Kroatien – Italien 1:1

Italien gibt eine Führung aus der Hand und trennt sich 1:1 von Kroatien. Die „Feurigen vom Balkan“ profitieren von den taktischen Änderungen Bilic‘ in der Halbzeitpause.

Formationen erste Halbzeit.

Geballte Manpower im Zentrum

Durch das frühe Aufeinandertreffen der Fußballgiganten Spanien und Italien ergab sich für die Gruppe B am zweiten Spieltag eine interessante Konstellation: Die beiden Großmächte dürfen ihre kommenden Spiele gegen Kroatien nicht verlieren, ein Fehltritt könnte das Aus bedeuten. Dies brachte einige Brisanz und auch Nervosität in diese Partie, was man von Beginn an merkte. Obwohl sowohl Kroatien als auch Italien auf dieselbe Anfangself wie bei ihren Auftaktspielen setzten, wirkte die Anfangsphase so, als wären beide Mannschaften nicht eingespielt.

In den ersten 10 Minuten war es ein kampfbetontes Spiel. Italien begann erneut mit ihrem 3-5-2, wobei die defensive Dreierkette in der Rückwärtsbewegung zur Fünferreihe wurde. Kroatien hielt dagegen mit einem 4-4-1-1, das recht zentral ausgelegt war: Sowohl Linksaußen Perisic als auch Rechtsaußen Rakitic agierten nicht als klassische Flügelstürmer, schließlich fühlen sich beide als Spieler in der Zentrale wohler als auf den Außen.

Durch ihre Formationen übermannten sich beide Mannschaften zunächst im Zentrum. Mit teilweise bis zu zehn Feldspielern um den Mittelkreis gab es auf beiden Seiten wenig Durchkommen. Dazu pressten beide Abwehrreihen besonders stark gegen den wichtigsten, gegnerischen Spielmacher: Auf italienischer Seite nahmen Motta und Marchisio Kroatiens Herzstück Modric in die Mangel. Auf kroatischer Seite war es Mandzukic, der in der Rückwärtsbewegung Juve-Altstar Pirlo in der defensiven Phase folgte und stellte. Kreative Impulse aus der Zentrale bzw. Spielzüge durch die Mitte gab es kaum zu bestaunen.

Duelle auf den Flügeln von hoher Bedeutung

Nach und nach wurde deutlich, dass es den Italienern besser gelang, das dicht gepackte Zentrum über die Flügel zu umschiffen. Durch ihre Dreierkette konnten es sich die Außenverteidiger Maggio und Giaccherini öfters erlauben, zu Läufen in die Offensive zu starten, als ihre kroatischen Gegenparts. Dort schaltete sich entweder Strinic oder Srna ein, was es Italien leicht machte, die Angriffsseite vorauszusehen und sich in diese Richtung zu verschieben.

Italien hingegen agierte flexibler und schaffte öfters Überzahlsituationen auf den Flügeln. Hier tat sich speziell Cassano hervor. Während Stoßstürmer Balotelli sich eher in den Strafraum orientierte, beackerte der umtriebige Akteur vom AC Milan das ganze Feld. Bei Italien konnte man fortan einen Schlüsselspielzug erkennen: Aus der Abwehr wurde der Ball schnell auf die Flügel hinter dem aufgerückten Außenverteidiger gespielt, von wo aus Cassano den Ball in Richtung Balotelli oder eines aufrückenden Außenverteidigers weiterleitete. Noch konnten die Italiener zwar nicht viele Chancen herausarbeiten – ein klares optisches Übergewicht hatten sie allemal.

Wirkliche Torgefahr kam erst auf, als Kroatien ab der 30. Minute das Pressing in den vorderen Reihen einstellte. Mandzukic verfolgte von nun an nicht mehr Pirlo, was sich verheerend für sein Team auswirken sollte: Der kreative Kopf der Squadra Azzurra hatte nun den Raum, den er benötigt, um zu seinen gefährlichen Pässen anzusetzen. Immer öfters schaffte er es, Spielzüge auch durch die Zentrale einzuleiten. Die Viererkette der Kroaten wurde immer wieder mit hohen und flachen Schnittstellenpässen beschäftigt. Ungestört konnte er in der 37. Minute beispielsweise zehn Meter hinter der Mittellinie einen feinen Pass auf Cassano spielen, dessen noch feineres Zuspiel verwertete Marchisio jedoch nicht. Wenn es die anderen nicht hinbekommen, musste es der Meister eben selber machen: Pirlo versenkte einen Freistoß nach Foul an Balotelli direkt im Tor (39.).

Bilic mit taktischen Änderungen

Formationen zweite Halbzeit.

Kroatiens Coach Bilic musste klar sein: So konnte es nicht weitergehen. Seine Mannschaft hatte zwar vereinzelnd versucht, das Feld breit zu machen, allerdings waren ihre Spielverlagerungen in Richtung der Außen meist zu langsam vorgetragen, so dass Italien genug Zeit zum Verschieben hatte. Italien gewann das Duell auf den Außen in den ersten 45 Minuten klar. Erschwerend hinzu kam, dass Modric aus seiner tiefen Position keinen Zugriff aufs Spiel hatte. Daher veränderte Bilic nach der Pause die taktische Formation: Modric ging nun auf die Zehnerposition, Mandzukic wanderte auf rechts, Rakitic ging auf die Acht. Zudem rückten Strinic und Srna konsequenter auf und sorgten für mehr Breite im Spiel.

Die Kroaten fanden in der Folge wesentlich besser ins Spiel. Sie gingen nun aggressiver in die Zweikämpfe, wagten gar ein hohes Pressing. Insbesondere mit ihrem Gegenpressing verhinderten sie schnelle Konter der Italiener. Modric spielte auf der Zehnerposition zwar wenig spektakulär, allerdings verteilte er die Bälle sehr souverän und half zur Bildung von Überzahlen auf dem Flügel. Rakitic konnte zudem aus der tiefen Position einige gute Flankenwechsel einstreuen.

In dieser Phase deckten die Kicker vom Balkan die große Schwäche einer Dreierkette auf: Defensiv müsse die beiden Flügelverteidiger aushelfen, um die ganze Breite des Platzes abzudecken. Wenn die gegnerische Mannschaft das Spiel jedoch extrem breit macht, werden beide Außen weit in die eigene Hälfte gedrängt. Die Folge: Offensiv verwaisen die Flügel. Dies traf Italien umso härter, als dass sie keine Außenstürmer auf dem Feld hatten. Mit ihren Kontern kamen sie im Zentrum nicht durch, auf den Außen hatten sie hingegen außer dem abdriftenden Cassano keine Anspielstation. Die Einwechslung Montolivos war ein zaghafter Gegensteuerungsversuch, der jedoch nicht klappte, da dieser sich ebenfalls im Zentrum aufopferte.

Gute Wechsel, schlechte Wechsel

Die endgültige Dominanz gewannen die Kroaten, als Bilic mit Pranjic (68., für Perisic) einen waschechten Außenspieler brachte. Das System bekam so eine klare Asymmetrie: Mandzukic startete von halbrechts Sprints ins Zentrum, Pranjic und Strinic schlugen die passenden Flanken von links. Durch den ebenfalls offensiven Außenverteidiger Srna wurde Italien stark in die Breite gedrängt, sie konnten auf dem linken Flügel so keine Überzahl gegen Pranjic/Strinic erzeugen. Dass der Ausgleichstreffer nach einer Flanke von Strinic fiel, welche den Kopf von Mandzukic fand, war kein Zufall (72.).

Italien konnte in dieser Phase überhaupt nicht für Entlastung sorgen. Trotz des riskanten Aufrückens Kroatiens spielten sie ihre Konter selten klug aus. Vukojevic als absichernder Sechser fing die meisten Gegenstöße ab. Zudem konzentrierten sich die Italiener zu sehr auf die Defensive. Sie standen nun praktisch mit acht Mann in der Nähe des eigenen Strafraums, die Wege für ein effektives Konterspiel wurden dadurch zu stark gestreckt. Auch nach dem Ausgleich hatte Kroatien so die besseren Chancen, allerdings gingen sie selber nicht mehr das höchste Risiko wie zuvor. Kurz vor Schluss versuchten beide Trainer mit Wechseln nochmal das Ruder herumzureißen, allerdings konnte keiner der neu gekommenen Spieler der Partie seinen Stempel aufdrücken. Es blieb beim 1:1.

Fazit

Nicht nur nach Toren, sondern auch nach Halbzeiten ging dieses Spiel 1:1 aus. Bis zur Pause waren die Italiener überlegen. Als ab der 30. Minute das Duo Pirlo-Cassano zu Höchstform auflief, war der Führungstreffer nur eine Frage der Zeit. Am Ende mussten sich die Kroaten bedanken, dass es nur beim 0:1 blieb – Chancen für eine höhere Führung gab es in der Schlussviertelstunde der ersten Hälfte genug.

Bilic stellte nach der Pause allerdings unter Beweis, dass er zu den stärkeren Game-Coaches im Turnier gehört. Seine Änderungen (breiteres Spiel, Modric auf die 10, Rakitic als Antreiber auf die 6) stellten sich als spielentscheidend heraus. Die Italiener verhielten sich in dieser Phase viel zu passiv, sie stellten nahezu komplett auf Abwehrpressing um und ließen sich so hinten reindrücken. Dieses Ergebnis birgt jede Menge Sprengstoff für den letzten Spieltag in sich – weder Italien noch Kroatien sind durch, geschweige denn ausgeschieden. Das Finale in Gruppe C dürfte hochdramatisch werden.

Article by TE

TEs Taktikleidenschaft erweckte Mourinhos Chelsea. Seitdem favorisiert er schnell umschaltende Teams. Bei Spielverlagerung kümmert er sich hauptsächlich um die Bundesliga und die Nationalmannschaft. Er ist auch bei Twitter aktiv unter @TobiasEscher.

7 Comments

  1. 5
    Stoney says:

    Modric gegen Xavi wird interessant. Wenn die Mannschaft mithilft kann der wadenbeißende Offensivgenius Modric vll zum einmaligen Schock für Spanien werden?!?!

  2. 4
    Jay says:

    @jannn: Das mit Loddar sehe ich genauso. Insgesamt ist die Berichterstattung insgesamt und vor allem die Nachberichterstattung auf ARD und ZDF echte Mangelware aus meiner Sicht. Das Gequatsche von Müller Hohenstein und Kahn geht gar nicht! Keine Inhalte. LG

    • 4.1
      Stoney says:

      Ok, aber Ard und Zdf in einen Topf zu werfen ist doch zu einfach. Scholl bringt schon etwas mehr Gehirn mit zum Interview als Kahn!

  3. 3
    jannn says:

    ich finde da muss man auch mal etwas positives über lothar sagen, der das mit rakitic auch sofort nach dem spiel erkannt hat. War jetzt nichts überragendes aber gefällt mir besser als das inhaltslose Führungspersönlichkeitengequatsche eines Oliver Kahn.. Ich hätte den lothar gerne öfter als Experten, wenn man ihm dann auch vllt die Zeit geben würde auch was zu sagen.. war mir wichtig bei der ganzen kritik an ihm das mal zu sagen;)

  4. 2
    tactic_addicted says:

    “Außenverteidiger Maggio und Giaccherini”

    hierzu würde ich gerne anmerken, dass es sinnvoll wäre, ähnlich wie im Englischen zwischen dem “full back” und dem “wing back” zu unterscheiden. Maggio und Giaccherini sind “wing backs”, Lahm dagegen ein “full back”.
    Vielleicht müsste man sich als Abgrenzung mal einen deutschen Begriff einfallen lassen.

  5. 1
    juventino says:

    ein sehr entäuschendes unentschieden. italien hätte es in der ersten hälfte klar machen müssen und dann wäre es in der zweiten hälfte vielleicht auch besser aufgegangen. ich glaube ein moment der entscheidend war, war mottas verletzung. motta ist extrem gut im antizipieren von zweikämpfen und auch extrem zweikampfstark. dazu ist er sehr passsicher. montolivo finde ich nicht so stark, vorallem versteht er es in meinen augen nicht, sich richtig zu bewegen im kollektiv (räume eng machen usw.). ein einsatz von nocerino hätte in meinen augen mehr sinn gemacht, da er viel laufstärker ist und von seiner zeit bei palermo es besser versteht sich in so einem system zu bewegen.

    für das spiel gegen irland hoffe ich, dass motta wieder fit wird. die 3er und 5er kette sind meiner meinung nach dann ziemlich gut. vorne würde ich gegen irland wieder auf balotelli setzen, einfach wegen der physischen präsenz. wenn es zu einem rückstand kommt sollte di natale ins spiel für marchisio kommen. man könnte dann auf ein 3-4-3 stellen.

    eine frage zum schluss. glaubt ihr nicht, eine einwechslung balzarettis hätte gegen kroatiens pressing geholfen. balzaretti für giacherini und di natale für marchisio. es wäre ebenfalls eher ein 3-4-3 mit zwei sehr laufstarken und deffensiv bewussten aussen und vorne zwei quirligen, torgefährlichen und schnellen spieler. im zentrum balo, der sich auch hätte fallen lassen können. so hätte auch pirlo bessere bälle in die schnittstellen spielen können, da die drei stürmer die viererkette mehr auseinandergezogen hätten.

    glaubt ihr das gegentor zu verhindern, bzw eine erneute führung wäre so möglich gewesen?

    • 1.1
      Wettinho says:

      Das wäre zumindest eine sinnvolle Möglichkeit gewesen. Pirlo wurde müde und somit seine Vorstöße seltener, was auch am Pressing lag. Die Italiener kamen nur noch mit langen Bällen aus der eigenen Hälfte. Mit Balotelli in der Mitte als Anspielstation für lange Bälle und zwei frischen außen wäre offensiv wohl mehr drin gewesen.

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