Offensivfluidität – eine französische Revolution?

In den letzten beiden Testspielen zeigte sich die Offensive der Franzosen ungeheuer beweglich und schwierig zu stoppen. Ob gegen Serbien oder Estland, die Grundidee war dieselbe: Rochaden in der Offensive und teilweise die Aufhebung fester Positionen zugunsten einer offensiven Fluidität.

Getreu dem Motto „liberté, égalité, fraternité“ besitzen die vier offensivsten Spieler eine Freirolle, sind dabei in ihren Freiheiten gleichberechtigt  und unterstützen sich brüderlich, indem sie Stärken einbringen und die Schwächen des anderen kaschieren. Eine solche Variabilität ist im internationalen Vereinsfußball  bei keiner Mannschaft zu erkennen, schon gar nicht in den angedeuteten Extremen der Bleus. Entgegen des Mythos, dass sämtliche Veränderungen im Vereinsfußball entstehen, könnte die Blanc-Elf also für ein abermaliges Novum in der Fußballwelt sorgen.

Ansatzweise verfolgt Real Madrid diesen Gedanken, weil sich Cristiano Ronaldo ins Zentrum bewegt. Benzema rochiert dann auf die Flügel oder in eine Halbposition; eine Bewegung, die Özil in der Linie dahinter kopiert. Dennoch gibt es mit Di Maria einen Spieler, welcher seine Position grundsätzlich beibehält. Bei den Bayern wird dieser Fixpunkt von Mario Gomez im Zentrum dargestellt. Der FC Barcelona agiert mit den Flügelstürmern als solchen Ausweichspieler, nur in wenigen Spielen wurde dies durch das Wechselspielchen zwischen Messi und Fabregas auf den gesamten Angriffsbereich ausgeweitet – doch dann bewegten sich die Außenstürmer nicht im gewohnten Ausmaß. Somit stellt die Équipe Tricolore eine Ausnahme dar, welche eine kollektive Offensivfluidität auf europäischer Bühne salonfähig machen könnte.

Offensivfluidität: Die Schwächen

Das Risiko dieser Formation liegt in ihrer Komplexität. Die Formation wird unaufhörlich verändert, was eine hohe Reaktionsfähigkeit benötigt. Die möglichen Passwege erneuern sich in Sekunden und erfordern ein hohes Maß an technischen Fähigkeiten gepaart mit Übersicht. Fehlpässe wären bei schwächeren Spielern an der Tagesordnung und würden die offensiven Spielzüge scheitern lassen. Wieso viele technisch starke Spieler eine solche Spielweise ebenfalls nicht an den Tag legen können, liegt in der nötigen Athletik begründen. Die unaufhörlichen Bewegungen ohne Ball ermüden stark; um sich freizulaufen und den Ball in der Enge vor den Gegenspielern zu erhalten, verlangen sie intensive kurze Sprints. Zudem resultiertet aus der Enge der gegnerischen Überzahlen ständiger mentaler Stress und eine hohe Anzahl von aufreibenden Zweikämpfen.

Nicht nur Anordnungen, auch die Abläufe der Angriffe werden komplexer. Man hat weit weniger Möglichkeiten, feste Spielzüge und Laufwege abzurufen, sondern improvisiert ständig. Außerdem bleiben durch die rückfallenden Bewegungen Angriffsräume unbesetzt, die Optionen für den druckvollen Vorwärtsgang gehen temporärer verloren. Beides gemeinsam erschwert das effektive Spiel in die Spitze und die Mannschaft neigt dazu, sich in den Zwischenräumen festzuspielen ohne wirkliche Gefahr zu erzeugen – viel Bellen, kein Beißen. Gerade, wenn dabei hauptsächlich ballverliebte Kombinationsspieler in der Offensive miteinander agieren, kann der Zug zum Tor verloren gehen.

Grundformation Frankreich im Spiel gegen Estland, das hohe Risiko ist bereits bei der Formation klar erkennbar

Weitere Nachteile ergeben sich in der kollektivtaktischen Ausrichtung. Aufgrund der zueinander driftenden Bewegungen des Offensivverbundes müssen die Außenverteidiger hoch aufrücken. Sie hinterlassen große Gebiete ungeschützt und stellen die Innenverteidiger vor oftmals unbekannte Aufgabenstellungen. Diese sind gewohnt, dass zumindest einer der beiden Außenverteidiger als unterstützender Spieler zur Bildung einer asymmetrischen Dreierkette zurückbleibt. Um einer Offensivfluidität ein solides Fundament zu geben, wird jedoch eine beidseitige Spielfeldverbreiterung zur Vergrößerung der Schnittstellen benötigt. Dies ist eine der Ursachen, wieso es zumeist einen Fixpunkt gibt. Selbst Manchster Uniteds 4-2-4-0 aus der 2007/08-Saison hatte mit Giggs oder Park einen breiter positionierten Spieler. Somit konnte einer der Außenverteidiger hinten bleiben und sich defensiven Aufgaben widmen.

An diesem Punkt setzt Frankreichs Innovation an. Sie konzentriert sich vornehmlich auf die zahlreichen entstehenden Stärken und geht in der Defensive – bei Umsetzung entsprechend den Beispielen der Testspiele – keine Kompromisse ein. Blanc forciert durch das hohe Aufrücken und seine Spielweise die unterschiedlichen Stärken einer solchen Fußballevolution.

Offensivfluidität: Die Stärken

Durch die Laufrichtung können sie bei passenden Spielertypen die entsprechenden geöffneten Lücken in der Abwehr besser überblicken. Dadurch passen sie sich an die gegnerische Formation ideal an und können deren Asymmetrien oder Löcher für eigene Aktionen erfolgreich nutzen. Mögliche Schwächen der gegnerischen Defensive können intuitiv und automatisch gefunden werden.

Desweiteren entstehen durch die Bewegungen und den verdichteten Raum lokale Überzahlen, welche beim Kombinationsspiel helfen, hinter die gegnerische Abwehr zu kommen. Auf engstem Raum kann dann kombiniert werden, um einen Bewegungsvorteil zu erzeugen und dann gezielt eine Schnittstelle zu bespielen.

Die Spieler, welche sich nicht am Ball oder in unmittelbarer Passnähe befinden, können ihre Bewegung ebenfalls zu positivem Effekt nutzen. Alleine durch ihre Positionswechsel und Bewegungen außerhalb der zugeschriebenen Rollen sorgen sie für Chaos beim Gegner. Dieser orientiert sich im Regelfall mit einer mannorientierten Raumdeckung: das bedeutet, er muss seine Position im Raum auch an den Bewegungen seines Gegenspielers ausrichten, ihn aber bei langen (Horizontal-)Läufen übergeben, um seine Position im defensiven Grundsystem nicht zu verlassen. Somit können nicht nur lokale Überzahlen entstehen, sondern ebenso defensive Fehler provoziert werden. Übergibt der Verteidiger zu früh, so ist der Gegenspieler in aussichtsreicher Position frei und unbeaufsichtigt. Übergibt er zu spät, hat er sich selbst aus seiner Position ziehen lassen und Räume für einen anderen Gegenspieler geöffnet. Insbesondere die Kommunikation wird bei dermaßen vielen rochierenden Angreifern zum Problem, da sich bei einem Verteidiger auf zwei Seiten Übergabebefehle seiner Nebenmänner treffen können. In diesem Fall hätte die Viererkette enger agieren oder in eine bestimmte Richtung stärker verschieben müssen, was aufgrund der mangelnden Übersicht bei den vielen gegnerischen Stürmern kaum fehlerfrei umgesetzt werden kann.

Grundformation Frankreich im Spiel gegen Serbien; hier war der Rechtsverteidiger etwas konservativer

Zwei ganz weitere banale Vorteile: Die Abstände zwischen ihnen verringern sich und vereinfachen ihnen somit Kurzpässe zueinander. Außerdem können sie durch ihre Laufbewegungen an Fahrt aufnehmen. Dieser Geschwindigkeitsvorteil ermöglicht eine höhere Erfolgsquote bei vertikalen Lochpässen, da der Gegner sich zumeist erst aus dem Stand oder einer maximal leichten seitlichen Bewegung drehen muss, bevor er den Vorsprung wettmachen kann. Dies kann die Anzahl an qualitativen Chancen erhöhen, welche beispielsweise in den letzten beiden Spielen der Franzosen bei fast 40% lag.

In der gesamttaktischen Betrachtung gibt es ebenfalls Pluspunkte. Die agierende Mannschaft erhält leichter Zugriff auf den Raum zwischen die Linien und vergrößert diesen durch ihre Bewegungen. Aufgrund der vielen Wechsel spüren die Verteidiger der Gegner eine ausgehende Gefahr, werden instinktiv also nicht aufrücken. Stattdessen wird sich durch die richtigen Läufe ins Loch der ein oder andere dazu hinreißen lassen, mitzugehen und tiefer zu positionieren. Er hebt das Abseits damit auf und zerstört die defensive Kompaktheit der eigenen Mannschaft in der Vertikale. Dieser Raum bietet sich ebenfalls für Doppel- und flache Diagonalpässe an.

Gegenmittel gibt es aber natürlich auch gegen eine solche Spielweise. Die einfachste Kontertaktik dürfte die Unterbindung der Angriffe bereits vor der Entstehung der Positionswege sein. Bei richtiger Analyse ist es erkennbar, welche Spieler die Läufe initiieren und das Ziel dürfte sein, entweder sie davon abzubringen oder jene Anspielpunkte, welche diese Spielweise effektiv machen, zu isolieren. Ebenfalls ist es in der Theorie möglich zu eruieren, ab wann die sich befruchtenden Läufe entstehen und in welchen Momenten sie ihre Wirkung kurzzeitig verlieren – beispielsweise bei der Überladung falscher Räume, zu weiten Abständen zueinander oder Bewegungen vom Tor weg. Diese Situationen können unter Berücksichtigung komplexer Wechselwirkungen mit der eigenen Formation im Idealfall provoziert werden, was eine defensive Mammutaufgabe ist. Ein hohes Pressing auf schwache Aufbauspieler hinter der Sturmreihe, ein lokales Raumfressen im Abwehrpressing oder eine ultradefensive Ausrichtung mit hoher Raumverdichtung und minimalen Lücken sind ebenfalls kollektivtaktische Strategien zur Neutralisierung.

Offensivfluidität: am Beispiel Frankreich

Die Équipe Tricolore besitzt grundsätzlich die fast einmalige Möglichkeit, ein solches Offensivspiel aufzuziehen. Ribéry und Malouda können diagonal wie invers spielen, selbst den Abschluss suchen oder ihre Mitspieler einsetzen. Ménéz, Valbuena und Ben Arfa können auf ihre Art diese Position und ihre Anforderungen auch flexibel ausüben. Bevorzugt werden wohl Malouda und Ribéry, weil beide die Reibungen in solchen engen Zweikämpfen nicht scheuen und – wie Ribéry – gar erst dann zu absoluten Bestleistungen auflaufen.

Kaum ersetzbar wären hingegen die nominell zentralen Spieler Samir Nasri und Karim Benzema. Nur wenige verstehen es, die Räume in den richtigen Momenten zu deuten wie Nasri und auch aussichtslos eng erscheinende Situationen noch zu lösen. Er ist somit elementar für die Reaktion auf die Laufwege Maloudas und Ribérys, indem er die richtigen Abstände zu ihnen hält und bei Bedarf ihre Positionen übernimmt oder sich im überladenen Raum freiläuft. Sein Gespür für das nahende Ende von Angriffsbemühungen war hauptverantwortlich für die ungemein hohe Ballbesitzquote bei dieser Spielweise. Gegen Estland und Serbien (erste Halbzeit, in welcher so gespielt wurde) kamen die Franzosen auf knapp 70% der Ballzeit, was in Anbetracht der Geradlinigkeit und Intensität dieses Systems verwundern lässt. Womöglich wurde gegen Serbien deswegen die zweite Halbzeit ruhiger angegangen: zu hohe Laufarbeit wäre dem mittelfristigen Erfolg dieser Spielweise und einer erfolgreichen Europameisterschaft abträglich. Für den vereinzelten Einsatz dieser Spielweise oder auf höchstem Niveau ist Nasris Fähigkeit wichtig, um nicht in einer gebrochenen Formation in einen Konter zu geraten – der Gegner könnte mit den nunmehr freien Außenverteidigern und Flügelstürmern die Seiten überladen und beispielsweise durch Flanken zum schnellem Abschluss kommen.

Der zweite Unersetzbare, Benzema, beherrscht dank seiner Polyvalenz beide Flügelpositionen und auch die des hängenden Stürmers zusätzlich zum Mittelstürmer. Er verkörpert damit den raren Stürmertypus eines kompletten modernen Angreifers, was Frankreichs Offensivsystem effektiv zu einem 4-2-4-0 klassifiziert. Der Stürmer von Real Madrid kann den Ball unter Bedrängnis halten, vakante Positionen auf der Seite okkupieren und mit instinktiven Diagonalläufen auch von dort für Torgefahr sorgen. Mit Nasri bildet er somit das Gerüst, welches sich ins defensive Mittelfeld zurückverfolgen lässt. Dort erblickt man eine Doppelsechs mit einem robusten Spieler á la Diarra oder M’Vila, welche einfache Aufgaben im Aufbauspiel verrichten: Querpässe, Ballsicherung, Einfachheit. Cabaye hingegen ist ein unterschätzter Spieler, der sich um das Spieltempo und die Angriffseinleitung kümmert. Statistisch gesehen ist er der zweiteffizienteste Keypassspieler Europas, nur hinter Pirlo und knapp vor Modrić (und vielen anderen) zu finden. Interessanterweise ist er auch jener Spieler dieser Europameister, der die meisten erfolgreichen Tacklings in der Liga-Saison verbuchen konnte. Mit seinem spielintelligenten leichten Aufrücken öffnet er – insbesondere für Nasri – eine sichere Anspielstation in der Tiefe und kann Tempo herausnehmen, um eine Neuordnung zu ermöglichen. Passend dazu kann er dieses Tempo auch wieder ins Spiel zurückbringen.

trotz seiner tiefen Positionierung (er spielt in einer reaktiven Mannschaft als Sechser und seltener als Achter, nie weiter vorne auf dem Platz) konnte er ungemein viele angriffseinleitende Keypässe in sein Passspiel einstreuen (Statistiken von whoscored.com)

Offensiv und defensiv nehmen die Außenverteidiger weitere Schlüsselpositionen ein. Sie müssen schnell, ausdauernd und offensivorientiert sein, um die nötige Breite bei einer zumindest im Ansatz gegebenen defensiven Stabilität durch Rückwärtspressing und schnellem Zurückverfolgen gegnerischer Konter zu gewährleisten: Evra und Debuchy erfüllen die offensiven Anforderungen nahezu perfekt, defensiv sind sie noch wackelig. Allerdings könnte Blanc diese totale Offensivfluidität aufgeben, um eine höhere Sicherheit zu ermöglichen, was Debuchy auf die Position des Flügelstürmers vorspülen würde: Zeugnis seiner offensiven Fähigkeiten. Die Ursache wären in gewisser Weise die Innenverteidiger. Abwehrchef Mexès dürfte wegen seiner Erfahrung gesetzt sein, ist jedoch bei Kontern möglicherweise zu langsam. Die dynamischere Alternative mit Rami und Koscielny wird wohl nicht gespielt werden.

Dieses Manko an systemoptimalen Innenverteidigern lässt uns letztlich nur in freudiger Erwartung verharren, ob Laurent Blanc wirklich das Risiko geht und eine solche Spielweise aufbietet. Er würde manche Tabus brechen. Fixpunkte in der Offensive, ob horizontal (Manchester Uniteds 4-2-4-0  2007/08 mit Giggs auf links oder auch Ji-Sung Park) oder vertikal (nicht-stürmerlose Systeme mit hoher Flexibilität, wie Manchester City, Bayern, u.v.m.) gäbe es in seinem System nicht. Eine Absicherung mit Dreierkette oder gependelter Viererkette in der Defensive wäre bei eigenen Angriffen ebensowenig gegeben.

Vielmehr würde sich eine Zweierkette etablieren, mit einem horizontalen Sechser davor und einem spielmachenden und ebenfalls zur Seite hin agierenden Achter als Spielgestalter aus der Tiefe. Diese Defensive wurde in den Testspielen zu einem Kompromiss, indem der Sechser ein Pärchen mit dem Achter bildete und ihm folgte. Sie verschoben stark ballorientiert und konnten bei Ballverlusten der Vordermänner intervenieren. Die Innenverteidiger erhielten Unterstützung, der aufgerückte Außenverteidiger praktizierte ein Rückwärtspressing und die offensiven Spieler in Ballnähe ein Gegenpressing. Die ballferne Seite ließ sich sofort fallen und versuchte im Sprint den geöffneten Raum vor möglichen Spielverlagerungen zu bewahren. Inwiefern eine solche Spielweise auf höchstem Niveau konstant praktizierbar ist: die Europameisterschaft wird’s mitunter zeigen. So hoffen wir, denn dann gäbe es unter Umständen seit langer Zeit wieder eine (erfolgreiche) Revolution – auf Nationalmannschaftsebene.

taktikhistorischer Exkurs

Ajax der 70er in größtmöglicher Symmetrie dargestellt

Im totalen Fußball der Niederländer in den 70er-Jahren gab es diese totale Fluidität in der Offensive nicht. Bei Ajax spielten mit Swart und Keizer zwei Fixpunkte auf den Seiten, in der niederländischen Nationalmannschaft bildeten Rep und Rensenbrink ebenfalls ein festes Flügelstürmerpärchen. Die Wechselhaftigkeit und Unbeständigkeit in der nominellen Positionsbesetzung existierte zwar, allerdings war sie vertikal und nicht horizontal. Die nominellen Außenverteidiger oder gar die Mittelfeldspieler der breiten Halbpositionen in einem relativ flachen 4-3-3 hinterliefen und rückten auf, was die Außenstürmer zu einer tieferen Position bewegte. Damit wollten Michels und später Kovacs die Laufwege bei Kontern verkleinern, die Ermüdung im Laufe des Spiels verringen und in der Offensive die Manndeckungen und mannorientierten Raumdeckungen aushebeln. Somit gab es eine Fluidität, aber keine Positionsauflösung in diesem Sinne und auch keine horizontale Flexibilität. Cruijff agierte zwar als falsche Neun, was dieses System aber eben der Variante des FC Barcelona nahe bringt.

Zusammenfassung

  • Frankreich zeigte in den Testspielen eine totale Offensivfluidität: Novum! Tabubruch! (R-)Evolution?
  • Die Bleus besitzen das passende Spielermaterial für zwei Varianten. Wofür entscheidet Blanc sich? Mit einem wechselnden Fixpunkt auf dem rechten Flügel oder doch zwei offensiven Außenverteidigern zu agieren?
  • Werden gegen stärkere Gegner die Stärken weiterhin die Schwächen überwiegen? Inwiefern kann ein dermaßen hoher Ballbesitz gegen bessere Mannschaften gewährleistet werden?
  • Vorgehensweise der Gegner: tiefere und disziplinierte Stellung, Unterbinden der Angriffe im richtigen Moment oder ein hohes Pressing?
  • Zweierkette, diagonale Doppelsechs, aufgerückte Außenverteidiger und keine fixen Positionen der Stürmer: kann das überhaupt funktionieren?

Guy Schuller 10. Juni 2012 um 09:05

So gut und interessant ich die Analyse des Spiels der Franzosen auch finde, umso erstaunter war ich, als ich gestern in L’Equipe las, dass Laurent Blanc sehr unglücklich mit den Leistungen von Nasri ist, besonders mit seinem Positionsspiel. Da Nasri hier in der Analyse als unersetzlich beschrieben wird, klafft natürlich eine Riesenlücke mit der Auffassung von Blanc, sowie der gesamten französischen Fachpresse.

Deshalb meine Frage: Seht Ihr Nasri nicht besser als er wirklich ist? Kann es sein, dass Eure Analyse auf dem Denkfehler beruht, es handele sich beim Spiel der Franzosen um ein System, es in Wahrheit aber nur auf Grund des ausserordentlich guten Zusammenspiels zwischen Ribéry und Benzema zustande kommt?

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Phil 8. Juni 2012 um 16:38

Könnte Deutschland das nicht auch praktizieren? Schließlich hat man nur zwei echte Stürmer dabei und ansonsten sehr flexibles offensives Personal (Reus, Müller, Özil, Götze).

Klar ist das angesichts der Testspiele nicht unbedingt naheliegend, aber vom Spielermaterial her möglich wäre es doch, oder?

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el tren 8. Juni 2012 um 16:20

„Nicht nur Anordnungen, auch die Abläufe der Angriffe werden komplexer. Man hat weit weniger Möglichkeiten, feste Spielzüge und Laufwege abzurufen, sondern improvisiert ständig. “

Hier würde ich noch hinzufügen, was man gegen Saisonende bei Bayern beobachten konnte, die ja mit der 3er-Kette Ribery-Müller-Robben (und im CL Finale noch mit dem hoch aufrückenden Lahm) sehr fluide gespielt hat:

Aufgrund der Improvisation und der nicht einstudierten Spielzüge sind auch die Bewegungen der Mitspieler für die Ballführenden nicht vorhersehbar. Bei Bayern führte das zu langsamen, verzögerten Ballstafetten, da selbst in und um den gegn. Strafraum nach Ballannahme erst der freie Mitspieler gesucht werden musste. Dabei spielte es keine Rolle, dass der vorbildlich in den freien Raum lief – das Problem war der Zeitverlust durch Kopf hochnehmen und Umgucken, was dem Gegner oftmals die entscheidende Reaktionszeit gab.

Teams mit etwas weniger Überraschungsmomente für den Gegner aber dafür einstudierten Spielzügen haben das nicht, da die Ballführenden antizipative Pässe per One-Touch (wenngleich der Begriff langsam ausgeschlatet ist) spielen können.

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Kvn 8. Juni 2012 um 13:32

Trotz aller Taktik denke ich, dass Frankreich sehr von Franck Ribery abhängig sein ist. Seine Kreativität ist ebenso unerlässlich für den Erfolg der Franzosen wie seine Unberechenbarkeit und sein Dribbling.

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Silvmademan 8. Juni 2012 um 11:09

Sehr coller Blog, aber was bitteschön sind keypässe? Auch google gab keinen vernünftigen Treffer 🙁

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crs 8. Juni 2012 um 11:25

vereinfacht:
vorlage zum schuss ohne torerfolg

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Cmann 8. Juni 2012 um 11:03

Wieder einmal eine tolle Analyse!

Frankreich ist mit Italien mittlerweile mein persönlicher EM Tipp…

Die Art des Französischen Spiels erinnert mich stark an andere Sportarten, in denen die taktische Variabilität häufig durch die spielintelligienz des vorhandenen spielernaterials beeinflusst wird.

Zusätzlich zu den von euch beschriebenen Facetten an vorhandenen Grundbedingungen für dieses System, ist es genau das, was Dieses System so interesant und „Uhrig“ macht.
Nur durch jederzeit individuell geprägte Entscheidungen werden Situationen spielerisch gelöst und so für den Gegner unberechenbar.
Doch genau hier liegt meiner Meinung nach das größte Problem dieser Art zu spielen.
Die „Regeln“ nach denen die Aktionen in der Offensive gesetzt werden scheinen nur sehr rudimentär, alles kann, nichts muss. Sollte hier eine Mannschafft im entsprechendem Maase dagegen halten, wird genau dieser Versuch, die spielerische Lösung zu finden, das große Problem der französischen Mannshafft werden.

Gruß

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Gulan 7. Juni 2012 um 22:44

Jetzt bin ja echt auf die Franzosen gespannt, eigentlich haben sich meine Geheimtipps nie durchgesetzt.

Eine Frage an die Taktikfreaks und zum besseren Verständnis: Worin besteht jetzt der große Unterschied z.B. zu Borussia Mönchengladbach in dieser Saison? Für mich als Fan sah das sehr „fluid“ aus, was Arango, Herrmann, Reus und Hanke in einigen Spielen gemacht haben. Ständige Rochaden und Positionswechsel, jeder der vier tauchte mal in der Spitze und mal auf dem Flügel auf.

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RM 8. Juni 2012 um 00:29

Positionswechsel ungleich Positionsauflösung. Bei ersterem werden die Positionen in einem taktischen Konstrukt frei besetzt, bei letzterem werden gänzlich neue Positionen geschaffen, die sich nicht nur aus dem reinen Angriffsablauf ergeben. Die meisten Teams beschränken diese Positionswechsel aber auch auf eine bestimmte Zahl, was ein weiterer Unterschied ist. Ohne diese numerische Beschränkung kommt dann der zweite, zuvorderst geschilderte Aspekt hinzu.

Es ist zugegeben nur ein kleiner Unterschied, aber auf diesem Niveau und in der heutigen Fußballwelt können solche Nuancen schon klare Vorteile bringen. Die falsche Neun ist ja auch nicht so ein riesiger Unterschied zu einer kompletten und mitspielenden klassischen Neun, oder? Auf dem Papier sieht es sehr ähnlich aus, auf dem Platz ist es himmelweit voneinander entfernt.

Meiner Meinung nach übrigens das taktisch Schöne am modernen Fußball. Kleinste Veränderungen können riesige Unterschiede machen, dies gab’s vor fünfzig Jahren nicht in diesem Ausmaß, wahrscheinlich selbst vor zwanzig oder zehn Jahren nicht.

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Tank 7. Juni 2012 um 17:05

Na toll, da guckt man mal zwei Vorbereitungsspiele nicht…

Bezüglich des Ajax-Vergleiches bin ich etwas unsicher. Cruyff hat doch recht oft den Flügel besetzt, so dass es in der Offensive durchaus zu einer horizontalen Fluidität gekommen ist. Im ’73er Finale gegen Juventus spielt Krol in der Defensive auch fluide. Manchmal als IV und manchmal als RV. Aber da ich die Frankreich-Spiele nicht gesehen habe, kann ich schlussendlich nicht wirklich fundiert Vergleiche zu Ajax ziehen.

Eine Frage würde mich noch brennend interessieren: Wie viel Spiele hast du eigentlich von der Ajax-Mannschaft der frühen 70er gesehen? Ich frage das nicht, weil ich denke, dass du zu wenig gesehen hast, um irgendwelche Aussagen über sie zu machen, sondern wirklich nur aus purem Interesse.

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RM 7. Juni 2012 um 18:53

Cruijff hatte ja eine Freirolle, spielte rein von den Bewegungen her ähnlich wie Özil und Messi. Aber eine horizontale Fluidität der gesamten OFFENSIVE kann ich dabei nicht ausmachen, wobei ich mich auch irren kann. Defensiv durchaus, was ja stark von den vertikalen Ausflügen der Verteidiger hingt – ’73 war ja die „undisziplinierteste“ Ajax-Mannschaft, weswegen es mMn mehr horizontale Bewegung in der Defensive gab. Ich beschreibe ja hierbei die Grundidee, weil die Asymmetrien in meinen Augen nicht allgemein geschildert werden können, da diese ja stark vom Gegner und der genauen Spielerwahl abhängen. Die Grundidee beruhte aber auf vertikalen Rochaden – wobei Positionswechsel etwas anderes als Positionsauflösungen sind.

Mehrere Spiele, die jeweiligen Finals, Zusammenschnitte der Liga-Saisonen und vereinzelte Partien aus Halbfinale, etc.

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vastel 7. Juni 2012 um 19:49

Lieber RM,

bezugnehmend auf die „alten“ Spiele von Ajax:

Woher bekommt ihr generell die Aufzeichnungen von solchen alten Spielen? Hiermit meine ich nicht nur Ajax, sondern im allgemeinen ältere Spiele aus WM/EM-Turnieren, CL (bzw. Europapokal/Pokal der Landesmeister) und auch hochkarätigen Liga-Spielen?

Da ich in der Zeit noch nicht geboren bzw. zu jung war, würde mich das sehr interessieren und wäre für Hinweise sehr dankbar! 🙂

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RM 7. Juni 2012 um 20:01

Naja, im Normalfall wirklich mit dem richtigen Googlen. Bei Youtube findet man viel, wenn man nach „über 20min“ filtert und die betreffenden Teams mit dem dazugehörigen Jahr oder gar dem Pokalbewerb auf Englisch eingibt. Außerdem kann man sich in Onlineshops alte DVDs kaufen ( http://www.raresoccervideos.com/ ), dieser Kerl verschenkt sogar Kopien: http://www.classicfootballdvds.com/

Wie das aber mit der Legalität aussieht, kann ich nicht bewerten, ich rate somit …natürlich… nur davon ab und würde …niemals… bei so etwas einkaufen o.ä.

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vastel 7. Juni 2012 um 23:33

Danke für den Tip! 🙂

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Annett 7. Juni 2012 um 13:21

Danke für diese schöne Analyse! Auch ich bin seit dem Spiel gegen Estland sehr gespannt auf die Leistung der Franzosen bei der EM.
Sie haben in der ersten Hälfte wirklich sehr attraktiv und schwer ausrechenbar offensiv gespielt, aber in der Defensive waren vor allem die IV einige Male einfach zu langsam.
Und nun nach eurer tollen Analyse bin ich vor allem gespannt, wie sie dieses Variable System umsetzen werden.
Noch ein einziger Tag…:) Danke fürs Steigern der Vorfreude ins langsam nicht mehr erträgliche!

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FCB Fanatiker 7. Juni 2012 um 12:24

Das ganze erinnert doch stark an Hollands Football total, mit dem sie auch eine revolutionäre Spielweise an den Tag legten. Könntet ihr noch die Parallelen und auch die Unterschiede, diese sehr ähnlichen Systeme aufzeigen?

Vielen Dank jetzt schon

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RM 7. Juni 2012 um 12:42

wird gleich als quasi-Post-Scriptum hineineditiert!

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ekMUC 7. Juni 2012 um 12:03

1. Schöne Aufbereitung, ich habe schon seit geraumer Zeit nur die obligatorischen „1:30min-Zusammenfassungen“ der frz. Nationalmannschaft gesehen, die ja keinerlei Aufschlüsse geben – jetzt habe ich endlich einen Anhaltspunkt was bei der EM so zu erwarten sein könnte!
2. Die frz. Nationalmannschaft wird „LES BLEUS“ genannt [gesprochen ungefähr ‚le blö‘] – wohl eine kleine Interferenz mit dem Englichen, aber da musste ich mal klugscheißen 😉

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ekMUC 7. Juni 2012 um 12:05

Sorry für die Redundanz, Marin Nashs Comment war noch nicht da als ich meinen schrieb…

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kalli 7. Juni 2012 um 11:59

Schöner Artikel, auf Frankreich bin besonders gespannt, auch wegen des Wiederauferstehungscharakters.

Mich erinnert deine Beschreibung des französischen Stils ein wenig an das Spiel Werders in der Saison 2009/10, als Thomas Schaaf das Quartett Hunt/Özil/Marin/Pizarro ebenfalls quasi ohne feste Positionen spielen ließ

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Marvin Nash 7. Juni 2012 um 11:55

Super Artikel. Bin auf das Spiel am Montag besonders heiß.

Eine kleine Sache. Im ersten Absatz steht, die „Blues“. Da hab ich ein anderes Team vor Augen. Kenne die unter „Les Bleus“ 😉 .

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