Valencia CF – Atlético Madrid 2:0

Atléticos beeindruckende Serie endete gegen Valencia. In einer engen Partie gewann Valencia durch einen frühen Treffer und den Wechsel des Momentums ein Spiel gegen die spanische Mannschaft der Stunde.

Wechselwirkungen der jeweiligen Formationen

Formativ gesehen spielten beide Mannschaften relativ ähnlich – ein zentraler Akteur hinter dem Mittelstürmer, zwei Flügelstürmer mit einer Asymmetrie auf links sowie einer Doppelsechs dahinter. Das System Valencias glich aber stärker einem 4-4-1-1 als einem 4-2-3-1. Mit Jonas hinter Roberto Soldado hatten sie einen beweglichen hängenden Stürmer, während Soldado sich ganz vorne als Wandspieler und Lückensucher positionierte.

Grundformationen zu Beginn

Auf den Flügeln spielte Andrés Guardado als Breiten- und Flankengeber, der mit seiner Dynamik und Dribbelfähigkeiten bis zur Grundlinie durchbrechen können sollte. Sein Gegenüber war Sofian Feghouli, welcher für die Unterstützung des Mittelfelds als Anspielstation unter Bedrängnis und für das Umschalten in die Spitze verantwortlich war.

Weitere Ballzirkulatoren fanden sich auf der Doppelsechs, nämlich Tino Costa und Fernando Gago.  Zusätzlich gab es aus der Abwehrkette noch offensive Impulse: Adil Rami für das Aufbauspiel und die beiden Außenverteidiger als Breitengeber im zweiten Drittel.

Atléticos Außenverteidiger wurden erst mit fortschreitender Spieldauer offensiver. Sowohl Juanfran als auch Filipe Luis zeigten sich am Anfang zwar involviert ins Kombinationsspiel im zweiten Drittel, doch selten schoben sie ins letzte Drittel hinein und somit fungierten sie hauptsächlich als Breitengeber.

Für die Offensive waren andere verantwortlich, insbesondere die offensiven Flügelspieler. Der verkappte Stürmer Adrian und der verkappte Spielgestalter Arda Turan sollten unterschiedliche Dynamiken auf den Seiten erzeugen, während sie von Falcao und Emre im Zentrum unterstützt wurden. Mit dem mitaufrückenden Gabi und Tiago auf der Doppelsechs hatten sie Anspielstationen nach hinten, doch wirklich auffällig war nur einer: Falcao.

Emre fand sich im engen Raum um Costa und Gago nicht zurecht, er kam selten in den Raum zwischen den Linien und blieb bis zu seiner Auswechslung blass. Deswegen musste auch Falcao mehr Aufgaben übernehmen, doch hatte es dabei außerordentlich schwer.

Die Rolle von Falcao und die Spielweise gegen ihn

In gewisser Weise hatte Falcao eine Rolle als fluide Neun. Er verließ das Sturmzentrum oft, um sich in den Halbräumen als Anspielstation anzubieten. Seine Aufgabe war es, Bälle unter Bedrängnis und in Unterzahl zu behaupten, bis das Kollektiv aufgerückt war.

Dies ist ein wichtiger Baustein im Spiel Atléticos, welche mit Geschwindigkeit aus der Tiefe kommen. Während die Flügelstürmer Geschwindigkeit aufnehmen, hält Falcao den Ball und lässt ihn dann tropfen. Er dreht sich dann in den Rücken seines Gegenspielers und bewegt sich wieder Richtung Strafraum.

Eine solche Spielweise ist hauptsächlich mit einem Stürmertypen wie Falcao möglich. Er ist in der Luft trotz seiner relativ geringen Größe so enorm durchsetzungsfähig, dass er die Befreiungsschläge aus der Abwehr annehmen kann. Seine Technik ermöglicht ihm eine sichere Verarbeitung, eine Ballbehauptung unter Bedrängnis und präzise Pässe auf die Flügelstürmer.

Dazu kommt seine Dynamik und sein Torriecher, mit dem er sich trotz des Geschwindigkeitnachteils, den er mit seinem Gegenspieler bei diesen vertikalen Vorstößen Atléticos teilt, noch rechtzeitig und gefährlich im Strafraum positionieren kann. Kopfball und Abschlussstärke helfen dem wohl aktuell effizientesten Stürmer in der Chancenauswertung und seiner Mannschaft bei ihrer Konterspielweise.

Gegen Valencia war dies jedoch nicht der Fall. Dies lag daran, dass Valencia am Ball ausreichend stark war, um Atlético durchgehend in ihrem tiefen Abwehrpressing gefangen zu halten und intelligent genug war, um nicht zu große Löcher zu offenbaren. Außerdem stellten sie eine aggressive Mannorientierung der Innenverteidiger auf Falcao, welche ihn verfolgten und bedrängten.

Falcao wird verfolgt – das Bild stammt von laola1.tv, welche uns die Bilder freundlicherweise zur Verfügung stellen

Dadurch konnte er sich nicht drehen und tat sich auch bei den Kombinationen schwer, was das gesamte Offensivspiel Atléticos neutralisierte. Weil Emre abgemeldet war und die Außenstürmer weit hinten aushalfen, gab es keine schnellen Konter in die Spitze, was Valencia kaum aus ihrer eigenen Hälfte ließ. Ihr Abwehrpressing wurde so zur eigenen Falle.

Passives Abwehrpressing von Atlético

Interessant war, wie tief sich Atlético ohne Not und Zwang positionierte. In Ballbesitz rückten sie zwar auf, wenn sie es schafften (sh. obiger Absatz), doch nach Ballverlust gab es in der ersten Spielhälfte kein Gegenpressing, sondern ein schnelles Zurückkehren auf die Positionen. Weil sie dabei auch den Ball maximal „im Vorbeilaufen“ erobern wollten, kann man es nicht einmal ein Rückwärtspressing nennen; im Normalfall war es schlicht ein Sprint auf die Grundposition in der Formation.

Die Grundidee dahinter ist natürlich, dass die Stabilität und die Defensivanordnung möglichst schnell wieder gegeben ist. Man positioniert sich tief in einem 4-4-1-1, verschiebt positionsorientiert und presst mannschaftsteilabhängig. Der Gegner wird ab der Mittellinie lose angelaufen und erst im letzten Spielfelddrittel aggressiv und stark mannorientiert attackiert.

Abwehrpressing im 4-4-1-1. Problematisch ist dann das Aufrücken von defenisven Spielern, wenn sie sich trauen – so wie Rami, der dann auf Soldado spielte

Defensiv ist dies eine sichere und vielversprechende Spielweise, doch das Problem wurde beim 1:0-Treffer erkennbar. Der gegnerische Innenverteidiger Rami rückte auf und schlug einen präzisen Ball hinter die Abwehrreihe. Natürlich ist hier etwas Glück und viel Können gefragt: kommt der Ball nicht perfekt, kann Soldado ihn nicht direkt nehmen. Nimmt er ihn nicht direkt, hat er es schon bei der Ballbehauptung schwer.

Sogar eine Sekunde später wäre es schon vorbei gewesen, weil Soldado nur dank eines guten antizipativen Laufes und einer sehr knappen Stellung an der Abseitslinie überhaupt diesen kleinen Vorteil für kurze Zeit sein Eigen nennen durfte; sein Gegenspieler hatte ihn beim Abschluss beinahe wieder eingeholt. Doch dieses Tor veränderte letztlich das gesamte Spiel.

Valencia überlässt das Feld, kopiert den Gegner und korrigiert dessen Fehler

Nach der Führung zogen sich die Valencianer zurück. Nun lag es an Atlético aufzurücken und Räume zu gewähren, obwohl sie damit einige Probleme hatten. Valencia kopierte auch die Spielweise Atléticos – tiefere Anordnung, loses Anlaufen in Gegners Hälfte und weite Bälle zum Konter. Allerdings hatten sie jene Mängel, welche sie bei den Gegnern ausgemacht hatten, selbst nicht zeigen wollen.

Sie spielten nicht nur rein im Abwehrpressing, sondern sehr aggressiv in einem tiefen Mittelfeldpressing. Dies intensivierte die Partie und verhinderte einfache Vorstöße von Atlético. Die Angriffsbemühungen wurden frühzeitig unterbunden und Valencia spielte in eigenem Ballbesitz sehr ruhig. Wenn möglich, wurden Konter gefahren, wenn nötig, gab es Befreiungsschläge; doch im Normalfall behielten sie die Ruhe, ließen den Ball zirkulieren und lockten Atlético aus der Reserve.

Dadurch hatten sie – trotz siebzig Minuten in Führung – knappe 50% Ballbesitz und waren die etwas taktisch besser angepasste Mannschaft in diesem Aufeinandertreffen. Obwohl Diego Simeone seine Mannschaft anpasste, etwa durch einen neuen Spieler statt Emre sowie mehr Spielstärke und Vertikalität im Zentrum durch Raul Garcia und Mario Suarez, musste Valencia wenig ändern. Erst in der Schlussphase brachten sie Ever Banega für das Mittelfeld und gegen Ende noch Nelson Haedo-Valdez, der in der 95. Minute den Schlussstand markierte.

Fazit

Ein ereignisarmes Spiel mit einigen Fouls und Nicklichkeiten, interessanten taktischen Aspekten und dem Ende einer Serie für Atlético. Sie verloren knapp gegen Valencia, welche in der Anfangsphase den Makel in der vermeintlich sicheren Defensivspielweise der Madrilenen ausnutzten und dann ihre Version dieses Fußballs spielten, um zum Sieg zu kommen.

Es wird voraussichtlich in den nächsten Wochen ein Mannschaftsporträt zu Atlético Madrid unter Diego Simeone geben.

Steve 17. Dezember 2013 um 12:46

Zuerst einmal, großes Kompliment an dich und dein SV-Team. Ich bin ein großer Fan von euren Artikeln ! Bezüglich Atletico Madrid: Werdet ihr noch ein Mannschaftsporträt erstellen ? Angesichts ihrer momentan überragenden Form sicher hochinteressant.. 🙂

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RM 17. Dezember 2013 um 13:18

Ja, da plane ich was!

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CF 17. Dezember 2013 um 14:48

Wegen der Form momentan sehr interessant. Taktisch eher nicht sehr interessant aber interessant

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Atletico 7. November 2012 um 12:10

Emre fand sich im engen Raum um Costa und Gago nicht zurecht, er kam selten in den Raum zwischen den Linien und blieb bis zu seiner Einwechslung blass.

Er wurde ausgewechselt. 😀

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RM 7. November 2012 um 12:15

Herrje, ich bin ja dämlich.

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Atletico 7. November 2012 um 10:12

Statt Adriano bitte Adrian und Emre wurde nicht ein- sondern ausgewechselt. Ansonsten sehr genau beschrieben.

Auf das Portrait freue ich mich jetzt schon.

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RM 7. November 2012 um 10:37

Fehler 1 habe ich ausgebessert, Fehler 2 nicht gefunden.

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Jose Mourinho 4. November 2012 um 14:13

Erstmal Respekt an RM der fast jeden Tag einen hochwertigen Artikel raushaut.
Hab eine offtopic Frage an RM: Wie kann man sich die aktuelle Beliebtheit der 3-5-2 Formation in der Serie A erklären?

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RM 5. November 2012 um 00:08

„Hochwertig“…

Nun, hat wohl hauptsächlich mit der Tradition und mit der Spieler- sowie Trainerausbildung zu tun. Außerdem gab es meines Wissens nach zwei taktikhistorische Faktoren – einerseits war die Dreierkette nie gänzlich verschwunden, sondern existierte bei einigen Teams; deren Trainer gingen dann zu größeren Vereinen, etc.

Wichtig auch folgendes: 1998/99 wurde AC Mailand unter „Dreierketten-auf-Zack-Zaccheroni“ (gut, war nicht wirklich sein Spitzname und spielte in den letzten Jahren sogar oft mit Viererkette) Meister, Inter switchte zwischen Dreier- und Viererkette, landete dabei auf Platz Acht und Lazio Rom mit Viererkette war Zweiter. 2000/01 hieß der Meister AS Rom. Die hatten in der (schwachen!) Vorsaison, wo Lazio Meister wurde, von 4-3-3 auf 3-4-1-2 umgestellt. Kurz dazu noch etwas: 1998/99 spielte ungefähr ein Viertel bis ein Drittel der Mannschaften in der Serie A mit Dreierkette.

Eventuell mache ich einen Artikel zu der Entwicklung von damals bis heute.

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Paul 4. November 2012 um 13:05

Ein sehr interessantes Spiel wie ich fand. Leider blitzte die Klasse der beiden Teams zu selten auf. Von so einem Top-Spiel erwartet man sich dann auch etwas mehr. Die geringe Anzahl an Toren war aber der defensiven Einstellung der Teams geschuldet

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Wolfsmond 4. November 2012 um 09:03

Es wird voraussichtlich in den nächsten Wochen ein Mannschaftsporträt zu Atlético Madrid unter Diego Simeone geben.

Goil! Freu mich schon drauf

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RM 4. November 2012 um 23:38

Mal sehen, wann ich Zeit finde! Eventuell kommt sogar eine Serie mit 7-8 Teams aus der ganzen Welt.

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Wolfsmond 8. November 2012 um 13:47

Sehr schön 🙂
Gehören die Mannschafts-, Spieler- und Trainerportraits doch zu meinem absoluten Lieblingsinhalt dieser Seite.

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