Dienstag, 30.09.2014

Sparta Prag – Athletic Bilbao 3:1

Spielverlagerung.de live vor Ort beim Europa-League-Duell zwischen dem tschechischen Rekordmeister und dem letztjährigen Finalisten.

Gleichzeitig war es eine Partie zweier Teams, die sich in einer kleinen Krise befanden – einerseits Sparta, das nach hervorragendem Saisonstart zuletzt national drei Niederlagen und am Wochenende die bittere 0:1-Pleite beim Stadtrivalen Slavia hatte einstecken müssen, anderseits Athletic, die bei weitem noch nicht an die starke Form der Vorsaison mit teils begeisternden Spielen herankommen und sich derzeit weit unten in der Liga wiederfinden. Wie auch der Gegner aus der goldenen Stadt reisten die Basken als Verlierer eines Lokalderbys vom voran gegangenen Wochenende zu diesem Europa-League-Match an – 0:2 hatte die Truppe von Marcelo Bielsa bei Real Sociedad verloren.

Grundformationen und Ausrichtungen

Grundformationen 1. Halbzeit

Die Hausherren liefen in einer 4-5-1/4-3-3-Formation mit flexiblem Mittelfeld auf, dessen grobe Aufteilung Holek als defensivsten und abräumenden Spieler und Nationalkicker Marek Matejovsky als offensiv verbindenden und laufstarken Achter/Zehner vorsah. Der ebenfalls bewegliche Hausbauer ergänzte die Sparta-Zentrale, die eine Tendenz zur linken Seite aufwies. Das kleine dadurch entstandene Loch auf halbrechts in der Formation wurde durch den invers agierenden Rechtsverteidiger Zapotoczny situativ besetzt, der auf diese Weise aus den Halbraum heraus auch mit einem Distanzschuss den wichtigen Führungstreffer markieren konnte. In der Offensive überzeugten auch die drei Angreifer durch Variabilität (vielseitige und pendelnde Bewegungen durch verschiedene Räume seitens der Außen sowie Ausweichen seitens Balaj), wenngleich es ihnen etwas an der Durchschlagskraft in Form entscheidender Vertikalsprints mangelte.

Wie bereits aus der vergangenen Saison bekannt, lief Athletic in einem breiten und sehr offensiv ausgerichteten 4-3-3 auf, wobei nach dem Abgang von Javi Martínez zu den Bayern der vertikale Innenverteidiger praktisch aufgelöst wurde. Auf der Sechs erlaubte der tiefe Iturraspe das Aufrücken der Außenverteidiger, während die beiden Achter de Marcos und Muniain – Letzterer ist mittlerweile vom Flügel ins Zentrum geschoben wurden – immer wieder weit mit aufrückten und gerne mit auf die Seiten rochierten. Auffällig im Mittelfeld war noch, dass sich oftmals grobe direkte mannorientierte Zuordnungen zwischen den jeweiligen Mittelfeld-Trios bildeten und die Akteure ihre jeweiligen Gegenspieler im Zuge dieser Mannorientierungen recht weit über den Platz verfolgten.

Bilbaos Flügellastigkeit und Spartas Konter

Ein herausstechendes Merkmal bei den Gästen aus Bilbao war ihr stark praktiziertes Flügelspiel, das durch die offensiven Außenverteidiger und die auf die Seiten kommenden Achter geprägt wurde – so kamen drei Viertel aller Angriffe von Athletic über die Flügel, nur ein Viertel durch die Spielfeldmitte.

Problematisch war allerdings, dass beim Versuch, die Flügel zu überladen, die Balance im Spiel fehlte. Sowohl die Außenverteidiger als auch – im Besonderen – die Außenstürmer (Ibai ungewöhnlich limitiert in seinem Bewegungsradius) agierten sehr breit, so dass es an Verbindungen ins Zentrum mangelte und das zusammen mit den Achtern auf den Seiten begonnene Überladen nicht weiter in die gefährlichen Mittelzonen gezogen werden konnte. Daher endeten die Angriffe meistens in Durchbrüchen über Außen und gezwungenermaßen in einer Fülle von Flanken – satte 35 Stück brachte Athletic im ganzen Spiel hinein, doch war dies zu eindimensional und vorhersehbar, so dass Sparta im Strafraum praktisch alle Aktionen klärte.

So dominierte Bilbao zwar mit leichter spielerischer Überlegenheit und hoher Balldominanz (am Ende 68 % Ballbesitz) die Partie, kam aber kaum zu Chancen, sondern lief im Gegenteil in einige gefährliche Konter seitens der Hausherren. Durch das weite Aufrücken der beiden Achter sowie deren und die generell sehr breite Angriffsrichtung entstand eine gestreckte Formation bei Bilbao, deren Lücken die Hausherren für schnelle Konter nutzen konnten – Ballgewinne gab es aufgrund der offensiven Probleme des Gegners und einiger eigener starker Aktionen des flexiblen Mittelfelds genug. Besonders die drei beweglichen offensiven Spieler nutzten dann geschickt mit bedachten Bewegungen die Freiräume aus und hatten einige vielversprechende Ansätze – weil die durchschlagenden Vertikalsprints wie gesagt fehlten und Bilbao eine gute Endverteidigung zeigte, konnten fast alle Szenen aber noch abgedrängt oder beim letzten Pass entschärft werden, so dass besagter Zapotoczny und anschließend eine Standardsituation kurz vor der Halbzeit für eine dennoch verdiente Führung sorgen mussten.

Die Steigerung kommt zu spät

Als Athletic sich im Verlauf der zweiten Halbzeit mehr und mehr steigerte und die eigenen Angriffe immer besser spielte, war es allerdings schon zu spät – kurz nach Wiederbeginn hatte Husbauer per Elfmeter auf 3:0 erhöht. Dennoch hätten die Gäste durchaus mit etwas mehr Präzision noch ein Comeback schaffen können, nachdem sie bereits den Anschlusstreffer durch de Marcos erzielt hatten.

Dieses Tor symbolisierte dabei die Verbesserung der Basken nach dem Seitenwechsel: Das Tor entstand durch ein Überladen des linken Flügels durch die offensiven Außenspieler – de Marcos war zu diesem Zeitpunkt bereits von der Acht auf die Linksverteidigerposition geschoben worden – und die abkippenden zentralen Mittelfeldspieler. Anders als in der ersten Halbzeit bewegten sich die Spieler aber viel intelligenter und in der Horizontalen beweglicher, so dass sie flexibel die Halbräume besetzen konnten und sich nicht selbst auf der Seite festfuhren. Durch die verbesserte Bewegung und die ausgewogenere Besetzung der Räume konnten sich die angreifenden Spieler deutlich besser und kollektiver in verschiedene Richtungen bewegen und die Spielzüge nun in die gefährlichen Bereiche richten. Der Angriff vor dem 3:1 hätte im ersten Durchgang noch mit einer Flanke geendet, wurde nun aber spielerisch in den Strafraum  getragen.

Entscheidend beteiligt an dieser Verbesserung waren auch zwei Einwechslungen – mit Ander Herrera und dem wechselwilligen Llorente kamen zwei Akteure ins Spiel, die in der Vorsaison noch zur ersten Elf gehört hatten. Während Letzterer zwar im Sechzehner glücklos blieb, aber mit zurückfallenden Bewegungen deutlich besser am Angriffsspiel teilnahm als Aduriz, stand Ander sinnbildlich für die besseren und kollektiveren Zwischenraumbewegungen bei Diagonalangriffen, verband er doch die vorher noch gerade in diesen Bereichen zu oft unverbundenen Athletic-Spieler.

Zum Ende des Spiels hin wurde Bilbao so immer stärker und es verblieben noch 15 Minuten für zwei Treffer, was zu jenem Zeitpunkt gegen die abbauenden Hausherren, die immer seltener Freiräume gegen das besser balancierte Gästeteam fanden und sich auch bei zweiten Bällen schwerer taten, durchaus möglich erschien. Mit der Chance vor Augen, doch noch zu punkten, wurde Bilbao aber zunehmend ungeduldig. Zum einen spielten sie gerade im Mittelfeld immer vertikaler und wollten die Torchancen schnell erzwingen: Der Außenverteidiger spielte auf den wieder breiteren Außenspieler vor ihm, der für den Achter zur Grundlinie durchsteckte, nachdem jener die große Lücke zwischen Innen- und Außenverteidiger durchlaufen hatte – dies ging zwar schnell und einfach, war aber ein Rückfall in die erste Halbzeit und damit ineffektiv. Zum anderen kamen die Offensivspieler in der Endphase kaum mehr nach hinten, so dass sich die Mannschaft mehr und mehr in eine 5-5-Teilung aufspaltete, die Verbindungen zusehends wieder verloren gingen und Sparta doch noch eher ruhige letzte zehn Minuten verlebte.

Die Hausherren reagierten in der Endphase desweiteren klug auf die zunehmende Hektik bei ihren Gegnern, indem sie angesprochene Vertikalangriffe mit passiver Defensivhaltung zuließen und Athletic immer mehr in die Ungeduld hinein provozierten – die Flanken konnten sie weiterhin gut verteidigen. Bereits zuvor war es intelligent gewesen, bei Führung und spielerischer Unterlegenheit kein Risiko in eigenen Aufbausituationen einzugehen. Zum einen rückte man nur noch vorsichtig auf, zum anderen wählte man sofort den langen Ball, falls sich eine brenzlige Situation ergab, um bloß keinen Fehler begehen zu können. Auch wenn die zweiten Bälle gegen die stärker gewordenen Basken schwerer gewonnen werden konnten und die frühen Befreiungsschläge ihr offensives Potential somit nicht mehr ausspielen konnten, waren sie immerhin defensiv als Sicherheitsmaßnahme sinnvoll.

Taktik live aus dem Stadion

Immer wieder erreichen uns Fragen von Lesern, ob bzw. wie viele der von uns analysierten Spiele wir im Stadion sehen. Mit diesem Artikel noch einmal eine generelle Antwort auf diese Frage: Die große Mehrheit der Spiele verfolgen wir nicht aus dem Stadion, sondern vom Fernseher aus.

Ich persönlich muss dazu sagen, dass die Stadionperspektive ein Vorteil gegenüber dem TV-Bild sein kann, aber nicht zwangsläufig die bessere Sache sein muss. Einerseits kann man im Stadion leichter abgelenkt werden, hat keinerlei Möglichkeit, die Eindrücke anhand von Wiederholungen zu überprüfen, und kann nicht unmittelbar nach Schlusspfiff mit dem Verfassen der Analyse beginnen. Andererseits kommt es natürlich auf den jeweiligen Platz im Stadion und den dazugehörigen Blickwinkel an: Bei dieser Partie saß ich beispielsweise sehr nah am Feld im anfangenden Kurvenbereich etwa auf Höhe einer der beiden Grundlinien. Von dieser Position aus fiel mir die Analyse nicht leichter als gewöhnlich, wenn ich mir die Spiele am Fernseher zu Gemüte führe. Gerade der verzerrte Blickwinkel, die flache Position und die große Entfernung zur anderen Spielfeldhälfte waren hierfür ursächlich. Sofern man allerdings einen anderen und besseren Sitzplatz – dieser kann sowohl hinter dem Tor als auch auf der Haupt- oder Gegentribüne liegen – hat, kann das Stadion natürlich eine große Bereicherung sein (was der Besuch dieser Partie vom Eindruck her letztlich natürlich auch war). Allerdings bedeutet der Stadionbesuch nicht immer zwangsläufig, dass man das Spiel besser analysieren kann.

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