Borussia Dortmund – Bayer Leverkusen 1:0 (+ Barcelona-Vorschau)

Borussia Dortmund gewann am Samstag knapp ein ungewöhnliches Heimspiel. Robin Dutt ließ seine Leverkusener in einer schwer asymmetrischen Mischformation antreten. Wir beleuchten das Spiel und ziehen eine kurzen Querverweis zu Bayers heutigem Champions League-Kracher gegen den FC Barcelona.

Die Startformationen.

Bayer zieht das Spiel auf links

Dortmund trat im gewohnten 4-2-3-1 an, das defensiv ein 4-4-2 formt. Die Flügelspieler rückten im Angriffsspiel wieder auf. Im Gegensatz zum Spiel in Kiel kam aber Sven Bender für  Leitner zurück, was eine klarere 2-1-Offensivordnung im Zentrum zur Folge hatte. Das Angriffssystem entsprach eher einem 4-2-1-3 als der 4-3-3-artigen Variante des Pokalspiels.

Das prägende Element des Duells war aber eindeutig die überaus ungewöhnliche Formation, in der die Leverkusener Gäste ihre große Aufgabe angingen. Die schwer linkslastige Aufstellung kann kaum in Zahlen gefasst werden. Würde man es dennoch probieren, müsste man wohl zu einer Kombination wie 4-3-1-1-1 greifen, um jenem System halbwegs gerecht zu werden. Zumindest in der defensiven Phase.

Dabei spielte Lars Bender überraschend auf der linken Mittelfeldseite. Diese Entscheidung bildete das Kernstück der Seltsamkeit, gemeinsam mit Castro, der eine Art halblinken Achter gab. Reinartz gab wieder den Staubsauger vor der Viererkette und Rolfes wechselte auf rechts in eine Rauten-übliche Halbposition, womit sich in der Grundordnung eine flache, stark nach links verschobene Raute ergab.

Vor dieser spielte Schürrle eine variable hängende Spitze aus dem Zehnerraum heraus. Seine Grundposition war in der Nähe von Dortmunds linkem Sechser Kehl und von dort aus orientierte er sich offensiv nach halblinks oder ganz rechts in die Sturmreihe und auch im Pressing rückte er situativ auf, um Subotic unter Druck zu setzen. Dafür setzte er einige höchst ungewöhnliche Diagonalsprints an, bei denen er gleichzeitig den Passweg zu Kehl zustellte und Subotic zum Handeln zwang. Schon diese Läufe demonstrierten, dass Bayer einen sehr speziellen, aber ebenso strukturierten Plan hatte, wie man das variable Dortmunder Angriffsspiel in den Griff bekommen wollte.

Ganz vorne spielte Kießling halbrechts und wie im Hinspiel war seine Aufgabe, den spielmachenden Innenverteidiger Hummels aus dem Spiel zu nehmen. Dies gelang wieder gut und nach 45 Minuten hatte Hummels nur halb so viele Pässe gespielt wie der weniger spielstarke Nebenmann Subotic.

Formationen bei BVB-Ballbesitz und Beispielszene aus der Anfangsphase nach Piszczek-Dribbling

Schmelzers große Verantwortung

Diese Spielweise von Kießling, die man schon vergangene Woche (und in der Hinrunde) bei Nürnbergs Pekhart sehen konnte, war die erste Stufe des Leverkusener Plans. Dieser sah in der Defensive vor, das Dortmunder Spiel auf die dicht gestaffelte linke Seite zu leiten, wo der zweikampfstarke Lars Bender wartete und zusammen mit Castro und dem weit verschiebenden Reinartz intensivste Isolationsarbeit leistete.

Auch die angesprochene Rolle von Schürrle trug dazu bei. Dadurch, dass er Subotic diagonal von rechts anlief, verleitete er ihn dazu, das Spiel eher nach links über Piszczek aufzubauen.

Wenn der Ball auf Dortmunds rechter Seite ankam, verschob Leverkusen in extremer Weise auf diesen Flügel. Dabei achtete vorallem Castro sehr stark darauf, die Passwege ins Zentrum zu schließen. Auf diese Weise wollte Bayer den starken rechten Flügel der Dortmunder isolieren und in der Enge Ballgewinne erzwingen (siehe Grafik). Dies gelang ordentlich. Dortmund kam kaum konstruktiv durch.

Die Konsequenz daraus war, dass Schmelzer extrem viel Raum hatte. Allerdings konnte die asymmetrische Formation diese Schwäche zumindest in einigen Situationen halbwegs kompensieren, indem Kießling aus der Mitte anlief und somit Schmelzer unter Druck setzen konnte und gleichzeitig den Weg zu Hummels schloss. Wenn Schmelzer zu hoch stand für Kießling, rückte manchmal auch Rolfes weit nach außen, während Bender, Castro und vor allem Reinartz diszipliniert folgten um die Mitte zu schließen.

Dennoch war das große Loch, dass sich vor Schmelzer auftat, nicht zu übersehen. Dutt nahm es wie schon im Hinspiel wohlwollend in Kauf und behielt wieder Recht damit. Schon in Leverkusen war es Dortmund zuerst nicht gelungen, Schmelzer einzusetzen, und anschließend war es Schmelzer nicht gelungen, die viele Zeit am Ball effektiv zu nutzen. Am Ende war er erneut der Spieler mit den meisten Fehlpässen (18 an der Zahl, was 35% seiner Pässe waren).

Großkreutz trug entscheidend dazu bei, da er sich bei Angriffen über links taktisch sehr ungeschickt verhielt. Wie bei Angriffen über den fernen Flügel orientierte er sich hauptsächlich Richtung Tor. Insbesondere in den Situationen, in denen Schmelzer ungestört ins letzte Drittel marschieren durfte, verpasste Großkreutz es daher einige Male, seinem Hintermann die gewohnte Unterstützung zukommen zu lassen. Stattdessen bewegte er sich ineffektiv im Rücken von Rolfes oder Corluka.

Daher verpufften diese vermeintlich vielversprechenden Situationen so, dass Dortmund sein linksseitiges Dreieck Schmelzer-Großkreutz-Kehl (oder Bender) ohne Not selbst auflöste, wodurch Corluka und Rolfes die Situationen meist gut unter Kontrolle bringen konnten. Weder Schmelzer noch Großkreutz gingen aus der Tiefe zur Grundlinie, sondern warteten stattdessen viel zu oft auf der Abseitslinie. Hier passte die Abstimmung beim BVB nicht.

Erschwerend kam hinzu, dass Kagawas rechtsseitige Grundposition in diesen Situationen Dortmunds Spiel verlangsamte. In der Summe waren Rückpässe oder wenig gefährliche Hereingaben aus dem Halbfeld die Folge.

Insbesondere, weil es im Hinspiel diese Probleme in fast identischer Form gab, waren diese Dortmunder Defizite etwas enttäuschend. Man kann aber wohl nicht davon ausgehen, dass sich die Öffnung des Schmelzer-Flügels als nachhaltiges Konzept gegen Dortmund herausstellt, denn Dutt hatte das Glück in beiden Spielen mit einem formschwachen Marcel Schmelzer konfrontiert zu sein. Was sich in der Hinrunde durch seinen Trainingsrückstand erklären ließ, war vergangene Woche schon im Pokalspiel zu erahnen, wo ihm am Ball kaum etwas gelang.

Zwei mögliche Offensivkonstellationen von Bayer.

Leverkusens variable Offensive

Im Vorwärtsgang variierte Bayer stark und versuchte so, das starke Pressing-Gerüst der Dortmunder ins Wanken zu bringen. Insbesondere Schürrle wechselte wie angesprochen die Positionen durch, was unterschiedle Angriffskonstellationen zur Folge hatte. Gelegentlich wich er nach rechts aus, wodurch sich grob ein 4-3-3 ergab. Meist aber schaltete er sich in den halblinken Raum ein, wodurch Leverkusens Formation wiederum stark nach links hing.

Lars Bender rückte zudem offensiv weit auf und spielte auf der Position eines linken Flügelspielers. Oczipka zeigte ebenso mehr Offensivdrang als Corluka, welcher absichernd wartete und nur situativ nach vorne stieß. Somit war Leverkusen auf dem linken Flügel auch offensiv numerisch sehr präsent und Dortmund hatte Schwierigkeiten, Zugriff zu bekommen.

Castro und Rolfes agierten außerdem unterschiedlich hoch. Auf links war Castro meist recht weit  aufgerückt und spielte die zentrale Rolle in Bayers Angriffen, während Rolfes in tieferer Position absicherte und als Ausweichoption agierte. Situativ stieß Rolfes aber weiter vor und spielte fast als Zehner oder wich etwas in Richtung des verwaisten rechten Flügels auf, während Castro sich absichernd horizontal bewegte.

Durch die fluiden Bewegungen von Castro, Rolfes und Schürrle waren Sven Bender und Kehl vor der Abwehr gebunden. So verhinderte Leverkusen die gefährlichen Dortmunder Balleroberungen durch defensive Vorstöße der Sechser (siehe 1:0 gegen Hoffenheim) und Reinartz bekam Freiheiten.

Auch Kuba (wegen Lars Bender und Castro)  und Großkreutz (wegen Rolfes und Schürrle) waren oft in absichernder Position gebunden um Kompaktheit zu garantieren. Somit hatten die fünf defensiveren Leverkusener etwas mehr Ruhe vor Dortmunds Pressing als gewohnt und konnten den Ball im Aufbauspiel recht sicher zirkulieren lassen.

Gegenpressing dominiert

Durch dieses sichere Aufbauspiel konnte Leverkusen gefährliche Ballverluste lange sehr gut vermeiden. Wenn der BVB den Ball gewann, dann meist in sehr enger Position, oder unter Druck gesetzt, anstatt in großem Raum mit dem Gesicht zum gegnerischen Tor, wie es zuletzt sehr oft gelang. Dortmund hatte in Hälfte 1 daher fast keine Kontergelegenheiten.

Wie wichtig das war, wurde ironischerweise sichtbar, als es dann doch einen sicheren Ballgewinn gab für Dortmund. In der 45. Minute erreichte Schürrle einen Pass nicht, Piszczek bekam ihn in sicherer Position und nach zwei Pässen, sowie einer überragenden Kagawa-Aktion führte Dortmund dann doch, noch vor der Pause.

Diese Führung war zu dem Zeitpunkt etwas überraschend, denn beide Teams schienen ähnlich nah an einer entscheidenden Gelegenheit zu sein. Aus unterschiedlichen Gründen gab es auf beiden Seiten lange Zeit keine richtigen Großchancen.

Dortmund war wie gesagt zu Toren aus dem Aufbau heraus gezwungen, was Leverkusen auf beschriebene Weise gut verteidigt bekam. Augenfällig war dabei Leverkusens Ausrichtung, die im Abwehrdrittel wenig auf Balleroberung fixiert war. Stattdessen konzentrierten sich Bayers Defensivspieler darauf, die letzten Pässe in den Strafraum zu verhindern. Wegen Dortmunds Kopfball- und Distanzschussschwächen funktionierte dies gut und die Borussen kamen nicht sauber durch.

Auf der anderen Seite merkte man Leverkusen an, dass sie kein eingespieltes System auf dem Rasen hatten. Ebenfalls fehlte ein wenig offensives Personal. Lars Bender in seiner ungewohnten Position auf dem linken Flügel versprühte zum Beispiel gar keine Gefahr, spielte in Hälfte eins ausschließlich Pässe nach hinten. Robin Dutt betonte nach dem Spiel den Unterschied zu Dortmund, dass man in den Strafraum hinein noch nicht die gleichen Automatismen aufbieten könne. Somit konnte Leverkusen zwar gefährliche Ballverluste verhindern, aber im Angriffsspiel wurden sie nicht konstant gefährlich.

Hier war wiederum Dortmunds Gegenpressing sehr wichtig. Leverkusen schien vorallem auf Konter aus zu sein, da Schürrle als optimaler Umschaltspieler in aussichtsreichen Positionen lauerte. Aber durch Dortmunds kontrolliertes, abgesichertes Aufbauspiel und Leverkusens passiver Ausrichtung im Abwehrdrittel, konnten auch die Gäste diese potentielle Gefahr kaum ausspielen.

Dennoch kamen sie zu einigen wenigen Aktionen, die dann hochgefährlich wurden. Eine hundertprozentige 2-gegen-1 Chance von Schürrle und Kießling gegen Weidenfeller wurde wegen hauchdünnem Abseits verhindert, eine höchst gefährliche Hereingabe von Bender klärte Piszczek Zentimeter vor dem einschussbereiten Kießling. Vereinzelte Kontersituationen scheiterten zudem an knappen Fouls.

Es wirkte daher so, als könnte Leverkusener jederzeit plötzlich zu einer Großchance kommen. Dortmund hingegen schien eher über eine der vielen Halbchancen zum Erfolg kommen zu können. Es war daher schwer zu beurteilen, welches der beiden Teams wie nah am Sieg war. Zumal beide Teams zunehmend gut mit Leverkusens ungewohntem System zurechtkamen. Kagawas unerwarteter Kontertreffer war daher sehr wichtig um die Fragezeichen in der Spielbalance aufzulösen und Dortmund für die zweite Halbzeit Sicherheit zu verleihen.

 Leverkusen mittellos in Hälfte 2

Mit der Führung im Rücken konnten die Dortmunder sich fortan stark auf ihre defensive Kompaktheit konzentrieren, mussten keine Risiken eingehen und spielten mit riesiger Souveränität ihr Pressing herunter. Leverkusens Spiel ging durch drei Phasen, aber sie fanden letztlich keine Mittel um Gefahr zu erzeugen.

Anfangs blieben die Systeme gleich, aber Leverkusen spielte nun etwas riskanter nach vorne. Man versuchte schwierigere Pässe um sich Vorteile zu erspielen, opferte teilweise die Abgesichertheit gegen Konter.

Als dies keinen wirklichen Druck erzeugte, brachte Robin Dutt nach einer Viertelstunde mit Renato Augusto für Simon Rolfes einen deutlich offensiver orientierten Spieler, der auch Vorteile im Dribbling erzeugen kann. Das System blieb vorerst gleich, Castro ging auf Rolfes‘ Position und Augusto übernahm die vordere Position der schiefen Raute. Direkt nach diesem Wechsel wirkte Leverkusen am gefährlichsten. Augusto fand sofort gut ins Spiel und strahlte in der Spielfeldmitte eine riesige Präsenz aus. Er bewegte sich sehr viel, zog Bälle an, verteilte sie mit Nachdruck und Sicherheit und ergänzte damit perfekt die taktisch schwer zu verteidigende Asymmetrie. Dortmunds Mittelfeld drohte in einigen Situationen die Kontrolle zu verlieren.

Hier gewann der BVB aber wohl endgültig das Spiel, denn sie lösten einige gefährliche Situationen mit viel Leidenschaft, ohne dass Leverkusen daraus Chancen generieren konnte. Augusto tauchte daher nach den ersten Minuten ab, forderte plötzlich die Bälle viel tiefer und fehlte Bayer jetzt im Feldzentrum. Das erlaubte Dortmund nun, weiter aufgerückt zu verteidigen, und sie erlangten die Spielkontrolle zurück.

Nach einer weiteren Viertelstunde stellte Leverkusen dann für die Endphase auch systematisch um. Der junge Dribbler Belarabi kam für Corluka, dessen rechte Abwehrposition der offensivere Castro einnahm. Bayer formierte ein 4-3-3 mit der Sturmreihe Belarabi-Kießling-Schürrle, Bender und Augusto bildeten vor Reinartz das Mittelfeld.

Die fünf Offensiven blieben dabei viel in Bewegung, aber die Asymmetrie wurde aufgelöst. Dutt erklärte nachher, man könne Dortmund nicht mit reinem Passspiel knacken, weshalb er mit einem zusätzlichen Dribbler auf direkte Duelle setzte. Aber durch die nun gleichmäßigere Aufteilung der offensiven Räume hatte es Dortmund eher leichter, die Leverkusener Angriffe zu verteidigen.

Daher lief die zweite Halbzeit dann zu Ende wie sie begann. Bayer zeigte sich bemüht und versuchten, ihre Wege durch den gegnerischen Defensivblock zu finden, aber die Borussia demonstrierte ihre Klasse und erstickten fast alle Versuche. Durch das riskantere Spiel Leverkusens, kam Dortmund nun zu Kontergelegenheiten, die sie aber nicht ausgespielt bekamen. Zwei hochgefährliche Situationen ließ Großkreutz im Strafraum liegen, vieles bekam aber auch die engstehende Viererkette abgefangen.

Fazit

Ein hochgradig interessantes Spiel, in dem hohe Eingespieltheit auf taktische Finesse und kluge Asymmetrie traf. Am Ende setzte sich die momentan gefestigtere Mannschaft knapp durch, weil die gegnerische Offensive wieder stark kontrolliert werden konnte.

Momentan scheint gegen Dortmunds Defensive kein Kraut gewachsen. Leverkusen deutete an, wie es funktionieren könnte, aber auch das höchst flexible Angriffssystem von Dutt bekamen die Borussen letztlich in den Griff. Drei Torversuche  der Gäste sprechen für sich, auch wenn dabei einige gefährliche Situationen nicht erfasst werden, weil aussichtsreiche Abschlüsse gerade noch verhindert werden konnten.

Aus taktischer Sicht ist Kagawas wichtiger Treffer ein wenig schade. Es wäre spannend gewesen zu sehen, wie Klopp auf die merkwürdigen Gegebenheiten des gegnerischen Systems reagiert um die offensive Durchschlagskraft zu erhöhen. Dies wurde durch den „last-minute“ Treffer verhindert und Dortmund konnte Leverkusen schlichtweg kommen lassen.

Nachtrag: Dutts Anti-Barca-Asymmetrie?

Eins der taktisch interessantesten Spiele könnte sich heute Abend in Leverkusen ereignen, wenn Robin Dutts taktische Finesse auf das taktisch vielleicht komplexeste Team des Weltfußballs trifft. Dabei scheinen kurioserweise sehr viele Details des Systems vom Wochenende auch gegen den FC Barcelona sinnvoll. Hat Dutt schon üben lassen?

Die Ballung auf links, bzw. die Öffnung des rechten Flügels kann gegen Barcelonas asymmetrische Außenverteidiger sehr sinnvoll sein. Alves´ Vorstöße könnten so aufgefangen werden, Abidals übliche Zurückhaltung ausgenutzt.

Der Verzicht auf offensive Flügelspieler im Defensivspiel kann womöglich eine wichtige Maßnahme werden um Barcelonas Mittelfeldspiel zu blockieren. Castro, Schürrle und Kießling sind gut geeignet um die Passwege in die Mitte zu schließen. Ebenfalls könnten diese drei ein gutes Dreieck bilden, um im Rückwärtspressing zu verhindern, dass Barcelonas Mittelfeldspieler beliebig nach hinten kombinieren. Diese Maßnahme zeigte sich zuletzt sehr wirkungsvoll, da Barcelona dadurch zum Kontern gezwungen werden kann und dadurch etwas Kontrolle und Ballbesitzzeit einbüßt.

Die Anordnung der Defensivreihen, mit Reinartz und Rolfes als sehr eng vor der Abwehrreihe agierenden Spielern, die leicht nach rechts versetzt sind, könnte sich als wirkungsvoll gegen Messi herausstellen, der dadurch gewissermaßen zwei robuste Gegner direkt in seinen Lieblingsweg gestellt bekommt.

Allgemein wirkte Leverkusens Defensive sehr anpassungsfähig, was oft einer der wichtigsten Faktoren gegen Barcelona war. Auch die sehr passive Verteidigungsausrichtung im Abwehrdrittel ist gegen die schnell kombinierenden Katalanen wohl vielversprechender als ein aktiveres Abwehrpressing, dessen Lücken Barca oft auszunutzen weiß.

Auch offensiv könnte dieses System gegen Barcelona mehr Gefahr verursachen als die meisten anderen Versuche gegen die Gegenpressing-Übermacht. Sollte Barca das 3-3-4 spielen, könnte die Ballung auf den linken Flügel vielversprechend sein, vergleichbar mit Betis Sevillas Verschiebung auf rechts. In diesem System ist Barcelona bei gegnerischem Aufbau wohl weniger kompakt als der BVB. Einen Dribbler in der Zentrale zu haben könnte ebenfalls eine wertvolle Maßnahme sein, wie Pato im Camp Nou demonstrierte.

Leverkusen wird Barcelona nicht an die Wand spielen. Aber vermutlich sind sie ein Team, das ungewöhnlich viele Stärken hat, die gut zu Barcas Spielweise passen. Man darf gespannt sein, wie sich die beiden flexiblen Mannschaften auf dem Platz begegnen.

Boba 15. Februar 2012 um 12:56

Unter den sehr vielen exzellenten Analysen dieser Seite ist diese ein besonderer Höhepunkt. Vielen Dank dafür!

Antworten

Miles 15. Februar 2012 um 10:50

Sehr gut analysiert!

In meinen Augen war das größte Problem für den BVB das keiner der 6-er für das Aufbauspiel sich wie schon häufig diese Saison gesehen zwischen die IV hat fallen lassen. Zum einen weil beide nicht wirklich kreative Aufbauspieler sind (Bender ist ein klasse 6-er, Kehl ein guter Box-to-Box-Spieler).

Da fehlte einfach ein Moritz Leitner, der in der Enge der gegnerischen Raute den Ball auch unter extremer Bedrängnis verarbeiten kann bzw. wie gegen Nürnberg sich fallen lässt.

Das ist im Grunde genommen zur Zeit mein Problem in der taktischeN Ausrichtung des BVB.

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ode 15. Februar 2012 um 00:50

Nach den Eindrücken der letzten Wochen und speziell des heutigen Abends (an dem sich Bayer ganz beachtlich geschlagen hat wie ich finde – leider war Barca unfassbar effektiv…) sehe ich ganz klare Gründe, warum Bayer Dutt auf keinen Fall aufgeben darf. Hier scheint man einen Trainer gefunden zu haben, der mit den ganz Großen taktisch mithalten kann. Mir als Bayer-Fan käme es gelegen, wenn er es nun noch schafft ein Team zu formen.

Und genau das sieht man im Moment. Ballack sitzt draußen, Spieler mit enormer taktischer Intelligenz und Flexibilität spielen. Ein Bellarabi kommt in Dortmund rein und kein Ballack. Weil der Trainer das für nötig erachtet.

Vielleicht gewinnt Bayer durch diese Saison, nachdem sie sich in die Europaleague gerettet haben und so das Übergangsjahr versöhnlich abschließen. Um dann wieder um die Meisterschaft zu spielen… 😉

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DJ 14. Februar 2012 um 21:18

vielen Dank für deine Analyse. Ich habe einige Aspekte ein bisschen anders wahrgenommen.
Meiner Meinung nach hat Bayer sehr abwartend, defensiv und passiv gespielt. Ihre Grundausrichtung war, auf Konter zu lauern und so das Tor zu machen (HZ1). Das Dortmund noch so einige Defizite hat, das Spiel gegen eine defensive Mannschaft von Grund auf aufzubauen ist ja bekannt. Und je besser die Mannschaft verteidigt, desto schlechter für den BVB, ich denke, das ist trivial.
Der BVB konnte also wenig Platz durch ihr normales Pressing gewinnen, weil Bayer (gefühlt) wenig Ballbesitz hatte und wenn doch eine Balleroberung stattfand, war Bayer immernoch massiv in der Abwehr formiert.

Und trotzdem haben sich so einige Chancen für die Schwarzgelben ergeben, die man leider nicht ausgespielt hat, von der Strafraumkante darf man auch mal raufkloppen.. Und wenn dann doch der Abschluss kam, war er schwach oder Leno sehr gut.

Wenn man das Spiel nicht gesehen hat, könnte man bei deiner Analyse auf die Idee kommen, dass es ein Spiel auf Augenhöhe beider Mannschaften war. Aber das war es mMn nicht, dafür war der Druck, der auf die jeweiligen Tore ausgeübt wurde bei den Dortmundern weit größer.

Du führst an, dass viele Chancen der Leverkusener vor der Vollendung knapp gestoppt wurden, aber genau das trifft doch auch für Dortmund – in sogar noch größerem Maße – zu.
Im Endeffekt war es ein spannendes Spiel, taktisch klug von B04. Es wäre ja auch fast aufgegangen. Aber wenn Dortmund seine Chancen noch zielgerichteter zum Abschluß bringt, geht das Ding mit einer Packung aus…5:0 wäre auch möglich gewesen.

Wenn ich Fehler in meiner Ausführung gemacht habe, bin ich gern für Kritik offen (:

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MR 14. Februar 2012 um 23:31

Ja, Bayer hat auf Konter gespielt, hab ich doch ebenfalls geschrieben: „Leverkusen schien vorallem auf Konter aus zu sein, da Schürrle als optimaler Umschaltspieler in aussichtsreichen Positionen lauerte. Aber durch Dortmunds kontrolliertes, abgesichertes Aufbauspiel und Leverkusens passiver Ausrichtung im Abwehrdrittel, konnten auch die Gäste diese potentielle Gefahr kaum ausspielen.“

Kam vlt etwas kurz, weil ich so breit über Leverkusens Aufbauspiel schreib. Das lag vorallem daran, dass es halt komplizierter war, und dass die Konterstrategie ja nicht so aufging.

Dass Dortmund knapp vor Chancen stand, sah ich nicht so, zumindest auf Hälfte eins bezogen. Nur weil man in der Nähe des Strafraums ist, ist man noch keiner Großchance nah. Leverkusen stand meistens sehr sicher.

Dass es 5:0 ausgehen kann, kann ich so überhaupt nicht unterschreiben. Die erste Halbzeit geht normalerweise 0:0, mit Dortmund etwas näher an der Führung. Wieviel näher wage ich nicht zu beurteilen. Eben wegen dieser ungewöhnlichen Konstellation, dass Dortmund zwar viele Aktionen hatte, aber Bayer dafür die potentiell gefährlicheren.

Es war ein sehr kompliziertes Spiel denk ich.

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BenHasna 15. Februar 2012 um 01:12

Ich finde den Text herausragend gut.

Analysen zu Leverkusen sind bisher diese Saison sonst in allen Medien – auch Taktik-Blogs – ziemlich paradox. Viele Leute wollen möglichst prägnante, allzu scharfsinnige, gerne negative Aussagen machen zu Leverkusen, aber scheinen nicht richtig hinzusehen oder Dutt und das Team nicht verstehen, nicht durchschauen zu können.
Hier aber sind die wichtigen Punkte sehr genau getroffen. Realistische Einschätzungen der Möglichkeiten der Einzelspieler scheinen schön durch, Dutts Gedankengänge sind verarbeitet, sein Plan verstanden worden und auf dieser Basis viele spezifische Details und v.a. die Charakteristik der Partie richtig wiedergegeben. Hat meiner Meinung nach noch niemand so gut hingekriegt diese Saison bei Leverkusen.

Ja, vielleicht kann man da oder dort auch kritischer sein mit Leverkusens Leistung, z.b. waren die ersten vier, fünf Minuten eher turbulent, da ist man v.a. hinterher gerannt und war noch nicht in der Ordnung um den Strafraum herum. Oder man kann bei den potenziell gefährlichen Angriffen Leverkusens den Fokus auf die mangelhafte Präzision/Verständnis im Angriffsdrittel legen, bzw. auf die Tatsache, dass man auch ein, zwei stärker offensiv geprägte Spieler aufstellen könnte. Aber genau weil bei Leverkusen-Analysen oft solche Dinge in den Mittelpunkt gerückt werden, gehen die wichtige(re)n Dinge – die Spielidee, die Identität des Teams, bzw. der Partie, individualtaktische Dinge – völlig verloren.

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dasdo123 15. Februar 2012 um 18:26

Für mich ist diese Analyse zwar schön geschrieben, aber zwei fast gleichwertige Mannschaften habe ich nicht gesehen.

Auch sehe ich es eher so, dass der BVB das Spiel hätte höher gewinnen können, wenn nicht sogar müssen.

Von wirklich gefährlichen Aktionen hatte Leverkusen eine bzw. zwei Ecken(!) in der 1ten HZ. Mehr ist von Leverkusen nie gekommen bzw. hat der BVB nicht zugelassen. Aus dem Spiel nach vorne war Leverkusen harmlos wie schon lange nicht mehr. Da wirkte aus meiner Sicht auch nicht so als würde Leverkusen jederzeit plötzlich zu einer Großchance kommen. In der 2ten HZ darf man noch über den Schuss von Schürrle sprechen. Das ist es dann gewesen.

Großkreutz alleine hatte drei potentielle Chancen in 1 Halbzeit, davon hätte die eine auch noch besser ausgespielt werden müssen. Danach das Tor von Kagawa. In der 2ten Halbzeit das Solo von Hummels mit Pass auf Lewandowski, der zu harte Schuss/Pass von Schmelzer auf Lewandowski. Subotics Freistoß oder die Großchance von Großkreutz mit Nachschuss von Schmelzer. Konter von Lewandowski auf Großkreutz und Großkreutz kriegt den Pass nicht zurück. Und das angebliche Abseits von Kehl am Schluss, wo er alleine vor dem Tor gewesen wäre.

Für mich war Leverkusen defensiv gut eingestellt, keine Frage, aber trotzdem war der BVB eindeutig näher am 2:0 als Leverkusen am 1:1.

Die schwache Offensive und dass mangehalfte Konterspiel konnte man gestern gegen Barcelona auch noch mal sehen.

Deinem Bericht zur Folge dürfte man glauben, dass Leverkusen fast ein Spitzenspiel gemacht hätte. Das war es nicht. Unter Dutt ist die Offensive so schlecht wie schon lange nicht mehr.

Der BVB war zwar auch nicht stark, war aber die klar bessere Mannschaft und hat nur vom Ergebnis her knapp gewonnen.

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Monty 14. Februar 2012 um 19:59

Wow, großen Respekt für diese Arbeit! Vielen vielen dank 🙂
Das werde ich mir Morgen nochmal ganz in Ruhe durchlesen.
Ich bin ja immernoch skeptisch inwieweit es Sinn macht sich dermaßen auf den Gegner einzustellen. Als Leverkusen gegen Barcelona definitiv, aber in der Bundesliga doch eher nicht? Machen Gladbach und Dortmund das so extrem?
Ich frage mich, ob der Jupp auch jemals eine solche Taktik ausgearbeitet hat oder ob sich seine Gedanken eher um die Frage mit oder ohne Libero ääh Robben? Wo endet eine Entwicklung, wenn man sich immer an den Gegnern anpasst?

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