Dienstag, 02.09.2014

Deportivo La Coruna – FC Barcelona 4:5

20% Ballbesitz, 0:3 Rückstand, Messi und Fabregas in Topform. Aus einer aussichtslosen Situation kommt La Coruna zurück und bringt Barcelona im wohl kuriosesten Spiel der Saison aus La Liga an den Rand eines Punktverlustes.

Grundformationen

Grundformationen

Der Gastgeber lief nominell in einem 4-2-3-1 auf. Bei gegnerischem Ballbesitz formierten sich die Galicier in einem 4-5-1, das gelegentlich aber auch zu einem klaren 4-4-2 wurde.

Im 4-5-1 spielte Valeron dann als einer von drei Sechsern, die je nach Situation früh herausrückten.

Interessant war das System bei eigenem Ballbesitz: Valeron gab dann den Zehner vor der Doppelsechs,Gama hielt seine Position als Rechtsaußen während man vorne mit einer Doppelspitze agierte.

Die linke Seite war im Angriff also oft verwaist, die Gastgeber wollten vornehmlich über die rechte Seite attackieren.

Barcelona spielte in einem breit angelegten 4-3-3 mit Messi als falscher Neun. In der Defensive musste Vilanova aufgrund von Verletzungssorgen (Pique, Puyol, Alves) etwas improvisieren und brachte Neuzugang Song neben Mascherano in die Innenverteidigung. Rechts agierte Nachwuchsspieler Montoya etwas zurückhaltender als Jordi Alba links.

Vor der Viererkette spielte das Mittelfelddreieck Busquets-Iniesta-Fabregas; Xavi erhielt eine Pause. Busquets war erwartungsgemäß der tiefste Akteur, Iniesta orientierte sich immer wieder auf die linke Seite, während Fabregas häufig den Kontakt zu Messi suchte. Letzterer wurde von den breit agierenden Flügelstürmern Villa (links) und Tello (rechts) flankiert.

Flügelstürmer schaffen Breite, Messi und Fabregas harmonieren hervorragend – Barca brilliert

In den ersten 25 Minuten spielte Barcelona fantastisch, da sie die Defensivformation der Gastgeber ständig auseinander zogen und ihre schematischen wie individualtaktischen Schwächen gnadenlos aufdeckten.

Villa und Tello machten das Spiel im letzten Drittel sehr breit, sodass die beiden Viererketten des Aufsteigers gestreckt wurden. Im Zentrum schaffte Barcelona ständig Überzahlsituationen, da sich dort Messi, Iniesta, Fabregas und Busquets ballten.

Gegen die drei zentralen Akteure von Deportivo ließen sie den Ball im Zentrum zirkulieren und warteten auf den richtigen Moment, in dem ein rausrückender Sechser umspielt und auf einen in die Spitze startenden Akteur durchgesteckt werden konnte. Hier waren die Variationen vielfältig: Mal liefen die Flügelstürmer ein, mal ging Messi in die Tiefe, mal Fabregas. Doch auch Jordi Alba zeigte hier ein gutes Auge für den richtigen Raum und lief einige Male diagonal in die Spitze ein. Aus so einer Situation entstand dann auch das 1:0 nach wenigen Minuten.

Der Führungstreffer: Die Flügelstürmer garantieren Breite und strecken so die Viererkette. Alba startet diagonal in die Lücke und wird vom unbedrängten Fabregas perfekt bedient.

Beim 2:0 ließ sich Iniesta trotz Foulspiel nicht vom Ball trennen und fand Messi zwischen den Viererketten. Fabregas band mit einem intelligenten Lauf den Linksverteidiger Ayoze, Messi konnte problemlos auf den nun völlig freien Tello durchstecken, der dann vollendete.

Einige weitere Male konnte man das nahezu perfekte Zusammenspiel von Messi und Fabregas bewundern: Der Spanier hat ein wahnsinnig gutes Timing und Gespür dafür, wann er Messis zurückfallende Bewegungen mit einem Lauf in die Spitze ausgleichen  und wann er tiefer im Mittelfeld für Kontrolle sorgen muss.

Der dritte Treffer: La Coruna steht im Zentrum nicht eng genug, Messi und Fabregas können sich zwischen den Linien anspielbar machen…

…und sind nun nicht mehr zu verteidigen. Der Spanier legt per Hacke auf den um ihn herum einlaufenden Messi ab. Geschwindigkeitsvorteil + Lücke zwischen Innen- und Rechtsverteidiger = Tor

Nachdem er in der neunten Minute noch nach Messis Lochpass frei vorm Tor vergab, krönte das Duo seine Leistung etwas später mit dem Treffer zum 3:0.

Neben zahlreichen individuellen Fehlern wie falschem Timing beim Herausrücken im Kettenverbund, schwachem Zweikampfverhalten und fehlerhaftem Aufbauspiel war auch die Defensivformation an sich nicht gut geeignet gegen Barca.

Die Grundidee La Corunas mit den drei zentralen Spielern war eigentlich gut, wurde jedoch sehr leicht umspielt. Zu häufig rückte einer der drei zentralen Spieler zu unüberlegt heraus und wurde umspielt. So rollten Barcelonas Angriffe auf eine 4-4-Ordnung zu, die die Räume vor der Viererkette oft offen lässt.

Messi und Fabregas suchten immer wieder die Lücken in dieser Anordnung und machten sich vor der gegnerischen Abwehrkette anspielbar.

Haben sie in so einer Position erstmal den Ball, ist der Angriff nur noch extrem schwer zu verteidigen. Eine knappe halbe Stunde lang war La Coruna derart hoffnungslos unterlegen, dass man schon über einen möglichen Rekordsieg Barcelonas nachdenken konnte.

Doch es kam anders…

La Coruna höher, enger und mutiger

Nachdem der Aufsteiger nach 25 Minuten gerade einmal 20% Ballbesitz hatte und das Spiel mit einem 3:0-Rückstand quasi verloren war, bekamen die Galicier nach ihrem ersten aussichtsreichen Konter einen Elfmeter zugesprochen. Mit dem folgenden Anschlusstreffer kam der nötige Mut, den man gegen Barcelona definitiv braucht.

Die Abwehrkette agierte nun fast zehn Meter höher, was das Pressen natürlich deutlich erleichterte. Den Sechsern gelang es nun besser, Messi und Fabregas so in den Deckungsschatten zu nehmen, dass sie nicht mehr so häufig zwischen den Linien angespielt werden konnten wie noch zu Beginn der Partie.

Im Konterspiel fokussierte sich der Aufsteiger dann auf die rechte Seite, wo häufiger Räume hinter dem aufgerückten Alba zu finden waren. Pizzi rückte dann vom linken Flügel in die Spitze, sodass auch zwei potenzielle Abnehmer im gegnerischen Strafraum waren.

25 Flanken schlugen sie im ganzen Spiel, was angesichts der Ballbesitzwerte (33% gesamt, 20% in der ersten halben Stunde) und der nichtexistenten Angriffsbemühungen in der Anfangsphase ein durchaus hoher Wert ist.

Natürlich kamen nicht alle Flanken an, führten aber häufig zu brenzligen Situationen oder zumindest zu Eckbällen. Nach einem davon kam Bergantinos an der Strafraumgrenze zum Schuss. Valdes machte eine äußerst unglückliche Figur und so stand es 2:3.

Bevor es in die Kabinen ging, war der Aufsteiger noch einmal unachtsam: Fabregas wurde abermals zwischen den Linien angespielt und steckte auf Messi durch: 2:4.

Die zweite Halbzeit: Barcelona in Unterzahl

Die zweite Halbzeit hatte gerade begonnen, da trat Pizzi einen Freistoß zum 3:4 in den Winkel. Zwei Minuten später dann das nächste Highlight: Mascherano, der bei der Elfmetersituation im ersten Durchgang bereits verwarnt wurde, bekam eine umstrittene weitere gelbe Karte: Barca war nun in Unterzahl, was Vilanova zu Umstellungen zwang.

Busquets rückte nun in die Innenverteidigung, der Rest des Teams spielte etwas tiefer. Dass dies allerdings nicht gut gehen konnte, war schnell zu sehen: Barcelona hatte nun keinen Sechser mehr und war mit Fabregas und Iniesta im Zentrum sehr offensiv besetzt.

Valeron bekam im Zehnerbereich nun viel Raum, was Vilanova nicht zulassen wollte. Nur wenige Minuten später wechselte der neue Coach:

Er brachte Pedro und Adriano für die beiden Flügelstürmer Villa und Tello. Kurz darauf kam Xavi für Fabregas. Die Katalanen formierten sich nun in einem 4-4-1. Adriano gab den zweiten Innenverteidiger neben Song, Iniesta und Pedro flankierten davor Xavi und Busquets. Pedro agierte dabei rechts vor dem offensiv eher zurückhaltenden Montoya, während Iniesta von links immer wieder in die Mitte zog, um Raum für die Vorstöße von Alba zu schaffen.

Die Auswechslung Fabregas´ ermöglichte es Zé Castro, Messi weit ins Mittelfeld zu folgen, da nun nicht mehr die permanente Gefahr von Läufen aus dem Zentrum in die Spitze drohte. Xavi agierte nämlich wie gewohnt deutlich tiefer als Fabregas, was in Unterzahl und bei Führung durchaus vernünftig war.

An der Dominanz der Katalanen änderte sich auch in Unterzahl nichts, was hauptsächlich an ihrer extremen Ballsicherheit lag. Diese sorgte in Kombination mit einer guten Raumaufteilung für viel Ballbesitz – Chancen gab es allerdings nicht mehr viele.

Da das Duo Fabregas-Messi gesprengt war und die Flügelspieler nun tiefer agieren musste, war der kleine Argentinier häufig isoliert und konnte nicht mehr so oft gefährlich werden.

Probleme im Pressing: La Coruna nutzt die Überzahl nicht

La Coruna gelang es in Überzahl nicht, Barcelona gut zu pressen. Die Viererkette agierte zwar hoch, die Mittelfeldreihe verschob aber nicht gut.

Viel zu selten stellten sie lokale Überzahlen her, um den Ball in aussichtsreichen Positionen zu erobern.

In der letzten halben Stunde des Spiels verfolgte Ze Castro Messi auch nicht mehr ins Mittelfeld, obwohl dies dank der Überzahl problemlos möglich gewesen wäre. Dies trug natürlich ebenfalls zu Barcelonas Dominanz bei.

Busquets ließ sich fallen, was Adriano und in diesem Beispiel Song ermöglichte, den Ball ins Mittelfeld zu tragen. La Coruna spielte weiterhin mit einer hohen Viererkette, bekam aber keinen Druck auf den Ball, da das Mittelfeld zu gestreckt agierte. Der einrückende Pedro suchte immer wieder die Räume neben Messi.

Gegen das 4-4-2-Pressing ließ sich Busquets nun aber wie schon oft gesehen zwischen die Innenverteidiger fallen, sodass Barcelona problemlos aufbauen konnte und sich kaum Druck ausgesetzt sah.

Ein Pressing in einer 4-3-3-Anordnung hätte besser gepasst, da Barcelonas Außenverteidiger mehr unter Druck gesetzt worden wären, ohne dass man im Zentrum die Überzahl gegen Xavi und den zurückfallenden Messi aufgeben musste.

1. La Corunas schwaches Pressing
2. So hätten sie pressen können

Man wartete bei dieser Konstellation die ganze Zeit auf einen Lochpass auf den einrückenden Pedro, das Tor zum 5:3 erzielte jedoch Messi nach einem typischen Solo. Dieses Mal dachte man wirklich an die Vorentscheidung.

Nur wenige Augenblicke später erzielte Alba ein wunderschönes Lupfertor – nicht die endgültige Entscheidung, sondern das wohl kurioseste Eigentor der Saison. Ja, es stand wirklich 4:5.

Die Gastgeber witterten verständlicherweise – schon wieder – ihre Chance und griffen munter an. Sie spielten konsequent über die rechte Außenbahn und versuchten zu Flanken und Ecken zu kommen.

Eine wirklich gute Chance sprang allerdings nicht mehr heraus, und so blieb es bei einem 4:5, das in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Fazit

Eine knappe halbe Stunde lang erteilte Barcelona dem Aufsteiger eine Lektion im Ausnutzen von wichtigen Räumen. Die Kombination von falscher Neun und falscher Zehn kann für extrem viel Gefahr sorgen, vor allem wenn man Spieler wie Messi und Fabregas für diese Rollen hat.

La Coruna stand in der Anfangsphase horizontal wie vertikal zu weit auseinander und bekam nie Zugriff. Erst ein Tor aus dem sagenumwobenen Nichts brachte sie zurück ins Spiel. Sie beschränkten sich auf einen einfachen wie effektiven Ansatz.

Bis auf das kuriose Eigentor fielen La Corunas Tore zwar nicht aus dem Spiel heraus, dennoch machte sich das konsequente Spiel über den rechten Flügel bezahlt. Dort holten sie die Ecke zum zweiten Treffer heraus und erzwangen die Situation vor Mascheranos umstrittener zweiter gelben Karte.

Die höhere Abwehrkette sowie die umsichtigere Spielweise der Doppelsechs schafften dann zwischen 30. und 60. Minuten Entlastung. Möglicherweise verausgabte sich der Aufsteiger in dieser Phase allerdings konditionell, da sie dort weite Wege beim Verschieben und Pressen gingen.

Dass Letzteres jedoch völlig fehlschlug, ist umso bitterer. In einer anderen Pressingordnung hätten sie mit einem Mann mehr einen höheren Ballbesitzanteil haben und mehr Chancen herausarbeiten können.

Nach einer guten Stunde war das Spiel im Prinzip entschieden, da sie Barcelona einfach nicht mehr greifen konnten. Spätestens nach Messis Solo zum 3:5 glaubte keiner mehr an eine Überraschung. Dass Alba dann noch so ein Eigentor erzielte, passte zum Spielverlauf und sorgte nochmal für etwas Spannung.

Insgesamt war es ein hochverdienter Sieg für Barcelona. Die extrem breiten Flügelstürmer schaffen Raum für Messi und die anderen Spielmacher – dies dürfte bis jetzt der Hauptaspekt unter Vilanova sein.

Die Katalanen zeigten allerdings weiterhin Schwächen bei Standards, außerdem fehlt im Kader noch ein weiterer gelernter Innenverteidiger, falls für Song nicht der selbe Werdegang wie bei Mascherano vorgesehen ist.

Vielen Dank an laola1.tv für das Bildmaterial! Ich lege allen Lesern nah, sich die Highlights dieses denkwürdigen Spiels anzusehen.

Shooter McGavin 23. October 2012 um 14:31

Zu Song und ob für ihn der Mascherano-Weg vorgesehen ist: Ja http://www.laola1.at/de/fussball/international/spanien/primera-division/la-liga-song-anti-busquets/page/34113-371-67-79-.html

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Torschütze 22. October 2012 um 21:46

AHA.

Von wegen der Herr Löw macht Barcelona (bzw. Spanien) nach – Barcelona versucht die DFB-Elf nachzumachen. So schauts aus! Und fast wäre es ja gelungen.

;-)

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Tank 22. October 2012 um 21:06

Habe das Spiel bisher nur einmal gesehen, aber dabei hatte ich den Eindruck, dass eines von Barcas Hauptproblemen und (Mit-)Grund für mindestens 2 Gegentore die hohe Positionierung von Busquets war. Da Iniesta und Fabregas ja bekanntlich vertikaler spielen als Xavi, rückte Busquets weiter nach vorne, um dessen Rolle ansatzweise zu übernehmen. Dies führte jedoch zu einem Loch vor der Viererkette, aus dem schließlich Chancen und Tore für la Coruna entstanden. Beispielhaft hierfür die Situation vorm Elfmeter (wenn ich mich recht erinnere).

Dass Barca einen Innenverteidiger braucht, unterschreib ich sofort. Schade, dass Bartra offensichtlich nicht getraut wird.

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blub 22. October 2012 um 22:03

Kaufen die Hummels oder Badstuber?
Expertenmeinung?

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Tank 23. October 2012 um 00:35

Ich glaube an keinen von beiden. Tippe eher darauf, dass sie einen bisher eher unbekannten, aber in einer der europäischen Top-Ligen erfahrenen jungen Innenverteidiger kaufen, der kein Talent mehr ist, aber noch kein Superstar. Die große Kohle, so meine Befürchtungen brauchen sie für Neymar. Könnte mir vorstellen, dass sie Irgendjemand aus der Ligue 1 holen oder so.

Persönlich würde ich Hummels bei Barcelona sehr, sehr, sehr faszinierend finden. Seine präzisen langen Pässe würden ein frühes, hohes Pressing gegen Barca umso gefährlicher für den Gegner machen.

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sharpe 23. October 2012 um 07:55

@Tank
“Habe das Spiel bisher nur einmal gesehen” ,
wie oft schaust du dir denn Spiele normalerweise an?
Also ich schau mir wirklich viel Fußball an, am WE waren es 5 Spiele, aber öfter als einmal eher selten.

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Tank 23. October 2012 um 15:00

Ein Barcelona-Spiel ohne besondere Vorkommnisse: 1-2 Mal (je nach Lust und Zeit)
Ein Barcelona-Spiel mit besonderen Vorkommnissen: 2 Mal (ein 5-4 gehört zweifelsfrei zu dieser Kategorie, aber auch Spiele, die ich einfach besonders ansprechend finde)
Ein Barcelona-Klassiker: oft (das 5-0 gegen Madrid hab ich bisher sicher 10 Mal gesehen)

Der Vollständigkeit halber, muss ich aber auch noch sagen, dass ich ab und an mal ein Barca-Spiel gänzlich verpasse. Z.B. leider die meisten Champions League-Gruppenspiele. Hab kein Sky.

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blub 22. October 2012 um 20:09

nice.

die pressinggrafik zeigt immer nur ein bild an bei mir. das ist relativ uninformativ.

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HW 22. October 2012 um 19:52

Bei dem Ergebnis musste ich gleich an Cruyff denken, über den ich gerade ein Buch zu Ende gelesen habe. Cruyff hatte auch immer die Einstellung anzugreifen und im Zweifel ein Tor mehr als der Gegner schießen zu müssen (als eins weniger zu kassieren). (Ich hatte das Spiel aber noch nicht gesehen.)

Ähnliches soll Löw jetzt auch gesagt haben. Wer extrem offensiv agiert, der geht hinten Risiken ein.

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HW 22. October 2012 um 19:53

PS
Eine Formationsgrafik von Barca mit nur einem Pfeil. Finde ich gut.

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