Samstag, 20.12.2014

Hertha BSC – Fortuna Düsseldorf 1:2

Mit einem Doppelschlag in der zweiten Halbzeit gelang Fortuna Düsseldorf im Hinspiel der Relegation ein leicht glücklicher Sieg. Hertha BSC konnte eine gute erste Halbzeit mit einer starken linken Seite nicht konservieren und wurde vom Einsatz der Fortuna, die immer besser ins Spiel fand, bestraft.

Angesichts der Tatsache, dass man erst am letzten Spieltag in den Relegationsplatz hatte springen können, schien die Hertha einen psychologischen Vorteil zu haben und den Schub vom Sieg gegen Hoffenheim samt den gleichzeitigen Entwicklungen in Köln in diese Partie gegen die formschwachen Düsseldorfer mitnehmen zu können. Andererseits war die Hertha auch mit der Favoritenrolle belastet und ließ innerhalb des zweiten Durchgangs im Gefühl der Kontrolle nach.

Anmerkung: Kursiv gedruckte Links verweisen zur bundesliga.de-Spielmatrix.

Fortunas Formation

Die Grundformationen im ersten Durchgang

Die Gäste aus Düsseldorf begannen in ihrem 4-2-3-1/4-4-1-1, wobei die Interpretation dieses Systems gleichsam überraschend und interessant war. Vor der unüblich vorsichtig agierenden Viererkette und den beiden zentralen Mittelfeldspielern wiesen die vier offensiveren Akteure eine interessante Rollenverteilung auf: Auf der rechten Seite im Mittelfeld spielte mit Thomas Bröker ein gelernter Mittelstürmer, der relativ hoch und durchaus breit stand und für Läufe zum Tor sowie gelegentliche Flanken sorgen sollte. Dagegen nahm Kapitän Andreas Lambertz auf der linken Seite eine gänzlich andere Rolle ein: Die Fortuna-Legende spielte tiefer und eingerückter, zeigte trotz gewisser technischer Mängel erneut einige beeindruckende Dribblings, unterstützte oftmals das zentrale Mittelfeld und konnte mit seiner Ausdauer sowohl die Seite bearbeiten als auch für gefährliche Läufe über den Platz sorgen – kaum bemerkbar streifte er ohne erkennbare Richtung quer über das Feld, war dadurch schwer aufzunehmen und tauchte an vielen Orten unvermittelt auf – so entstand auch seine Großchance in der Anfangsphase. Im Verlauf der ersten Halbezeit sowie fortwährend auch im zweiten Durchgang tauschten die beiden gelegentlich immer wieder die Seiten, behielten dabei ihre Rollen bei.

In der Doppelspitze liefen dann bei den Fortunen der eigentlich auf dem Flügel spielende und dribbelstarke Maximilian Beister sowie leicht hängend dahinter Ken Ilsö auf – damit hatte man ein sehr schnelles, wendiges und spielstarkes Sturmduo, welches die Innenverteidigung der Berliner vor Probleme stellen und zugleich durch ihre Bewegungen und ihre Tendenzen in tiefere Positionen für den aufrückenden Bröker die Räume im Zentrum öffnen sollte. Allerdings wirkte Beister gegen die körperlich starken Innenverteidiger verloren, während Ilsö gegen die beiden defensiven Mittelfeldspieler der Hertha sich wenig in Szene setzen konnte.

Herthas reagierende Asymmetrie und das Überladen auf links

Die Formation der Hertha, welche sich erneut als das typische 4-2-3-1 mit dem enorm wichtigen Raffael und einigen personellen Veränderungen darstellte, war gegen jene der Fortuna durchaus gut eingestellt. An die Düsseldorfer Asymmetrie der Flügel konnte sich die Formation der Hertha gut anpassen.

Auf der rechten Seite spielte der Außenverteidiger Janker etwas tiefer und enger, überließ stattdessen Patrick Ebert im rechten Mittelfeld die Aufgabe der Breite und bildete oftmals gar eine Dreierkette mit seinen beiden Innenverteidigern. Dadurch wurde der Raum auf rechts für Ebert geöffnet, der somit nach Spielverlagerungen von der engen und eingerückten Stellung Lambertz´ profitieren konnte, während Janker bei gelegentlichen Vorstößen unbemerkt durch die Mitte hätte gehen können, dies aber nicht umzusetzen wusste.

Dagegen spielte auf der linken Seite der Berliner der Linksverteidiger Fabian Holland höher und offensiver ausgerichtet als sein Pendant Janker, womit man den gefährlichen Bröker nach hinten drängen bzw. dessen offensive Ausrichtung ausnutzen wollte. Kam es bei den Düsseldorfern zu einem Seitentausch der Außenspieler, blieben die Berliner immer noch gut dagegen eingestellt: Während es nun Holland war, der gelegentlich durch Lambertz´ Unterstützung des Zentrums auf außen frei wurde, konnte der tiefere und vorsichtigere Janker sich um den offensiveren Bröker kümmern und absichern. In beiden Varianten hatte die Hertha also gegen die verkappte Doppelspitze der Düsseldorfer mit dem aufrückenden Bröker eine verkappte Dreierkette zur Abdeckung.

Vor dieser Dreierkette teilten sich im defensiven Mittelfeld als Doppel-Sechs Perdedaj (halbrechts) und Kobiashvili (halblinks) die Aufgaben, wobei Erstgenannter den offensiveren Part übernahm und mit nach vorne stoßen konnte, während der georgische Kapitän gerade im ersten Durchgang praktisch nur absicherte, teilweise in den Raum hinter Holland zurückfiel und als Anker vor der Dreierkette für die Ballverteilung sorgte. In der Offensive sollten der bewegliche Mittelstürmer Ramos, der nach innen kommende linke Außenspieler Ben-Hatira sowie Raffael als moderner Zehner die Kreativität ins letzte Spielfelddrittel bringen.

In Punkto Spielniveau zeigte die Hertha in der Tat deutliche Verbesserungen zu vielen vorigen Spielen – angetrieben von Raffael, der einmal mehr die Schlüsselfigur darstellte, konnte man einige gute Kombinationen zeigen und es war wohl noch nicht einmal Übertreibung, sondern eher gar passende Wortwahl, wenn der ARD-Kommentator Tom Bartels von einem spielerischen Quantensprung sprach.

Federführend tat sich hier – wie bereits erwähnt – Raffael hervor, der von seiner nominellen Position im Zentrum immer wieder auf die Flügel rochierte und als wichtigster Spielmacher des Teams stetig horizontal zum Ball verschob. Zwar wirkte dies oftmals wie ein Sicherheitsprinzip, da Raffael als einer der vier Offensivspieler bisweilen weit zurückfiel und man dadurch etwas an Präsenz in der Spielfeldmitte einbüßte, doch in anderen Szenen führte es zu lichten Momenten und schönen Angriffen.

Gerade auf der linken Seite mit dem aus dem Sturmzentrum abkippenden Adrian Ramos, der viele Bälle als Prellbock gut ablegen konnte, dem nach innen kommenden und spielstarken Ben-Hatira sowie dem vorstoßenden Holland initiierte Raffael oft das Überladen der Düsseldorfer, die auch aufgrund der hohen Stellung Brökers sowie der zentralen Mittelfeldspieler im linken Halbraum zwischen den Linien in manche Unterzahlsituation gerieten. Allerdings wurde auch deutlich, dass die Berliner etwas derartiges bisher eher selten praktiziert hatten – spielerisch und taktisch war das Überladen der linken Flanke gut anzuschauen, doch fehlte zu oft noch eine Richtung, um dieses Mittel zielbringend einzusetzen und den konsequenten Weg zu den Torchancen zu finden.

Düsseldorf hat Probleme, steigert sich dann, dreht das Spiel und spielt den Sieg mit Selbstvertrauen herunter

Nicht nur in der Defensive, sondern hat auch in der Offensive hatte die Fortuna gewisse Probleme. Ermöglicht durch die relativ wenige aufrückende und nur gering gestaffelte Viererkette der Düsseldorfer deckte die Hertha im Spielaufbau durch sehr kurze Abstände zwischen den beiden Stürmern und den beiden Außenspielern die Räume neben den Stürmern zu, in die sich Bodzek und Fink bevorzugt fallen lassen wollten – nun wurde ihnen aber der Raum genommen.

Somit wurden die beiden zentralen Mittelfeldspieler für die Viererkette, die sich durch vier schematische recht hohe Gegner konstantem Druck ausgesetzt sah, kaum mehr im Sechseck zwischen den sechs offensiveren Berliner Spielern anspielbar, da diese sehr engagiert verschieben und die Passwege zustellten, was dadurch begünstigt wurde, dass die Düsseldorfer Außenverteidiger in jener Konstellation einen schlechten Passwinkel zu Bodzek und Fink hatten.

Im zweiten Durchgang konnte dieser taktische Vorteil für die Berliner allerdings leicht gesprengt werden, da die Düsseldorfer Außenverteidiger nun weiter vorrückten und die Berliner in der Qualität ihrer Defensivarbeit nachließen.

Insgesamt waren die Düsseldorfer nach dem Seitenwechsel verbessert, was auch mit personellen Änderungen zusammenhing. Zunächst tauschte Norbert Meyer Beister und Bröker miteinander, weil sich Erstgenannter vorne ziemlich wirkungslos aufrieb und man stattdessen einen kräftigeren Stürmer zum Ballhalten brauchte. Nach einiger Zeit erkannte Meyer allerdings, dass Brökers Qualitäten ebenso auf dem Flügel gebraucht würden und so ersetzte er den talentierten, aber erneut unter seiner schwachen Form leidenden Beister durch den physisch starken Mittelstürmer Jovanovic und zog Bröker wieder auf rechts.

Beide Maßnahmen sollten sich bezahlt machen: Während Jovanovic einige Bälle behaupten konnte, sorgte Bröker weiterhin auf dem Flügel für Dampf. Nach etwas mehr als einer Stunde war er es, der sich mit einem schieren Lauf des Willens auf halbrechts durch die gesamte Abwehr tankte und den etwas überraschenden Ausgleich markierte (64.). Wichtig bei diesem Tor waren auch seine Mitspieler, die im Kollektiv nun deutlich besser nachrückten und für mehr Unterstützung sorgten – in diesem Fall zogen Levels und Fink einige Gegenspieler und Aufmerksamkeit auf sich und öffneten damit Bröker den Weg durch die Mitte.

Spätestens als wenige Minuten später Ramos einen Freistoß ins eigene Tor verlängerte (72.), lag das Momentum endgültig auf Seiten der Gäste – dass es ein Eigentor war, steigerte diese psychologische Wirkung wohl noch, denn Hertha wirkte völlig konsterniert und frustriert. Ganz anders die Düsseldorfer, die immer besser ins Spiel gekommen waren, sich gesteigert hatten und nun enormes Selbstvertrauen bekamen. Lange Zeit hatte man große Probleme gehabt, nun zeigte man in den Schlussminuten gar einige ansehnliche Ballstafetten im Mittelfeld. Somit war eigentlich nach 75 oder 80 Minuten klar, dass Hertha an diesem Tag kein Tor mehr gelingen würde.

Mit der Einwechslung von Matuschyk für Ilsö machte Meyer dann die Tür für die Hauptstädter endgültig zu. Der polnische Nationalspieler zeigte eine gute Leistung, brachte zusätzliche Defensivstärke ein, überzeugte im technischen Bereich, variierte das Tempo geschickt und sorgte auch in den engen Räumen für hohe Ballsicherheit. Damit war seine Einwechslung die nochmalige Steigerung der kollektiven Düsseldorfer Defensiv-Verbesserung in der zweiten Halbzeit: Besonders das Mittelfeldzentrum hatte man durch eine angepasste und tiefere Stellung der beiden zentralen Akteure viel besser geschlossen, was die Räume für die Berliner zum Überladen erheblich beschränkte. Durch deren sehr tiefen Spielaufbau ließ man sich nun nicht mehr locken und auseinanderziehen, sondern hielt die eigenen Linien kompakt – dadurch erstarb das Herthaner Offensivspiel großteils und mit der Einwechslung Matuschyks dann endgültig.

Als letzter Punkt spielten dabei auch die Berliner selbst eine Rolle, die sich im zweiten Durchgang scheinbar zu stark auf diese linke Seite konzentrierten. Dies äußerte sich zu Beginn in einer fast schon flutartig daher kommenden Anzahl Vorstößen von Kobiashvili, der für zusätzliche Überlegenheit auf links sorgen wollte – doch letztlich übertrieb man es hier. Auch Raffael schien zu fest auf diesen Raum eingeschossen und vernachlässigte sein horizontales Verschieben zum Ball. Ohne ihren Spielmacher, der normalerweise für Ordnung und Fluss sorgt, wirkten die Berliner allerdings unsicher und verloren – es gelang ihnen kaum mehr, sich überhaupt spielerisch nach vorne zu spielen und gar in diese Räume zum Überladen zu kommen. Erst mit der Einwechslung Ronnys schien sich das ein wenig zu bessern, der von den Bewegungen sehr ähnlich zu Raffael agierte und auch auf beiden Seiten half – von seinem teilweise als Satellit, nur eine Ebene dahinter, agierenden Bruder wurde Raffael noch einmal angetrieben, doch es reichte nicht mehr.

Fazit

Ein etwas schmeichelhafter Sieg für die Düsseldorfer, die fast eine Stunde lang vieles schuldig blieben und einige Probleme hatten. Hertha BSC muss sich vorwerfen, aus der ersten Halbzeit zu wenig gemacht zu haben – hier spielte man selbst solide, während der Gegner noch unsicher und defensiv anfällig war. Diese Situation hätte man besser ausnutzen müssen.

Nun steht im Rückspiel vor vollbesetztem Haus in Düsseldorf eine schwierige Aufgabe an. Es ist schwer vorstellbar, dass sich die Fortuna im eigenen Stadion den Aufstieg noch nehmen lässt. Diesen Vorsprung, der sogar eine 0:1-Niederlage zum Aufstieg erlaubt, sollte man gegen die Berliner mit einer fehlerfreien und disziplinierten Defensivleistung halten können. Die Hertha sollte versuchen, am Überladen auf links festzuhalten. Für eine Mannschaft, die zuletzt nur über Standards, Kampf und Raffael kam, könnte dies bei besserer Balance und zielgerichteterem Spiel eine wichtige Option sein – es wird interessant sein, wie stark man sich hier innerhalb von 5 Tagen noch steigern kann.

Vin 11. Mai 2012 um 20:25

Tendenziell stimme ich dem Artikel zu, nur kommt mir die Fortuna immer noch etwas zu gut weg. Unterm Strich war das ein SEHR biederer Auftritt der Düsseldorfer, und den Sieg brachten m.E. weniger die taktischen Umstellungen als vielmehr die Tatsache, dass diese Hertha meist beim ersten Gegentor sofort auseinander bricht. Die Mentalitätsprobleme der Herthaner werden m.E. wahrscheinlich auch dafür sorgen, dass die Mannschaft unter dem Druck, zwei Tore schießen zu müssen, sehr fahrig agieren und damit den eigenen Abstieg besiegeln wird. Von den spielerischen Mitteln wäre das angestrebte 2:0 in Düsseldorf ansonsten machbar.

Damit das Rückspiel vielleicht dennoch Spannung bietet, würde ich mir wünschen, dass Ronny (Lustenberger ist ja leider verletzt) für Perdedaj startet. Das ginge wohl zu Lasten der defensiven Stabilität, allerdings wären man so offensiv etwas weniger von Raffael abhängig und folglich schwerer auszurechnen. Ansonsten sollte die Hertha in ihren Angriffsbemühungen variabler agieren und auch ruhig verstärkt zu Mitteln wie Flanken (zugegeben, mit lediglich Ramos und ohne Lasogga ist rel. wenig Kopfballstärke in der Offensive vorhanden) und Distanzschüssen (Ronny hat eine prächtige Klebe) greifen.

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