Samstag, 25.10.2014

Supercup 2012: Galatasaray – Fenerbahce 3:2

Im türkischen Supercup traf Galatasaray auf Fenerbahce, ein traditionsreiches Istanbuler Derby stand nach einem turbulenten Sommer bevor. Insbesondere Fenerbahce hatte sich namhaft verstärkt und wollte bereits vor dem Saisonbeginn des regulären Ligabetriebs ein Ausrufezeichen gegen den großen Rivalen setzen. In einer spannenden und aufreibenden Partie verloren sie aber denkbar knapp mit 3:2, obwohl es lange Zeit mit einem Mann mehr noch Unentschieden gestanden war.

Wechselwirkung der jeweiligen Formationen

Fenerbahce lief mit einer Abwehrreihe bestehend aus Egemen Korkmaz und Irtegün im Zentrum sowie den offensivorientierten Orhan und Kaldirim auf den Flügeln auf. Interessant war dies auch deswegen, weil drei davon Linksfüßer waren und alle vier Spieler bereits auf den defensiven Flügeln aufgelaufen waren. Dies erlaubte Topal in gewisser Weise seine antizipative Rolle als defensiver Mittelfeldspieler mit Cristiano, denn die Innenverteidiger füllten die Lücken hinter den Außenverteidigern bei deren Aufrücken gut. Einige gut gespielte Bälle von Galatasaray wurden dadurch abgedrängt, aber einige andere – wie beim zweiten Treffer – wurden nur unzureichend verteidigt.

Grundformationen zu Spielbeginn

Zentral bildeten Topal und Cristiano eine Doppelsechs, welche vornehmlich defensiv tätig war und aus dem ersten Spielfelddrittel das Spiel machen sollte. Allerdings rückte einer von ihnen meist bis zum Ende des zweiten Spielfelddrittels auf, wenn es kein Konter war, um sich als sichere Anspielstation anzubieten. Auf den Flügeln halfen Topuz und Caner defensiv mit, hatten im 4-2-3-1 aber primär offensive Aufgaben. Dazwischen hatte Alex eine Freirolle: gelegentlich war er zweiter Stürmer, im Spielaufbau half er auch im Mittelfeld aus und defensiv war er von zwingenden Defensivaufgaben weitestgehend befreit, er konnte auf den Flügeln zocken oder im Mittelfeld nach Räumen suchen. Vorne war der laufstarke Kuyt Alleinunterhalter. Er agierte als horizontal laufender Zielspieler, als ballhaltender Mittelstürmer und als moderner Stürmer, der auch auf die Flügel ging und von dort aus seine Partner im Offensivspiel unterstützte.

Bei Galatasaray hatte diese Rolle in ihrem 4-4-2 Umut Bulut inne. Er sollte hinter und um Elmander wirbeln, welcher sich zwar einige Male zurückfallen ließ, aber mit seiner Athletik hauptsächlich an vorderster Front agieren sollte. Rechts im Mittelfeld lief Neuzugang Hamit Altintop auf, der für den schnellen Eboue Räume öffnen sollte und zentral Engin und Selcuk unterstützen sollte. Diese bildeten eine interessante Zentrale. Selcuk als der defensivere agierte vertikal und war der primäre Spielgestalter, während der Engin eigentlich ein Flügelstürmer oder eine Nummer Zehn ist – hier war er nun eine Acht. Links lief der dribbelstarke Emre Colak auf, welcher von Hakan Balta in der Offensive unterstützt wurde. Auch Nounkeu und Semih Kaya gingen teilweise bis ins zweite Drittel, um als Anspielstation für die Ballzirkulation zu fungieren.

Die Altintop-Position und ihre Folgen

Hamit Altintops Rolle als rechter Mittelfeldspieler hatte einige interessante Aspekte unter der Oberfläche versteckt. Aufgrund seiner Schuss- und Defensivstärke war der ehemalige Bayernspieler auf die rechte Seite statt Engin gekommen, dieser musste stattdessen ins Zentrum, was auf den ersten Blick paradox anmutete. Doch Eboue kompensierte Altintops mangelnde Dynamik und dieser nutzte seine Spielintelligenz und seine Allrounderfähigkeiten, um oft ins Zentrum zu ziehen. Dort unterstützte er Selcuk oder ging gar auf die gegenüberliegende Außenbahn.

Der Unterschied in diesen Rochaden war dann die Rolle von Engin in der Mitte. Wenn Hamit sich zentraldefensiv bewegte, übernahm Eboue die Außenposition. Engin wirbelte dann im Zentrum, suchte nach Räumen und sollte den Gegner nach hinten drängen. Dadurch hatten Selcuk und Hamit mehr Zeit, um das Spiel zu gestalten. Der Gegner wurde nach hinten gedrängt und Altintop suchte dann nach Lücken für Pässe und Schüsse. Wenn sich Altintop nach links bewegte, dann musste Engin sich halbrechts orientieren – dadurch konnte er bei Ballverlust im Notfall die rechte Außenbahn übernehmen und dort absichern. Eboue musste logischerweise zurück in die Viererkette und dort im Defensivspiel helfen. Hamit agierte somit als Verbindungsspieler zwischen Selcuk und den jeweiligen Flügeln und der Offensive, gleichzeitig sollte Engin mit seiner Bewegung diese Wege für Hamit öffnen und ihm Zeit am Ball ermöglichen. Gelegentlich war es auch Bulut, der sich nach rechts fallen ließ und dann mit Engin und Emre eine Dreierreihe hinter Elmander bildete. Es entstand ein 4-2-3-1 mit offensiven Außenverteidigern, in welchem defensiv mit Bulut auf ein kompaktes 4-5-1 umgeschaltet werden konnte.

kleine interessante Defensivkniffe der beiden Mannschaften

Beide Trainer hatten sich einige kleine Aspekte einfallen lassen, um dem Gegner das Leben schwer zu machen. Galatasaray ging zu Spielbeginn gegen Abstöße und gegnerisches Aufbauspiel so vor, dass die Stürmer breit auseinander gingen und die Innenverteidiger abdeckten. Dadurch konnte entweder Druck ausgeübt werden oder der Passweg zugesperrt. Das Ziel war es, dass die Außenverteidiger des Gegners nicht hoch stehen konnten und sich zurückfallen lassen mussten.

Fenerbahce lösste dies dadurch, indem der defensive Mittelfeldspieler Cristian etwas zurückschob und sich für Pässe anbot. Allerdings wurde er dann zumeist von Engin verfolgt, was in einer Umstellung Fenerbahces resultierte. Sie hatten nun nur einen offensiven Außenverteidiger (im Aufbauspiel)und bildeten Pärchen auf den Flügeln, durch welche auch der defensivere Außenverteidiger nach vorne kommen konnte. Dieser beteiligte sich ansonsten mit den Innenverteidigern am Spielaufbau; dadurch konnte Engin nicht mehr so hoch aufrücken und mit den Stürmern pressen.

Grundformationen ab der siebzigsten Minute

Ein weiterer Punkt war, dass Kaya gelegentlich Kuyt bei dessen Ausflügen ins Mittelfeld begleitete. Er verfolgte ihn, bis er an die Sechser übergeben werden konnte, was absolut logisch war: als einziger Stürmer konnte Kuyt somit kaum angespielt werden und mit einem zweiten Innenverteidiger als Absicherung war diese Variante bei der gegnerischen Formation kaum gefährlich.

Fenerbahce hatte mit Cristian und Topal ebenso einen interessanten makrotaktischen Aspekt. Im Offensivspiel war Cristian vertikaler und gleichzeitig tiefer als Topal, was für etwas Schwung und Bewegung im Aufbauspiel sorgen sollte. Defensiv drehte sich das aber, hier wurde Topals Antizipation und Defensivstärke genutzt, Cristian konnte absichern und lose Bälle perfekt einsammeln.

Spielentscheidende Verletzung, spiel-nichtentscheidende rote Karte?

In der 16. Minute gab es auf Seiten Fenerbahces einen verletzungsbedingten Torwartwechsel, drei Minuten später fiel dann der erste Treffer aufgrund eines derben Schnitzers von Ersatztorwart Günok. Die rote Karte für Galatasaray wirkte sich weniger stark aus. Sie verloren zwar die Kontrolle über diese Partie, stellten mit der Auswechslung Elmanders für Amrabat auf ein 4-4-1 um, welches kompakt stand und dennoch offensiv gefährlich wurde. Es gab natürlich einige Phasen, in denen sie von Fenerbahce eingekesselt wurden und keinen Ausweg fanden, aber aus diesen Situationen tat Fenerbahce zu wenig. Sie brachten zwei Minuten nach der roten Karte Krasic für Topal und agierten zwanzig Minuten in Überzahl: ein Treffer sprang dabei nicht heraus. Die flexible Formation in der Offensive zeigte sich zu ineffizient und ein Elfmeter in der letzten Spielminute brachte Galatasaray noch das 3:2 ein. Eine bittere Niederlage im Supercup für Fenerbahce, deren Neuzugänge noch eine Schippe drauflegen müssen.

M. Emre 24. August 2012 um 16:44

Jungs erstmal dicken respekt an euch, dass ihr ueberhaupt tuerkische spiele bewertet. Finde ich sehr schoen und sehr gut.
Ich habe aber etwas konstruktive kritik fuer das naechste mal.
Ich habe das spiel gesehen und euren bericht gelesen.
Im spiel war galatasaray hoch ueberlegen und spielte ein sehr aggressives pressing was zwangslaeufig zu ballverlusten im spielaufbau bei fener fuehrte. Dieses pressing und feners inkompetenz das spiel aufzubauen fehlen mir etwas. Hier steht das fener ungluecklich verloren haette obwohl galatasaray eher verdient gewonnen hat.
Das nur zur verbesserung, sodass ihr eure seite weiter so erfolgreich fuehren koennt.

Mfg gruessen und respekt

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Erkan 14. August 2012 um 17:36

Vielen Dank für diese Analyse, freut mich natürlich umso mehr hier auch mal etwas über die türk. Liga lesenzudürfen.
Die Aufteilung der Analyse zeigt schon in gewisser Weise, dass die takt. Aspekte besonders im Spiel von Fenerbahce eher mager ausfallen und sich eher formationstechnische Punkte beschränken, so meine Erkenntnisse aus dem Spiel.

Meiner Ansicht nach fängt das Übel ja schon beim Kollektiv an, während bei Galatasaray das Team bis auf kleine Feinheiten als Team zu agieren wusste tauchten bei Fenerbahce selbst bei den Laufwegen und dem Passspiel Ungereimtheiten auf, sie schienen etwas chaotisch, wenn denn vorhanden.
Dadurch ergibt sich doch eine Reduzierung des Spieles auf die Fähigkeiten und Eigeninitiative von Einzelspielern, was sich erheblich auf den Spielaufbau und damit die Befreiung aus dem gegner. Pressing auswirkt.

Hier fehlt meines Erachtens zumindestens ein Spieler, der eine gewisse Dynamik und Kontrolle am Ball austrahlt, Pässe (lang – kurz) verteilen kann, also quasi ein moderner vertikaler Sechser wie von euch beschrieben oder zumindestens ein tiefliegender Spielmacher.
An diesem Punkt fand ich die takt. Rolle die in der Spielanalyse Bayern 2-1 BVB den Außenverteidigern im Spielaufbau zugeschrieben wurde interessant, da in der vorletzten Saison ein gewisser Andre Santos diese Rolle innehatte, während Emre die Rolle des vertikalen Sechsers ausfüllte.

Da ich schonmal die Chance habe wollte ich sie deshalb auch gleich nutzen um zu fragen, inwiefern du meine “Feststellungen” teilst oder nicht und was deiner Meinung nach Fenerbahce gefehlt hat.
Was hätte man besser machen können bzw. hättest du anders gemacht?
Und kannst du falls möglich einen Vergleich auf andere europ. Mannschaften mit ähnlichen Problemen ziehen?

Vielen Dank im voraus schonmal.

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asti80 14. August 2012 um 17:01

Ein sehr guter Beitrag zu einem sehr interessanten Spiel.

Wobei ich in einigen Punkten etwas anmerken muss:

Die Rolle von Topal war im Spiel viel defensiver, als hier angegeben. Es war eher so, dass Fener mit zwei klassischen Sechsern spielte um so die Mitte dicht zu machen. Was am Ende auch ersichtlich war, denn sowohl Baroni als auch Topal sind beide keine wirklichen Achter um zwischen Offensive und Defensive hin-und her zu switchen.
Dadurch war auch aus der Tiefe kein richtiges Passpiel zu erkennen, die Offensive war mehr auf Alex und Kuyt zugeschnitten. Beide wiederum harmonierten ziemlich gut miteinander und haben in einigen Abschnitten für ordentlich Druck gesorgt.

Bei Gala sahs eher so aus, dass das Spiel sehr linkslastig war. Lag aber eher daran, dass Hamit sehr blass blieb im Spiel. Man merkt es ihm auch an, dass er im Grunde doch kein Flügelspieler, sondern eher ein zentraler Mittelfeldspieler ist. Andererseits wars auch ein Verdienst von Emre Colak auf links, dass es von der Seite aus ordentlich Druck ausgeübt wurde. Langsam aber sicher, wird Emre auf der Seite so richtig heimisch und spielt seine überragende Technik aus.

Ein weiterer Vorteil von Seiten Galas war, dass die Stürmer, sowohl Umut als auch Elmander, in die Kategorie “mitspielende Stürmer” passen. Während des ganzen Spiels waren beide emsig unterwegs und setzten die gegnerische Abwehr gehörig unter Druck. Vorallem Umut hat hier gezeigt, dass er zwar kein wirklicher Torjäger (trotz Doppelpack), dafür ein richtiges Arbeitstier ist.

Alles in allem war es zwar kein hochklassiges, dafür aber intensives Spiel mit einem verdienten Sieger in Gala, da das Team zwar punktuell, aber dafür passender verstärkt wurde und im Ganzen auch eingespielter ist.

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RM 14. August 2012 um 17:21

Beide waren eine Doppelsechs ja, sie stellten die Mitte zu. Topal war sehr tief, insbesondere im Offensivspiel, aber defensiv ging er einige Male aus der Kette heraus, wenn er Chancen auf die Balleroberung war. Das sind allerdings nur einige wenige Meter, die Rolle blieb rein defensiv. Und Galas Spiel war auch wegen der Rolle von Hamit, der wie geschildert oft in die Mitte ging, sehr linkslastig.

Umut hat mich beeindruckt – defensiv intelligent, körperlich und läuferisch stark, dazu eben spielentscheidend vor dem Tor – Hut ab.

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asti80 15. August 2012 um 00:19

Umut ist so ein Paradoxon. Er ist im Grunde Elmander nicht unähnlich, aber wenn es darauf ankommt, macht er die Dinger leider nicht rein. Auch im Spiel gabs von beiden Stürmern ziemlich glasklare Dinger, die versemmelt wurden.

Wahrscheinlich wirds eher auf eine Doppelspitze mit Burak als Stoßstürmer und dahinter als Halbstürmer Umut oder Elmander hinauslaufen.

Im Kern ist das die gleiche Taktik, welche von Fatih Terim schon damals bei der türkischen Natio angewandt wurde. Sein Spielsystem ist identisch und fußt auf aggressives Pressing und schnellem Umschalten von Abwehr und Angriff.

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Paul 14. August 2012 um 12:36

Danke für diese sehr detaillierte Spielanalyse. Ich konnte das Spiel leider nicht sehen. Deine taktischen Erklärungen sind hervorragend. Ich würde mir aber auch gerne eine Analyse zur Entstehung der Tore wünschen. Alles in Allem aber sehr, sehr gut

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