Guangzhou Evergrande – FC Tokyo 1:0

Wie bereits letzten Sommer widmet sich Spielverlagerung – zumindest gelegentlich – etwas exotischeren Spielen. Heute steht das Spiel von Guangzhou Evergrande gegen den FC Tokyo auf dem Programm. Diese beiden trafen im asiatischen Äquivalent der Champions League aufeinander, in welchem sich eine ansehnliche Partie bot. Diese ließ einen kleinen Einblick in die jeweiligen Spielweisen der beiden Mannschaften gewähren. Bei Guangzhou spielt übrigens der angeblich bestbezahlte Fußballer der Welt, Dario Conca. Auch seine Spielweise war aus taktischer Hinsicht interessant.

Wechselwirkung der jeweiligen Formationen: Schwerpunkt FC Tokyo

Guangzhou Evergrande vs FC Tokyo - Grundformationen

Die Gäste aus Japan begannen mit einem 4-4-1-1/4-2-3-1-Mischsystem. Es war deswegen ein Hybrid, weil sich Kajiyama offensiv eher fallen ließ, wenn die zwei Spieler auf den Flügeln aufrückten. Lucas auf links agierte hierbei teilweise wie ein zweiter Stürmer und orientierte sich stark ins Zentrum. Dadurch schuf er Raum für den vorrückenden Linksverteidiger Mukuhara, was für eine starke Linkslastigkeit im Spiel Tokios sorgte. Da die rechten Flügelspieler nur wenig unternahmen, dies zu ändern, gab es zahlreiche Diagonalbälle und Spielverlagerungen aus dem defensiven Zentrum auf die linke Seite. Problematisch wurde dies jedoch, weil den Spielern dort jegliche Bindung zu Mitspielern fehlte. Die Pässe kamen zwar zumeist an, jedoch verschob Guangzhou mit seiner kompakten Mittelfeldreihe schnell und konnte eine Überzahl kreieren. Die Raumdeckung der Chinesen wurde somit nur in den ersten Momenten nach dem Pass ausgehebelt, wirkliche Gefahr entstand nicht. Deswegen wechselte gegen Ende der ersten Halbzeit Lucas auch nach rechts, um etwas Flexibilität hineinzubringen – was Tokio letztlich auf beiden Seiten ungefährlich machte, die Änderung wurde nach dem Seitenwechsel rückgängig gemacht. Dann funktionierte die gesamte Mannschaft besser, was auch an der tieferen Ausrichtung des Gegners lag. Dieser agierte letztlich mehr in einem 4-1-4-1 statt dem vorherigen 4-3-3.

Die Japaner stellten sich im defensiven Mittelfeld taktisch interessant auf. Yonemoto schob kurzzeitig nach weiten Bällen das Loch auf der linken Seite zu und war der primäre von drei Organisatoren. Der zweite war Hasegawa, welcher eine Linie höher agierte und sich von dort aus immer wieder zurückfallen ließ. Nummer drei war der gelernte Mittelfeldspieler Takahashi, der aus der Innenverteidigung herausschob und Überzahl kreieren wollte. Dies war nötig, weil die gegnerische Mannschaft zu Spielbeginn mit einer Art Dreierkette agierte. Drei Stürmer befanden sich auf einer Linie und bewegten sich bei eigenem Ballbesitz in die jeweiligen Schnittstellen. Dies zwang Tokio dazu, dass die Viererkette sehr eng agierte und das defensive Mittelfeld tiefer rücken musste. Auch die Flügel wurden davon beeinflusst. Sie sahen die tiefen freien Räume und übernahmen sie instinktiv, obwohl keine akute Gefahr ausging. Dies war die Hauptursache, wieso sie bis zur Halbzeit trotz des Rückstandes keine Chance auf den Ball hatten, wenn Guangzhou es nicht wollte. Man konnte nie Zugriff auf den Gegner erhalten und hatte ab der 15. bis zur 45. Minute eine fast beeindruckende Unterlegenheit zu verzeichnen.

Bei eigenem Ballbesitz schoben sich die drei gegnerischen Stürmer zurück und verengten den Raum im zweiten Spielfelddrittel. Die Außenverteidiger sowie die offensiven Spieler waren nicht mehr anspielfähig und Tokio schob sich viele Querpässe zu. Ab einem bestimmten Moment (meist, wenn sich die defensiven Mittelfeldspieler zurückfallen ließen, während Takahashi aufrückte, wodurch Chaos entstand) verloren sie die Geduld und schoben weite Bälle. Diese mündeten zumeist in einem Zweikampf und Ballgewinn für Guangzhou.

Das Dreiermittelfeld Guangzhous und der offensive Außenverteidiger

Bei den Gastgebern war das auffälligste das zentrale Mittelfeld. Das 4-3-3 glich nämlich eher einem 4-1-2-0-3, weil sich die Platzherren tief und kompakt positionierten. Sie konnten dadurch den Ball behaupten und sich einfache Pässe zuspielen, was sie zu einem langsamen, aber stabilen Aufrücken bewegte. Langsam drückten sie den Gegner in seine eigene Hälfte und verkürzten die Abstände zum offensiven Mannschaftsteil automatisch. Desweiteren nahmen sie dem Gegner durch das Dreifachmittelfeld sämtliche Anspielstationen in der zentralen Offensive. Sie provozierten Pässe nach hinten oder aussichtslose Dribblings. Außerdem konnten sie jederzeit Kajiyama und Watanabe isolieren und einengen, falls diese den Ball erhielten. Offensiv kam Tokio erst in der zweiten Hälfte konstant zum Tragen, als sie sich mutiger und mit mehr Mann nach vorne bewegten. Dadurch öffneten sie aber Räume für Konter und das Spiel hätte eigentlich mit viel mehr Toren enden müssen.

Das einzige Tor fiel, als die Kleinigkeiten der Guangzhou-Formation zum Tragen kamen. Da ihre Sturmreihe etwas nach links verschoben war und Jiang öfters zentral zu finden war, rückte Cho Won-Hee stark mit nach vorne auf. Er legte das Tor dann auch auf, wobei Jiang indirekt eine zweifache taktische Rolle dafür spielte. Am Anfang öffnete er den Raum für seinen diagonal laufenden Außenverteidiger, am Ende des Spielzugs stand er noch immer in seiner Halbposition – wo er von zwei Spielern gedeckt wurde. Dieser Spieler fehlte im Strafraum, als Cleo den Querpass von Won-Hee nur unter einfacher Bedrängnis verwerten musste.

Das defensive Mittelfeld spielte eine rundum akzeptable Partie. Wichtig war, dass Conca nicht der primäre Spielgestalter war, aber sehr wohl der primäre Verbindungsspieler. Der Organisator war Zheng Zhi, welcher von hinten das Spiel mitaufbaute und von Conca profitierte. Dieser zog die gegnerischen Spieler auf sich und verschaffte seinem Hintermann Zeit. Um Conca zu befreien, spielte Zheng Zhi intelligente Pässe – und außerdem wurde der hochbezahlte Star von Guangzhou von Xuri Zhao unterstützt. Sie rochierten, tauschten Positionen und hin und wieder ließ sich Zhao nach rechts oder zurück fallen. Conca konnte dann in einer abgesicherten Freirolle nach Lücken suchen oder sich höher positionieren, während Zhao seinen Kapitän Zheng Zhi unterstützte. Das Dreiergespann bestand also aus einem Organisator, einem Verbindungsspieler und einem Unterstützter der beiden Rollen. Mit diesen Synergien kamen ihre Stärken voll zum Tragen, wobei Zhao natürlich der unauffälligste drei Akteure war. Allerdings half er beim langsamen Aufrücken sowie der defensiven Stabilität und übernahm die Sechserposition, wenn Zhi sich nach rechts in die hinterlassene Lücke von Cho Won-Hee orientierte oder gar aufrückte.

Alles in allem war es eine interessante Vorstellung der Chinesen, die in der zweiten Halbzeit jedoch etwas schwächer auftraten. Dies hatte wohl mit der Formationsänderung zu tun, welche aus dem Zurückziehen der beiden Flügelstürmer bestand. Man wollte defensiver agieren und auf Konter hoffen. Diese kamen, auf Kosten einiger gefährlicher zugelassener Chancen. Dennoch ein verdienter Sieg.

Stepi 10. Juni 2012 um 15:34

Vielen Dank für die Analyse, eine wunderbare Idee. Persönlich finde ich, dass bei Spielen auf einem geringeren spielerischen Level, die Taktik einen umso höheren Stellenwert hat. Bolzplatzhelden empfehle ich die „Riegel-Rudi“ Taktik, auch Rumpel-Kicker gewinnen damit. Deshalb finde ich es hochinteressant und inspirierend was sich die Trainer in exotischen Ligen so einfallen lassen

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Zirkeltraining 10. Juni 2012 um 16:02

wie geht denn diese „Riegel-Rudi“-Taktik? 😉

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Pex 1. Juni 2012 um 04:31

Wie ist das eigentlich, wenn ich euch mal ein Spiel vom amerikanischen College Fussball zukommen lasse. Haettet ihr Interesse, das mal zu analysieren ? 😉

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RM 1. Juni 2012 um 08:46

Hmm, ich bin ganz Ohr. Welche Mannschaften denn? 😉

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Pex 1. Juni 2012 um 04:29

Nix gegen exotische Spiele, aber ich persoenlich finde, eine Analyse durchzulesen macht eigentlich nur dann Sinn, wenn ich das Spiel auch gesehen habe. Ansonsten kann ich dem Geschriebenen nur teilweise folgen, aber nicht vollends verstehen. Dieses Spiel habe ich natuerlich nicht gesehen.

Wie seht ihr das?

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RM 1. Juni 2012 um 08:46

Naja, ich finde es ganz ok: man kann sich über eine Mannschaft informieren und erfahren, wie die taktisch spielen. Dass sie aber dann nicht so spannend ist, verstehe ich natürlich.

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