Freitag, 31.10.2014

Ukraine – Frankreich 0:2

Nicht ohne Probleme, aber letztlich verdient gewann Frankreich gegen zu harmlose Ukrainer, denen zu große Spielerabstände zum Verhängnis wurden.

Grundformationen 1. Halbzeit

Am zweiten Spieltag der Gruppe D trafen die am ersten Spieltag siegreichen Gastgeber auf den eigentlichen Gruppenfavoriten Frankreich. Diese mussten sich nach dem Remis gegen England, die gut auf das französische Offensivspiel reagiert hatten, nun gegen den Gastgeber zu einem Sieg spielen, änderten dafür auch ihre Anfangself auf zwei Positionen – für Evra spielte Clichy als Linksverteidiger, während Menez anstelle von Malouda auflief. Dies hatte durchaus tiefgreifende Veränderungen zur Folge, da die Franzosen praktisch wieder etwas stärker zum System vom Jahresanfang zurückkehrten und die etwas radikalere Offensivfluidität, die man zuletzt gespielt hatte, zügelten. Auf der anderen Seite liefen die Ukrainer unverändert nach dem enorm wichtigen Sieg gegen die Schweden auf und formierten sich in ihrem typischen 4-4-1-1/4-1-4-1 mit Altstar Shevchenko in vorderster Front und den wichtigen Dribbeln auf den Außenbahnen als Verbindungsspieler.

Nach fünf Minuten wollte man mit den Notizen zu ersten taktischen Punkten anfangen, da zog die Spielunterbrechung die Aufmerksamkeit auf sich. Da es so viel gar nicht zu vermerken gab, blieb nur das wenig erfrischende Warten, während die Kollegen ihr Können auch mit ihren humorvollen Wortspielen aufblitzen ließen. Einmal ernsthaft gesprochen: Die Unterbrechung zerstörte natürlich jeglichen Rhythmus der Spieler, die sich vor dem „Wiederbeginn“ nicht richtig warm machen konnten, weshalb das Spiel beider Teams im Folgenden auch aufgrund der schwierigen Bedingungen nicht ihren ganz hohen Level erreichte. Individuelle Fehler oder Ungenauigkeiten bedingten verhältnismäßig viele Torszenen oder zumindest Annäherungen daran.

Ukraine mit durchaus hoher Defensive, Frankreich mit Problemen im Aufbau

Anders als die Engländer, die gegen Frankreich enorm tief und passiv aufgetreten und gegenüber den französischen Spielzügen zurückgewichen haben, um die Qualität ihrer Torchancen zu verringern, verteidigten die Ukrainer gegen die eher das Spiel machenden Franzosen deutlich höher und versuchten, ihre Abwehrreihe relativ weit vom Tor weg zu postieren.

Damit konnten sie vorne attackieren und bereits den französischen Spielaufbau unterbinden: Die beiden Stürmer stellten die beiden Innenverteidiger zu, deren Situation sich auch durch das Zurückfallen Alou Diarras in eine Übergangs-Dreierkette nicht verbesserte, da Voronin und Shevchenko sich intelligent postierten und gut mit den beiden offensiven Außen zusammenarbeiteten, während die französischen Außenverteidiger teilweise zu hoch standen und damit von den anderen Verteidigern isoliert werden konnten. Weil hinzu kam, dass der primäre Spielmacher und Taktgeber im französischen Mittelfeld, Yohan Cabaye, sehr eng von Nazarenko abgeschottet und teilweise manngedeckt wurde, fehlten den tief gestreckten und breit gefächerten Franzosen die Optionen im Spielaufbau – teilweise fiel gar Nasri sehr weit zurück und initiierte in der eigenen Hälfte riskante Dribblings gegen mehrere Gegner, doch oft versuchten die Franzosen sich mit langen Bällen hinter die aufgerückte ukrainische Viererkette auf ihre schnellen Offensivakteure zu befreien, die allerdings nur mittelmäßigen Erfolg einbrachten.

Einige dieser langen Bälle konnten die Offensivkräfte in wenig aussichtsreichen Positionen noch erlaufen und warteten dann auf die nachrückenden Kollegen, so dass in solchen Situationen Ähnlichkeiten mit dem Spiel gegen die Engländer bestanden, wenn die Ukrainer einmal tiefer verteidigten – in einer Phase der ersten Halbzeit zogen sie sich auch weiter zurück und es waren vermehrt solche Szenen zu sehen.

In diesen Szenen zeigte sich, dass die Franzosen mit einer abwartenden und passiven Defensive erneut ihre Probleme hatten. Zwar rückte man diesmal wieder mehr auf und bezog die Außen mehr mit ein – beides auch durch die veränderte Struktur in der Offensive. Doch waren dann von den Außenbahnen die Verbindungen ins Zentrum nicht ideal. Zudem wurde ein Problem auffällig, dass man auch schon gegen die Engländer hatte erkennen können: Gegen die passiven Defensiven verpassten die Franzosen zu oft den richtigen Moment zum Losstarten, was im Gegensatz beispielsweise die deutsche Mannschaft ganz hervorragend beherrscht, und bekamen diesbezüglich auch ihre Bewegungen nicht passend synchronisiert, so dass kleine Störungen in ihrem Rhythmus entstanden, die sich erneut stark auswirkten, da man die Spielzüge einfach schon früh nicht in die Gänge bekam.

Frankreichs Diagonalangriffe

Wenn die Franzosen aus dem geordneten Aufbau heraus den Ball doch einmal nach vorne und sich kombinativ in die gegnerische Hälfte spielen konnten, oder wenn man dort einen der zweiten Bälle eroberte, zeigte die Mannschaft von Laurent Blanc eine klare Ausrichtung: Man wollte ein Übergewicht auf links erzeugen, um anschließend immer wieder nach einem groben Muster ihren Schlüsselspielzug zu initiieren. Während dabei der weit aufrückende Clichy breit fächerte, zog Ribéry zur Mitte und Benzema kreuzte sehr stark auf die Außenbahn.

Grafik aus dem spielverlagerung-EM-Heft: Ein französischer Spielzug vom 2:1 gegen Deutschland, der ihre Vorliebe für solche Diagonalangriffe zeigt

Durch die sehr offensiven französischen Außenverteidiger wurden teilweise die ukrainischen Außenspieler weit nach hinten gedrängt, während Tymoschchuk vor der Abwehr relativ tief agierte oder von Benzema, den er gelegentlich mit abdeckte, weggezogen wurde, was wiederum dazu führte, dass das Mittelfeld der Ukrainer etwas zu offen war (und diese auch bei einigen Verlagerungen anfällig waren). Diese freien Räume nutzte bei besagtem Spielzug Ribéry, der mit Benzema als Doppelpass-Wandspieler dann schnell mit Tempo diagonal durch den Raum laufen konnte und rechts auf einen der drei einlaufenden Spieler (Debuchy, Cabaye, Menez) durchstecken sollte – in dieser Ausführung erinnerte der schnelle diagonale Spielzug, bei dem die Ukrainer nicht rechtzeitig zurückweichen konnten, an die französischen Angriffe beim Testspielsieg gegen die deutsche Mannschaft vom Februar. Beim 0:1 konnte man dieses Muster ebenso maßgeblich erkennen, auch wenn es hier aus einer Kontersituation heraus erwuchs.

Um diese Angriffe einzudämmen hatte Tymoshchuk mit zunehmender Spielzeit mehr und mehr ein Auge auf Ribéry und versuchte seine Läufe zu antizipieren, was ordentlich gelang, bei besagtem Treffer aber fehlschlug.

Offensivspiel der Gastgeber

Nicht nur die Franzosen, sondern auch die Ukrainer hatten in der Offensive bzw. gerade im Aufbauspiel so ihre Probleme: Nasri rückte bei den Franzosen neben Benzema auf und die beiden attackierten die ukrainischen Innenverteidiger. Da deren vier Offensivkollegen, im Besonderen die beiden tatsächlich als solche agierenden Stürmer, recht hoch postiert waren, fehlte es auch den ukrainischen Innenverteidigern unter Druck an Anspieloptionen. Zwar war hinter Nasri und Benzema zu häufig ein durchaus großes Loch, in welchem sich Tymoschchuk befand, doch war dieser bei einem Anspiel komplett zwischen französischen Spielern wie in einem Käfig gefangen, da auch Nazarenko sehr hoch stand. Folglich hatten die Ukrainer Schwierigkeiten mit einem konstruktiven Spielaufbau.

Auch durch die Auswechslungen im zweiten Durchgang wurden diese Probleme zunächst kaum behoben – durch die Einwechslung eines weiteren Stürmers für Nazarenko verschärfte sich die Zerteilung der Mannschaft gar noch, so dass nun vorne zu viele Spieler auf die Bälle warteten. In ihrer Anordnung mussten diese Offensivspieler zwar neue Wege finden und sorgten dabei für ungewohnte Fluidität in verschiedenen Zwischenpositionen, doch konnte man dies durch die fehlende Anbindung zu den anderen Spielern nicht ausspielen, weshalb man im zweiten Durchgang nach dem Rückstand das Comeback nicht mehr schaffte, auch wenn die Balance wieder etwas besser wurde, als Aliyev ins Spiel kam.

Am gefährlichsten war die Mannschaft von Oleg Blokhin wenig überraschend bei Kontersituationen. Besonders die weit aufrückenden Außenverteidiger der Franzosen boten in ihrem Rücken große Räume für die Schnellangriffe der Ukrainer. Mit langen Bällen wurden hier entweder die ausweichenden Stürmer, wie bei der besten Chance von Shevchenko, oder die vorstoßenden Außendribbler angespielt, wobei diese zu wenig daraus machten, dass ihre Gegenspieler oftmals nicht in Position waren und zudem nicht immer genug von den Außenspielern vor ihnen unterstützt wurden.

Während die Formationslücken bei den Ukrainern nämlich im Mittelfeld und dort eher im Zentrum lagen, befanden sie sich bei den Franzosen auf den äußeren Kanälen im Mittelfeld neben den beiden zentralen Mittelfeldspielern, was an jener nicht immer ganz disziplinierten Mitarbeit der offensiven Dreierreihe lag. Daraus konnten die Ukrainer zu wenig Zählbares machen, weil sie etwas zu früh zur Mitte gingen, wohingegen Ribéry beim 0:1 einen Vorstoß Gusevs nicht verfolgte, sondern zockte und den Konter ausspielte.

Zusammenfassung

  • Die ungewöhnliche Vorgeschichte beeinflusste das Spiel
  • Durch Manndeckung auf Cabaye und gute Arbeit der vier Offensiven sowie begünstigt durch die isolierte Stellung der etwas zu hohen französischen Außenverteidiger können die durchaus hoch stehenden Ukrainer Frankreichs Spielaufbau lahm legen
  • Franzosen fehlen die Abstimmung beim Timing von Läufen und die Verbindungen vom Flügel in die Mitte
  • Frankreichs Diagonalangriffe von links nach rechts mit Zuspielen von Ribéry oder Nasri auf einlaufende Spieler sorgt für die größten französischen Chancen und auch das erste Tor
  • Ukraine im Spielaufbau zu gestreckt, die Stürmer und Nazarenko zu hoch, dadurch Tymoschchuk zwischen den französischen Spielern alleine
  • Durch Schnellangriffe in die Räume hinter den aufgerückten französischen Außenverteidiger ist die Ukraine am gefährlichsten

Fazit

Während die Franzosen gute Chancen haben, sich im Spiel gegen die Schweden für die K.O.-Runde zu qualifizieren, kämpft die Ukraine in einer Art Entscheidungsspiel mit England wahrscheinlich um den zweiten Platz in der Gruppe. Will der Co-Gastgeber in dieser Partie bestehen, müssen der defensive Zusammenhalt in der Spielfeldmitte und die Anbindungen zwischen den einzelnen Teamteilen in der Offensive verbessert werden.

Die Franzosen konnten sich nach der Partie gegen England etwas steigern und zeigten eine ordentliche Partie. Dennoch präsentierten sie sich in beiden Spielen noch nicht so stark wie erwartet. An einigen Punkten müssen die Franzosen noch arbeiten, um auch die besten europäischen Defensivreihen knacken zu können – die Ukrainer sind hier gerade individuell kein wirklicher Maßstab. Die Synchronisation der Bewegungen im letzten Drittel und das richtige Timing beim Starten sollten ebenso noch einmal auf der Agenda stehen wie die Balance der Außenverteidiger beim Aufrücken. Weiterhin fiel auf, dass durch die hohe Bewegungsfrequenz Benzemas ähnliche Problemstellungen zu beobachten waren wie bei den Spaniern, denen gegen Italien die entscheidenden Läufe durch das Zentrum oder die Halbräume und damit die Durchschlagskraft in vorderster Front fehlten – so war es auch hier, mit dem 0:2 als Gegenbeispiel, das durch Cabayes Tor belohnt wurde. Die Grundlage ist bei den Franzosen aber voll funktionstüchtig.

In einem wahrscheinlichen Viertelfinale warten dann mit Spanien und Italien schwere Gegner, welche zu einer echten Probe für den Geheimfavoriten werden könnten. Zunächst liegt die Aufmerksamkeit allerdings auf dem letzten Gruppenspiel – ganz besonders für die Ukraine.

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