Hertha BSC – SV Werder Bremen 1:0

Das zweite Spiel unter Rehhagel war ein Heimspiel gegen seine „alte Liebe“, dem SV Werder Bremen. Dennoch hatten beide Mannschaften den Willen und Druck, dieses Spiel unbedingt gewinnen zu müssen, drei wichtige Punkte gegen den Abstieg beziehungsweise für Europa standen auf dem Spiel. Für viele Zuseher erwartete sich ein fast schon nostalgisches Spiel mit zwei langjährigen Bundesligatrainern, die der neuen Generation um Klopp, Tuchel und Co. weiterhin (großteils mit Erfolg) entgegenstehen. Hierbei war es allerdings etwas überraschend, dass ausgerechnet der alte Hase auf der Trainerbank Herthas das auf dem Papier modernere System spielen ließ. In einem Aufeinandertreffen zweier Typen als Trainer ging die Hertha erfolgreich vom Platz, doch war der Sieg wirklich verdient?

Wechselwirkung der jeweiligen Formationen

Grundformationen zu Beginn des Spiels

Die Gäste spielten mit ihrem klassischen Rautensystem, in welchem Pizarro mit Rosenberg das Sturmduo bildete. Der Peruaner ließ sich allerdings einige Male fallen, um Raum vorne zu öffnen und das Mittelfeld zu unterstützen, während Rosenberg verstärkt auf die Flanken auswich, um mit Marin und Trybull Pärchen bilden zu können, was teilweise ganz gut klappte und für gefährliche Aktionen sorgte. Auf der Zehn spielte mit Marko Marin ein Spieler, der sich eher durch Dribbelstärke und kurze Gassenpässe als durch die organisatorischen Fähigkeiten eines klassischen Zehners auszeichnete. Diese Rolle hätte zwar rein theoretisch Junuzovic im halbrechten Mittelfeld übernehmen können, doch dies gelang nicht. Ganz im Gegenteil, mit dem dynamischen Trybull auf der linken Seite und Marin, der wie Rosenberg bervorzugt auf diese Seite auswich, kam wenig über die rechte Außenbahn der Werderaner. Gut die Hälfte aller Angriffe wurde über links vorgetragen und das Spiel wurde ausrechenbar, wenn auch die individuelle Klasse der Spieler für Gefahr sorgte. Dahinter sicherte Bargfrede den Raum, Trybull und Junuzovic unterstützten ihn und bildeten situativ eine Doppelsechs mit Pressingspieler, eine Dreierkette oder gar eine breite Viererkette mithilfe von Marin, was allerdings eher eine Ausnahme darstellte. Letzteres geschah hauptsächlich, wenn man weit nach hinten gedrängt wurde und die Spieler auf den Halbpositionen über außen ausweichen mussten.

Die Viererkette mit Affolter und Sokratis in der Mitte war gut besetzt und es war wenig verwunderlich, dass Rehhagel in Anbetracht des gegnerischen Systems und der Stärke der Innenverteidigung das Spiel über die Seiten fokussierte. Hier hatte Bremen mit Ignjovski und Hartherz eher durchschnittliche Spieler, welche sich im 4-1-2-1-2 im Normalfall weit nach vorne einschalten müssen und deshalb Räume hinterlassen, wenngleich in diesem Spiel dies kein großer Faktor war. Vielmehr mussten sie hinten stark absichern und wurden teilweise bereits beim Aufrücken im Spielaufbau stark gepresst, insbesondere in Teilen der zweiten Halbzeit, was für Probleme im Aufbauspiel sorgte. Denn ohne die Außen und ohne Organisator im Mittelfeld fehlte die Struktur und es entstand nur Gefahr, wenn die offensiven Spieler mit Einzelaktionen und schnellen Kombinationen das Loch zwischen den Linien der Herthaner zu nutzen versuchten.

Bei den Berlinern konnte man ein leicht asymmetrisches 4-2-3-1 beobachten, in welchem Raffael als Freigeist hinter der einzigen Spitze agierte, welche Ramos war. Damit wollte man mit einem dynamischen Sturmzentrum und dem Flankenspiel Unordnung in der Mitte schaffen, denn aus dem Mittelfeld erwartete man nur wenig Gefahr durch Nachrücken. Kobiashvili ist in den letzten Jahren ein defensivorientierter Spieler geworden, der gegen Werder im defensiven Zentrum auflief und eine solide Leistung zeigte. Neben ihm spielte mit Perdedaj einer der besten Spieler auf dem Platz, der durch seine kämpferische Leistung und seinen Biss einige Angriffe der Bremer sehr gut aufhalten konnte. Spielgestalterisch mögen beide nicht auf dem höchsten Niveau sein, doch die Angriffsspielzüge wurden ohnehin den Außenbahnen überlassen. Die Außenverteidiger Lell und Bastians hatten die Aufgabe nach vorne zu rücken, wobei sich dies situativ ergab. Im Normalfall rückten sie etwas auf und warteten dann, bis der Ball am Ende des zweiten Drittels angekommen war, bevor sie sich gänzlich ins Offensivspiel miteinschalteten. Rukavytsya im linken offensiven Mittelfeld zeigte eine gute Leistung, er hatte defensiv die Aufgabe zu pressen und offensiv konnte er sich viel frei bewegen. Oftmals ging er nicht die Außenbahn entlang, sondern suchte im Zentrum Anspielstationen oder Räume, in welche er sich bewegen würde. Dies sorgte teilweise dafür, dass fast ein verkappter Dreiersturm gebildet wurde, während Torun auf der rechten Seite etwas gemäßigter agierte. Er spielte weniger mit dem Ball und wirkte mehr organisatorisch veranlagt, wenngleich er dies auf dem Flügel nicht wirklich ausleben konnte.

Die linke Seite Bremens

Fast alle gefährlichen Angriffe der Bremer kamen über die linke Angriffsseite – obwohl sowohl Bastians als auch Lell einen schwachen Tag im Defensivzweikampf erwischten. Die Ursache für diese eintönige Spielweise lag an Marins Driften aus dem Zentrum, er versuchte immer mit dem aktiveren Part der beiden Spieler um ihn herum zu kombinieren: Trybull. Junuzovic spielte etwas zu tief und kam nicht dynamisch genug nach vorne, um bei den schnellen Vorstößen nach Überwinden des gegnerischen Mittelfeldwalls für Gefahr zu sorgen. Ignjovski versuchte zwar hin und wieder, das Spiel breit zu machen, hatte aber Probleme mit dem aktiven Rukavytsya hinter sich. Dadurch und durch Marins versuchtes inverses Spiel als falscher Zehner auf dem Flügel konzentrierte sich das Spiel auf Lell und den starken Hubnik, welche oftmals die Angriffe kurz vor dem Sechzehner aufhalten konnten. Einige Pässe gab es und es war auch nicht verwunderlich, dass Werder zu mehr Torchancen in diesem Spiel kam. Das defensive Mittelfeld Herthas hatte eine schwere Aufgabe, war es doch zwischen der eher tiefen Viererkette und einer hohen sowie beinahe defensiv chaotisch agierenden Dreierreihe vor ihnen gefangen. Sie mussten sehr viel Raum sichern und die Bindung nach vorne erhalten, wo Hertha ein half-pressing im letzten Drittel spielte. Es waren diese Löcher, welche dafür sorgten, dass die Herthaner trotz des Sieges und einer größeren kämpferischen Leistung weniger Ballbesitz und weniger Torchancen für sich verzeichnen konnte.

Raute im Leerraum

Ein logischer Schachzug Rehhagels war der Fokus auf das Flügelspiel beim Umschalten. Einerseits, weil man keinen Organisator der Extraklasse im Zentrum hatte, andererseits weil man die numerische Überlegenheit des Gegners im zentralen Mittelfeld aushebeln wollte. Die Abstände zwischen Ramos und seinen beiden Partnern in der Dreierreihe zur Doppelsechs waren so gewählt, dass die gegnerische Raute niemanden eingesperrt hatte. Vielmehr war ein großes Loch ohne Spieler zwischen Bargfrede und Marin, was dafür sorgte, dass entweder Marin alleine pressen musste oder die Raute zerstört wurde, wenn die gegnerische Doppelsechs den Ball zirkulieren ließ. Man konnte somit relativ einfach über zwei Stationen den Ball zu den Außenbahnspielern bringen, welche dann mit Raffael und Ramos im Sturmzentrum Stationen zum Kombinieren hatten, während die Spieler in den Halbpositionen Bremens nie konstant Zugriff auf die Gegner erhielten. Zu sehr wurden sie in die Breite gezogen und es bildete sich die bereits erwähnte Dreierkette im Mittelfeld, welche für ein Handicap im Offensivspiel sorgte.

Fazit

Kein berauschendes Spiel, allerdings viel Hin und Her mit ein paar sehr knappen Torchancen. Sehr schwer zu sagen, wer in diesem Spiel wirklich die bessere Mannschaft war – Rehhagel schien alles richtig zu machen, Schaaf hatte ein individuell besseres Team –, denn letztlich hatte Bremen etwas mehr vom Spiel, während die Hertha mehr Leidenschaft zeigte. Und sich wohl alleine deswegen diese drei Punkte auch verdient hat.

maxbas 5. März 2012 um 11:51

Vielen Dank für die interessante Analyse. Ich konnte das Spiel leider selber nicht sehen, daher bezieht sich das Folgende auf diese Analyse und auf die letzten Spiele von Werder. Ich frage mich ob Junuzovic auf seiner jetzigen Position wirklich am besten für die Mannschaft aufgestellt ist. Meiner Meinung nach steht er zu tief (ganz abgesehen davon dass er sich auf Links wohler fühlt) um seine offensive Dynamik auszuspielen. Ich würde ihn lieber zusammen mit A. Hunt als Außen in einer flachen Vier oder zentral in einem 4-2-3-1 sehen. Trybull könnte in beiden Fällen die defensive Zentrale neben Bargfrede oder Ignjovski rücken und durch seine gute Übersicht und durch seine Passsicherheit das Spiel von hinten aufziehen. Ich frage mich generell ob selbst ein Diego oder ein Micoud heute auch noch so dominant spielen würden gegen Gegner die in einem 4-2-3-1 antreten. Vielleicht ist die Zeit der schaafschen Raute tatsächlich abgelaufen (insbesondre da niemand wie Micoud oder Diego im Kader steht). Ich lass mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen.

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Ian 5. März 2012 um 19:22

Nahezu jeder Fan will ein neues System sehen, leider wird es das unter Schaaf nicht geben.

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