Donnerstag, 17.08.2017

U.S. Palermo – Lazio 5:1

Lazio Rom musste mit dem letzten Aufgebot zu Palermo reisen und entsprechend verlief diese Partie auch. Allerdings war nicht nur die Personallage ein sehr entscheidender Faktor.

Grundformationen

Die Gastgeber traten in einem leicht asymmetrischen und sehr interessanten 4-3-1-2 an, dessen Raute allerdings sehr offensiv interpretiert war und dieser Zahlenkombination wohl gar nicht mehr gerecht wird.

Wie bereits oftmals wählte Edy Reja eine etwas überraschende Formation in Anbetracht der zur Verfügung stehenden Spieler, die diesmal in einem 3-5-2 mit einer 1-2-Anordnung im zentralen Mittelfeld aufgestellt wurden.

Charakter des Spiels

Neben der Tatsache, dass Palermo deutlich eingespielter und sicherer wirkte, während Lazio individuell bei weitem nicht die beste Mannschaft aufbaute und auch beispielsweise Alfaro komplett neu ins Team integrieren musste, waren es die beiden Formationen, die in ihrer taktischen Wechselwirkung dafür sorgten, dass die Hausherren die bessere Mannschaft waren und Lazio eine (zu) hohe Niederlage zufügten.

Bei beiden Mannschaften war auffällig, dass sie im Spielaufbau ihre Außenverteidiger (Palermo) bzw. Wing-Backs (Lazio) sehr weit nach vorne zogen und ihre jeweiligen Gegner damit zurück drückten, was zum einen für Breite im Spiel (Palermo), vor allem aber zu mehr Raum im Mittelfeld führte. Somit konnte der Aufbau ruhiger gestaltet werden und gleichzeitig konnte man, da die Abwehrreihen jeweils sehr tief standen, einfach und ungestört ins letzte Drittel vorrücken, so dass das Spiel Tempo zu haben schien, aber gar nicht so viel Tempo hatte.

Palermo neutralisiert Lulic und Lazios Konter

Die Hausherren dürften bei dieser Maßnahme allerdings noch einen zusätzlichen Hintergedanken gehabt haben. In der ausgedünnten Lazio-Mannschaft spielten die einzigen schnellen Umschaltspieler eben auf jenen beiden Außenpositionen, und indem man diese zurückdrängte, machte man sich für Konter seitens Lazio weniger anfällig. Diese mussten bei Ballgewinn durchs Zentrum spielen, wo Palermo dann aber mit ihrer offensiven Raute sehr effektiv gegenpressen konnte.

Während Alvaro sowieso keine überzeugende Leistung ablieferte (und auch vorne ziemlich ineffektiv blieb), wurde der linke Wing-Back Senad Lulic von den Sizilianern verstärkt abgedeckt. Schon mehrfach hat der Bosnier in der Liga, aber auch in Länderspielen auf internationaler Bühne, seine kraftvolle und teilweise schon fahrige Offensivkraft auch in verschiedenen Rollen und Positionen gezeigt.

Im Offensivspiel wurden seine oftmals inversen Läufe zur Mitte ohnehin – ein bisschen wie es Cesena machte – durch die defensive Rautenformation Palermos hervorragend geblockt und für mögliche Kontersituationen hatte sich Palermo etwas einfallen lassen. Maßgeblich beteiligt war die Rolle des rechten Halbspielers, Giulio Migliaccio.

Im Gegensatz zu Baretto auf der anderen Seite spielte er recht weit außen, sicherte dabei entweder hinter Pisano ab oder übernahm gar selbst die Rolle eines Flügelspielers und versuchte mit Pisano zu kombinieren. In ersterem Fall wurde für Lulic ein zusätzlicher, fester Abfangjäger installiert, der gleichzeitig weiterhin das Aufbauspiel aus der Tiefe leiten konnte; in letzterem Fall diente seine Rolle einem eher offensiven Zweck (dazu später mehr).

Zwei Probleme als Ursache der hohen Niederlage

Lazio verteidigte im Mittelfeldzentrum relativ stark mannorientiert. Da man zunächst einmal aufgrund der Ausgangslage dem Gegner den Ball überlassen und abwarten wollte, war diese sogenannte Mittelfeldspiegelung, bei der jeder Spieler einen Gegner zugeteilt bekommt (Hernanes vs. Baretto, Candreva vs. Migliaccio, Matuzalem vs. Ilicic), durchaus sinnvoll – wie es auch oftmals in den Niederlanden gegen Ajax gespielt wird.

Allerdings traten dabei zwei Probleme auf, die entscheidend zu den Toren und dem 5:1 beitrugen. Migliacchio spielte bei beiden Aspekten eine nicht unwichtige Rolle.

Problem I – Massimo Donati

Gegenüber den drei zentralen Mittelfeldspielern Lazios hatte Palermo allerdings einen weiteren – ihren Sechser Massimo Donati. Dieser hatte logischerweise keinen direkten Gegenspieler und blieb somit etwas wie ein freier Mann. Keiner der beiden Stürmer bei Lazio ließ sich fallen, um Donati abzudecken, was allerdings an einer konfusen Aufgabenverteilung lag: Klose sollte nun das Umschaltspiel übernehmen und zwischen Mittelfeld- und Sturmreihe warten, während Alfaro den nominellen Mittelstürmer gab, der bei aufgerücktem Gegner die Zuspiele Kloses verwerten sollte, was allerdings kaum klappte, da die Bälle noch nicht einmal beim deutschen Nationalspieler ankamen.

Für Donati fühlte sich nun niemand zuständig und so konnte er ohne direkten Gegenspieler ungehindert mit nach vorne marschieren und für Verwirrung aus dem Rücken sorgen. In der 20. Spielminute bekam er den Ball auf halblinks, niemand fühlte sich für ihn zuständig und griff an, so dass Donati fast bis zum Strafraum vordribbeln, abschließen und ein absolutes Traumtor zum 2:0 erzielen konnte. Abgesichert und ermöglicht wurde das Ganze von Migliaccio in dessen besonderer Rolle.

Problem II – Raum auf halblinks zwischen den Linien

Das sogar noch konstantere Hauptproblem der Hauptstädter war allerdings noch ein anderes, welches nicht weniger mit ihrem Mittelfeld zu tun hatte.

Diesem Mittelfeld fehlte ohne Christian Ledesmá – der als Libero der Dreierkette gebraucht wurde – ein richtiger Sechser, der die Räume zwischen den Linien effektiv hätte schließen können. So war der nominell defensivste Spieler des Mittelfeld-Trios mit Matuzalem ein Achter, der früher meistens sogar als klassischer Zehner im offensiven Mittelfeld eingesetzt wurde.

Insbesondere auf halblinks gewährte man Palermo zu viel Raum, da Hernanes deutlich offensiver als Candreva agierte, scheinbar seine übliche Rolle als zentral-offensiver Zehner, der auf beide Flügel gehen kann, ausführen wollte und auch Matuzalem seinem natürlichen Instinkt folgend etwas nach links tendierte, womit Lazio quasi sein eigenes Todesurteil sprach.

Verstärkt wurde das Ganze erneut von besagtem Giulio Migliaccio, der durch seine sehr breite Rolle teilweise wie ein Flügelstürmer agierte und damit seinen „Hauptgegenspieler“ Candreva immer wieder weit auf die Seite zog. Matuzalem versuchte dann, die vakante Position zu übernehmen, doch genau dadurch wurde die Wirkung der beiden obigen Effekte (Raum zwischen den Linien und Loch auf halblinks) erneut verstärkt, da Matuzalems schematische Position sich noch weiter nach vorne und nach rechts verschob.

Das Ergebnis: In dem entstandenen Raum auf halblinks konnte sich nun Palermo ausbreiten, für Überzahl sorgen und Lazio gnadenlos ausspielen und überladen. Gebildet wurde diese Überzahl besonders durch den aggressiv nach vorne attackierenden Baretto sowie den aus dem Sturm immer wieder in typischer Manier nach halblinks abkippenden Miccoli, die sowohl von Ilicic als auch von Donati unterstützt werden konnten.

Zusätzlich schob Außenverteidiger Balzaretti brutal nach vorne nach und bot eine zusätzliche Option im Angriffsspiel, die in den Rücken der Verteidigung drängte und gerade deswegen so schwer zu verteidigen war, weil er genau den umgekehrten Weg wie der diagonal nach hinten rochierende Miccoli machte, was die Schnittstelle zwischen Ledesmá und Zauri oder Zauri und Alvaro aufriss – Balzaretti oder ein Mittelfeldspieler konnten durchbrechen und die Kombinationen auf diese Weise abschließen.

Fazit

Eine absolut verdiente Niederlage für eine allerdings auch stark geschwächte Mannschaft Lazios. Fetshalten kann man aus dieser Partie daher nur kurzfristige Informationen, nämlich die taktische Niederlage Rejas in dieser Partie. Gleichzeitig gebührt Palermos Coach Bortolo Mutti ein Kompliment für diese beeindruckende Vorbereitung des Spiels.

Nachdem es nach 50 Minuten bereits 5:0 stand, ließ sich Lazio immerhin nicht hängen und schaffte noch den Ehrentreffer durch Kozak, der zur Halbzeit für Klose gekommen war. Spielerische Ansätze waren bei den Römern definitiv vorhanden und phasenweise sogar durchaus ansehnlich anzusehen, doch erneut fehlte es an gefährlicher Breite. Die Außenbahnen wurden durch den inversen Lulic und den wenig gefährlichen Alvaro fast nur für simple Halbfeldflanken genutzt, so dass alles durch die Mitte gehen musste. Dafür machte man sich allerdings noch ganz gut.

Die Zahlen zeigen: Palermo spielte viel über links (43 % ihrer Angriffe), während Lazio sich zu sehr auf das Zentrum beschränkte (44 % ihrer Angriffe).

JayM 22. Februar 2012 um 19:34

@ alvaro: sorry dann hab ich’s falls verstanden 🙂

milan-juventus wird sicherlich eine sehr interessante partie für einen eurer artikel sein, freu mich! thx

Antworten

JayM 21. Februar 2012 um 19:13

danke für die analyse eines lazio-spiels wieder einmal! lazio war wirklich extremst geschwächt an verletzungen und sperren, und palermo hat das taktisch hervorragend ausgenutzt

2 kleine fehler: der neue lazio-stümer heißt emiliano alfaro und nicht alvaro und der palermo-coach heißt nicht maurizio zamparini (das is der präsident) sondern bortolo mutti 🙂

Antworten

TR 21. Februar 2012 um 20:17

1. Mit Alvaro ist Alvaro González gemeint und nicht Alfaro. Den habe ich schon richtig geschrieben 😉
2. Ohje, sehr peinliche Sache. Falsche Zeile geguckt bei der Recherche. Sofort korrigieren. 🙁

Nächste Woche wird es dann übrigens (leider) kein Lazio geben. Stattdessen steht Milan-Juventus auf dem Plan und vielleicht können wir das auch etwas ausführlicher behandeln als sonst. Das auch an die Juventus-Fans hier bei sv.de

Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*