Donnerstag, 21.09.2017

Vorschau Tschechien – Portugal

Hat Tschechien aus dem Gruppenauftakt gegen Russland gelernt? Im ersten Viertelfinale treffen sie auf Portugal, eins der konterstärksten Teams im Turnier.

Ronaldos mangelnde Defensivarbeit: Schwäche oder Waffe?

Im ersten Spiel gegen Russland ließen sich die Tschechen oft zu einfach auskontern. Heute treffen sie auf das vielleicht konterstärkste Team im verbliebenen Teilnehmerfeld. Es wird also enorm wichtig sein, einfache Ballverluste zu vermeiden, da die Portugiesen sehr gerne über die Räume hinter den aufgerückten Außenverteidigern kontern.

Gebre Selassie, der wohl wieder als Rechtsverteidiger auflaufen wird, wird hier eine besondere Aufgabe erfüllen müssen. Wie jeder Rechtsverteidiger, der gegen ein Team mit C.Ronaldo auf dem linken Flügel spielt, muss er sich zwischen zwei Optionen entscheiden: Zurückhaltung und Vermeidung von Kontern oder Offensivdrang zwecks Ausnutzung Ronaldos mangelnder Defensivarbeit.

Ronaldo nimmt in der Regel wenig bis gar nicht am Defensivspiel der eigenen Mannschaft teil. Dies ermöglicht dem jeweiligen gegnerischen Außenverteidiger oft große Freiräume im Offensivspiel. So hat die gegnerische Mannschaft also immer eine weitere sichere Anspielstation und kann den Ball einfacher halten.

Bei Bayern profitierte Lahm im Halbfinale der Champions League von der mangelnden Defensivarbeit des Portugiesen, in der spanischen Liga zieht Dani Alves in den Clasicos häufig Vorteile aus der großen Schwäche von Ronaldo.

Andererseits ist ein bei Ballverlust vorne bleibender Ronaldo natürlich immer eine enorme Gefahrenquelle bei Kontern. Aufgrund seiner Schnelligkeit, Physis und guter Technik ist er der geborene Konterspieler.

Viele Außenverteidiger agieren gegen Ronaldo deswegen sehr konservativ, sprich: schalten sich nur extrem selten ins Offensivspiel ein. Boateng blieb im Gruppenspiel meist hinten, auch Barca stellte in manchen Begegnungen mit Real Innenverteidiger Puyol auf die rechte Abwehrseite.

4-1-4-1 gegen 4-3-3 : Klare Zuordungen im Mittelfeld dürften Portugal liegen

Voraussichtliche Startformationen

Schon gegen Deutschland profitierte Portugal von einer sehr klaren Zuordnung im zentralen Mittelfeld. Gegen Tschechien wird es wohl wieder zu recht klaren Duellen im Zentrum kommen.

Hübschmann wird in Bileks Team wohl wieder vor der Abwehr spielen und es hauptsächlich mit Moutinho zu tun bekommen. Plasil, der im Verlauf der Gruppenphase von der Doppelsechs aus etwas vorrückte und nun fast neben Rosicky agiert, wird auf Raul Mereiles treffen. Rosicky, der trotz kleiner Verletzungsprobleme auflaufen wird, muss sich mit Veloso auseinandersetzen.

Durch diese klare Pärchenbildung wird im Zentrum kaum ein Spieler Zeit am Ball bekommen. Es ist also ein recht hektisches Spiel zu erwarten.

Jiracek als Schlüsselspieler?

Der Wolfsburger Jiracek könnte heute ein ganz entscheidender Faktor im Tschechischen Spiel werden. Vom rechten Flügel startend wird er immer wieder in die Mitte ziehen, um zu versuchen, die klare Pärchenbildung aufzubrechen. Für Portugals Linksverteidiger Coentrao stellt sich dann die Frage, wie weit er diese Wege mitgehen will.

Lässt sich Coentrao weit mit in die Mitte ziehen, wäre dies eine wahre Einladung für Gebre Selassie. Von Ronaldo wahrscheinlich sowieso nicht verfolgt, hätte der schnelle Rechtsverteidiger freie Bahn auf dem Flügel. Wie oben bereits beschrieben, ist dies aber ein schmaler Grat, auf dem Gebre Selassie dann wandert.

Auch defensiv wird Jiracek sehr wichtig werden.Es ist unwahrscheinlich, dass man Gebre Selassie häufiger als nötig in 1gegen1-Duelle mit Ronaldo schicken will. So wird es vor allen Dingen Jiracek sein, der zum Doppeln gegen den Real-Star kommen wird.

Die Mittelstürmerfrage: Baros oder doch Pekhart?

Milan Baros konnte in der Vorrunde kaum überzeugen. Seine besten Spiele machte er, als er in einem System mit zwei Stürmern auflief. Seine Laufwege als einzige Spitze waren in der Gruppenphase extrem häufig falsch, was dem tschechischen Spiel bei einer Wiederholung dieser schwachen Leistung einiges an Torgefahr rauben würde.

Als Alternative stünde der Nürnberger Pekhart bereit. Als physisch starker Stürmer mit gutem Kopfballspiel könnte er lange Bälle besser behaupten als Baros. Auch im Pressing zeigt sich der Nürnberger deutlich engagierter und intelligenter als der EM-Star von 2004.

Entscheidend bei dieser Frage wird sein, wie Trainer Bilek dem körperlich starken Innenverteidigerduo der Portugiesen entgegentreten möchte. Sowohl Bruno Alves als auch Pepe sind sehr robust und kopfballstark.

Man könnte also Pekhart bringen, um Physis mit Physis zu bekämpfen. Andererseits könnte Bilek aber auch gerade wegen der körperlichen Robustheit von Alves/Pepe auf Baros bauen. Setzt dieser seine Schnelligkeit besser ein, indem er intelligentere Laufwege wählt, könnten die eher unbeweglichen portugiesischen Innenverteidiger Probleme bekommen.

Wichtige Aspekte kurz auf den Punkt gebracht

  • Wie riskant spielt Gebre Selassie? Nutzt er den Raum, den Ronaldo offenbart oder hält er sich sehr stark zurück, um Kontersituationen zu vermeiden?
  • Wird Jiraceks flexible Interpretation seiner Position zur großen tschechischen Stärke oder sind seine Ausflüge Einladung für Coentrao und Ronaldo bei Kontern?
  • Wer wird das Zentrum dominieren? Kann sich einer der Akteure dem Druck seines direkten Gegners entziehen?
  • Kadlec wird wohl weiterhin als Innenverteidger auflaufen. Seine Stärken im Passspiel können bei dem extrem verengten Mittelfeld ein wichtiger Faktor werden.
  • Setzt Bilek auf den schnellen Baros gegen die eher unbeweglichen Innenverteidiger Portugals? Oder bringt er mit Pekhart mehr physische Stärke ins Team?

Fazit

Verliert Tschechien wieder so leicht die Bälle wie gegen Russland, könnte Portugal dies mit seiner Konterstärke sofort bestrafen. Gelingt es den Tschechen aber, die recht klare Zuteilung der Portugiesen aufzubrechen oder bestimmte Spielfeldbereiche zu überladen (Jiraceks Wechselwirkungen mit Rosicky), könnte Tschechien große Vorteile haben.

Es ist also ein sehr enges, vielleicht auch eher unansehliches erstes Viertelfinale zu erwarten. Geht Portugal früh in Führung, würde dies wohl Tschechiens Aus bedeuten. Mit Nani und vor allem Ronaldo verfügen die Portugiesen über enorm starke Konterspieler. Steht es lange 0:0 oder gelingt Tschechien die Führung, so haben sie wohl leichte Vorteile.

Chris 21. Juni 2012 um 20:36

Guter Artikel, allerdings fehlt mir eine Erwähnung des anderen tschechischen auffälligen Akteur Pilar. Ein Satz zu ihm, wie er es mit Pereira aufnehmen möchte, wäre nicht schlecht gewesen. Sehe ihn neben Jiracek als den Spieler, der etwas reißen kann.

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Untouchable 21. Juni 2012 um 19:43

Rosicky spielt leider nicht, die kreative Gefahr im tschechischen Mittelfeld geht also alleine von Plasil aus.

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Lincoln 21. Juni 2012 um 19:26

M. E. könnten in diesem doch, aufgrund der hohen Dichte im Mittelfeld, etwas statisch zu erwartenden Spiel die sog. „Führungsspieler“ eine ausstrahlende Wirkung auf den Verlauf haben, sowohl im Posi- wie im Negativen. Der wiedergenesene Rosicky steht zentral, was eine Wikrung auf die Pärchenbildungen um ihn herum haben könnte. Ronaldo kann auf der Außenbahn viel erreichen, aber auch nur da. Ich denke, das Spiel könnte sich möglicherweise durch einen Fehler oder einen Ballgewinn genau über diese Schnittstellen entscheiden.

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Solid Snake 21. Juni 2012 um 18:04

Richtig guter Artikel kurz und knapp schön leserlich alles was man braucht.
Seht gut gefallen mir seit neustem auch die Stichpunktartig zusammengefassten Kernfragen-Aspekte
Weiter so SV

Gruss Snake

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laterookie58 21. Juni 2012 um 18:45

@Solid Snake: vollste Zustimmung– kurz, knackig und alle wissenswerten Details verständlich bei einander!!!
Die Sache mit den Kernfragen- Aspekten scheint an mir vorbei gelaufen zu sein: seit wann wird das praktiziert? Tolle Idee!!!!

Ohne die „Schreibe“ Deiner Kollegen schmälern zu wollen, lieber PP: Du bist längst „Stammspieler“ und reif für unsere „National- Elf“– brilliant job you do out there.
Grüße laterookie58

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tactic_addicted 21. Juni 2012 um 21:48

Kann ich nur zustimmen. Der Schreibstil von PP gefällt mir am besten. Nach der 1. Halbzeit muss ich auch hinzufüngen, dass die Vorschau das Spiel gut beschreibt.

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Sacchi 21. Juni 2012 um 16:25

Jetzt noch Lewandowski für Postiga in den Sturm und wir sehen heute abend den kommenden Europameister!

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Muratti Blue 21. Juni 2012 um 16:00

Einfach super gemacht. Aber nur eins warum spielt Piszczek bei Portugal. 🙂

Auch die groeßten machen Fehler so wie Cech gegen Polen. 🙂

Macht weiter so…

SG aus Slowenien

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nos 21. Juni 2012 um 15:46

Habe 2 Fehler in den Startformationen entdeckt, Piszczek spielt doch garnicht fuer Portugal 🙂 Und Rosicky wird auf der Bank platznehmen.

Gruss

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Pluheit 21. Juni 2012 um 15:44

Bei der Grafik zur Startformation hat sich ein Pole eingeschlichen 😉

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PP 21. Juni 2012 um 18:32

Dieser Piszcek kriegt einfach nicht genug 😉
Sorry, da war wohl der Fehlerteufel am Werk. Da das Spiel in gut zwei Stunden beginnt, werde ich jetzt – bei allem Respekt für Pereira – die Grafik nicht nochmal neu machen. Ich hoffe, dies ist zu verzeihen.

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Hermes 21. Juni 2012 um 15:35

Seiht ihr sicher, dass in der Grafik der Name des rechten portugisischen Außenverteidigers stimmt?

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JuP 21. Juni 2012 um 15:01

Meiner Meinung nach, ist noch hinzuzufügen, dass Tschechien insbesondere große Probleme möglicherweise beim Aufbauspiel haben könnte durch die Zuteilung im Mittelfeld, da kein zentraler Mittelfeldspieler Platz für eine Ballannahme haben wird beim Entgegenkommen nur klatschen lassen kann.
Zudem sind mit Ronaldo und Nani zwei sehr schnelle Spieler auf den Aussen postiert, welche mit einem schnellen und druckvollem Anlaufen beim Aufbau, die Verteidigung, besonders Kadlec da dieser der wichtigste Punkt im Aufbauspiel ist, bedrängen und stören können. Die tschechische Verteidigung wird in Folge dessen oft nur lange Bälle schlagen können und diese werden bei Innenverteidigern wie Pepe und Alves nicht von großer Bedeutung sein.
Portugal wird es ein wenig leichter haben beim Aufbauspiel, da Tschechien wahrscheinlich im Allgemeinen keinen großen Druck beim Pressung ausüben wird und bei Portugal spielerisch sehr starke Außenverteidiger und bewegliche Flügelspieler davor auflaufen werden.

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Redondo 21. Juni 2012 um 14:48

Laut den letzten News in allen großen Medien wird Rosicky nicht spielen, eventuell wird er später eingewechselt. Das soll aber auch noch als zweifelhaft gelten.

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Wettinho 21. Juni 2012 um 14:42

Ich erwarte auch, dass die Mittelfeldspieler sich gegenseitig ausschalten. Bleib die Frage, wie Tschechien ein Tor erzielen will.

Baros und Pekhart sind die Harmlosigkeit in Person bei diesem Turnier.
Ich glaube nicht, dass sie jetzt ausgerechnet gegen Alves/Pepe ihre Sternstunde haben werden. Einzige Möglichkeit für Gefahr zu sorgen, sind Vorstöße von Gebre Selassie, was wiederum aber Räume zum kontern lässt.

Ich verstehe sowieso nicht, warum Ronaldo nicht für Postiga in die Spitze geht und links ein etwas ausgeglichener Spieler rein kommt. Somit bräuchte man sich keine Sorgen über Lücken auf der linken Seite zu machen, gleichzeitig hat Ronaldo mehr Freiheiten.

Wenn sich zwei Mannschaften taktisch gegenseitig neutralisieren bleiben nur Aktionen ihrer Starspieler und da sehe ich eindeutige Vorteile für Portugal. Ich erwarte enges Spiel bei dem ein Fehler oder eine Einzelaktion die Entscheidung bringt.

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