorientiert orientieren und Bonucci absicherte. Ist Bonucci demnach eine Art freier Mann bzw. Libero oder war das nur in dem Spiel zu beobachten?
Vielen Dank

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Maenix 13. November 2012 um 11:09

Interessant wäre noch, ob Isla oder Lichtsteiner besser in das aktuelle Juve-Spiel passen.

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