Galatasaray – Besiktas 3:2

Abermals ein Derby in der türkischen Liga, dieses Mal empfing der Tabellenführer Galatasaray die Mannschaft von Besiktas. Die Gastgeber hatten ohnehin schon einen großen Punktevorsprung in der Liga, doch sie wollten ihn nicht nur größer machen, bei den Istanbul-Derbys geht es auch immer um die Ehre und eine ewige Rivalität. In diesem Spiel versuchten beide Mannschaften die richtige Balance zu finden zwischen einer offensiven und mutigen Spielweise, sowie einer defensiven Stabilität und Sicherheit. Das Ergebnis war ein 3:2 in den Schlussminuten für Galatasaray, die ihren Vorsprung vergrößern konnten.

Wechselwirkungen der jeweiligen Formationen

Die Gäste von Besiktas begannen mit einem 4-3-3/4-5-1-Hybridsystem, welches ihre Stammformation in dieser Saison darstellt. Das wichtige hierbei ist, dass den Außenstürmern ihre uneingeschränkte kreative Freiheit eingeräumt wird, während das defensive Zentrum sehr viele wichtige Aufgaben hat. Beispielsweise kümmerte sich Ernst in diesem Spiel nahezu alleine vor der Viererkette um das Aufbauspiel als primärer Spielgestalter, während Toraman und Kavlak davor als Doppelacht agierten. Toraman spielte hier eher den horizontalen Part, rückte in Löcher hinein und bildete in riskanten Situationen oft eine Doppelsechs mit Ernst, in diesen Fällen würde sich Kavlak mehr Richtung Zentrum bewegen oder den ballführenden Gegenspieler attackieren.

Grundformationen zu Beginn des Spiels

Die Außenverteidiger würden sich je nach gegnerischer Angriffsweise unterschiedlich positionieren und auch offensiv hatten sie relativ breit verteilte Aufgaben. Köybasi und Necip standen aufgrund der gegnerischen Spielweise vor einem Dilemma: spielten sie breit, dann hatten sie keinen Gegenspieler zum Decken, da die gegnerischen Außenspieler zumeist Richtung Zentrum zogen. Wenn sie sich zu einer engen Viererkette positionierten, war das Problem, dass die gegnerischen Verteidiger aufrücken würden oder die verkappten zentralen Mittelfeldspieler auf ihre angestammte Position auf der Außenbahn rochieren würden. Mit diesem Zwist kam man allerdings gut zurecht, lediglich beim Gegentor, welches Eboue nach einer Spielverlagerung aus einer ebensolchen Situation, die sich auf beiden Seiten negativ äußerte, einleitete.

Im Offensivspiel bildeten sich deswegen selten Pärchen, da die beiden Außenverteidiger es nicht konstant riskieren konnten, ein Loch bei den flexibel agierenden gegnerischen Flügeln zuzulassen. Nachteilig war dabei, dass sowohl Quaresma als auch Simao weite Wege gehen mussten, um eine Anspielstation zu finden. Ernst in tieferer Position als üblich und Toraman als einer der beiden Achter konnten nicht effektiv eine Anspielstation bieten, was sich aufgrund der teilweise zu feigen Außenverteidiger noch negativer auswirkte. Seltenst wurde beobachtet, dass sowohl der Außenverteidiger hinterlief, um das Spiel breiter zu machen und gleichzeitig sich der ballnahe Achter im Zentrum anbot, was schließlich zu der geringen Torgefahr Besiktas‘ in Halbzeit eins führte. Hugo Almeida im Sturmzentrum sah wenig Bälle und konnte sich kaum ins Spiel einbinden, viele Male waren Solos mit folgendem Abschluss oder Gassenpässen die einzige Lösung, wenn man nicht auf ineffektive Flanken zurückgreifen wollte.

Galatasaray trat als Heimmannschaft mit einem extrem interessanten System an, welches man durchaus als ein 4-1-5-0 klassifizieren könnte – wenn nicht die beiden offensivsten im Zentrum das Sturmzentrum abwechselnd besetzt hätten. Der nominelle Mittelstürmer Elmander ließ sich oft fallen und suchte Lücken im Rücken der Abwehr, wenn man im Kollektiv aufgerückt war. Ates hingegen kam aus der Tiefe in die Schnittstellen und provozierte mit seinen Läufen das Aufheben der gegnerischen Abseitsfalle und ein erleichtertes Aufrücken des Außenverteidigers, der sich mehrmals einem verwirrten Gegenspieler gegenübersah, der nicht wusste, ob der Innenverteidiger oder er selbst für den gegnerischen Stürmer Ates zuständig war. Dieser Stil hätte allerdings deutlicher gefährlicher sein können beziehungsweise müssen, aber die Außenspieler Galatasarays nutzten diese Vorteile nicht ausreichend genug. Hakan Balta rückte beispielsweise als linker Außenverteidger nur bis ins zweite Spielfelddrittel auf und die beiden eigentlichen Außenstürmer, Emre und Engin, hielten sich zu zentral auf.

Von hinten organisierten Melo und Selcuk das Spiel, der ehemalige Juventusprofi und brasilianische Nationalspieler Melo war der klar erkennbare Stratege im Mittelfeld des Tabellenführers. Besonders auffällig waren seine Ruhe am Ball, die Geduld bei der Ballverteilung und die diagonalen Spielverlagerungen auf Eboue, der im Gegensatz zu Balta extrem offensiv agierte. Vor dem tiefliegenden Spielmacher Melo fungierte Selcuk als eine Art gemäßigter box-to-box-player, der zwischen Melo und dem Sturmduo pendelte, um sich als Kurzpassstation, Fixpunkt und Koordinator im letzten Drittel anzubieten. Läuferisch zeigte er eine gute Leistung und fehlte nur selten hinten, was allerdings ebenfalls an den zu langsamen Vorstößen des Gegners lag, wo ein Strippenzieher fehlte – Ernst war zwar präsent, hatte aber einen geringeren Radius als Felipe Melo.

Das Flügelspiel bei Galatasaray sorgt für eine Seitenlastigkeit im ganzen Spiel

Mit Ates und Elmander spielten die Gastgeber zentral sehr modern, beide Stürmer waren beweglich und besetzten die richtigen Positionen instinktiv. Ihre Intuition sorgte dafür, dass sie die gegnerische Abwehrreihe durcheinander brachte und oft ohne Zuteilung hinterließ, was für Überzahl auf verschiedenen Positionen sorgte. Diese konnte allerdings nicht genutzt werden, da man sich durch eine zu zentrale Stellung der Flügelstürmer teilweise auf den Füßen stand und nicht nach vorne kam. Selcuk rückte von hinten auf und man hatte somit zumeist vier Spieler ganz vorne zu Beginn des letzten Spielfelddrittels, welche niemanden in vertikaler Position zum Anspielen hatten. Ates bot sich zwar an, doch die gegnerische Viererkette konnte ohne den eben nicht aufrückenden Balta und durch die zentrale Stellung der Flügel problemlos die Mitte zustellen – nicht überraschend, dass Eboue der auffälligste Spieler der Mannschaft war. Ein ums andere Mal stürmte er nach vorne, machte das Spiel breit, versuchte bis zur Grundlinie zu marschieren und dies sorgte dafür, dass sich das gesamte Spiel auf Galatasarays rechte Seite hinüber verschob. Besiktas versuchte sich zu befreien, indem man schnell nach vorne spielte, aber da ja nahezu ausschließlich über das Zentrum und die rechte gegnerische Außenbahn angegriffen wurde (und dort dann der Ball erobert wurde), attackierte bei Besiktas fast nur die linke Seite. Quaresma hatte somit das Problem, dass er entweder gänzlich die Bindung zum Spiel verlor oder einrücken musste, meist entschied er sich für letzteres und machte ein Pärchenbildung auf der linken Seite unmöglich. In der zweiten Halbzeit besserte sich dies zwar etwas, optimal war es nachwievor bei weitem nicht.

Ernst & Toraman

Ein kleiner Aspekt, dem man dem Trainer Besiktas‘ eventuell löblich zuschreiben könnte, ist der Tausch Ernsts und Toramans. Es mag zwar sein, dass es dieser Wechsel war, der das Offensivspiel Besiktas‘ beschränkte, da die Bewegung nach vorne fehlte, dennoch muss es kein schlechter Schachzug gewesen sein. Toraman hatte nämlich sicherlich ebenfalls die Aufgabe, die starke rechte Seite des Gegners mit Eboue abzusichern, womit er Kavlak den Rücken freihielt – dieser nutzte dies aber nicht ausreichend und infiltrierte nicht die Räume auf der linken Seite, wo Balta etwas passiv agierte.

Fazit

Ob ein Tausch zwischen Ernst und Toraman das Spiel offener aussehen hätte lassen, ist im Nachhinein unklar. Galatasaray machte Druck und hatte mehr vom Spiel, Besiktas lebte erst in der zweiten Halbzeit etwas auf. Der Sieg geht letztendlich in Ordnung, war aber ein knapper Sieg und wird dem Rivalen sicher mehr wehtun, als der ohnehin uneinholbar wirkende Abstand in der Meisterschaft.

 

Asti80 9. März 2012 um 08:55

Die Sache mit dem Spiel von Galatasaray durch die Mitte hat seinen Ursprung im Fehlen von passenden Flügelspielern.

Sowohl Engin Baytar, als auch Emre Colak sind beide ausgebildete 10er. Von daher erklärt es sich, das sich das Spiel von Galatasaray viel öfters im Zentrum abspielt. Auch die Versetzung der obigen Spieler auf die Aussenbahnen hat dem keine Abhilfe geschaffen, da sie von Natur aus immer wieder in die Mitte ziehen.

Im Grunde spielt man mit einem 4-2-2-2-System mit zwei verkappten Spielmachern.

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Euskadi 7. März 2012 um 07:42

Hallo Jungs…!

Schön, diesen Beitrag zu lesen. Habe mich auch schon sehr über Eure Analyse des Spiels Fenerbahce-Besiktas gefreut. Folgendes muss man dazu sagen:

Wenn in der türkischen Berichterstattung eines zu kurz kommt, dann ist es sicherlich die präzise taktische Analyse eines Spiels. Dabei werden den Spielen, und der „Nachbearbeitung“ Sendezeiten gewährt, die hierzulande kaum nachzuvollziehen sind. Bezeichnenderweise heisst auch die meistgesehene türkische Fussballsendung „Marathon“ (wobei in der türkischen Schreibweise das „h“ fehlt ;))

Umso erfreulicher ist es, auf dieser Seite das finden zu können, was in keiner türkischen Sendung Erwähnung findet. Die Sezierung des Spiels beschränkt sich auf stundenlange Wiederholungen strittiger Szenen, zu denen ehemalige Schiedsrichter, rhetorisch im Unterbau der Sprache angesiedelte Ex-Profis, und sensationsgeile ewig provozierende Moderatoren, ihren viel zu scharfen Senf abgeben…!

Deswegen… vielen Dank für diesen Beitrag…! Lese mir zwar fast alle Beiträge durch, diese aber – aufgrund meiner ethnologischen Herkunft – besonders gerne…!

Weiter so…!!!

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Sifo Mehmet 6. März 2012 um 19:31

“ als der ohnehin uneinholbar wirkende Abstand in der Meisterschaft.“

Naja einholen kann man schon noch , weil es in Türkei dieses Jahr Playoffs gibt , wo die Punkte die man bis zur Saison Ende sammeln konnte halbiert werden und , dann vom 1.-4. alle zwei mal gegeneinander spielen.
Schwer , aber nicht unmöglich.

Ich finde es als Besiktas Fan schade , dass zum zweiten mal bei einer Analyse ( auch gegen Fenerbahce ) der wichtigste Spieler von Besiktas ( Manuel Fernandes) fehlt.
Bei 30 Spielen 18 Scorerpunkte ( 5 Tore 13 Vorlagen) als ZM sprechen für sich .

Ohne ihm hat Besiktas sehr Probleme beim Spielaufbau oder bei den letzten Pässen.

Genauso war es schade , dass der Leader in der Abwehr Egemen Korkmaz verletzungsbedingt raus musste und dafür Sidnei -der meiner Meinung nach sehr langsam ist – ins Spiel kam . Das 2. Tor geht auf seine Kappe .

Vielen Dank für die Analyse hoffentlich machen sie bei den Playoffs auch welche.

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