Niederlande – Portugal 1:2

Portugal erreicht nach einem 2:1-Erfolg das Viertelfinale. Gegner Niederlande hatte nach einer starken Anfangsviertelstunde mit denselben Problemen wie gegen Deutschland zu kämpfen.

Grundformationen.

Vor dem letzten Spieltag der Gruppe B war die Ausgangslage offen: Von einem Weiterkommen der bisher punktlosen Niederländer bis hin zum Ausscheiden der deutschen Mannschaft war alles drin. Die Portugiesen mussten bei der Konstellation stets nach Lemberg auf die Parallelpartie von Dänemark schielen. Coach Paulo Bento vertraute bei dieser unsicheren Ausgangsposition auf dieselbe Elf, die bereits in den ersten zwei Gruppenspielen auflief. Auf der anderen Trainerbank sah sich van Marwijk nach den bisher bescheidenen Auftritten großer Kritik ausgesetzt. Er setzte die in seinem Land oft geforderte Startformation inklusive Huntelaar und van der Vaart um und setzte dafür van Bommel und Afellay auf die Bank.

Niederlande beginnen wie die Feuerwehr

Mit dieser neuen, offensiveren Variante fuhren die Oranje zu Beginn des Spiels sehr gut. Van der Vaart brauchte aus dem Mittelfeldzentrum ein Mehr an Kreativität ins Spiel im Vergleich zum blutleeren Auftritt gegen die DFB-Elf. In den Anfangsminuten war er der bestimmende Mann seines Teams und riss das Spiel an sich. Er profitierte davon, dass die Portugiesen zunächst einmal abwarteten und sich recht tief postierten. Wie bereits bei ihrem Auftaktspiel gegen Deutschland waren sie zunächst darauf bedacht, mit ihrem Mittelfeld-Trio Veloso, Meireles und Moutinho die Spielfeldmitte zu schließen und dem Gegner keine Räume zum Kombinieren zu bieten.

In der Folge schafften es die Holländer jedoch, die portugiesische Drei-Mann-Mauer im Zentrum zu umspielen. Sie setzten hierfür vermehrt auf Angriffe über die Außen: Auf links nutzte Sneijder die Freiräume, die sich ihm auf dem Flügel boten. Seine Aufstellung an der Außenbahn machte Sinn, da er dort mehr Platz vorfand als im offensiven Zentrum, wo van Persie sich abrackerte. So konnte er in der Anfangsphase ein bis zwei gelungene Pässe einstreuen.

Die stärksten Angriffe leitete van Marwijks Team allerdings von der rechten Seite ein: Hier konnte Robben ein ums andere Mal den Ball an der Seitenauslinie annehmen und zu seinen altbekannten, diagonalen Dribblings ansetzen. Im Zusammenspiel mit dem oft aufrückenden Außenverteidiger van der Wiel profitierte er davon, dass Superstar Ronaldo kaum nach hinten mitarbeitete. Es taten sich auf dem rechten Flügel rund 10 Meter vor dem portugiesischen Strafraum Lücken auf, die Robben nur zu gerne zur Beschleunigung nutzte. Der Führungstreffer nach 11 Minuten war folgerichtig ein Zusammenspiel der bis dato auffälligsten Akteure: Van der Wiel und Robben leiteten den Angriff über rechts ein, der umtriebige van der Vaart schloss aus dem Rückraum mit einem satten Linksschuss zum 1:0 ab.

Portugal wacht auf

Portugals reaktive Spielweise und das fehlende Pressing im Mittelfeld und Angriff zu Beginn begünstigten die niederländische Dominanz. Nach dem Führung fanden sie besser ins Spiel: Ihre Abwehrreihe rückte rückte nun wesentlich weiter auf, die Mittelfeldakteure gingen früher und konsequenter auf den Gegner. Auch das Angriffsspiel blühte nun auf, da die Außenverteidiger nicht mehr strikt ihre Positionen hielten, sondern durch Vorstöße Überzahlsituationen auf den Flügeln schufen.

Mit dieser aktiveren Spielweise deckten die Iberer die Schwächen des niederländischen System auf: Dadurch dass die vier offensiven Akteure praktisch nicht nach hinten mitarbeiteten, entstand ein riesiges Loch im Mittelfeld. In der Praxis agierten sie dadurch mit einer 4-1-1-4 Formation. Bereits beim Spiel gegen Deutschland fiel diese krasse Aufteilung in vier Offensive und sechs Defensive negativ auf, nun wurde sie durch das Fehlen van Bommels nochmal bestärkt. Der offensiver denkende van der Vaart konnte noch schlechter die in der Rückwärtsarbeit entstehenden Lücken schließen als der ehemalige Bayern-Kapitän (zu van der Vaarts Ehrenrettung muss gesagt werden, dass van Bommel diese Aufgabe aufgrund schwacher Form kaum besser löste). So blieb zu viel defensive Arbeit an de Jong hängen, der nicht sämtliche Lücken im Mittelfeld alleine schließen konnte.

Der wohl größte taktische Fehler der Niederländer war jedoch ihre hoch agierende Viererkette. An und für sich ist es im modernen Fußball alltäglich, dass die Abwehrreihe eines dominant auftretenden Teams weit aufrückt. Allerdings spielen die meisten Ballbesitzteams mit einem aggressiven Pressing. Die niederländische Offensivreihe griff die portugiesischen Mittelfeldspieler nicht an, Meireles und Co. konnten sich die Schnittstellenpässe mit Geduld und Augenmaß zurechtlegen. Immer wieder kamen die Portugiesen so hinter die holländische Viererkette.

Größter Nutznießer dieser taktischen Fehlgriffe der Niederländer war Cristiano Ronaldo. Der Dribbelkünstler sah sich auf Linksaußen meistens nur einem Gegenspieler gegenüber, er konnte daher seine ganze Trickpalette im Eins-gegen-Eins auspacken. Van der Weil hielt heldenhaft dagegen, konnte aber nicht alle Situationen bereinigen. Noch stärker war Ronaldo jedoch, wenn er Tempo aufnehmen und mit seiner hohen Sprintgeschwindigkeit hinter die gegnerische Viererkette laufen konnte. Die Abstimmung Vlaar – van der Wiel stimmte in solchen Situationen selten, Ronaldo kam gleich zweimal alleine vor Stekelenburg an den Ball. Beim ersten Mal rettete noch der Pfosten, beim zweiten Mal versenkte der Madrilene nach feinem Pass von Pereira routiniert zum Ausgleich (28.). Auch danach waren die Portugiesen klar die chancenreichere Mannschaft, allerdings war ihre Verwertung äußerst schwach – vier hundertprozentige Möglichkeiten ließen sie vor der Pause liegen.

Zweite Halbzeit: Dreierkette bedeutet das Ende

Nach dem Wiederanpfiff stabilisierte sich das niederländische Team zunächst. Robben agierte nun oft mit Sneijder auf der linken Seite, die Niederländer schufen hier eine permanente Überzahl.  Dies bedeutete nicht, dass sie vermehrt vor das gegnerische Tor kamen, im Gegenteil –zwischen der 22. und 83. hatten sie keine einzige Möglichkeit.  Vielmehr bekamen sie durch vermehrte Ballkontrolle mehr Dominanz in ihr Spiel. Auf links ließen sie den Ball laufen. Netter Nebeneffekt dieser Asymmetrie: Dadurch dass das Spiel jetzt fast ausschließlich über die rechte portugiesische Seite lief, war Ronaldo auf der ballfernen Flanke isoliert.

Positiv war auch, dass fortan alle niederländischen Spieler mit nach hinten arbeiteten. Keiner blieb mehr vorne stehen, auch Huntelaar, van Persie und Robben opferten sich für das Defensivspiel. Sie standen so im Verbund wesentlich kompakter, es entstanden weniger Zwischenräume, die Meireles und Moutinho ausnutzen konnten. Das portugiesische Offensivspiel lahmte in der Folge, durch das bessere Unterbinden ihrer Konter fanden sie keine Mittel gegen die gegnerische Defensive. Erneut machte sich auf deren Seite die fehlende Kreativität aus der Mittelfeldzentrale bemerkbar, auch Pepe und Bruno Alves fielen im Spielaufbau meistens mit langen Bällen ins Nichts auf.

Allerdings waren die Niederländer mit diesem Ergebnis immer noch ausgeschieden. Ein Tor musste her – van Marwijk blieb nur, offensiv zu wechseln. Afellay kam für Willems (der bereits zuvor das Feld aufgrund eines rüden Fouls hätte verlassen müssen, allerdings nur gelb sah), wodurch in der Defensive auf eine Dreierkette umgestellt werden musste. Die Idee, mit Afellay auf rechts nun von beiden Flügeln aus für Gefahr zu sorgen, ging jedoch zu keiner Zeit auf.

Stattdessen rannten die Niederländer mit der offeneren Ausrichtung ins eigene Verderben. Die Portugiesen, ohnehin eins der konterstärkeren Teams im Wettbewerb, machten in der Folge kurzen Prozess.  Man merkte der neu formierten Dreierkette die fehlende Abstimmung an. Mathijsen stand beispielsweise öfters hinter seinen beiden Kollegen, was für ein Nichtfunktionieren der Abseitsfalle sorgte – eine Sünde bei einer dermaßen hoch postierten Abwehrreihe. Ronaldo bedankte sich für die offenere Ausrichtung in der 74. Minute, sein feiner Treffer nach einem perfekt gespielten Konter krönte seine offensive Galaleistung. Der Drops war gelutscht. Obwohl die Portugiesen angesichts der Führung etwas nachlässig verteidigten und Niederlande noch eine große Möglichkeit hatten (van der Vaart an den Pfosten, 83.), blieb es beim 2:1.

Fazit

Die Niederländer scheitern nach drei uninspirierten Auftritten bereits in der Vorrunde. Bert van Marwijks Team hatte mit zahlreichen taktischen Problemen zu kämpfen (fehlende Rückwärtsarbeit der Angreifer, wenig Kreativität), aus den elf Spielern enstand zudem nie eine echte Einheit. Nach dem Führungstreffer gab es kein „Jetzt erst Recht!“, stattdessen schien jede Chance der Portugiesen einen weiteren Sargnagel in das orange Mannschaftskonstrukt zu hauen. Spätestens nach dem Ausgleichstreffer schien alles andere als ein portugiesischer Sieg vollkommene Utopie, so harmlos und zerstritten wirkte die Elftal. Van Marwijk wird sich jetzt mit den Fragen um seine Zukunft auseinandersetzen müssen.

Portugal zeigte keine makellose, aber definitiv eine gute Leistung. Mit zunehmender Spielzeit drehte Cristiano Ronaldo auf, der von den freien Räumen im Mittelfeld profitierte. Aber auch die Außenverteidiger Pereira und Coentrao ragten aus dem starken Mannschaftskonstrukt heraus. Die Halbfinaltickets sollten die Fans der Selecção allerdings noch nicht buchen – Tschechien dürfte ein echter Prüfstein werden, zumal Bentos Team bisher nur in den Disziplinen Verteidigung und Konter überzeugte. Wenn sie das Spiel machen müssen, bekommen sie arge Kreativitätsprobleme, wie auch die Anfangsminuten der zweiten Halbzeit zeigten. So oder so: Am Ende wird ein Team im Halbfinale stehen, mit dem nur wenige rechneten. Die Frage ist nur noch, wie groß die Überraschung sein wird.

Henrik 18. Juni 2012 um 13:53

Nani war der einzige Flügelspieler, der gut nach hinten gearbeitet hat. Er hat bis jetzt in allen drei Spielen gute Leistungen gezeigt. So kann Portugal es sich erlauben CR7 von der Defensivarbeit freizustellen. Raul Mereiles hat Fabio Coentrao heute unterstützt und CR7 hat Van der Wiel vor eine schwierige Entscheidung gestellt, Robben zu unterstützen oder hinten abzusichern. Er entschied sich für ersteres und konnte so zumindest am Anfang für Gefahr sorgen, ermöglichte CR7 aber dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken.
Die Niederlande hatte 6 Feldspieler die hinter dem Ball verteidigen, Portugal 8.
Van Marwijk hätte sich ein Beispiel an Portugal nehmen können und den defensivstarken Kuyt aufstellen. Mit Sneijder im Zentrum wäre eine bessere Verbindung zwischen Abwehr und Angriff gegeben als mit Van Persie, der meiner Meinung nach im Sturm klar besser als Huntelaar ist.

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Dan the Man 18. Juni 2012 um 11:16

Was mich wundert ist, dass es doch im wesentlichen die gleiche Truppe ist, die Vizeweltmeister geworden ist. Da hat man zwar nicht eben geglänzt aber vor allem defensiv eine gute Balance gehabt. Eine Analyse, was sich von WM zu dieser desaströsen EM geändert hat, wäre interessant.

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Eimeck 18. Juni 2012 um 15:35

Bei der WM waren sie noch 2 Jahre jünger… insbesondere van Bommel hat es jetzt ja nun wirklich hinter sich. Und Sneijder war in Top-Form. Ansonsten waren sie damals auch nicht wirklich besser. Wenn Fußball ein gerechtes Spiel wäre, hätte Brasilien sie nach Strich und Faden zerlegt – stattdessen Eigentor, extrem dämlicher Platzverweis, ein guter Freistoß… und eine ausnahmsweise gute kämpferische Mannschaftsleistung nach dem Rückstand im VF. Schon die Gruppenspiele waren fast nur Gewürge, trotz dreier Siege. Gegen Dänemark half vor allem ein Eigentor.

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Thomas 18. Juni 2012 um 10:44

Schade, dass man den überragenden Taktikexperten, die ihre Expertise in den Kommentarspalten großer deutscher Tageszeitungen und Wochenmagazine leuchten lassen, und die immer fordern, Löw solle sein 11 doch bitte schön ausschließlich aus den besten deutschen Fußballern der letzten BL-Saison zusammenstellen, diese niederländische Mannschaftsleistung nicht unter die Nase reiben kann.

Da hatte sogar mal der schwer erträgliche Herr Scholl recht: nur 11 geniale Fußballspieler geht eben nicht. Es braucht eine Mannschaft. Und: schon 6jährige begreifen, dass eine Mannschaft nicht nur aus Stürmern bestehen kann. Anders als Van Marwijk selbst scheinen dass nicht alle seiner Spieler so richtig verstanden zu haben (in abgeschwächter Form natürlich).

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Felix 18. Juni 2012 um 10:37

klar, dass jetzt die trainerdiskussion losgeht und bert vermutlich seinen hut nehmen wird.
aus taktischer sicht: hat er eklatante fehler gemacht, die seine kündigung rechtfertigen würden? womit könnte er gegen einen rausschmiss argumentieren?

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Lena 18. Juni 2012 um 08:19

Bert van Ribbeck dürfte gehen müssen. Es zeigte sich mal wieder wie fragil die Holländer kicken. Gegen Dänemark startete nichts, trotz deutlicher Überlegenheit und schon implodiert die Manschaft.

Was mit den vorhandenen Spielern machbar war, hat man gegen Dänemark gesehen. Diesmal van der Vaart aufzustellen war nichts anderes als offensives Harakiri gegen die pfeilschnellen Portugiesen. Holland fehlt eine schnelle zweite 6.

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BenSchreck 18. Juni 2012 um 02:00

Vielen Dank für die Spielkritik!

Wie kann es sein, daß die Niederlande ohne einen einzigen Punkt aus dem Turnier gehen?

Ich bin kein Kenner der niederländischen Fußballszene. Aber es dürfte sich doch langsam herumgesprochen haben, daß eine Mannschaft modernen Fußball spielen sollte, wenn sie international erfolgreich sein will.

Wie kann es angehen, dass eine Team dermassen in die Blöcke „Defensiv“ – „Offensiv“ auseinanderbricht? Diese 4- 6 Situation, die nicht nur in diesem Spiel erwähnt wurde: ich verstehe es nicht. Wobei ich sogar den relativ jungen AVern gar keine Schuld gebe: van der Wiel gehört in einen großen Verein.

In der FIFA (cr) – Weltrangliste droht den Niederlanden der Fall auf Platz 10 oder tiefer. Wo ist der holländische „Football total“ geblieben? Unglaublich!!!

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erichbr 18. Juni 2012 um 10:50

Ich denke das man vor allem an Niederlande sieht wie stark die Gruppe war – Im Prinzip konnte dort jeder jeden schlagen. Ich fand die Niederlande gegen Dänemark und Deutschland auch nicht so schlecht wie es die 0 Punkte aussagen.

Gegen Dänemark haben Sie eigentlich bis zum Torabschluss überragend gespielt. Selbst gegen Deutschland hatten Sie die Möglichkeit in Führung zu gehen…

So ein Turnier sagt oft wenig über die Leistungsstärke einer Mannschaft – Siehe Russland.

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