Samstag, 23.08.2014

Kurz ausgeführt: Kroatiens aktuelle Mängel unter Stimac

Bereits nach dem ersten Spiel unter dem neuen Trainer wurde Kritik an der Spielweise der kroatischen Nationalmannschaft laut. Stimac wurde unterstellt, er habe von Taktik kaum Ahnung, lasse zu offensiv spielen und überschätze die Fähigkeiten seiner Akteure maßlos. Im Spiel gegen Mazedonien gab es ebenfalls über weite Strecken Probleme wie auch taktische Ideen, die nachfolgend näher beleuchtet werden.

Abkehr von der früheren Standardformation

Auf den ersten Blick stach in dieser Partie der Wechsel der jahrelang bewährten 4-4-2-Formation auf ein 4-1-4-1/4-2-3-1-Hybridsystem ins Auge. Hierbei war insbesondere die Spielerwahl überraschend. Mit Perisic auf der linken und Eduardo Da Silva auf der rechten Seite gab es zwei Akteure, welche sehr offensiv agieren. Insbesondere Eduardo ist eigentlich ein reiner Stürmer und kam selten als Flügel zum Einsatz. Meist war es auch dann als Stürmer in einem 4-3-3, der nicht allzu breit agierte.

Kroatiens Aufstellung

Zentral gab es mit Vukojevic auf der defensiven Sechs einen reinen Abräumer. Im Verbund mit Rakitic und Modric sollte das Spiel organisiert werden. Stimac hatte wohl die Idee, den etwas langsameren Rakitic mit einem Abräumer und einem dynamischen Akteur zu umgeben, um dessen Schwächen zu kompensieren. Keine gute Idee, wenn man bedenkt, dass Modric auf der Sechs klar stärker und Vukojevic in Heimspielen gegen tief ausgerichtete Gegner aufgrund seiner technischen Beschränktheit zu unkreativ im Vorwärtsspiel ist. Zu oft wurde der Ball jedoch auf den Flügel gespielt und es gab einen Fokus auf Hereingaben von der Seite. Passend dazu trat Srna als Rechtsverteidiger auf, während Strinic auf links ebenfalls offensiv agierte. Stimac hatte den Plan die enorme Kopfballstärke Mandzukics sowie die beiden Stürmer am langen Pfosten zu nutzen, dies klappte kaum.

Fataler als diese Planlosigkeit war allerdings die altmodische Spielweise in der Arbeit gegen den Ball beziehungsweise in der kollektiven defensiven Raumbesetzung. Die Kroaten hatten zwar mehr Ballbesitz, nämlich annährend 60%, ließen aber mehr Torschüsse zu und hatten Glück, dieses Spiel für sich zu entscheiden.

Mannorientiertheit – auch in der Viererkette

Ein interessanter Aspekt war die starke Mannorientierung in der eigenen Hälfte, die mit Nähe zum Tor immer mehr zunahm. Der Versuch wurde vermutlich davon beeinflusst, dass jeder kroatische Spieler seinem Gegenspieler individuell überlegen war. Der Fehler an einer solchen Denkweise ist, dass bei Kenntnis einer solchen Spielweise bestimmte Maßnahmen ergriffen werden können: intelligente Läufe ohne Ball, eingeübte Spielzüge oder schlicht der Faktor Zufall. Dieses Problem wollte Stimac mit einer Abstellung eines freien Mannes in der Viererkette bekämpfen, dazu eine tiefe Stellung der beiden Innenverteidiger, welche sich nicht herausziehen lassen sollten.

Dadurch kamen allerdings Szenen zustande, in welchem das Mittelfeld sich bei gegnerischen Angriffen im Pressing an der Mittellinie orientierte, die beiden Innenverteidiger jedoch in der Nähe des eigenen Strafraumes waren. Dieser Raum zwischen den Linien wurde von den aufgerückten und ebenfalls mannorientierten Außenverteidigern sowie Vukojevic gefüllt, was aber nur einen Teil der Wahrheit offenbart. Oftmals blieben die Außenverteidiger nämlich sehr lange auf einer Höhe mit der Innenverteidigung und standen extrem eng, was die Seiten offenbarte. Erst, wenn der Ball dorthin gespielt wurde, rückte der ballnächste Spieler aus der Kette hinaus und attackierte den Ballführenden.

Ein möglicher Vorteil dieser Spielweise ist natürlich, dass man auf lange Bälle auf einen Zielspieler mit Überzahl in der Luft und problemloser Absicherung reagieren kann. Außerdem sind keine Schnittstellen zum Tor hin frei, wodurch das gegnerische Offensivspiel auf die Außen gelenkt wird. Die Nachteile überwiegen die Vorteile aber klar.

Bei schnellen gegnerischen Flügelstürmern sind Konter extrem gefährlich, außerdem mangelt es an der Ordnung. Das aggressive Attackieren mit Geschwindigkeit ist übrigens ein individualtaktisch zweischneidiges Schwert, da eine leichte Körpertäuschung des Gegners reicht, um völlig aus dem Spiel genommen zu werden. Kroatiens frühere Mängel mit einer zu breiten Kette sollen also mit einer extrem engen Abwehr behoben werden, doch es fehlt am richtigen Maß. Inwieweit dies gefunden wird und ob womöglich Spieler wie Hazard am Dienstag die Spielweise des heutigen Tages auseinander nehmen, darf gespannt abgewartet werden. Die kroatische Nationalmannschaft zeigte viel Schatten und wenig Licht. Einer der Lichtstreifen am Horizont war die Leistung Mandzukics wie auch Jelavics – der Schatten wie die Eingrenzung des schöpferischen Geistes Modrics, die schlechte Abstimmung im Kollektiv und teilweise eine paradoxe Taktikwahl, wie beispielsweise die offensiv sehr aggressiven und hohen Außenverteidiger, welche aber defensiv in einer Harakiri-Rolle agieren mussten.

Alles in allem steht den Kroaten noch viel Arbeit ins Haus. Vom Potenzial her besitzen sie eine enorm starke Mannschaft, das große Fragezeichen ist die Wahl des passenden Systems und der dazugehörigen Spielphilosophie. Eine Rückkehr zum Konterfußball der Anfangsjahre unter Bilic scheint abwegig, insbesondere weil sich Stimac gerüchteweise an dem FC Barcelona orientiert. Dazu fehlt es den Kroaten spielerisch und besonders taktisch an zahlreichen Aspekten, weswegen diese Qualifikation bei mangelnder Anpassung an die Gegner in einer Katastrophe enden könnte.

ode 8. September 2012 um 08:08

Den Faktor Zufall kann man will nicht nur diesem System anlasten…

Reply

RM 8. September 2012 um 08:35

Meiner Meinung nach ist er aber bei einer solchen Spielweise größer.

Reply

mischl 8. September 2012 um 13:44

Wenn du auf direkte Duelle gehst und du gehst davon aus, dass 90 Prozent deiner 1gegen1 Duelle gewonnen werden, dann hat das nichts damit zu tun, dass du 90 Minuten sicher stehst ;)

Sondern einfach, dass es wahrscheinlicher ist, dass du ab dem siebten Duell einmal verloren hast.
Dies ist aber bei einer strengen Mannorientierung fataler da weniger Auffangmechanismen vorhanden sind als bei anderen Arten der Verteidigung und das meinte RM denke ich.

Wobei 90% natürlich auch eine sehr arrogante Zahl ist ;)

Reply

Hinterlasse eine Antwort

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*


4 × 4 =