Sonntag, 21.09.2014

Olympia 2012: Spanien – Honduras 0:1

Im zweiten Spiel der olympischen Qualifikationsgruppen spielte Topfavorit Spanien gegen den klaren Außenseiter aus Honduras. Für die Spanier ging es in dieser Partie bereits um das Weiterkommen, denn im ersten Spiel hatten sie gegen Japan knapp verloren. Nun wollte ihnen Honduras ebenfalls ein Bein legen, die bei einem Sieg eine gute Ausgangsposition für ein Weiterkommen hatten, da sie am ersten Spieltag den Marokkanern ein 2:2 abgetrotzt hatte.

Die Spanier verändern sich … nur wenig

Grundformationen zu Spielbeginn

Mit einer ähnlichen Besetzung wie im Spiel gegen Japan traten die Spanier auf. Für den gesperrten Inigo Martinez rückte Alberto Botia in die Innenverteidigung. Am grundlegenden Spielsystem änderte dies nichts, die Innenverteidiger sollten das Spiel breit machen und die Außenverteidiger nach vorne drücken. Mit Javi Martinez im defensiven Mittelfeld gab es einen Ballzirkulator und alleinigen Sechser, der für eine hohe Ballbesitzrate und Passsicherheit sorgte. Unterstützt wurde er einmal mehr von Koke und einem weiteren Partner, der rein nominell wohl Juan Mata war, aber im Spielverlauf wurde diese Position von den unterschiedlichsten Spielern besetzt. Isco ließ sich gerne fallen und wechselte mit Mata, was auch Muniain tat. Lediglich Adrian im Sturmzentrum besetzte seine Position durchgehend, doch auch er bewegte sich sehr horizontal und versuchte Anspielstationen zu bieten.

Die generellen Problempunkte des Japan-Spiels wurden ausgebessert: die Außenverteidiger blieben im Spielaufbau breit und rückten nicht ein. Des Weiteren versuchten sie öfter nach vorne zu kommen und auch die Flügelstürmer boten sich öfter kurz an. Mehr Spielfluss hätte die Folge sein sollen, aber auch in dieser Partie hatten die Spanier lange Zeit Probleme, ihren Rhythmus zu finden. Dies lag hauptsächlich an der extrem starken taktischen Leistung der olympischen Mannschaft Honduras‘.

Honduras‘ kreative Defensive

Um gegen die auf dem Papier klar überlegenen Spanier bestehen zu können, mussten sich die Lateinamerikaner was einfallen lassen. Ihre chaotisch wirkende Spielweise aus dem Spiel gegen die Marokkaner wurde in puncto Spielermaterial und Feinabstimmung angepasst und adjustiert, was in der ersten Halbzeit zu einer beeindruckenden Defensivleistung des Kollektivs führte. Sie positionierten sich nicht allzu hoch mit ihrem Pressingwall vorne, aber das Ende der Pressinglinie war keineswegs tief – stattdessen versuchten sie extrem kompakt zu stehen und attackierten erst ab kurz vor dem Mittelkreis, hinten rückten sie jedoch auf und machten die Räume eng.

Zwischen den Mannschaftsteilen wurde jeweils ein Abstand von 15 Metern bewahrt und die ballfernen Spieler rückten ausnehmend weit ein. Dadurch konnten die ballfernen Spieler gelegentlich die Positionen ihrer herausrückenden und stark mannorientiert verteidigenden Mitspieler in Ballnähe übernehmen. Eine Manndeckung bestimmter Spieler der Gegner gab es nicht, lediglich die klassische Verteilung auf dem Flügel, wo der Außenverteidiger den Flügelstürmer übernahm. Doch hier wurde deutlich extremer agiert, als es die Japaner mit einer ähnlichen Idee am letzten Spieltag versuchten.

Honduras Außenverteidiger mit einem taktischen Balanceakt

Der Flügelstürmer wurde teilweise bis annährend zur Mittellinie verfolgt, obwohl die restliche Viererkette von Honduras tief blieb. Das Ziel war es, dass die Spanier nicht auf einfache Weise Überzahlsituationen im zweiten Spielfelddrittel herstellen konnten. Durch diese Verfolgung wurde das kurze Anbieten der Flügel neutralisiert, da sie sich nie drehen konnten und aufgrund der Bedrängnis einige Fehlpässe spielten. Allerdings gab es Phasen und Situationen, wo die Flügelstürmer gehen gelassen wurden. Dies betraf hauptsächlich die Zeiträume im spanischen Spiel, wo sie trotz des Druckes über das zweite Spielfelddrittel hinweg kamen und dann in Strafraumnähe waren. Hier bildeten die Lateinamerikaner eine enge Viererkette und wollten damit die Schnittstellen versperren. Das „Kippen“ der Manndeckung wie bei Japan konnte somit nicht beobachtet werden, die Mannschaft von Honduras agierte stärker raumorientiert. Weitere Situationen, wo die Manndeckung gelöst wurde, waren die wenigen Positionswechsel in der vertikalen statt horizontalen Linie. Dann zogen sie sich zurück, damit beim Übergeben keine Fehler gemacht werden konnten.

Der versteckte Libero

eingekreist sieht man den Außenverteidiger seinen Gegenspieler verfolgt und den Innenverteidiger, der sich in die Abwehr fallen lässt

Eine weitere taktische Maßnahme zur Fehlervermeidung war, dass einer der beiden Innenverteidiger sich tiefer positionierte und als Libero fungierte. Dies sollte das Ausrücken des ballnahen Außenverteidigers erlauben und war in der Konsequenz nur logisch. Wenn die Spanier mit einem einzigen Stürmer agierten, der sich auf die Suche nach Lochpässen begab sowie mit zwei zurückfallenden Flügelstürmer, benötigten sie weder zwei Innenverteidiger noch eine klassische Viererkette. Stattdessen hatten sie die aggressiven Außenverteidiger sowie den variablen Libero, der die Räume für Lochpässe bei der verbliebenen Dreierkette im Rückraum sicherte. Auf Abseits bei nur einem Stürmer zu spielen ergab keinen Sinn und mit dem einrückenden Außenverteidiger wurde diese verbliebene Dreierkette mit zwei Mann auf einer Linie eng gemacht. Auch hier gab es kein Kippen der Manndeckung auf den Flügelstürmer bei relevanten ballfernen Spielsituationen wie es die Japaner praktizierten.

Oftmals ließ sich einer der Sechser, falls die Spanier zentral nicht nachschoben mit Koke und Javi Martinez, etwas tiefer fallen und unterstütze die Defensive. Da der Innenverteidiger und der ballferne Außenverteidiger hoch agieren konnten mit dem Libero als Absicherung, gab es ein sehr klassisches Spielsystem zu beobachten: ein Vorstopper mit zwei Verteidigern neben und einem Ausputzer hinter sich. Dies war nur der Vorläufer eines der vielen interessanten Aspekte im Spiel des Außenseiters.

Honduras‘ flexible Defensivrauten

Durch die arbeitenden Stürmer, die enge Mittelfeldviererkette sowie die extreme Ballorientierung wurden die Spanier ungemein unter Druck gesetzt. Immer wieder ließen sich bei Honduras die Spieler fallen und sie taten auf eine überraschende Art und Weise etwas, gegen das die Spanier kein Gegenmittel fanden. Sie fanden die eigenen offenen Räume, welche Spanien herausspielen wollte und isolierten sie, anstatt sie zu schließen. Indem der Ball von mehreren Seiten außer nach hinten zugestellt wurde und eine ungeheure Laufleistung absolviert wurde, bildeten sich Rauten.

die Spirale kennzeichnet die Gefahr dieses Vakuums in der Formation. Kam ein Gegner hinein, wurde er von allen Seiten unter Druck angegriffen, er wurde als von diesem Vakuum eingesogen und verlor den Ball an die gegnerische Raumdeckung

Einer der Sechser schob auf die Seite, ein anderer in die Tiefe und der ballferne Außenspieler rückte extrem ein. Mit dem ballnahen Außenspieler wurde dann auf der Seite mit zwei Mann attackiert und der Halbstürmer ließ sich fallen. Damit gab es eine Raute, in welcher die ballnahe Halbposition doppelt besetzt war und der freie Raum innerhalb der Raute extrem eng sowie durch die Deckungsschatten unbespielbar war – im Normalfall sogar nach Rückpass.

Dies konnten sie dank ihrer ballnahen Doppelbesetzung machen. Der Außenspieler folgte dem Ball und durch seinen nachziehenden Deckungsschatten versperrte er einen Rückpassweg. Der Sechser rückte wieder zentraler ein und schob somit einen hypothetischen Passweg bei ebenfalls einrückendem gegnerischem Außenspieler zu. Außerdem verschob er die Raute auf die Seite, sie wurde flacher und die Doppelbesetzung verschob sich auf den vorderen Punkt. Der Ball war nun im Zentrum der Spanier, aber sie konnten eigentlich nur um die Raute herum spielen. Der Raum innerhalb war sehr lange Spielphasen vom spanischen Zugriff abgeschnitten – etwas, was beispielsweise bei Barcelona und der spanischen A-Nationalmannschaft undenkbar wäre, denn in der Ballbesitzphilosophie ist dies der wichtigste Spielraum einer dominanten Mannschaft. Dominanter wirkten gar die Underdogs in der Partie, welche trotz ihrer herausragenden defensiven Spielweise offensiv überraschend und überraschend gut auftraten.

Honduras‘ Wahl: Zweierkette & Dreiecksspiel oder Kompaktheit & Chaosdefensive

In der Offensive versuchten sie mit schnellen Läufen der Außenverteidiger und Flügelstürmer über die Außen, mit Gegenpressing nach Ballverlusten in Einhaltung der fünf-Sekunden-Regel sowie Kurzpasskombinationen von eng aneinander spielen Offensivakteuren zum Erfolg zu kommen. Somit griffen sie effektiv mit bis zu sechs Spielern, nämlich den beiden Flügelstürmern, den zwei zentralen Akteuren sowie dem ballnahen Sechser und Außenverteidiger an.

Um diese Spielweise abzudecken gab es in der Defensive etwas ungeheuer Riskantes und gleichzeitig Hochinteressantes zu sehen: ein Dreieck, in welchem sich unter Bedrängnis ein weiteres Dreieck versteckte. Die zwei Innenverteidiger orientierten sich wieder als Innenverteidiger und Ausputzer, der ballferne Außenverteidiger schob nach wie gehabt. Der ballferne Sechser sicherte das Zentrum und ein extrem weites Gebiet, er sollte die Spanier zu Vertikalpässen zwingen. Dann würden die beiden neuformierten Innenverteidiger den Ball erobern und im Dreieck den Ball zueinander spielen, um kurz den Ball halten zu können.

schön vereinfacht: Dreiecksbildung mit Libero und Zweierkette bei eigenen Angriffen beziehungsweise bei gegnerischen Befreiungsschlägen. Zwei Passoptionen, ein mithelfender Torwart im Notfall und ein zurückkehrender Außenverteidiger sind zu sehen

Einer der angreifenden Spieler sollte nun zurückgekehrt sein und ein neuerlicher Angriff begonnen werden. Da die Spanier aber selten schnell nach vorne konterten, sah man diese Spielweise fast nur bei den ebenfalls sehr wenigen gegnerischen Befreiungsschlägen. Dort bewegte sich einer der Spieler der Zweierkette außerdem nach hinten, um den nachrückenden gegnerischen Spielern einen noch längeren Sprint aufzuhalsen und ihre ohnehin geringen Erfolgsaussichten auf ein Minimum zu reduzieren sowie die Nähe zum Torwart zu erhöhen. Wenn es keine solchen Befreiungsschläge und keine Erfolge nach dem Gegenpressing zurückgab, schoben sie sich zurück und wurden wieder kompakt.

Sie pressten in der ersten Halbzeit unaufhörlich Richtung Ball und im Schwarm bildeten sie geometrische Figuren wie die Raute oder ein Pressingdreieck auf die Innenverteidiger aus dem Chaos heraus. Das 4-2-3-1, welches aufgrund der Spielweise oftmals zwischen 4-1-4-1 und einem asymmetrischen 4-3-3-0 mit Loch auf der ballfernen Seite glich, wandelte sich vor Ende der ersten Halbzeit zu einem 4-4-2 (4-4-1-1), wobei die Stürmer schräg zueinander standen, um die Angriffe auf bestimmte Seiten zu ziehen. Vorrangig auf die halblinke spanische, da hier wohl Koke weniger zugetraut wurde.

Sobald sich die Spanier auf eine Seite festlegten (was sie wegen der hohen Außenverteidiger und Honduras intelligentem Spiel ab einer gewissen Höhe mussten), gab es eine starke Ballorientierung. Der linke offensive Mittelfeldspieler stand dann schon in der Spielfeldmitte, auch der Halbstürmer stand näher zum Ball als zum Mittelkreis und auch auf dessen Höhe, also bis zu 25 Meter diagonal vom Anstoßpunkt verschoben. Diese Kompaktheit gepaart mit dem Pressing, in welchem nach erfolgreichen Dribblings der Gegner sofort der ballferne Spieler nachsetzte und der ausgespielte Gegner sich in die Tiefe fallen ließ, sorgten für eine chaotisch wirkende und oftmals improvisierte Spielweise, die mit viel Glück und tollem Eifer gegen eine ideenlose spanische Mannschaft funktionierte.

Fazit: nach der Halbzeit eine Rückkehr zu einem klassischeren Spiel

Erst nach der Halbzeit waren die Spanier überlegen und hatten einige Torchancen. Honduras wirkte nun müde und zog sich zurück, sie formierten einen tiefen Block im 4-4-1-1. Das Spiel war weniger interessant, weniger intensiv, aber es gab mehr Torchancen. Honduras hatte Glück und Pech gleichzeitig: einen der Konter zu Beginn und Mitte der zweiten Spielhälfte hätten sie verwandeln müssen, allerdings hatten auch Mata und Muniain tolle Chancen. Alles in allem ein sehr knapper Sieg mit einem herausragenden taktischen Spiel in der ersten Halbzeit von Honduras. Danach brachen sie ein, aber waren noch lange Zeit mit ihrer tieferen Formation ebenbürtig und konnten sich letztlich durchsetzen. Sie können nun – im Gegensatz zum vermeintlichen Topfavoriten Spanien – in die nächste Runde einziehen.

blobbo 30. July 2012 um 12:57

Sehr schöne und detaillierte Analyse, vielen Dank dafür! Zeigt doch wieder Mal, dass eine gute Taktik und viel Leidenschaft Trümpfe sind, die spielerische Klasse (bzw den Mangel daran) durchaus wettmachen können.

Auf der anderen Seite bleibt es für die Spanier immernoch eine ziemlich blamable Angelegenheit. Dieses Spiel war zu gewinnen und eine Niederlage kann nur als Versagen (besonders an den eigenen Ansprüchen) eingeordnet werden. Das gibt dem Rest der Fußballwelt aber vielleicht auch wieder ein wenig Hoffnung, dass die vermeintlichen Erben von Iniesta&Co noch einen weiten Weg vor sich haben und das spanische Titelabonnement längst kein Selbstläufer ist.

Noch zwei Anmerkungen/Fragen zur spanischen Taktik:

Mich wundert, dass man das Spiel nicht effektiv hat breit machen können. Man erinnere sich, wie die Franzose bei der EM besonders auf der Alba-Seite doppelt absichern wollten und selbst das nicht geklappt hat. Gegen einen so arg einrückenden Gegner muss das Spiel in die Breite gezogen werden und normalerweise sollten die Spanier hier wenigstens so viel Gefahr ausstrahlen, dass immerhin Räume entstehen.

Zweitens würde mich ineteressieren, wie du Adrians Rolle in diesem System beurteilen würdest. Seine horizontalen Bewegungen schaffen zwar Anspielstationen, aber ohne vertikale Bewegungen werden wiederum keine Räume geöffnet um eine kompakte Abwehr zu überspielen. (Vergleichsmöglichkeit ist hier wieder das Spiel der A-Mannschaft mit Torres statt Fabregas.) Wäre es evtl sinnvoller gewesen Mata als falschen Neuner zu platzieren?

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